Digital Business & Startups
„Jemand richtete eine Schusswaffe auf mich“: Queere Gründer über Hass
Die queere Community trauert nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin. Ein islamistischer Attentäter fuhr am Samstagabend gezielt in eine Menschenmenge. Er tötete eine Frau und verletzte mehr als 30 Menschen.
Am Tatort im Großen Tiergarten und vor dem Brandenburger Tor legen Trauernde seitdem Blumen ab und zünden Kerzen an. Wir haben queere Menschen aus der Startup-Szene gefragt, wie es ihnen nach der Attacke geht und wie sicher sie sich auf den Straßen und im Job fühlen.
Gründer nach CSD-Amokfahrt: „Die Tech-Szene ist eine Bubble“
Marc Funk war selbst den ganzen Samstag über beim CSD. Er ist Founder und Co-CEO des KI-Startups Frontnow. „Ich bin geschockt”, sagt er. “Nach dem Anschlag habe ich das Gefühl: Man feiert das Leben und wird mit dem Tod bestraft.”
Und: “Ich ertappe mich selbst bei dem Gefühl, es sei das New Normal und man finde schnell wieder in den Alltag, weil derartige Ereignisse so oft passieren. Auch wenn es mich traurig macht, es schlimm ist und ich fassungslos bin. Genau das darf eigentlich nicht passieren.”
Als Unternehmer arbeite er in der Tech-Bubble, „die sehr queerfreundlich ist“. Dort herrsche „eine Kultur der Akzeptanz. Ich habe noch nie etwas anderes erlebt. Es ist normal, wenn ich erzähle, dass ich mit meinem Mann in den Urlaub fahre oder ihn auch zu beruflichen Events mitbringe.“ Gleichzeitig sei die Branche eine Bubble. „Das ist nicht die Realität“, sagt er. „Was in der Tech-Szene, in Berlin-Mitte oder in Kreuzberg normal sein mag oder akzeptiert wird, wird in anderen Gegenden nicht akzeptiert.“
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Beim Händchenhalten in Neukölln seien er und sein Mann angepöbelt worden. Im Tropical Island bei Berlin hätten Männer mit Runen-Tattoo ihm „Schwuchtel“ hinterhergerufen. Mittlerweile passe er auf, wie offen er sich auf der Straße zeige. „Es ist immer die Frage, wie stark Queerness sichtbar ist. Und wenn sie nicht so stark sichtbar ist, dann wird man auf der Straße auch nicht angepöbelt.”
Die Zahl der erfassten queerfeindlichen Straftaten hat sich seit 2010 laut Bundeskriminalamt verzehnfacht. Bei nahezu jedem zweiten CSD in Deutschland komme es zu Störungen oder Angriffen, insbesondere durch Rechtsextreme, schreibt die Amadeu Antonio Stiftung.
„Ich wurde auf dem Nachhauseweg mit Glasflaschen angegriffen“
Auch Tinush*Tina Weise steht noch unter Schock. Weise ist CEO des Startups Trueffles und hat den queeren Gründerinnenclub “She/They” gegründet. “Gleichzeitig habe ich mich in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt, wann so etwas auch beim CSD passieren könnte. Es ist erschütternd, wenn eine Angst, die man lange mit sich trägt, plötzlich Realität wird.” In den vergangenen Jahren habe ihr Sicherheitsgefühl immer weiter abgenommen.
“Ich wurde in der U-Bahn verfolgt und beschimpft, in meinem Kiez auf dem Nachhauseweg mit Glasflaschen angegriffen und war auch digitalen Angriffen und Hacks ausgesetzt, teilweise sogar während Meetings. Solche Erfahrungen verändern, wie frei und selbstverständlich man sich im Alltag bewegt.“
In der Startup-Szene fühle sich Weise grundsätzlich wohl damit, offen queer zu sein. Andere queere Menschen fühlten sich weniger sicher. “Ich bin auch deshalb sichtbar, weil ich für jüngere queere Frauen und nicht-binäre Personen ein Vorbild sein möchte”, sagt Weise. “Ich möchte zeigen, dass sie ihren eigenen Weg gehen und Unternehmen gründen können.”
