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UX/UI & Webdesign

Interview mit dem Designer Paul-Ch. Thiele über Branding im KI-Zeitalter und sein Buch »Marke entspannt«. › PAGE online


Seit KI-Tools Texte, Bilder und Kampagnen in Sekunden entwerfen, ist die Markenkommunikation so einfach wie nie zuvor geworden. Gleichzeitig wächst die Herausforderung, Vertrauen zu schaffen. Was macht eine Marke heute unverwechselbar, wenn Gestaltung und Content jederzeit reproduzierbar sind? 

Vielleicht liegt die Antwort weniger in Technik und Kreativität als in der Art, wie unser Gehirn Entscheidungen trifft. Mit seinem Buch »Marke entspannt« schlägt der Berliner Designer Paul Ch. Thiele eine ungewöhnliche Brücke zwischen Markenstrategie, Interface Design und Neurowissenschaft. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass unser Gehirn keine Reiz-Reaktions-Maschine ist, sondern permanent Vorhersagen über die Welt trifft. Erfolgreiche Marken helfen dabei, diese Vorhersagen zu bestätigen. Sie reduzieren Unsicherheit, erleichtern Entscheidungen und fühlen sich deshalb richtig an. Thiele nennt dieses Denkmodell »prädiktive Marke«. Es basiert auf Erkenntnissen der modernen Kognitionswissenschaft und dem Prinzip der freien Energie des Neurowissenschaftlers Karl J. Friston.

Dass Thiele diesen Ansatz entwickelt hat, ist kein Zufall. Als Interface Designer beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie digitale Produkte möglichst intuitiv funktionieren. Wer Benutzeroberflächen gestaltet, lernt, die Welt konsequent aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer zu betrachten. In seinem gerade erschienenen Buch überträgt er dieses Denken erstmals konsequent aufs Branding und entwickelt daraus ein Modell, das klassische Zielgruppen- und Differenzierungsstrategien hinterfragt. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft des Brandings.

In seinem Buch »Marke entspannt« stellt Paul-Ch. Thiele ein neues Marketing-Denkmodell vor: die prädiktive Marke.

 

PAGE: Warum braucht die Markenwelt überhaupt ein neues Denkmodell?

Paul-Ch. Thiele: Weil es viele Modelle gibt, die auf falschen Annahmen beruhen und weil sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. KI macht es heute leicht, Texte, Bilder oder Kampagnen zu entwickeln. Was dadurch nicht einfacher wird, ist Orientierung. Marken müssen heute nicht mehr laut sein, sondern verlässlich. Je austauschbarer Kommunikation durch KI wird, desto wichtiger werden die vertrauten Signale einer Marke. Das aktuelle Coca-Cola-Rebranding ist dafür ein gutes Beispiel.

Was wird denn Coca-Cola in Zukunft anders machen als heute? 

Coca-Cola zeigt gerade, dass starke Marken ihre Identität auf Grundlage einer klaren Strategie schärfen. Weil Wiedererkennbarkeit durch konsistente Nutzung der Markensignale immer wichtiger wird. Eine Marke, die zuverlässig vorhergesagt werden kann, spart dem Gehirn Energie. Darin liegt heute ihr Wettbewerbsvorteil. Eine moderne Markenführung ist darauf ausgelegt, Entscheidungen auf der Verbraucherseite zu erleichtern. Genau dort setzt mein Modell der prädiktiven Marke an.

Paul-Ch. Thiele: Marke entspannt – Das neurobiologische Prinzip für erfolgreiche Marken, GSTLTR, Berlin 2026, Paperback, 188 S., ISBN 978-3-00-086665-4, 38 Euro.

Du kommst nicht aus dem klassischen Marketing, sondern aus dem Interface Design. Warum war das ein Vorteil?

Interface Design beginnt immer mit dem Menschen. Eine gute Benutzeroberfläche zwingt niemanden zum Nachdenken. Sie fühlt sich selbstverständlich an. Genau das gilt auch für Marken. Wer Interfaces gestaltet, lernt, Unsicherheit zu reduzieren und Erwartungen zu erfüllen. Irgendwann wurde mir klar, dass dieselben Prinzipien auch für erfolgreiche Marken gelten. Marken sind letztlich nichts anderes als Schnittstellen zwischen Menschen und Unternehmen.

