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Angebliche „Auto-Reports“: Das steckt hinter der Betrugsmasche beim Kfz-Verkauf


Der Verkauf gebrauchter Fahrzeuge über Online-Plattformen wie Kleinanzeigen und Mobile ist nichts für schwache Nerven: Neben nächtlichen Nachrichten oder Anrufen der Gattung „was ist dein letzter Preis?“ gibt es reichlich Gauner, die Unbedarften allerlei Fallen stellen. Eine dieser Maschen taucht unter wechselnden Namen immer wieder auf: angebliche „Kfz-Berichte“. Was es damit auf sich hat, haben wir untersucht.

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Der Ablauf eines Gebrauchtwagenverkaufs über das Internet ist meist etwa so: Der Verkäufer macht einige Fotos, sammelt notwendige Informationen des Autos zusammen und stellt Verkaufsanzeigen auf Plattformen wie Kleinanzeigen online. Interessenten melden sich, stellen Rückfragen, machen Preisangebote und bitten zur einfacheren Abwicklung um die Telefonnummer. Die herauszugeben, ist mehrheitlich keine gute Idee, scheint einem schnellen Verkauf aber oft zuträglich.

Viele heise-investigativ-Recherchen sind nur möglich dank anonymer Informationen von Hinweisgebern.

Wenn Sie Kenntnis von einem Missstand haben, von dem die Öffentlichkeit erfahren sollte, können Sie uns Hinweise und Material zukommen lassen. Nutzen Sie dafür bitte unseren anonymen und sicheren Briefkasten.

In einem uns vorliegenden Fall (gefunden auf Reddit) bat der potenzielle Käufer per WhatsApp in tadellosem Deutsch um mehr Informationen zum Auto und einen Besichtigungstermin. Nachdem der Verkäufer ihm Vorschläge für die persönliche Begutachtung unterbreitet hatte, schwenkte der angebliche Interessent um: Er müsse lange fahren und zöge daher einen kompletten Fahrzeugbericht vor. Den könne der Verkäufer mittels Eingabe von Kennzeichen oder Fahrgestellnummer auf der Webseite „kfzabfrage.de“ herunterladen.

So weit, so gut – doch was ist das für eine Webseite? Beim Aufruf von „kfzabfrage.de“ erwartet den Kaufinteressenten zunächst eine nichtssagende Webseite aus dem Baukasten, womöglich KI-generiert. Die Abfrage ist per Autokennzeichen oder Fahrzeugidentifikationsnummer (VIN) möglich, doch warum im entsprechenden Eingabefeld neben einem LKW und PKW auch ein Fahrradfahrer-Piktogramm erscheint, wissen wohl nur die unbekannten Autoren.



Hier können wir allerhand Neues über unser zukünftiges Fahrzeug erfahren – allerdings samt und sonders gelogen.

Immerhin: Über 500.000 Nutzer weltweit sowie die bekannten Marken „Auto Bild“ und „TopGear“ vertrauen angeblich der Kfz-Abfrage (die laut Logo unter dem Markennamen „VinCheck“ auftritt). Auch ein Beispielbericht lässt sich abrufen: Er enthält einige Fotos des Autos sowie den Kilometerstand, Leistung (verräterisch: die Verwendung der englischen Abkürzung „hp“ für Pferdestärken) und eine „Überprüfung auf gestohlenes Fahrzeug“. Und der Laie fragt sich: Wie soll ein Webportal an all diese Informationen kommen? Fotos von Unfallschäden tauchen in keiner öffentlichen Datenbank auf, genauso wenig wie Positionsdaten oder Tachostände.

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Gibt man ein Autokennzeichen wie „CT-DE 1234“ oder eine zufällig ausgewürfelte, aber syntaktisch korrekte VIN in das Eingabefeld ein, leuchtet die frohe Botschaft auf: „Erfolg! Wir haben das Fahrzeug und seine bisherigen Daten gefunden.“ Spätestens jetzt ist klar: Es kann sich nur um Betrug handeln, denn das Ortskennzeichen „CT“ existiert in Deutschland schlicht nicht. Dennoch wollen wir wissen, was die halbseidene Fahrzeugdatenbank über unser Auto weiß.



Was letzte Preis? 19,99 Euro für einen Fantasiereport.

Doch das mag sie uns ohne Gegenleistung nicht verraten – und die besteht natürlich in der Angabe unserer Kreditkartendaten für den 19,99 € teuren Report. Nun denn, ermutigt durch die vielen Kreditkarten- und das Paypal-Logo begeben wir uns zur Kasse. Dort empfängt uns eine weitere Überraschung: Von Paypal-Zahlung ist plötzlich keine Rede mehr. Stattdessen nimmt der Seitenbetreiber Google Pay an, das haben wir jedoch nicht „auf Tasch“ – also muss es die Kreditkartenzahlung sein.

