Datenschutz & Sicherheit
Intime Aufnahmen aus Metas Kamera-Brille landen in Nairobi
Auf den ersten Blick sind die „Smart Glasses“ von Meta nur markante Brillen mit breitem Rand; auf den zweiten Blick wird eine Kamera-Linse sichtbar. Recherchen schwedischer Zeitungen zeigen nun, wie tief die neue Überwachungsbrille von Meta in Privatsphäre und Datenschutz eingreift. Wenn viele Menschen solche Brillen tragen, droht die kommerzielle Totalerfassung von privaten und öffentlichen Räumen; bald könnte Meta die Brille zusätzlich mit Gesichtserkennung aufrüsten.
Vermarktet wird die im September 2025 von Meta-Chef Mark Zuckerberg wie eine Sensation vorgestellte Überwachungsbrille als stylischer Allround-Assistent, der den Alltag erleichtern soll. Dabei greift das Gerät massiv in die Privatsphäre der Nutzenden ein, wie Recherchen der schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten zeigen. Sie haben hinter die Kulissen des Gadgets geschaut und dabei Erstaunliches herausgefunden. Demnach fließt ein „versteckter Strom privatsphärenrelevanter Daten“ direkt in die Systeme des Tech-Konzerns und von dort auf Bildschirme von Datenarbeiter:innen.
Menschen in Nairobi berichten von gefilmten Toilettengängen
Über Meta gelangen die Daten demnach zum Dienstleister Sama, der für den US-Konzern arbeitet. Dort schulen Menschen „Künstliche Intelligenz“. Das heißt, sie benennen in mitunter 10-Stunden-Schichten gefilmte Gegenstände, damit die Software besser Objekte erkennen kann, etwa Blumen, Straßenschilder, Laternen, Autos und so weiter. Was Tech-Konzerne oftmals als technische und digitale Revolution verkaufen, basiert also auf der mühevollen Arbeit von Menschen in Niedriglohnländern. Der Clou: Auch Aufnahmen der „Smart Glasses“ landen offenbar bei Sama, wie die schwedischen Zeitungen berichten.
Die Journalist:innen haben mit mehr als 30 solcher Datenarbeiter:innen in Nairobi, Kenia gesprochen. Einige von ihnen sind mit Echtzeit-Daten beschäftigt, die offenbar auch durch die Überwachungsbrillen zu ihnen gelangen. Im Artikel des Svenska Dagbladet heißt es über die Mitarbeitenden von Sama:
Sie erzählen uns von sehr privaten Videoclips, die offenbar direkt aus westlichen Haushalten stammen und Menschen zeigen, die die Brille in ihrem Alltag nutzen. Mehrere beschreiben Videomaterial, das Toilettengänge, Sex und andere intime Momente zeigt.
Zum Beispiel hätten Brillen auf dem Nachtisch gelegen, während sich jemand umzieht. In einem anderen Fall habe jemand die Brille getragen, als eine Person nackt aus dem Badezimmer kam. Wohnzimmer seien ebenso zu sehen gewesen wie Bankkarten – oder Nutzer:innen, die gerade einen Porno schauen. Die Datenarbeiter:innen sollen auch private Chats gesehen haben, berichtet das Svenska Dagbladet.
Im Artikel kommt ein anonymer Mitarbeiter von Sama zu Wort. Auf die Frage, ob es sich anfühle, als würde man direkt in das Leben der Menschen schauen, sagt er:
Wenn man diese Videos sieht, fühlt es sich so an. Aber da es ein Job ist, muss man es tun. Man versteht, dass man das Privatleben von jemandem betrachtet, aber gleichzeitig wird von einem erwartet, dass man einfach seine Arbeit macht. Man soll keine Fragen stellen. Wenn man anfängt, Fragen zu stellen, ist man weg.
Volle Funktionen nur mit Datenweitergabe
Die Journalist:innen haben die Brillen auch technisch getestet. Beim Kauf hätten sie erfahren, dass sich die Brillen auch lokal per App nutzen ließen. Doch ohne Internetverbindung habe die KI-Funktion der Brille nicht funktioniert. Bei der Analyse des Netzwerkverkehrs stellten die Recherchierenden fest: Das mit der Brille verbundene Telefon habe häufig Kontakt zu Meta-Servern in Schweden und Dänemark.
Dem Artikel zufolge spiegele sich das auch in den Datenschutzbestimmungen wieder, die Nutzer:innen der Brille bestätigen müssen. Damit der KI-Assistent funktioniert, müssten Sprache, Text, Bilder und manchmal auch Videos verarbeitet und möglicherweise weitergegeben werden. „Diese Datenverarbeitung erfolgt automatisch und kann nicht deaktiviert werden“, heißt es in dem Bericht weiter. Auch in die Überprüfung aufgezeichneter Inhalten durch Menschen müssten Nutzer:innen einwilligen, um die Brille verwenden zu können.
„Transparenz und Rechtsgrundlage fehlen“
Kleanthi Sardeli ist Juristin bei der Wiener Datenschutz-Organisation None Of Your Business (NOYB). Sie kommentiert die Datenverarbeitung gegenüber dem Svenska Dagbladet: „Wenn dies in Europa geschieht, fehlen sowohl die Transparenz als auch die Rechtsgrundlage für die Verarbeitung.“ NOYB zufolge ist eine ausdrückliche Zustimmung erforderlich, wenn Daten zum Trainieren künstlicher Intelligenz verwendet werden.
Auch die schwedische Datenschutzbehörde IMY kritisiert gegenüber der Zeitung die Datenverarbeitung. „Der Nutzer hat wirklich keine Ahnung, was hinter den Kulissen vor sich geht“, sagt Petter Flink, ein IT-Spezialist der IMY.
Meta habe auf viele konkrete Fragen des Svenska Dagbladet zur Datenverarbeitung nicht konkret geantwortet, sondern auf die KI- und Datenschutzrichtlinien verwiesen: „Wenn Live-KI verwendet wird, verarbeiten wir diese Medien gemäß den Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien von Meta AI.“ Das Subunternehmen Sama hat auf die Fragen der Journalist:innen nicht geantwortet.