Dein Buch beschreibt das Gehirn als »Vorhersagemaschine«. Was bedeutet das für Markenverantwortliche?

Unser Gehirn versucht permanent, die Zukunft vorherzusagen, um ohne Überraschungen durch den Tag zu kommen. Stimmen Erwartung und Realität überein, entsteht kognitive Leichtigkeit. Die Marke reduziert also Reibungen. Weicht die Realität dagegen von unserer Vorhersage ab, müssen wir unsere Modelle anpassen, das ist anstrengend. Erfolgreiche Marken helfen dem Gehirn, gute Vorhersagen zu treffen und Erwartungen zu erfüllen. Wir kaufen sie also nicht, weil sie objektiv besser sind, sondern weil sie sich plausibel anfühlen und uns entspannen.

 

Marken sind nichts anderes als Schnittstellen zwischen Mensch und Unternehmen.

Paul-Ch. Thiele, Designer und Autor aus Berlin.

 

Du verabschiedest sich von klassischen Zielgruppen und sprichst stattdessen von Dissonanz-Profilen. Warum?

Alter, Einkommen oder Milieu erklären nur begrenzt, warum Menschen handeln. Spannender ist die Frage, welche Probleme sie in einer konkreten Situation lösen möchten. Jede Entscheidungssituation ist von vielen kleinen Spannungen geprägt. Eine gute Marke hilft dabei, diese Spannungen aufzulösen. Deshalb arbeite ich lieber mit Dissonanz-Profilen als mit Personas. Sie richten den Blick auf den eigentlichen Entscheidungsprozess.

Was wünschst du dir, dass Kreative und Markenverantwortliche nach der Lektüre deines Buches anders machen?

Dass sie Marke weniger als Kommunikationsaufgabe und stärker als Simulationsaufgabe verstehen. Eine Marke gibt Menschen ein Versprechen darüber, wie sich die Zukunft anfühlen wird. Wenn dieses Versprechen eingelöst wird, entsteht Vertrauen und Entspannung. In einer Welt voller KI-generierter Möglichkeiten und vielen Unsicherheiten sind das wahrscheinlich die wertvollsten Ressourcen einer Marke. 

 



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Die Illustrationen des »NEINhorn« tauchten bei ChatGPT auf › PAGE online


NEIN, das ist wirklich eine Frechheit, würde der illustrative Kinderbuch-Charakter dazu sagen. Der Carlsen Verlag klagt gegen OpenAI, weil Texte und Illustrationen fast identisch bei ChatGPT angezeigt wurden.

Die Illustrationen des »NEINhorn« tauchten bei ChatGPT auf › PAGE online
Cover: Das NEINhorn. Von Marc-Uwe Kling, Autor, & Astrid Henn, Illustratorin, erschienen im Carlsen Verlag

Das »NEINhorn« ist die Hauptfigur eines bekannten und humorvoll umgesetzten Kinderbuches des Autors Marc-Uwe Kling, das von Astrid Henn illustriert wurde. Vor einiger Zeit tauchten »nahezu identische«, wie der Verlag selbst sagt, Zeichnungen in ChatGPT auf. Eine Freigabe für KI-Trainings gab es zuvor nicht. Jetzt klagt der Carlsen Verlag gegen OpenAI.

Hervorzuheben ist auch, dass nur sehr einfache Prompts nötig waren, um NEINhorn-Geschichten angezeigt zu bekommen. Die Illustrationen gleichen dem Original stark. Und es gibt weitere Vorschläge von ChatGPT zu rechtsverletzenden Illustrationen sowie Texten – ohne jede Erwähnung des Ursprungs.

Neinhorn Illustrationen Cover - original versus Fake
Gegenüberstellung von Original (links) und Fake (rechts, generiert von ChatGPT)

 

Viele Unsicherheiten

Urheberrechtsfragen zu Texten und Bildern sind bisher nicht ausreichend geklärt, was zu viel Unsicherheit führt – und zu rechtlichen Schritten wie in diesem Fall. Denn hier scheint es offensichtlich, dass die Illustrationen und Texte zum Training von Sprach- und Bildmodellen genutzt wurden.

