Freelancing: Finanzen vs. Zufriedenheit? › PAGE online
Neue Informationen zum Freelance-Markt geben Aufschluss darüber, wie Selbstständige ticken und was ihre täglichen Herausforderungen sind. Mit dabei sind alt bekannte Punkte wie das Finanzielle oder die Akquise. Zudem: Mehr junge Menschen wollen mit einer Selbstständigkeit durchstarten.
Der Freelance-Kompass 2026 wurde veröffentlicht. PAGE liegen Informationen vor, die nur die Kreativbranche betreffen. Im letzten Jahr hatten wir über den Kompass im Allgemeinen berichtet, es ließen sich Rückschlüsse auf die Designszene ziehen.
Der aktuelle Kompass 2026 hat herausgearbeitet, dass 73 % der befragten Freelancer:innen durch alle Branchen hinweg zufrieden sind. 84 % würden sich wieder selbstständig machen. Aber die Ergebnisse zeigen auch, dass 43 % angegeben haben, dass ihre Auslastungslage ungewiss ist. Nur 16 % sagten, dass sich die Auftragslage verbessert hat.
Ein spannender Fact ist, dass sich vor allem mehr junge Menschen selbstständig machen wollen, eine zukunftsweisende Information. Sie wollen mehr Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Flexibilität, weniger starre Strukturen, Kontrolle oder Routinen. Und das, obwohl zum ersten Mal seit Beginn der Erhebung des Freelancer-Kompasses der durchschnittliche Stundensatz gesunken ist, um einen Euro.
Der durchschnittliche Stundensatz liegt jetzt bei 103 Euro pro Stunde, im letzten Jahr waren es 104 Euro. Das gilt für alle Branchen, 5 % davon sind aus den Bereichen »Design/Medien/Kreativdienste«. Da dieser Anteil nicht sehr groß ist, hat PAGE die spezifischen Daten zu dieser Gruppe erfragt.
Ein Blick auf die Freelance-Facts für »Kreativdienste«
Die Zufriedenheit ist mit knapp der Hälfte hoch, wobei 34 % neutral geantwortet haben. Das hat vor allem etwas mit der freien Zeiteinteilung, der Entscheidungshoheit und dem ortsunabhängigen Arbeiten zu tun. Die Work-Life-Balance scheint für viele aus diesen Gründen gut zu funktionieren. Auch Selbstverwirklichung und höheres Einkommen spielen eine Rolle.
Dagegen stehen einige Probleme, die vielen nicht unbekannt sein dürften. Denn 59 % sagten, dass die Auftragsakquise ein Problem sei. Auch unsichere Einkommen, schwankende Auftragslagen sowie fehlende Planungssicherheiten zählen zu den Herausforderungen. Isolation und Selbstvermarktung wurden ebenso genannt.
Dabei arbeiten ein Viertel 21 bis 30 Stunden pro Woche und der Rest schwankt zwischen unterschiedlichen Stunden. Nur wenige arbeiten sehr wenig oder sehr viel. Der Durschschnitt: 36,2 Arbeitsstunden pro Woche. Und fast die Hälfte macht 20 bis 30 Tage Urlaub im Jahr, im Durchschnitt 30,6 Tage. Ein finanzieller Puffer liegt durchschnittlich bei 15k Euro.
Das Einkommen: 88 Euro Stundensatz
Der durchschnittliche Stundensatz liegt bei 88 Euro, im Median 85 Euro. Männer und Frauen sind im Durchschnitt in etwa gleichauf, wobei der Wert im Median bei Frauen 8 Euro weniger ist.
Auf die Frage, wie hoch der Stundensatz in 2026 sei, antworteten 27 %: 76 bis 90 Euro.
25 %: 25 bis 50 Euro
22 %: 51 bis 75 Euro
12 %: 91 bis 100 Euro
8 %: 101 bis 125 Euro
1 %: 125 bis 150 Euro
4 %: mehr als 150 Euro
Diese genaue Auflistung – Zeile eins und zwei – zeigt, dass ein Viertel doch weit unter den 88 Euro pro Stunde liegen.
Einkommen, Ausgaben, Investitionen
Ein detaillierter Blick darauf, woher die Einnahmen kommen, lohnt sich, um den freien Markt besser zu verstehen. Auf die Frage, wie hoch das Ø-Einkommen aus Projektarbeit pro Monat sei, abzüglich Steuern, Sozialabgaben und Pflichtversicherungen, sagten 60 % weniger als 2.500 Euro. 26 % machten eine Angabe von 2.500 und 4.999 Euro. 7 % lagen zwischen 5000 und 9999 Euro. Und die verbleibenden 7 % mehr als 10.000 Euro.
Pro Jahr bearbeiten fast die Hälfte der Befragten mehr als 15 Projekte, eine ganze Menge. Viele realisieren aber auch zwischen sechs bis 15 Projekte.
Auf die Frage, wie der Stundensatz zukünftig sein wird, antworteten knapp mehr als die Hälfte, dass sie ihn gleich lassen werden. 36 % meinen, dass sie ihn erhöhen und 8 %, dass sie ihn senken.