„Queere Sichtbarkeit war nie selbstverständlich“
“Wir verarbeiten das Geschehene als Gemeinschaft noch immer. Es war ein schrecklicher, gezielter Angriff auf Menschen, die einfach nur feiern wollten, wer sie sind”, sagt Naomi Darko. Mit der Pulp-App launcht Darko bald eine Plattform für queere Freizeit-Aktionen.
“Es ist schwer, gleichzeitig mit Trauer und Wut umzugehen und zugleich ein Unternehmen zu führen, das auf der Überzeugung basiert, dass queere Lebensfreude im Alltag möglich sein sollte. Dieses Wochenende sollte ein Fest sein – stattdessen wurde es von Angst geprägt. Wir versuchen, beiden Gefühlen Raum zu geben.”
Sicherheit sei für queere Menschen nie selbstverständlich, sondern immer situativ abhängig. “Mikroaggressionen gehören weiterhin zum Alltag – besonders wenn Menschen queer sind und eine Person of Color. Queere Menschen müssen Risiken oft auf eine Weise mitdenken, über die andere gar nicht nachdenken müssen. Dieses Wochenende hat uns das noch einmal deutlich vor Augen geführt.”
Als Gründerin fühle sich Darko “ziemlich wohl, wobei mir bewusst ist, dass das auch daran liegt, dass ich selbst ein Unternehmen aufgebaut habe, bei dem Queerness im Mittelpunkt steht und nicht etwas ist, das man verstecken muss.”
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Aber Darko kenne auch viele Menschen die Gründen und “nach wie vor überlegen, wie offen sie gegenüber Investoren oder Geschäftspartnern sein können. Das ist traurig, gleichzeitig aber auch ein Spiegel der Realität: Im Startup-Ökosystem fehlt es weiterhin an Sichtbarkeit und Repräsentation, und genau das trägt zu dieser Zurückhaltung bei.”
Als LGBTIQ+ sichtbar bleiben
Steffen Zoller ist Founder, Business Angel und Investor beim Identity VC, der vor allem Startups queerer Gründender finanziert. Er sagt: “Ein Angriff auf Menschen, die friedlich für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Vielfalt zusammenkommen, richtet sich letztlich gegen unsere offene Gesellschaft insgesamt.”
Trotzdem wolle er sich nicht von Angst leiten lassen. “Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir als Community sichtbar bleiben, Präsenz zeigen und gesellschaftliche Diskussionen anstoßen, statt sie zu meiden”, sagt Zoller.
“Ich habe das Privileg, in vielen Situationen offen leben zu können. Trotzdem hat sich mein Sicherheitsgefühl über die letzten Jahre verändert. Wenn Gewalt oder Anschläge gezielt gegen queere Menschen oder Minderheiten gerichtet ist, frage ich mich automatisch, wie ich bestimmte Situationen heute anders bewerte als früher. Diese Entwicklung macht mich nachdenklich.”
Wiederholt habe er selbst extremistische Gewalt erlebt. “Die prägendste Erfahrung war als jemand aus einer Gruppe junger Menschen eine Schusswaffe auf mich richtete, als ich meinen damaligen Freund geküsst habe. Trotzdem lasse ich mich davon nicht abhalten, für Sichtbarkeit einzutreten. Ich nehme wahr, dass queere Menschen zunehmend ins Visier ideologisch motivierter Gruppen geraten, unabhängig davon aus welchem extremistischen Spektrum sie kommen”, sagt er.