Der Verlag kommentiert:

»Die von ChatGPT erzeugten Illustrationen lassen sich vom Original-NEINhorn kaum unterscheiden.«

Und weiter sei es außerdem so, dass »ChatGPT ganze Druckvorlagen für illustrierte Geschichten samt Umschlaggestaltung, Impressum, einer falschen Bestellnummer und Verlagslogo anbiete.«

Eine Prise Humor trotz Empörung

Obwohl die Urheber sich das nicht gefallen lassen wollen und nun rechtlich dagegen vorgehen, kommentieren sie es mit Humor. Und zwar wie das Neinhorn sagen würde: »NEIN« zum Klau von menschlich gefertigten Inhalten. Die Empörung ist natürlich trotzdem stark.

»OpenAI klaut einfach alle Kunst und Kultur der ganzen Welt und glaubt, damit durchzukommen? Da fällt dem NEINhorn nur ein Wort dazu ein: Nein!« (Marc-Uwe Kling, Autor)

Die Original-Illustrationen von Astrid Henn zum »NEINhorn« sind übrigens aktuell in einer großen interaktiven Familien-Sonderausstellung mit rund 30 Original-Illustrationen, Skizzen und Mitmach-Stationen im Karikaturmuseum Krems in Österreich (laufend bis zum 30. Juni 2027) zu sehen.

Die Rechtsfragen über Inhalteklau in Zeiten von ChatGPT und Co. gehen weiter, denn geklärt ist hier erst mal wenig. Dagegen vorzugehen, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Was aber, wenn einzelne Illustrator:innen sich mit dieser Problematik konfrontiert sehen, ohne dass ein Verlag dahintersteht?

Helfen kann dabei eine Rechtsschutzversicherung für Freelancer:innen. Man sollte aber genau prüfen, inwiefern Plagiate durch KI und KI-Trainings abgedeckt sind.

 

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Böttcher wird BOETTCHER – Fahrradhersteller mit neuem Markenauftritt – Design Tagebuch


Der norddeutsche Fahrradhersteller Böttcher vollzieht eine visuelle, zugleich strategische Neuausrichtung. Unter dem künftig in Versalien und ohne Umlaut geschriebenen Namen BOETTCHER bündelt das Traditionsunternehmen seine Fahrradmarke, den Teile-Großhandel, den E-Commerce-Service sowie den eigenen Flagship-Store unter einer gemeinsamen Dachmarke.

Böttcher Fahrräder ist ein deutscher Fahrradhersteller und -großhändler mit Sitz in Wesseln bei Heide, Schleswig-Holstein. Das Unternehmen geht auf ein 1851 gegründetes Manufakturgeschäft zurück; Fahrräder werden seit 1907 gefertigt. Böttcher produziert individuelle Fahrräder und vertreibt zusätzlich Marken wie Grecos und Superior. Der Vertrieb richtet sich vor allem an den deutschen Fachhandel und reicht in weitere europäische Märkte. Regional ist das Unternehmen besonders in Norddeutschland verankert.

Das vor wenigen Tagen vollzogene Rebranding bedeutet für das Traditionsunternehmen die größte Veränderung des visuellen Erscheinungsbildes seit langer Zeit. In der Vergangenheit wurden die Marke Böttcher und das Unternehmen Böttcher visuell weitestgehend eigenständig geführt. Die Zusammenführung unter einem gemeinsamen Markendach sorge für Einheitlichkeit und kommuniziere eine zukunftsorientierte Ausrichtung, so das Unternehmen. Die neue Außendarstellung sei „moderner, cleaner, minimalistischer“, wie es im frisch relaunchten Webauftritt (boettcher-fahrraeder.de) heißt.