Wenn jemand die Preise senkt, dann hat das laut Befragung meistens etwas mit der Auftragsflaute zu tun – weniger Aufträge, also muss man die Preise senken. Ein unschöner Umkehrschluss. Ein starker Wettbewerb wurde auch als Grund angegeben, um den Preis zu senken. Für die Erhöhung wurden die Gründe Inflation und die eigenen, gestiegenen Erfahrungswerte genannt.
Der Bruttogewinn, also ohne Steuerabzug, war bei den meisten circa 25.000 Euro (58 %). Faktisch ergibt sich aus allen Angaben ein in großen Teilen nicht sehr positives finanzielles Gesamtbild, denn 74 % sind mit ihrem Einkommen unzufrieden. Die wirtschaftliche Lage wird eher neutral betrachtet (49 %), 30 % sagen schlecht und 14 % sagen gut. Hinzu kommen die betrieblichen Ausgaben, die sich auf circa 460 Euro belaufen.
Somit stehen bei den Befragten im Großen und Ganzen auch weniger – wenn überhaupt – geplante Investitionen an. Wo nicht so viel Gewinn gemacht wird, lässt sich schließlich nicht viel investieren. Wenn, dann steht in der Planung, in Hardware und technische Geräte das Geld einfließen zu lassen. Darauf folgen Marketing und Sichtbarkeit. Im nächsten Schritt wird erst mit Weiterbildungen geplant. Finanzielle Absicherungen sind weiter hinten genannt. Noch weiter hintan stehen Reisen und Networking sowie Software und Tools.
Kundenakquise, Buchhaltung & Co. frisst Zeit
Immer wieder ein Thema sind die »Non-Billable-Hours«. 66 % nimmt die Kundenakquise ein, gefolgt von Buchhaltung, Bürokratie, Selfmarketing. Aber ebenso ungeplante Kundenkommunikation, Netzwerken und Weiterbildungsmaßnahmen sind Themen, die Zeit in Anspruch nehmen. Das dürfte sich in Zeiten von KI noch ausweiten, denn viele Freelancer:innen müssen sich ständig up to date halten, die neuesten Tools aneignen und neue Prozesse für ihren Alltag mit KI definieren. Nicht wenige machen Weiterbildungskurse – in ihrer Freizeit, unbezahlt.
Da Kundenakquise, Netzwerken sowie Selfmarketing häufig Hand in Hand gehen, könnte man diese Punkte auch als einen großen Faktor zusammenfassen. Hier geht die meiste Zeit drauf und am Ende ist damit noch nichts verdient.
Im Umkehrschluss sagten die Befragten dann auch, dass der Aspekt der finanziellen Sicherheit in einer Festanstellung sehr attraktiv sei. 70 % bestätigten das. Und knapp mehr als die Hälfte sehen die Sozialleistungen einer Festanstellung ebenso als attraktiv an. Damit einher geht logischerweise weniger Bürokratie, denn wie wir wissen, sind die Bürokratie-Hürden für Freelancer:innen hoch.
Und das Team?
23 % gaben an, dass die Teamzugehörigkeit in festen Anstellungen attraktiv sei. Das ist vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass an anderer Stelle einige der Befragten den Punkt der Isolation als Problem ansahen. Es scheint aber so zu sein, dass dies nicht sehr schwer ins Gewicht fällt und nur für verhältnismäßig wenige eine große Herausforderung darstellt. Wenig attraktiv fanden die Befragten die Punkte Kündigungsschutz und Zugang zu Weiterbildung, Karrieremöglichkeiten sowie geregelte Arbeitszeiten. Selbstbestimmung scheint für Freie weiterhin das oberste Gebot. Die Aufstiegschancen sowie die Optionen zu Weiterbildungen hingegen sind weniger interessant. Vielleicht, weil es an vielen Stellen zu wenige gibt?
Die Auswertungen im Bereich »Design/Medien/Kreativdienste« geben Hinweise darauf, wie der Freelance-Markt aktuell tickt. Es zeichnet sich ein Gesamtbild ab, dass zum einen verdeutlicht, wie schwer das Thema Finanzen wiegt. Zum anderen geben die Antworten Aufschluss darüber, dass die meisten Freelancer:innen mit ihrer Arbeit – nicht unbedingt mit ihrer aktuellen Auftragslage! – zufrieden sind, trotz der Herausforderungen.
Dieses Stimmungsbild und die genannten Faktoren, die als besonders attraktiv angesehen werden, scheinen sich auf junge Menschen auszuwirken. Beziehungsweise junge Menschen gestalten dies von vornherein mit. Viele können sich vorstellen, als Freie zu arbeiten. Eine optimistische Richtung, die auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen werden sollte.
Informationen zur befragten Gruppe im Rahmen des gesamten Freelancer-Kompasses: Es gab von 73 Teilnehmenden 37 männliche, 33 weibliche und 4 % ohne Angabe. Die Altersgruppen lagen mit 29 % zwischen 45 und 59 Jahren, mit 22 % zwischen 35 und 44 Jahren, 14 % zwischen 25 und 34 sowie 32 % unbekannt und ein Rest in den sehr jungen und alten Gruppen. 68 % gaben an, hauptberuflich tätig zu sein, die anderen nebenberuflich.