Die Startup-Szene erlebe er als offen und leistungsorientiert. “Die sexuelle Orientierung ist aus meiner Sicht kein entscheidendes Kriterium. Ich hatte nie den Eindruck, dass sie meine unternehmerischen Chancen eingeschränkt hat. Gleichzeitig kenne ich Gründerinnen und Gründer, die sehr genau überlegen, ob und wann sie sich outen. Das sollte eigentlich im Jahr 2026 keine Rolle mehr spielen. Menschen sollten an ihren Ideen, ihrer Führungsqualität und ihrer Leistung gemessen werden, nicht an ihrer sexuellen Orientierung.” Als Gründer sehe er eine Verantwortung, sichtbar zu sein. “Sichtbarkeit schafft Vorbilder und zeigt jungen Gründerinnen und Gründern, dass unternehmerischer Erfolg und ein offenes Leben zusammengehören können.”
Nach dem Anschlag ist die Angst größer geworden. Die Botschaft aller vier Gründerinnen und Gründer ist trotzdem dieselbe: Unsichtbar werden wollen sie nicht.
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Diese Gründer kündigten bei Nvidia – was Jensen Huang ihnen danach sagte
Sie ließen Nvidia und Millionen in Aktien hinter sich, um eigene Startups zu gründen. Zum Abschied sagte Jensen Huang ihnen ziemlich direkt, was er von ihren Plänen hielt.
Kurz bevor David Hoeller und Nikita Rudin Nvidia verließen, hatten sie noch ein spätabendliches Telefonat mit ihrem Chef Jensen Huang. Die beiden waren nervös. Schließlich wollten sie einem der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt den Rücken kehren, um ihr eigenes Startup zu gründen.
Doch Huang versuchte gar nicht erst, sie aufzuhalten. Stattdessen hatte der Nvidia-Chef ein anderes Problem: den Namen ihres Startups. „Er sagte uns, der Name sei schlecht und wir müssten ihn ändern“, erinnert sich Rudin.
Damals wollten die beiden ihr Unternehmen noch „Checkpoint“ nennen. Auch andere hatten ihnen bereits gesagt, dass der Name eher nach einer Firma aus einer anderen Branche klinge. Huangs Urteil gab schließlich den Ausschlag.
„Ich will ihm nicht die ganze Ehre dafür geben, aber wahrscheinlich haben wir den Namen wegen seiner Bemerkung geändert“, sagt Rudin. Aus Checkpoint wurde Flexion Robotics.
Von Nvidia zum eigenen Robotik-Startup
Hoeller und Rudin hatten jahrelang bei Nvidia an Robotik gearbeitet. Sie verschoben die Grenzen von Simulationen und halfen unter anderem bei einer spektakulären Demo, bei der Jensen Huang gemeinsam mit einer Gruppe humanoider Roboter auf der Bühne stand.
Doch irgendwann wollten die beiden ihre Technologie nicht mehr nur innerhalb eines Großkonzerns entwickeln. Sie wollten selbst gründen und Robotik stärker in die reale Welt bringen.
2024 verließen sie Nvidia und gründeten Flexion Robotics. Das Zürcher Startup entwickelt KI für Roboter und hat mittlerweile mehr als 57 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 49 Millionen Euro, eingesammelt.
Beim Abschied gab Huang ihnen allerdings nicht nur ungefragt Branding-Beratung mit auf den Weg. Er warnte sie auch davor, was sie als Gründer erwarten würde. „Seine Botschaft war: Ihr ahnt nicht, wie hart diese Reise werden wird“, erinnert sich Rudin.
Ganz verabschiedet hat sich Nvidia aus der Geschichte von Flexion ohnehin nicht: Der Chipkonzern investierte später selbst in das Startup. Flexion expandiert inzwischen in die USA, hat ein Büro in San Francisco eröffnet und Forscher von Unternehmen wie Meta eingestellt. Nvidia reagierte nicht auf eine Anfrage nach einem Kommentar.
