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EU stellt Plan für digitale Souveränität und Big-Tech-Alternativen vor


DIE ZEIT verweist zudem darauf, dass Amazon Web Services, Microsoft und Google rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts kontrollieren. Gleichzeitig fließen jedes Jahr 264 Milliarden Euro für IT-Dienstleistungen aus Europa in die USA.


re:publica 2026:
Europa darf Macht nicht länger Silicon Valley überlassen

Volle Halle auf der re:publica 2026 mit beleuchteten Bühneninstallationen, Publikum und großer zentraler „re:publica26“-Leinwand in rot-violettem Licht.
© eigene Aufnahme

Europa soll wieder Tech-Macht werden

Europa soll unabhängiger von globalen Lieferketten werden und mehr Chips selbst produzieren. Dafür plant die EU-Kommission bessere Rahmenbedingungen für Hersteller:innen, etwa schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und günstigere Energie. Gleichzeitig soll der bestehende Chips Act weiterentwickelt werden.

Ganz ohne internationale Abhängigkeiten wird Europa jedoch auch künftig nicht auskommen. Die globale Chip-Produktion wird weiterhin von Taiwan, Südkorea, China und den USA dominiert. Laut Tagesschau sehen viele Expert:innen die größten Chancen daher nicht in einer vollständigen Unabhängigkeit, sondern im Ausbau jener Bereiche, in denen Europa bereits heute stark aufgestellt ist – etwa bei Spezialhalbleitern für Industrie-, Energie- und Automobilanwendungen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Technological Sovereignty Plan liegt auf dem Ausbau von Cloud- und KI-Infrastrukturen. Die EU-Kommission plant den beschleunigten Ausbau europäischer Rechenzentrumskapazitäten, um KI-Modelle künftig stärker auf europäischer Infrastruktur zu entwickeln und zu betreiben.

Aber was bedeutet digitale Souveränität überhaupt? Genau darauf will die EU künftig klarere Antworten geben. Im Rahmen des Technological Sovereignty Plan sollen erstmals konkretere Kriterien dafür definiert werden, wann digitale Infrastruktur als souverän gilt. Entscheidend sind dabei unter anderem der Speicherort von Daten, die Eigentümer:innenstruktur von Anbieter:innen, mögliche Zugriffsrechte Dritter sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen, die im Ernstfall greifen. Also etwa dann, wenn Regierungen im Ausland Zugriff auf Daten verlangen oder digitale Dienste einschränken könnten.

Weg von Microsoft und Co.: Europas Alternativen sind längst da

Neben Rechenzentren, KI und Chips setzt die EU auf ein altes Internetversprechen: Open Source. Offene Software soll helfen, die Abhängigkeit von einzelnen Anbieter:innen zu verringern und Unternehmen wie Verwaltungen mehr Kontrolle über ihre digitale Infrastruktur zu geben. Europäische Alternativen gibt es längst: von Nextcloud und Scaleway über Threema bis hin zu Tuta. Mistral verspricht mit AI Vibe 2.0 agentische Code-Arbeit, die umfangreiche Prozesskontexte berücksichtigen kann und besonders schnell arbeiten soll. Viele der Dienste adressieren genau jene Bereiche, in denen Europa heute besonders abhängig von US-Anbieter:innen ist. Erste europäische Institutionen und Unternehmen gehen diesen Weg zu mehr digitaler Souveränität bereits.

So stellt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag derzeit von Microsoft-Produkten auf Open Desk um. Schleswig-Holstein migriert derzeit schrittweise rund 30.000 Arbeitsplätze der Landesverwaltung von Microsoft-Produkten auf Open-Source-Anwendungen wie LibreOffice, Nextcloud und perspektivisch Linux, um die digitale Souveränität zu stärken. Das Robert Koch-Institut (RKI) und der Deutsche Bundestag evaluieren aktuell den Einsatz europäischer Software-Lösungen, um ihre digitale Souveränität zu stärken. Auch die Otto Group beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Abhängigkeiten von US-Technologieanbietern reduzieren lassen, und prüft verstärkt deutsche sowie europäische Cloud-Alternativen.

