Künstliche Intelligenz
Getty-Shutterstock-Fusion gescheitert – die Fotonews der Woche 27/2026
Bereits in der News-Kolumne der vergangenen Woche berichteten wir über Getty und ihre „Display Partnership“ mit OpenAI und auch diese Woche geben sie wieder Stoff für Nachrichten: Es sollte die Stockfoto-Hochzeit des Jahrzehnts werden. Daraus wird jetzt aber nichts. Getty Images zieht bei der geplanten Übernahme von Shutterstock den Stecker. Der Grund? Die britische Wettbewerbsbehörde CMA hatte zwar grünes Licht gegeben – allerdings nur unter Bedingungen, die offenbar so streng ausfielen, dass Getty am Ende lieber ganz die Reißleine zog.
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(Bild: heise )
Wenn Auflagen schwerer wiegen als Synergien
Die CMA genehmigte die Fusion „bedingt“. Welche konkreten Auflagen den Deal letztlich zu Fall brachten, verschwindet zwar im Nebel der Unternehmenskommunikation – doch eines steht fest: Getty waren sie wohl zu viel. Statt als geballte Stockfoto-Supermacht aufzutreten, bleiben beide Unternehmen nun Konkurrenten in einem Markt, der ohnehin schon durch KI-generierte Bilder unter Druck steht.
Man könnte fast meinen, die Wettbewerbshüter hätten den beiden Giganten einen Gefallen getan. Fusionen dieser Größenordnung scheitern nämlich oft nicht an Regulierungen, sondern an der Integration zweier grundverschiedener Unternehmenskulturen. Vielleicht war die CMA also der unfreiwillige Beziehungsberater, der beide Parteien vor der Scheidung bewahrt hat – indem sie die Hochzeit gleich ganz verhinderte.
Pikant ist die Sache auch aus anderer Sicht. Ausgerechnet die britische Behörde wird zum Stolperstein für einen Deal zwischen zwei international agierenden Unternehmen. Getty Images hat seine Wurzeln in den USA, betreibt aber bedeutende Geschäfte in Europa. Die CMA zeigt hier, dass sie auch nach dem Brexit bereit ist, ihre Muskeln spielen zu lassen – zum Schutz des Wettbewerbs, wie sie betont.
Ob das nun regulatorische Weitsicht oder Überregulierung ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Fakt ist: Der Stockfoto-Markt bleibt vorerst fragmentierter, als er es nach einer Fusion wäre. Und während die Wettbewerbshüter das feiern, dürften die Anwälte beider Unternehmen noch eine Weile mit dem Papierkram beschäftigt sein.
Was bedeutet das für Fotografen und Kreative?
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Für die Millionen Fotografen, die ihre Bilder über diese Plattformen verkaufen, ist der geplatzte Merger durchaus eine gute Nachricht. Weniger Marktkonzentration heißt in der Regel mehr Wettbewerb – und damit potenziell bessere Konditionen für die Kreativen. Die große Herausforderung bleibt allerdings: Beide Plattformen müssen sich gegen die wachsende Konkurrenz der KI-Bildgeneratoren behaupten.
Getty hatte bereits angekündigt, eigene KI-Tools zu entwickeln, trainiert auf den lizenzierten Beständen. Shutterstock verfolgt eine ähnliche Strategie. Nun müssen beide Unternehmen diese Wege getrennt weitergehen. Das könnte die Entwicklung bremsen – aber ebenso gut zu unterschiedlichen, womöglich sogar innovativeren Ansätzen führen.
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Wenn Fotografie Leben riskiert: James Balog und der Klimawandel
Von gescheiterten Fusionen zu einer erfolgreichen Mission: Der amerikanische Fotograf James Balog führt eindrucksvoll vor, wofür es sich lohnt, Risiken einzugehen. Balog, bekannt für seine spektakulären Aufnahmen schmelzender Gletscher, setzt regelmäßig sein Leben aufs Spiel, um die Folgen des Klimawandels zu dokumentieren. Seine Bilder sind mehr als bloß fotografisch beeindruckend – sie sind visueller Aktivismus.
In einem aktuellen Interview erklärt Balog, warum er bereit ist, unter extremen Bedingungen zu arbeiten: Die Dringlichkeit der Klimakrise verlangt Bilder, die Menschen emotional treffen und zum Handeln bewegen. Während sich die Stockfoto-Plattformen mit KI-generierten Inhalten beschäftigen, beweist Balog, dass authentische Fotografie mit klarer Mission nach wie vor unersetzlich ist. Seine Arbeit erinnert daran, dass hinter wirklich bedeutenden Bildern meist mehr steckt als technische Perfektion – nämlich Engagement, Mut und eine Geschichte, die erzählt werden will.
Polaroid provoziert: Analog gegen Datencenter
Apropos Mission: Polaroid sorgte diese Woche mit einer provokanten Werbekampagne am Strand von Coney Island für Aufsehen. Die Botschaft: „Das Beste im Leben ist analog“. Die Kampagne zielt direkt auf den enormen Wasserverbrauch von Rechenzentren, wie sie für KI-Training und Cloud-Services gebraucht werden.
Besonders pikant: Für die Aktion nutzt Polaroid „Reclaimed Blue“ – recyceltes Material aus Ozeanplastik. Die Ironie liegt jedoch auf der Hand. Ein Unternehmen, das selbst Plastikfilme herstellt, inszeniert sich als Umweltschützer gegen die digitale Industrie. Auf Reddit entbrannte prompt eine lebhafte Debatte, ob das nun cleveres Marketing sei oder dreiste Heuchelei.
Trotzdem trifft Polaroid einen Nerv. Der Wasserverbrauch von Rechenzentren ist tatsächlich ein wachsendes Problem – ein einziges großes Datencenter kann täglich Millionen Liter Wasser zur Kühlung benötigen. Und während KI-generierte Bilder die Stockfoto-Branche durcheinanderwirbeln, erinnert Polaroid daran, dass physische Fotos keine Serverfarmen benötigen. Ob das die Leute überzeugt, wieder zur Sofortbildkamera zu greifen? Massenhaft wohl kaum. Als Diskussionsanstoß aber funktioniert die Kampagne hervorragend.
Authentizität schlägt Algorithmus?
Was diese Woche deutlich wird: Die Fotografie-Welt steht an einem Scheideweg. Auf der einen Seite die geplatzte Mega-Fusion zweier Stockfoto-Giganten, die sich mit KI-Tools ihre Zukunft sichern wollen. Auf der anderen Seite Fotografen wie James Balog, die beweisen, dass authentische Bilder weiterhin unersetzlich sind. Und mittendrin Polaroid mit der – zugegeben etwas heuchlerischen, aber nicht ganz falschen – Botschaft, dass eben nicht alles digital sein muss.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre dieser Woche: In einer Zeit, in der KI binnen Sekunden tausende Bilder ausspuckt, gewinnen die Geschichten hinter den Fotos wieder an Gewicht. Balogs riskante Gletscherexpeditionen kann keine KI ersetzen. Und das haptische Erlebnis eines Polaroid-Bildes schon gar nicht – auch wenn die Umweltbilanz diskutabel bleibt.
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(tho)