Jensen Huang sagt Gründern offenbar ziemlich direkt, was er von ihnen hält
Hoeller und Rudin sind nicht die einzigen Nvidia-Mitarbeiter, die beim Abschied noch eine persönliche Einschätzung ihres Chefs bekamen.
Bei Bing Xu wurde das Gespräch sogar noch persönlicher. Xu war 2024 zu Nvidia gekommen, nachdem der Konzern sein erstes Startup übernommen hatte. Anfang dieses Jahres entschied er sich, wieder zu gründen. Dafür ließ er nach eigenen Angaben Nvidia-Aktien zurück, die für ihn potenziell lebensverändernd viel Geld wert gewesen wären.
Sein neues Startup INT21 entwickelt mithilfe von KI Software für die Chipindustrie. Dieses Mal wollte Huang einen Mitarbeiter tatsächlich vom Gehen abhalten.
Nachdem Xu seine Pläne mitgeteilt hatte, setzte sich der Nvidia-Chef zwei Stunden lang mit ihm und anderen Führungskräften zusammen. Sie sprachen über Xus Arbeit – und darüber, warum er bleiben sollte.
Dann wurde Huang persönlich. Xus größte Schwäche sei seine Kommunikation, sagte ihm der Nvidia-Chef. Sie könne sogar verhindern, dass er sein volles Potenzial ausschöpfe. Xu sei technisch so tief in seinen Themen, dass er häufig davon ausgehe, sein Gegenüber verfüge über dasselbe Wissen. Dadurch seien seine Erklärungen für andere schwer nachvollziehbar. Für einen Gründer keine ganz unwichtige Schwäche.
„Das ist das ehrlichste Feedback, das ich in den vergangenen zehn Jahren über mich selbst bekommen habe“, sagt Xu. Die Kritik traf offenbar einen Nerv. Xu arbeitet inzwischen mit einer PR-Agentur zusammen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass meine Kommunikation ein so großes Problem sein würde“, sagt er. „Aber als Jensen es mir sagte, beschloss ich, die Gelegenheit zu nutzen, um eine bessere Version meiner selbst zu werden.“
Huang beließ es allerdings nicht bei der Kritik. Xu hatte zu dieser Zeit nach eigenen Angaben mit Bluthochdruck und anderen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Huang riet ihm deshalb, eine Pause einzulegen und sich zu erholen.
Für Xu gehörten beide Seiten zusammen: die ungewöhnlich direkte Kritik und die persönliche Sorge um seine Gesundheit. Beides habe ihm gezeigt, dass Huang wollte, dass er Erfolg hat – auch wenn dieser Erfolg am Ende außerhalb von Nvidia stattfinden würde.
Lest den Originalartikel auf Business Insider US.
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Das Gipsdreieck – das inoffizielle Wohnzimmer der Berliner Startup-Szene
Berlin Mitte, Scheunenviertel. Ungefähr halb sieben an einem Donnerstag. Die Sonne steht tief. Der Sommer zeigt seine letzte Kraft. Gut, wenn man eine Sonnenbrille dabei hat. Die Gründerszene-Reporter ergattern einen Platz auf der Terrasse des Restaurants Contadino sotto le stelle. Es ist einer dieser Berliner Sommerabende, die unvergesslich sein können. Oder wo einfach gar nichts passiert. Die Chance auf Größe und auf Scheitern. Wie bei einem VC-Investment.
Der Kellner bringt Limonata, italienischen Weißwein und die grande degustazione di mozzarella. Das Leben ist gut. Aber was führt die Reporter hierher?
Das Gipsdreieck, ein Winkel von Berlin-Mitte mit Gründerzeitfassaden, Graffitis und Skaterpark, hat in der Startup-Bubble eine besondere Bedeutung. Es ist der Ort, an dem immer jemand zu treffen ist.