Allerdings zeigt sich hier auch eine der größten Herausforderungen. Während große Tech-Konzerne ihre Produkte über milliardenschwere Geschäftsmodelle finanzieren, fehlt vielen Open-Source-Projekten eine vergleichbare wirtschaftliche Basis. Die EU-Kommission plant deshalb zusätzliche Fördermaßnahmen, um Entwicklung, Betrieb und langfristige Weiterentwicklung entsprechender Lösungen zu unterstützen.


Mistral Vibe 2.0 aus Europa:
Top Coding Agent als Alternative zu Big Tech

© Mistral via Canva

Europas Tech-Plan: Lob für die Idee, Zweifel an der Umsetzung

Das Paket stößt in Wirtschaft und Technologiebranche auf breite Zustimmung. Der Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst begrüßt etwa, dass die EU-Kommission nicht nur einzelne Technologien adressiert, sondern die gesamte digitale Wertschöpfungskette in den Blick nimmt – von Halbleitern und Rechenzentren über Cloud- und KI-Infrastrukturen bis hin zu Open Source und Investitionsbedingungen. Entscheidend sei nun, dass es nicht bei Ankündigungen bleibe. „Europa braucht Tempo“, betonte er. Auch das Cybersecurity-Unternehmen NCC Group bewertet den Fokus auf Resilienz, Cloud, KI, Halbleiter und Open Source als wichtigen Schritt zur Stärkung der digitalen Widerstandsfähigkeit Europas.

Kritik kommt von der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament. Zwar bezeichnet die Europaabgeordnete Alexandra Geese das Vorhaben als „dringend notwendig“, um Europas digitale Abhängigkeiten zu reduzieren. Gleichzeitig gehe das Paket aus ihrer Sicht nicht weit genug:

Aus Sicht der Grünen/EFA fehlen jedoch weiterhin klare Vorgaben, um europäischen Lösungen bei öffentlichen Ausschreibungen tatsächlich bessere Chancen einzuräumen. Zudem greife die Definition digitaler Souveränität zu kurz, solange Anbieter als europäisch gelten könnten, obwohl Kontrolle über Daten, Infrastruktur oder Zugriffsrechte faktisch außerhalb Europas liege.

Ähnlich äußert sich Sergey Lagodinsky, stellvertretender Vorsitzender der Grünen/EFA-Fraktion und Co-Vorsitzender der digitalen Arbeitsgruppe. Zwar begrüßt auch er den Fokus auf Open Source, europäische KI-Trainingskapazitäten und den Ausbau der Chip-Infrastruktur. Gleichzeitig kritisiert er, dass weiterhin unklar sei, wie verbindlich Energie- und Wasserstandards für Rechenzentren umgesetzt werden sollen. Zudem werde Europa auf absehbare Zeit von außereuropäischen Hochleistungs-Chips abhängig bleiben. Ohne konkrete Antworten drohe aus dem Vorhaben „eine Vision ohne konkreten Zeitplan“ zu werden.

Hinzu kommt die Finanzierungsfrage. Der Wettbewerbsfähigkeitsbericht des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi kam 2024 zu dem Ergebnis, dass Europa jährlich zusätzliche Investitionen von rund 800 Milliarden Euro benötigt, um im globalen Wettbewerb mit den USA und China Schritt zu halten. Ob diese Summe tatsächlich mobilisiert werden kann, bleibt jedoch offen. Auch die Grünen/EFA-Fraktion verweist darauf, dass bislang weder die Finanzierung über den EU-Haushalt noch private Investitionszusagen ausreichend konkretisiert wurden.

Was das mit deinem Marketing Stack zu tun hat

Die Debatte um digitale Souveränität ist längst kein Thema mehr, das nur Brüssel, Behörden oder IT-Abteilungen betrifft. Viele Unternehmen sind heute von US-Technologie abhängig – oft weniger aus Überzeugung, sondern mangels europäischer Alternativen.

Sollte der Technological Sovereignty Plan greifen und den Aufbau europäischer Alternativen bei Cloud-Infrastrukturen, KI, Software und digitalen Plattformen beschleunigen, könnte das künftig für einfachere Wechselmöglichkeiten sorgen. Was heute noch als alternativlos gilt, könnte dann endlich ernstzunehmende Konkurrenz aus Europa bekommen – und damit mehr Auswahl für Unternehmen, Behörden und Nutzer:innen bieten.

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