Künstliche Intelligenz
„Ein Horrorszenario“: MEDI-Chef Smetak warnt vor dem Aus der Telefon-AU und Co.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hält an den Plänen zur Abschaffung der telefonischen Krankschreibung fest. Zwar habe sich die Regelung während der Corona-Pandemie bewährt, zugleich seien dadurch aber die Hürden für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gesunken. Eine Krankschreibung nach Videosprechstunde soll dagegen weiterhin möglich bleiben.
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Nach heftiger Kritik relativierte SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil die Pläne am Sonntag teilweise. Im RTL-Interview sprach er von einem Kompromiss, der nun „vernünftig“ ausgestaltet werden müsse. Niemand, der krank sei, solle am Ende wirklich zum Arzt gehen müssen. Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigte an, die Regelungen im Gesetzgebungsverfahren genau zu prüfen. Ohnehin ist die Debatte um den Zeitpunkt der Nachweispflicht nicht ganz neu: Es liegt schon länger im Ermessen der Arbeitgeber, ab welchem Tag sie eine Krankschreibung verlangen.
Der Vorsitzende des MEDIVERBUNDS, einer freien, fachübergreifenden Organisation für niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland, Dr. Norbert Smetak, hält die Abschaffung der Telefon-AU dennoch für einen Fehler. Im Gespräch mit heise online erklärt er, warum er mehr Bürokratie, vollere Wartezimmer und einen Widerspruch zur Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung sieht.
Am Wochenende wurde weiter stark diskutiert, die Bundesgesundheitsministerin hat sich geäußert, teilweise hat die SPD die Pläne relativiert und von einem Kompromiss gesprochen. Wie schätzen Sie das ein?
Norbert Smetak: Das zeigt für mich schon, dass man sich der praktischen Probleme bewusst ist. Genau deshalb verstehe ich nicht, warum man die Telefon-AU abschaffen will. Wenn niemand krank zum Arzt gehen soll, braucht es doch weiterhin niedrigschwellige Möglichkeiten. Für mich passt das nicht zusammen.
Wir sind weiterhin kritisch. Der bürokratische Aufwand wird erheblich sein. Allein der Umstand, dass die Praxen dann wieder überquellen von Patientinnen und Patienten, trägt dazu bei, Erreger zu verteilen. Für die Praxen bedeutet das eine immense Belastung, für die Medizinischen Fachangestellten (MFA) ebenso. Es wird mit Sicherheit auch Aggressionen bei Patientinnen und Patienten hervorrufen, wenn kranke Menschen wieder Schlange stehen müssen.
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Viele argumentieren allerdings, dass es die Telefon-AU vor Corona schließlich auch nicht gegeben hat.
Das Argument ist relativ leicht zu entkräften. Es gibt vieles, das sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. Sehen wir es als eine evolutionäre Entwicklung: Durch die Digitalisierung haben wir heute Möglichkeiten, anders zu arbeiten. Wenn sich neue Lösungen wie die Telefon-AU bewährt haben, sollte man das sinnvoll nutzen und nicht wieder zurückdrehen.
Wenn die Telefon-AU wegfällt, bedeutet das zusätzliche Belastung für Ärztinnen und Ärzte und für die MFA. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass infektiöse Patienten andere Menschen im Wartezimmer anstecken – gerade ältere und schwer kranke Patientinnen und Patienten.
Das Ministerium argumentiert, die Hürden für Krankschreibungen seien durch die Telefon-AU zu niedrig geworden.
Mich wundert das Vorgehen. Einerseits spricht man von Entbürokratisierung und Digitalisierung, von digitaler Ersteinschätzung und anderen Maßnahmen. Andererseits baut man plötzlich ein Misstrauen gegenüber Patientinnen und Patienten, aber auch gegenüber Ärztinnen und Ärzten auf. Denn genau das wird ja unterstellt: Dass telefonische Krankschreibungen nicht korrekt erfolgen. Das weisen wir entschieden zurück.
Hausärzte kennen ihre Patientinnen und Patienten. Sie wissen, wenn gerade eine Grippewelle läuft. Niemand stellt leichtfertig eine telefonische Arbeitsunfähigkeit aus. Und wenn sich zeigt, dass eine persönliche Untersuchung notwendig ist, kommt der Patient selbstverständlich in die Praxis.
Die Videosprechstunde bleibt dagegen bestehen. Konterkariert das die Entscheidung nicht ein Stück weit?
Genau das meinte ich. Wenn ich merke, dass sich etwas telefonisch nicht sicher einschätzen lässt, kann ich jederzeit zu einer Videosprechstunde wechseln. Dafür wurde sie eingeführt. Deshalb wundert mich das Vorgehen wirklich. Ich hätte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.
Ich wäre eher Anhänger von Karenztagen gewesen. Wenn man tatsächlich unterstellt, dass sich Menschen unnötig krankschreiben lassen, hätte das aus meiner Sicht einen stärker steuernden Charakter gehabt. Ich glaube, damit hätte man diese Vermutung eher auffangen können.