Also generieren wir uns schnell beim Zahlungsdienstleister unserer Wahl eine Einmal-Kreditkarte – und laufen vor die Wand. Denn die wird von „kfzabfrage“ schnurstracks abgelehnt. Womöglich möchten die unbekannten Betreiber sich die Option auf (unerlaubte) Folgezahlungen offenhalten. Mit einer anderen virtuellen Kreditkarte der Online-Bank Revolut klappt die Zahlung. Zumindest beinahe, denn die Revolut-App schlägt innerhalb von Sekunden Alarm.



Leider nein, leider gar nicht: Revolut erkennt den Betrugsversuch von „Autostoria24“.

Die Zahlung über 19,99 € an einen Händler namens „Autostoria24“ führte die Bank nicht aus, sondern sperrte direkt die Karte. Offenbar haben automatische Systeme zur Betrugserkennung bei Revolut zugeschlagen. Derlei vehemente Warnungen schlagen wir nicht in den Wind und brechen den Kauf ab. Stattdessen schauen wir, was wir über die Hintergründe der Masche erfahren können.

Die Recherche beginnt bei der Domain und ihren Inhabern. „kfzabfrage.de“ wurde am 29. Mai 2026, also eine Woche vor Erscheinen dieses Artikels registriert. Laut DENIC-Inhaberinformationen auf ein Unternehmen namens AUTO INFORM in der Ballifeary Road im britischen Bamburgh. Das malerische Küstendörfchen im Nordosten Englands ist berühmt für seine mittelalterliche Burg. Die diente unter ihrem altenglischen Namen Bebbanburg dem Romanhelden Uthred aus Bernard Cromwells gleichnamiger Romanreihe als Sehnsuchts- und Herkunftsort, ist eine beliebte Filmkulisse und Touristenattraktion. Doch Bamburgh hat keine Ballifeary Road, die gibt es lediglich im fünf Autostunden entfernten Inverness.

Bei der Suche nach dieser Straße fiel uns auf, dass unter derselben fiktiven Adresse wie das Kfz-Abfrageportal gleich zwei verschiedene Logistikdienstleister mit nichtssagenden Namen und verdächtiger Webseite residieren. Viel Gewerbe für ein Dorf mit 400 Einwohnern – der Verdacht liegt nahe, dass die Webseiten ebenfalls zu betrügerischen Zwecken aufgebaut wurden und die northumbrische Fantasieadresse regelmäßig recycled wird.

Auch die angeblichen E-Mail-Adressen des Domaininhabers führen ins Leere: Die Domain „autexa24.com“ existiert zwar und ist beim US-Anbieter Cloudflare gehostet, doch ist die Webseite nicht erreichbar und auch in der Wayback Machine nicht zu finden. Immerhin die zweite E-Mail-Adresse existiert, sie gehört zu einem Domain-Treuhanddienst des saarländischen Unternehmens Key Systems. Und die Kontakt-Telefonnummer? Die gehört zu einem Dienst für den kostenlosen SMS-Empfang und ist somit eine Wegwerfnummer.

Weitere Indizien für die Hintermänner sind spärlich gesät: Die AGB verweisen auf ein britisches Unternehmen namens „Datachecker Limited“, das jedoch bereits im Juli 2025 von Amts wegen liquidiert wurde. Das Hosting stellt GoDaddy in Straßburg bereit, die Domain ist über Key Systems registriert. Das stärkste Indiz könnte die Händlerkennung „autostoria24“ bei der Kreditkartenzahlung sein – dieser Name führt zu einem übel beleumundeten Händler für Fahrzeugteile, der offenbar auch seit 2025 nicht mehr im Geschäft ist.

Ermittler warnen immer wieder vor der Betrugsmasche. Die Betrüger greifen nicht nur knapp 20 Euro von ihren Opfern ab, sondern auch deren persönliche Daten und die VIN oder das Autokennzeichen. Diese können sie später nutzen, um weiteren Betrügereien Glaubwürdigkeit zu verleihen, etwa indem sie selbst als Verkäufer auftreten und Interessenten die ergatterte VIN als Legitimation mitteilen.

Einen „Fahrzeugbericht“, wie ihn der betrügerische Interessent vom Verkäufer anfordert, gibt es zudem in dieser Form nicht. Werden Sie als Verkäufer also danach gefragt, sollten Sie den Kontakt sofort abbrechen – es handelt sich um Bauernfängerei. Wenn Sie bereits gezahlt haben, reklamieren Sie die Zahlung bei Ihrem Kreditkartenunternehmen und lassen sie zurückbuchen. Da nicht auszuschließen ist, dass die Betrüger weitere Abbuchungsversuche unternehmen, behalten Sie die nächsten Kreditkartenabrechnungen genau im Auge oder lassen die Karte gar sperren.

Die Betrüger wechseln die Domains im Wochen- oder Monatstakt und treten sicherlich mit einer Vielzahl von Designvorlagen aus. Allen gemein ist jedoch: Sie sind Teil einer Betrugsmasche.


(cku)



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