Glas Vino und VC-Geld
Oder wie es Delivery-Hero-Gründer Nikita Fahrenholz mal in unserem Podcast „Royal GS“ sagte: „Also Jungs und Mädels, wenn ihr Geld raisen wollt, verbringt einfach, wenn es sonnig und warm ist, eure Zeit am Gipsdreieck beim Glas Vino. Auch in der Milchbar zum Beispiel, hängen ganz schön viele Investoren ab.“
Das ist kein Zufall. Namhafte VCs haben ihre Büros in Laufweite, Cherry Ventures, der Hightech-Gründerfonds, Antler. Die nahe Torstraße ist die Sand Hill Road von Berlin, könnte man sagen, in Anlehnung an die Straße mit all den VCs im Silicon Valley. Aber das etwas von etwas anderem zu sein, macht es doch unnötig klein. Das Gipsdreieck hat zu bieten, was es an der Sand Hill Road nicht gibt. Nur was es ist, dass müssen wir noch verstehen. Es gibt viele Ecken in Berlin, die so ähnlich aussehen.
Brangelina kamen auch gerne
Die Tische vor dem italienischen Lokal, das schon Angelina Jolie und Brad Pitt bewirtet hat, füllen sich. Viele stehen auch einfach auf dem Trottoir herum. Weiße Leinenhosen, pink oder hellblau gestreifte Hemden, weiße T-Shirts und Retro-Sneakers. Hornbrillen sind auch gerne gesehen. Das Haar trägt man im männlichen Publikum gerne ein Ticken länger. Es sind ein paar Designer-Sonnenbrillen zu sehen, auch eine Louis-Vuitton-Handtasche fehlt nicht in der Szene.
Allzu homogen ist es aber nicht: Viele andere der Gäste passen gar nicht ins VC-Hustler-Schema, sind ostentativ alternativ angezogen: Ein Mann an der Ecke trägt ein T-Shirt der Punkband „Team Scheisse“ („Friedrich Merz, er ist ne Boss Bitch, Hot Boy Summer, es wird frostig“). Tattoos und Birkenstocks, beides längst bürotauglich. Im Jahr 2026 existiert das alles ganz selbstverständlich nebeneinander.
Gutverdiener oder Gegenkultur?
Trotzdem ist es kennzeichnend, welche Mischung man hier sieht: Die Startup-Szene lebte schon immer an der Grenze von alter Wirtschaft und alternativen Ideen. Nur ist es so, dass am Gipsdreieck wenig Gegenkultur übrig ist. Die Mieten sind wahrscheinlich einfach zu hoch. Wer heute in dieser Gegend wohnt, ist ziemlich sicher Gutverdiener. Ob sich das mit Gegenkultur verträgt? Hier möchte man es noch glauben. Gegenthese: Trotzdem zeigt sich hier eine typische Berliner Mischung. Die Startup-Szene bewegte sich schon immer zwischen etablierter Wirtschaft und der Idee, alles neu denken zu wollen.
Doch der Alltag läuft unbeirrt dazwischen hindurch: Touristen bleiben stehen und suchen den Weg zurück zum Alexanderplatz, Lieferfahrer schlängeln sich auf E-Bikes durch die Menge. Eine ältere Frau balanciert gestresst ihren Einkauf über die volle Terrasse. Für sie ist das Gipsdreieck wohl kein Ort für Networking, Investments oder Gründerträume, sondern einfach Heimweg nach einem anstrengenden Arbeitstag.
Es wird Zeit, nicht bloß zu beobachten. Was sagen die Leute am Dreieck selbst? Der Kellner des Contadino findet, es gehe hier nicht so sehr um Business. Die Gäste kämen eher wegen des vertrauten Gefühls, wegen der familiären Umgebung.