Man sollte sich außerdem fragen, warum Deutschland bei den Krankschreibungen in Europa vorne liegt. Liegt das wirklich an der Niedrigschwelligkeit oder spielen die Bedingungen am Arbeitsplatz eine größere Rolle? Darüber sollte man sich Gedanken machen.
Bei uns im Forum haben einige Leser die Vermutung geäußert, die Debatte um die Telefon-AU sei ein Ablenkungsmanöver. Können Sie diese Einschätzung nachvollziehen?
Schwer zu sagen. Ich möchte da niemandem etwas unterstellen. Aber schauen wir uns doch mal an, was gerade passiert: Am kommenden Freitag wird voraussichtlich das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im Bundestag verabschiedet. Die Folgen der geplanten Sparmaßnahmen sind gravierend für die gesamte ambulante Versorgung.
Patientinnen und Patienten können sich auf noch längere Wartezeiten, noch weniger Zeit für Beratung und sprechende Medizin sowie weniger wohnortnahe Versorgung einstellen. Wir haben schon jetzt einen akuten Hausarztmangel, immer weniger junge Medizinerinnen und Mediziner übernehmen eine Hausarzt- oder auch Facharztpraxis. Die Sparmaßnahmen werden die Niederlassung noch unattraktiver machen – auf Kosten der Patientinnen und Patienten.
In der Finanzkommission wurden die Stakeholder zwar gehört, aber offensichtlich drangen sie mit ihren Argumenten nicht durch. Da wird dann behauptet, diese Maßnahmen würden die Versorgung nicht beeinträchtigen. Dem sehen wir mit großem Zweifel entgegen.
Wie konkret ist das angekündigte Primärversorgungssystem, das für Einsparungen sorgen soll, überhaupt schon ausgearbeitet?
Aktuell weiß niemand genau, wie das Primärversorgungssystem tatsächlich umgesetzt werden soll. Das Ziel der Reform ist ja, das Gesundheitssystem effizienter zu machen und Geld zu sparen. Im Vordergrund steht eine digitale Ersteinschätzung. Danach soll entschieden werden, ob der Hausarzt tätig wird oder ob direkt ein Facharzttermin vermittelt werden muss. Das Ganze soll digital erfolgen und zusätzlich mit einer Termingarantie der Praxen verbunden werden. Wie man allerdings mit Blick auf das GKV-Spargesetz künftig eine Termingarantie umsetzen soll, weiß ich im Moment noch nicht.
Man darf vom Primärversorgungskonzept ohnehin nicht erwarten, dass es alle Probleme lösen wird. Es kann sicherlich einen Steuerungseffekt haben. Internationale Erfahrungen zeigen, dass sich die Versorgung dadurch besser organisieren lässt. Die großen Kosteneinsparungen, die man sich davon erhofft, wird es aber nicht bringen. Entscheidend ist die Verbindlichkeit. Wenn eine digitale Ersteinschätzung erfolgt, muss sie auch Konsequenzen haben. In skandinavischen Ländern funktioniert das bereits: Dort bekommen Patienten eine klare Empfehlung, und danach richtet sich die weitere Versorgung
Hinzu kommt, dass der Staat sich um seine Pflichten drückt – etwa bei den versicherungsfremden Leistungen, wo eigentlich 12 Milliarden Euro zu leisten wären. Zwar heißt es jetzt nach den letzten Korrekturen aus dem Ministerium, dass ab 2027 rund eine Milliarde und ab 2031 dauerhaft rund 2,75 Milliarden Euro dazukommen sollen. Aber das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein und entspricht nicht dem, was wirklich notwendig ist.
Gerade in diesem Gesamtbild wundert mich die Diskussion um die Telefon-AU. Wenn wir auf digitale Steuerung und Digitalisierung setzen wollen, erschließt sich mir nicht, warum ausgerechnet dieses Instrument wieder abgeschafft werden soll. Und ich stelle es mir wirklich als Horrorszenario vor, wenn montagmorgens die Praxen wieder überquellen. Dort sitzen schwerstkranke, multimorbide ältere Patientinnen und Patienten. Die sollen möglichst keine Grippe oder Lungenentzündung zusätzlich mit nach Hause nehmen.
In die Digitalisierung setzen Sie ja große Hoffnung?
Ich glaube, wir müssen die Digitalisierung tatsächlich weiter vorantreiben. Die digitale Ersteinschätzung halte ich dabei für einen wichtigen Schritt. Langfristig erhoffe ich mir auch von KI-Verbesserungen. Aber wir dürfen nicht glauben, dass dadurch in zwei Jahren alle Probleme des Gesundheitswesens gelöst sind.
Die Krankenhausreform war aus meiner Sicht unzureichend. Die Notfallreform bringt in ihrer jetzigen Form eher zusätzliche Belastungen für die Ärzteschaft. Auch das Primärversorgungskonzept muss sich erst noch finden. Wir werden noch einige Jahre brauchen, bis wir tatsächlich eine bessere Versorgung erreicht haben.
(mack)