Böttcher Logo – vorher und nachher, Bildquelle: Böttcher Fahrräder, Bildmontage: dt
Böttcher Logo – vorher und nachher, Bildquelle: Böttcher Fahrräder, Bildmontage: dt

Das Logo wurde von Grund auf neu gestaltet. Aus einer Wortmarke mit handschriftlichem Charakter wurde ein aus schräg gestellten Großbuchstaben bestehendes Typologo. Die nach rechts geneigte Wortmarke kommuniziert Bewegung und Dynamik – ein im Kontext Radsport gängiges, weitverbreitetes Gestaltungsprinzip (siehe Wortmarken von Mitbewerbern wie Giant, Scott, Bergamont, Focus, Trek, Winora, Rose, Focus u.a.). Einkerbungen und die Zerlegung der Buchstaben in spitzkantige Segmente, wie beispielsweise beim E, dessen oberster Querstrich losgelöst vom vertikalen Stamm frei steht, betonen diesen Ausdruck. Die Umstellung der Schreibweise von „Ö“ auf „OE“ folgt der angestrebten stärkeren internationalen Positionierung.

Auch die traditionell am Fahrradrahmen montierte Plakette mit „B“-Bildmarke wurde redesignt. Dabei wurde die umgebende Schildform entfernt und die scriptuale Formensprache in eine stärker abstrahierte B-Form überführt. Das B fungiert im Sinne eines Sekundärlogos/Zweitzeichens.

Premiere feierte das neue Erscheinungsbild samt überarbeitetem Messestand auf der Fachmesse Bike&Co in Kassel. Wie Geschäftsführer Hauke Niemann betont, werde der neue Markenauftritt schrittweise über das kommende Jahr hinweg in allen analogen und digitalen Touchpoints ausgerollt. „Ein Rebranding passiert nicht von jetzt auf gleich, es ist ein stetiger Wandel, mit dem wir uns auch noch im kommenden Jahr intensiv beschäftigen müssen. Aber wir glauben daran, dass dies ein richtiger und wichtiger Schritt für unsere Marke ist“, so Niemann.

Mediengalerie



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Kollaboration als kreativer Treiber in Zeiten von KI › PAGE online


Kompetenzen zusammenbringen, weitergeben und ständig im Austausch sein: Stimmen aus der Kreativbranche betonen, wie wichtig das für die zukünftige Zusammenarbeit ist. PAGE hat genauer nachgehakt.

Kollaboration als kreativer Treiber in Zeiten von KI › PAGE online
PAGE live »Design the AI Age«. Workshop: Future Booth, Ellery Studio. Co-kreativer Austausch. Foto: Sebastian Hoehn

Bei PAGE live »Design the AI Age«, hosted by MetaDesign, hat PAGE die Kreativ-Community zusammengebracht, um über drängende Fragen zu diskutieren. Dabei wurde ein prägnanter Lösungsansatz für aktuelle Fragestellungen und Problemthemen identifiziert, den wir eigentlich alle schon kennen: Kollaboration. Im Kontext der Arbeit mit künstlicher Intelligenz verdient dieser Punkt jedoch wieder eine stärkere Gewichtung.

Warum? Das kommentiert die Branche selbst. Kreative aus den verschiedensten Bereichen haben PAGE beantwortet, warum kreative Praxis in Zeiten von KI mehr denn je von Kollaboration lebt. Und warum es so wichtig ist, gerade jetzt Kompetenzen zusammenzubringen.

Bringt eure Kompetenzen zusammen!

Das sagen die Stimmen:

Dorjee Lhamo Gerhard, Senior Concept Creative bei TBWA:

»Kreative Praxis lebt in KI-Zeiten mehr denn je von Kollaboration, weil Arbeit einer der letzten Orte ist, wo wir noch auf Leute treffen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Alles andere ist längst kuratiert – unser Feed, unser Freundeskreis, unser Viertel. Es ist die Reibung mit anderen Perspektiven, Beweggründen und Lebensrealitäten, die Kreativität antreibt. Kurz gesagt, Kollaboration konfrontiert dich und KI bestätigt dich. Kreative Kollaboration mindert die Gefahr einer generativen Echokammer.«

