Datenschutz & Sicherheit

6G als riesiges Radarsystem: ETSI sieht Gefahren für Privatsphäre und Sicherheit


Mit der Einführung von 6G steht der Mobilfunk vor einem Paradigmenwechsel: Die Technologie „Integrated Sensing and Communications“ (ISAC) soll das Mobilfunknetz der nächsten Generation zu einer Art riesigem Radarsystem machen. Heutige Netze dienen primär der Kommunikation. 6G soll dagegen Funkreflexionen nutzen, um Objekte, Entfernungen, Geschwindigkeiten und sogar menschliche Bewegungen in Echtzeit zu erfassen.

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Die Vorteile dieser Umgebungserfassung für autonomes Fahren oder die industrielle Automatisierung sind enorm. Doch auch die Schattenseiten wiegen schwer. Eine Arbeitsgruppe der EU-Telekommunikationsnormungsbehörde ETSI zu ISAC hat dazu nun einen Bericht veröffentlicht, der die Risiken für Sicherheit, Privatsphäre und Nachhaltigkeit beleuchtet.

Das größte Problem der neuen Technologie liegt demnach in ihrer Natur: Funkwellen machen vor Mauern oder dem menschlichen Körper nicht halt. Die ETSI-Experten identifizieren so insgesamt 19 kritische Punkte, wobei Datenschutz und -sicherheit mit 15 Schwerpunkten den größten Raum einnehmen. Brisant ist ihnen zufolge vor allem das „unbefugte Sensing“: Kriminelle könnten 6G-Signale missbrauchen, um ohne Erlaubnis Karten von Gebäuden zu erstellen oder die Position von Personen zu tracken. Da ISAC-Signale oft auch Kommunikationsdaten enthalten, besteht zudem die Gefahr, abgehört zu werden: Ein Zielobjekt könnte quasi als Empfänger fungieren und vertrauliche Informationen aus den Radarsignalen abgreifen.

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Schutz unbeteiligter Personen. In einer ISAC-Welt werden der Analyse zufolge auch Menschen erfasst, die gar kein Mobilfunkgerät besitzen oder nicht mit dem Netz verbunden sind. Die Autoren fordern hier klare Mechanismen für Einwilligung und Transparenz. Es müsse sichergestellt werden, dass Sensordaten unveränderlich gespeichert werden und der Zugriff streng auf autorisierte Netzwerkfunktionen beschränkt bleibt.

Auch die Rolle von KI beleuchten die Verfasser kritisch, da einschlägige Modelle aus den Sensordaten hochsensible Informationen ableiten könnten. Diese würden über den eigentlichen Zweck der Messung weit hinausgehen.

Zusätzlich zu diesen passiven Risiken warnt die ETSI vor aktiven Angriffen. So könnten 6G-Radarsignale über die Luftschnittstelle manipuliert werden, um Fehlmessungen zu provozieren oder Sicherheitsfunktionen auszuhebeln. Das betrifft vor allem sicherheitskritische Bereiche wie Fabrikhallen oder öffentliche Infrastrukturen, in denen die genaue Positionserfassung von Maschinen und Personen essenziell ist. Um das zu verhindern, müssen künftige Systeme nicht nur die Datenübertragung verschlüsseln, sondern auch die Integrität der Sensormessungen selbst auf physikalischer Ebene absichern.

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Auch Nachhaltigkeit steht im Fokus des Reports. Die zusätzliche Radarfunktion darf den Energiebedarf der Netze nicht explodieren lassen. ETSI schlägt hier etwa die effiziente gemeinsame Nutzung von Frequenzen vor, um knappe Ressourcen zu schonen. Zudem thematisiert das Institut gesundheitliche Aspekte und den ökologischen Fußabdruck der benötigten Hardware. Prämisse dabei: Es gelte sicherzustellen, dass die 6G-Infrastruktur im Einklang mit globalen Klimazielen stehe.

Ein oft übersehener Punkt ist laut den Technikern die soziale Komponente der Nachhaltigkeit. Sie betonen, ISAC-Dienste müssten so gestaltet sein, dass sie keine neuen Ungleichheiten schafften. Der Zugang zu lebensverbessernden Funktionen wie Gesundheitsüberwachung durch kontaktlose Sensorik sollte für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen möglich sein. So verknüpft die Gruppe technische Spezifikationen direkt mit den UN-Nachhaltigkeitszielen.

Bereits im April 2025 legte ETSI mit einem Vorläuferbericht die Basis für praktische 6G-Einsatzszenarien. Darin werden 18 fortgeschrittene Anwendungsfälle wie die Erkennung menschlicher Bewegungen, Notfallrettung und industrielle Robotik beschrieben. Diese Szenarien nutzen Frequenzbänder vom Sub-6-GHz-Bereich bis hin zu Millimeterwellen und Terahertz-Frequenzen, oft in Kombination mit klassischen Sensoren wie Kameras. Um die Sensorik tief in die Mobilfunkarchitektur zu integrieren, unterscheidet ETSI drei Integrationsstufen und sechs verschiedene Sensing-Modi, die Basisstationen und Endgeräte einbeziehen.

Die neue Untersuchung baut auf diesen Anwendungsszenarien auf und versteht sich als Weckruf für Entwickler und Regulierungsbehörden. Es soll darum gehen, das Vertrauen in 6G von vornherein durch ein „Security by Design“-Konzept zu verankern. Nur wenn die technischen Anforderungen an Datenschutz und Nachhaltigkeit bereits in der Standardisierungsphase berücksichtigt würden, könne ISAC sein volles Potenzial entfalten, ohne die Gesellschaft gläsern zu machen.


(dahe)



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