Buzzword-Bingo
Aber als es sich füllt, muss man nicht lange auf die Stichworte warten. Am einen Nebentisch geht es um die Frage, ob man für ein Rüstungsstartup wie Helsing arbeiten könne, ohne sich in unmoralisches Terrain zu bewegen („würde das nicht im Lebenslauf stehen lassen“). Wenig später spricht eine der junge Frauen über ihre Karrierepläne. Während sie eine dünne Zigarette raucht, erklärt sie, warum sie nie für einen Konzern arbeiten könnte. Sie mag die vielen Rollen, die ständigen Perspektivwechsel: Selbst ein Startup mit zehn Mitarbeitenden sei ihr eigentlich schon zu groß. Sie wolle möglichst nah an der Entstehung eines Unternehmens sein. Dort, wo noch niemand genau wisse, wie die nächste Woche aussehen werde. Erst wolle sie lernen, ohne selbst das Risiko tragen zu müssen. Die Gründung, das schwingt mit, soll später kommen.
Über Geld spricht dabei niemand. Zumindest nicht als Hauptgrund. Viel mehr geht es um eine gewisse Bedeutung, die man dem Job zuschreibt: Arbeit nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Form der Selbstverwirklichung. Auf der anderen Seite ist auch von Startups die Rede. Auf Nachfrage der Reporter gibt der Sitznachbar sich als Berater zu erkennen. Arbeitsfeld: Startups bei der Suche nach VC-Kontakten zu helfen. Na, also!
Allerdings findet der Herr, wer am Donnerstagabend so „früh“ die richtigen Arbeitstiere treffen wolle, habe nicht verstanden, dass die noch am Arbeiten sind. Schade.
Das sagen die VCs
Wir haben auch bei Berliner VC-Büros nachgefragt. Christoph Klink, Partner bei Antler, sieht die Ecke durchaus als Ort für Freizeit und Business. Es sei eine der schönsten Straßen Berlins, gemütlich mit dem Kopfsteinpflaster. Und nicht so trubelig und verkehrsreich wie der Rosenthaler Platz.
Franziska Oschmann von Speedinvest betont die Work-Life-Mischung sogar explizit: „Was ich besonders mag: Business und Privates vermischen sich hier total natürlich.“ Gerade auf der Steinmauer am Rand des Parks gehe es ein bisschen ums Sehen und Gesehenwerden, aber alles sehr entspannt.
Berliner Mauer
Die Mauer allein kann es aber nicht gewesen sein. Wo man so essen und trinken kann? Die drei berühmtesten Anlaufpunkte sind die Milch Halle, das Contadino und das Hackbarth’s. Wahrscheinlich in dieser zeitlichen Reihenfolge – erst ins Café, dann zum Italiener, zuletzt in die Kneipe. Alle an derselben Ecke des Dreiecks.
Aber vielleicht lohnt sich auch eine Tour zu den anderen zwei Ecken. Gut 100 Meter lang ist die Hypothenuse des Dreiecks, die namensgebende Gipsstraße. Die anderen zwei, etwas kürzeren Seiten bilden die Joachim- und die Auguststraße.
„Typisches Mitte-Girl“
Da unten ist der Vibe gleich ein wenig anders. Vor dem Restaurant „Altes Europa“ sitzen zwei Frauen. Die eine lädt die Reporter sofort ein. Sie sei hier die Anwerberin, sagt sie sektseelig und lacht. Ist wirklich nur Spaß, sie ist eigentlich Markenstrategin, erklärt sie und lächelt dabei schon weniger. Ihre Freundin nennt sie feixend „das typische Mitte-Girl“. Die so Bezeichnete möchte das nicht auf sich sitzen lassen. Dabei ist es doch als Kompliment gemeint, jedenfalls auch. Berlin Mitte ist ein elitärer Ort. Aber anders als in den Zentren von Paris, London oder San Francisco, ist es eine Elite, die ihre Street Credibility nicht verlieren will, jedenfalls nicht den Anschein davon.