PAGE Live Design the AI Age: Main Stage Panel mit mehreren Gästen
Panel »Coping or Creating?«. V.l.n.r.: Moderator Simon Graff, Dorjee Lhamo Gerhard, Senior Concept Creative bei TBWA, Sarah Leonie Freiin von Froenau, Creative AI Specialist und Sebastian Kopp, Experte Copywriting. Foto: Sebastian Hoehn

Taisia Tichnowetzki, Head of Design, Sapera Studios:

»Kreative Praxis lebt in Zeiten von KI mehr denn je von Kollaboration, weil sich eine Haltung und ein Gespür für den Kontext von Kunden erst im Austausch bilden. Im Gespräch mit anderen entstehen Meinung, Geschmack und auch die nötige Reibung, um gute Entscheidungen zu treffen. KI allein liefert dagegen eher beliebige Ergebnisse. Ein großes Potenzial von KI in der kreativen Zusammenarbeit sehe ich auch in einem gemeinsamen Gehirn und im schnellen Testen und Verwirklichen von guten Ideen, über die man sich so leichter austauschen kann.

Für mich stecken zwei große Themen darin, die Kompetenzen zusammenzubringen. Erstens: Durch KI entsteht schlicht mehr Output, und deutlich mehr unterschiedliche Menschen können Content erstellen. Das benötigt mehr Zusammenarbeit, um daraus tragfähige Strategien zu formen. Zweitens beobachte ich, dass wir mit KI über unsere ursprünglichen Kompetenzen hinausgehen können, zum Beispiel, wenn ich als Designerin ohne Programmierkenntnisse mit KI eine interaktive Infografik bauen kann. Ich glaube, dass unsere Arbeit dadurch generalistischer und vielfältiger wird. Und genau deshalb wird Austausch wichtiger: Wenn wir keinen AI-Slop produzieren wollen, müssen wir uns weiterbilden und mit unterschiedlichen Expert:innen zusammenarbeiten. Sei es die Programmiererin, die stärker ins Design geht, oder umgekehrt. Das macht das Thema für mich gerade sehr spannend.«

PAGE Live Design the AI Age: Main Stage Panel mit mehreren Gästen
Panel »Branding in der KI Ära«. V.l.n.r.: Moderatorin Ivana Radovanovic; Carina Morales, Head of Brand Activation bei Kleinanzeigen; Taisia Tichnowetzki, Head of Design, Sapera Studios; Stefan Aust, Marketing Transformation Lead Volkswagen AG; Daniel Leyser, Global CEO bei MetaDesign. Foto: Sebastian Hoehn

»Das Beste kommt aus dem Raum zwischen vielen«

Melita Radocaj, AI Creative Direction:

»Ein Team ist im Grunde ein Raum voller anderer Rechenwege. Jede:r kommt mit dem eigenen Gepäck an, mit einer anderen Kultur, anderen Eindrücken, anderem Wissen, einer anderen Art, überhaupt an eine Sache heranzugehen, darin liegt der Reichtum. Ein bisschen wie in der Mathematik: 8 + 7 sind 15. Man kann aber auch erst mit 8 + 2 die 10 vollmachen und dann die restlichen 5 addieren. Gleiches Ergebnis, anderer Denkweg. Und manchmal ist genau dieser andere Weg die eigentliche Entdeckung und das macht mich reicher, als ich es allein je sein könnte. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Tools scheinbar alles können, wird das wichtiger. Die Werkzeuge sind unerschöpflich, aber wie viel wir aus dieser Unerschöpflichkeit herausholen, hängt an etwas, das die Maschine nicht besitzt; an unserem Urteilsvermögen, an unseren Eindrücken, an unserer Persona.

