Künstliche Intelligenz
Bericht: Peking prüft Einschränkung des Zugangs zu Chinas führenden KI-Modellen
KI als Frage der nationalen Sicherheit. Chinesische Behörden haben im Juni mit führenden Technologiekonzernen des Landes Beratungen über eine mögliche Einschränkung des Zugangs aus dem Ausland zu Chinas fortschrittlichsten KI-Modellen geführt. Das berichtete am Dienstag die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf drei mit den Gesprächen vertraute Personen.
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Die Gespräche, an denen unter anderem Vertreter von Alibaba, ByteDance und des KI-Start-ups Zhipu AI (bekannt als Z.ai) teilnahmen, unterstrichen, so Reuters, dass Peking ähnlich wie Washington modernste künstliche Intelligenz (KI) mittlerweile als kritisches nationales Gut betrachtet, das staatlicher Kontrolle bedarf. Bei den vom chinesischen Handelsministerium geleiteten Treffen ging es laut zwei der Reuters-Quellen um Beschränkungen für die fortschrittlichsten chinesischen KI-Modelle – sowohl für Closed-Source- als auch für offenere Versionen.
Diebstahl von KI-Technologie als Straftatbestand
Alle drei genannten Unternehmen verfügen über verschiedene KI-Modelle. Einige davon sind Closed-Source, also geschlossene Modelle, während andere Open-Weight-Modelle sind, d. h. Nutzer können die zugrundeliegenden Systeme herunterladen, ausführen und anpassen. Zu den am weitesten verbreiteten KI-Modellen in China gehören Alibabas Qwen und ByteDances Doubao. Z.ai hat kürzlich im Silicon Valley für Aufsehen gesorgt, da die Leistungsfähigkeit seines Modells GLM-5.2 an führende US-Modelle wie Anthropics Mythos heranreicht – und das zu einem Bruchteil der Kosten.
Einer der Quellen zufolge wurde bei den Treffen zudem erörtert, das Durchsickern oder den Diebstahl proprietärer KI-Technologie als Straftatbestand in das nationale Sicherheitsgesetz aufzunehmen. Zudem sprachen die Regierungsvertreter über mögliche neue Regelungen dazu, wer heimische KI-Start-ups finanzieren darf.
Der Umfang der möglichen Beschränkungen wird laut Reuters noch diskutiert. Zwei der Quellen zufolge könnten sie unter Umständen nur auf künftige KI-Modelle angewandt werden. Auch ist unklar, wann oder ob diese Maßnahmen überhaupt in Kraft treten. Weder die chinesische Regierung noch Alibaba, ByteDance oder Z.ai reagierten auf Anfragen von Reuters in der Angelegenheit.
Gefahr für die nationale Sicherheit?
Die immer leistungsfähigeren KI-Modelle haben wegen ihres möglichen Missbrauchs nicht nur in Peking Bedenken über die Auswirkungen auf die nationale Sicherheit ausgelöst. Als das US-KI-Unternehmen Anthropic im April sein neues leistungsstarkes KI-Modell Mythos vorstellte, das Sicherheitslücken in Softwaresystemen identifizieren kann, war die Aufregung groß. Mythos sei zu leistungsfähig und damit zu gefährlich für die Öffentlichkeit, beschied Anthropic. Mitte Juni verlangte die US-Regierung eine Sperre von Anthropics KI-Modellen Fable und Mythos. Ausländische Staatsangehörige dürften keinen Zugriff auf die fortschrittlichsten KI-Modelle von Anthropic haben, hieß es. Angst vor Spionage durch China soll Auslöser für die Sperren gewesen sein. Später hob die US-Regierung die Exportbeschränkungen teilweise wieder auf.
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Laut zwei der Reuters-Quellen sind die chinesischen Behörden ihrerseits zutiefst besorgt darüber, dass Mythos von Anthropic Software-Schwachstellen ausnutzen und die US-Regierung das Modell gegen chinesische Interessen einsetzen könnte. Erst kürzlich verbannte Alibaba Anthropics KI-Modell Claude. Aus Angst vor Überwachung dürfen Alibaba-Mitarbeiter Claude nicht mehr nutzen.
China hat in diesem Jahr zudem zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um im Inland entwickelte KI-Technologie im Land zu halten. Ende April legte die Regierung ihr Veto gegen die zwei Milliarden US-Dollar schwere Übernahme des chinesischen KI-Start-ups Manus durch den Facebook-Konzern Meta ein. Im Rahmen der Überprüfung des Deals untersagten die chinesischen Behörden dem Manus-CEO Xiao Hong und dem Chefforscher Ji Yichao das Verlassen des Landes. Ende Mai weitete die Regierung bestehende Ausreisebeschränkungen für KI-Talente aus, darunter KI-Führungskräfte privater Firmen wie Alibaba und DeepSeek. Wie mehrere Reuters-Quellen berichten, leitete Peking in diesem Jahr zudem Untersuchungen gegen Manus und andere ins Ausland abgewanderte chinesische KI-Start-ups ein, um festzustellen, ob diese gegen Exportkontrollgesetze verstoßen haben.
Neue Vorschriften und mögliches Stufen-Modell
Vor wenigen Wochen erließen die chinesischen Behörden weitreichende neue Vorschriften, die die Kontrolle über Auslandsgeschäfte verschärfen, bei denen chinesische Investoren, Technologie, Daten und die nationale Sicherheit eine Rolle spielen. Diese könnten nun weiter verschärft werden – das legen die Beratungen zwischen Regierung und Unternehmen nahe.
Nach eigenen Angaben konnte Reuters allerdings nicht in Erfahrung bringen, wie mögliche neue Beschränkungen für den Zugriff aus dem Ausland auf chinesische KI-Modelle konkret aussehen könnten. Die Nachrichtenagentur verweist in diesem Zusammenhang auf eine im Mai abgehaltene Diskussionsrunde chinesischer Rechtsexperten zu den Regelungen für Open-Source-KI. Laut einer in einer offiziellen Fachzeitschrift des Obersten Volksgerichtshofs veröffentlichten Zusammenfassung der Diskussionen schlugen die Teilnehmer ein Mehr-Stufen-System vor: einfache Open-Source-KI-Modelle sollten lediglich einer unkomplizierten Meldepflicht unterliegen, für fortgeschrittenere Modelle wären Sicherheitsüberprüfungen vorgesehen, und die Spitzenmodelle dürften entweder nicht öffentlich zugänglich gemacht oder nur im Inland genutzt werden.
Seit der Einführung des Modells R1 von DeepSeek im vergangenen Jahr haben chinesische KI-Modelle dank niedriger Kosten und schnell wachsender Leistungsfähigkeit weltweit stark an Bedeutung gewonnen. Sollte die chinesische Regierung die Entscheidung treffen, den Zugang zu chinesischen KI-Modellen spürbar einzuschränken, könnte dies Auswirkungen auf die KI-Märkte haben, da dies für viele Unternehmen voraussichtlich mit steigenden Kosten verbunden wäre, so Reuters.
(akn)