Digital Business & Startups
Brauchen Gründer dank KI überhaupt noch Investoren?
Kleine Teams können heute mit KI leisten, wofür früher ganze Abteilungen nötig waren. Das verändert auch die Spielregeln für Investoren.
Fabian Westerheide ist Gründungspartner des KI-fokussierten Venture-Capital-Investors AI.FUND und investiert seit 2014 privat über Asgard Capital in KI-Unternehmen. Westerheide berät öffentliche und private Institutionen strategisch im Bereich KI und lädt jährlich zur KI-Konferenz Rise of AI nach Berlin ein.
Wir diskutieren gerade die falsche Frage. Seit Monaten dreht sich fast jede Debatte um die Frage, welche Jobs KI ersetzen wird. Aus Investorensicht finde ich jedoch eine andere Entwicklung viel spannender: Wofür brauchen Gründer heute eigentlich noch Kapital?
Ich investiere seit vielen Jahren in KI-Startups und habe mehrere Gründungswellen erlebt, von Mobile über Plattformen und SaaS bis zur aktuellen KI-Welle. Vieles wiederholt sich. Gute Gründer brauchen nach wie vor starke Ideen, Tempo, Kundenverständnis und irgendwann zahlende Kunden. Daran hat sich nichts geändert. Was sich dagegen grundlegend verändert hat, ist die Phase vor der ersten Finanzierung.
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Der Weg bis zur ersten Finanzierung ist kürzer geworden
Vor einigen Jahren brauchten Gründer schon früh Kapital, um überhaupt loslegen zu können. Entwickler, Designer, erste Mitarbeitende, rechtliche Beratung, Marketing oder ein Prototyp verschlangen schnell hohe Summen.
Heute sehe ich Gründer, die mit KI, No-Code und modernen Entwicklerwerkzeugen deutlich weiter kommen, bevor sie überhaupt mit Investoren sprechen. Sie entwickeln erste Prototypen, testen ihre Idee am Markt, analysieren Wettbewerber und gewinnen teilweise sogar schon erste Kunden.
Natürlich ersetzt das weder ein starkes Team noch eine gute Strategie. Aber es reicht häufig aus, um deutlich früher herauszufinden, ob aus einer Idee tatsächlich ein Unternehmen werden kann.
Für mich ist das eine echte Demokratisierung des Gründens. Kapital bleibt wichtig, aber immer seltener ist fehlendes Geld der eigentliche Grund, warum gute Ideen gar nicht erst entstehen. Die Einstiegshürden sind deutlich niedriger geworden.
Das verändert auch die Rolle der Investoren
Mit dieser Entwicklung verändern sich zwangsläufig auch die Erwartungen an Gründer.
Früher war Pre-Seed tatsächlich noch Pre-Seed. Investoren finanzierten Teams, damit sie überhaupt anfangen konnten zu bauen. Heute erwarte ich in vielen Fällen deutlich mehr. Ein funktionierender Prototyp, erste Nutzer, ein klares Problemverständnis oder sogar erste Umsätze sind inzwischen häufig realistisch, bevor die erste Finanzierungsrunde beginnt.
Wer heute nur mit einer Idee kommt, muss deshalb überzeugend erklären können, warum daraus ein belastbares Unternehmen entstehen soll und nicht lediglich ein Produkt, das sich innerhalb weniger Wochen kopieren lässt.
Der Markt entwickelt sich in zwei Richtungen
Aus meiner Sicht beobachten wir derzeit zwei Entwicklungen.
Auf der einen Seite entstehen extrem schlanke Unternehmen. Ich nenne sie gern „Atomic Startups“. Kleine Teams, manchmal mit weniger als zehn Mitarbeitenden, entwickeln Produkte und Geschäftsmodelle, für die früher ganze Abteilungen notwendig gewesen wären. Sie arbeiten fokussiert, treffen schnelle Entscheidungen und investieren ihr Kapital dort, wo es echten Mehrwert schafft, statt große Strukturen aufzubauen.
Aus Investorensicht ist das längst kein Nachteil mehr. Im Gegenteil: Effizienz ist heute oft attraktiver als Größe.
Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die weiterhin sehr viel Kapital benötigen. Allerdings aus anderen Gründen als noch vor einigen Jahren. Es geht nicht mehr darum, möglichst viel Geld in Marketing oder Copycat-Modelle zu investieren. Kapital wird dort gebraucht, wo echte technologische Durchbrüche entstehen, etwa in Robotik, Defence, Medizin, Materialwissenschaften, Chemie oder industrieller KI.
In diesen Bereichen reicht es nicht aus, bestehende Werkzeuge geschickt miteinander zu kombinieren. Hier entstehen Wettbewerbsvorteile durch jahrzehntelang aufgebautes Fachwissen, Forschung und technologische Exzellenz.
Die Chance liegt im Deep Tech
Deutschland bringt dafür gute Voraussetzungen mit. Unsere Stärke lag nie darin, die nächste Copycat-Plattform mit möglichst viel Marketingbudget groß zu machen. Sie liegt im Maschinenbau, in der Industrie, in der Wissenschaft und überall dort, wo komplexe Probleme gelöst werden müssen.
Wenn Gründer dieses Know-how mit modernen KI-Werkzeugen verbinden, entsteht eine neue Generation von Unternehmen. Schlank organisiert, aber technologisch tief. Genau darin sehe ich eine große Chance für den Standort.
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Gute Gründer werden noch wichtiger
Ich glaube deshalb auch nicht, dass KI den Gründer ersetzt. Sie verschiebt vielmehr die Grenze dessen, was kleine Teams heute leisten können. Gerade deshalb werden gute Gründer wichtiger. Denn wenn heute jeder schneller entwickeln kann, entscheidet nicht mehr allein die Umsetzungsgeschwindigkeit. Entscheidend ist, die richtigen Probleme zu erkennen, die richtigen Prioritäten zu setzen und daraus ein belastbares Geschäftsmodell zu entwickeln.
Die nächste Gründergeneration wird deshalb mit weniger Mitarbeitenden starten und am Anfang häufig auch mit weniger Kapital auskommen. Was sie dafür umso mehr braucht, ist Urteilskraft.
Vielleicht ist genau das die gute Nachricht: Gründen wird günstiger. Entscheidend bleibt jedoch nicht die Technologie, sondern die Fähigkeit, die richtigen Probleme zu erkennen und daraus erfolgreiche Unternehmen zu bauen. Genau deshalb werden gute Gründer wichtiger denn je.