Kein Mensch kann alles, aber viele Menschen können zusammen fast alles, und wenn eine:r in der Sackgasse steht, gibt es fast immer jemanden, der eine Tür sieht, wo ich nur die Wand gesehen habe. Dann ist da noch etwas, das gern vergessen wird. Die KI bietet uns an, ganz allein zu arbeiten, still, effizient. Aber der Mensch, der nur noch allein arbeitet, verkümmert – emotional und sozial – und das merkt man irgendwann auch der Arbeit an. Im Team lerne ich die anderen Persönlichkeiten kennen, ihre Eigenheiten, ihre Widersprüche, ihre ganz eigene Art, die Welt zu lesen, und das ist keine Nebensache, das ist Nahrung. Es gibt Momente, in denen eine einzelne Person schneller und klarer ist, und das Volumen überschaubar bleibt. Dann kann eine:r allein viel bewegen. In fast allen anderen Fällen glaube ich fest an das gemeinsame Arbeiten, weil das Beste aus dem Raum zwischen mehreren kommt.«

Jeannette Bergen, AI Artist:

»KI macht uns technisch unabhängiger: Heute kann jede:r vieles selbst bedienen – von Art Direction über Fotografie bis Motion. Aber möglich heißt nicht automatisch gut. Effizient arbeiten heißt auch, etwas wirklich zu beherrschen. Deshalb wird Kollaboration wichtiger: Sie bringt unterschiedliche Perspektiven und Spezialist:innen zusammen – etwa bei hybriden Shootings oder in der Zusammenarbeit mit Bewegtbild-Expert:innen. Je mehr wir allein können, desto wichtiger wird es, bewusst miteinander zu arbeiten.«

PAGE Live Design the AI Age: fünf Teilnehmende und Workshop-Speaker
Gäste und Workshop-Referentinnen im Austausch. V.l.n.r.: Sibel Bicer von PAGE, Jeannette Bergen (AI Artist), Melita Radocaj (AI Creative Direction), zwei Gäste. Foto: Sebastian Hoehn

Daniela Vogel, Computational Designerin bei Stan Hema:

»Es macht mir einfach mehr Spaß, mit Menschen zu diskutieren, als mit einem Chatbot im Einvernehmen zu bleiben. Durch unterschiedliche Erfahrungen, Kompetenzen und Haltungen entsteht Reibung – und die kann kreative Arbeit enorm voranbringen. Wenn ich mit KI arbeite, bewege ich mich dagegen schnell in meiner eigenen Bubble: Der Chatbot bestätigt meine Ideen und spinnt sie weiter, begegnet ihnen aber nicht mit eigenen Erfahrungen, geschweige denn einer Haltung. Wenn ich jedoch in die fragenden Augen einer Kollegin sehe, weil ich eine Idee offenbar noch nicht klar genug zu Ende gedacht habe, oder merke, wie sehr uns ein Thema im Team beschäftigt, wird mir klar: Wir arbeiten an etwas, das über meine eigene Perspektive hinausgeht, an etwas das uns wichtig ist. Diese Momente treiben mich an und geben meiner Arbeit mehr Tiefe und Wertigkeit. KI beschleunigt den kreativen Prozess – Kollaboration gibt ihm Bedeutung.«

PAGE Live Design the AI Age: Workshop Stan Hema
Daniela Vogel, Computational Designerin bei Stan Hema, beim Workshop »Gestaltung im Branding« mit den Teilnehmer:innen. Foto: Sebastian Hoehn

Nick Stübe, Interaction Designer, Zukunftsforscher & Strategist:

»Ich weiß, wie man lebendige Communitys von Grund aufbaut und nachhaltig pflegt. Für mich ist eine Community die gezielte Gestaltung von Kultur mithilfe systemischer Designmethoden. Ich habe erlebt, wie wichtig Communitys als Türöffner sind – sie helfen beim Ankommen in neuen Umgebungen und schaffen persönlichen Austausch über Silogrenzen hinweg. Ich kenne die typischen Stolpersteine – viele Communitys scheitern, weil das klare Warum fehlt oder keine Zeit für die Pflege investiert wird. Und ich bin überzeugt, dass echte Innovation nur dort entsteht, wo tiefer Austausch und ein geschützter Raum zum Experimentieren gegeben sind.«

PAGE Live Design the AI Age, Stickertisch
Ein weiterer Ort zum lockeren Austausch bei »Design the AI Age« bot der Stickertisch von StickerApp mit von Illustrator:innen gestalteten Illus. Foto: Sebastian Hoehn

 

Das war das Event »Design the AI Age« im Detail!

Lest mehr zu den Key Learnings in der nächsten PAGE-Printausgabe.

 



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