Die Freundin will bald nach Luxemburg umziehen, was auch nicht gerade der Inbegriff von Street Style ist. In der Gründerszene hat das Großherzogtum einen klangvollen Namen, nicht nur wegen der billigen Steuern, aber auch. Die Freundin ist aber Galeristin und hat nichts mit VCs am Hut. Die Markenstrategien macht einen Sekt klar, den sie ausdrücklich lobt, und für fünf Euro ist das nach Mitte-Standards auch echt kein schlechter Deal. Generell muss man sagen, dass man im angeblichen „Sylt von Berlin“ (Berliner Zeitung) noch recht günstig essen und trinken kann. Wenn die VC-People viel Geld ausgeben wollten, hätten sie in Mitte zahlreiche andere Optionen.
Aber Geld ausgeben ist ja schon ihr Job. Da kann man abends auch mal günstiger unterwegs sein. „Die Preise sind fair, die Leute entspannt“, sagt Investorin Elisabeth Ziv vom Hightech-Gründerfonds. „Es ist lebendig und hat trotzdem diese bubble. Das macht es zum perfekten Ort zum Arbeiten und Abhängen zugleich.“
Kiezkultur hat nur Berlin
Das Kiezige, Bodenständige, macht etwas von dem Reiz des Gipsdreiecks aus, findet auch Investor Victor Huerbe von Cherry Ventures. In Berlin ist ja alles ständig vom Wandel und vom Verfall getrieben. Auch das Kiezgefühl. Spätestens seit Corona, vielleicht auch schon seit es Smartphones gibt, drohte etwas verloren zu gehen. Die spontane Begegnung. Sich darauf einzulassen, dass man Leute trifft, die auch ein bisschen anders sind. Das Gipsdreieck ist einer der Orte, wo das immer noch geht.
Weiter ins Hackbarth’s, wo schon die Pet Shop Boys und der Produzent von REM getrunken haben sollen, wie die Berliner Zeitung von einem Stammgast gehört hat. Das Ambiente ist eher Babylon Berlin als „Losing my Religion“. Man kann nur bar zahlen. Auch das ein Stück altes Berlin, das man den aus London oder San Francisco Zugereisten schwer erklären kann. Aber vielleicht macht das den Reiz aus, das Anderssein. Wenigstens kann man hier überhaupt draußen sitzen. Es ist nicht zu kalt dafür, wie in UK, und nicht zu gefährlich, wie in Kalifornien.
Ruhe, bitte!
Noch sitzen die meisten tatsächlich draußen. Sehen und gesehen werden ist ein regelmäßig zu hörendes Stichwort zum Gipsdreieck. Das geht draußen besser als drinnen. Es ist aber auch lauschig. Autos fahren nur wenige entlang. Mitten in Berlin und trotzdem ruhig. So viel Flanierfaktor kennt man sonst eher aus Italien.
Bald ist 22 Uhr und der Wirt des Hackbarth’s nimmt es genau: Man müsse jetzt reingehen. Berlin ist zwar nicht so richtig Deutschland, aber auch nicht so richtig wild. Die Ruhezeit gilt!
Die Gäste lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, einige gehen rein, andere ziehen draußen einfach um: Drüben an der Skateranlage im Park kann man weitertrinken. Fast ein bisschen wie die Dorfjugend es in all den Orten tut, wo es keine Alternativen zum Skatepark gibt. In Berlin gäbe es die zwar reichlich. Aber vielleicht macht es das gerade cool, wenn man auch an einer unspektakulären Straßenecke Spaß haben kann.
Hier steht auch eine niedrige Mauer. Investorin Oschmann hat sie als einen der Gründe für die Beliebtheit des Gipsdreiecks ausgemacht. Weil man darauf so gut sitzen kann, wenn man es vor den Cafés und Bars nicht mehr darf.
Ein bisschen Ironie hat das schon: Eine Berliner Mauer, die Menschen verbindet.
Digital Business & Startups
Maschmeyer verrät Tricks: So bringt ihr Menschen dazu, euch zuzuhören
Ein Pitch ist ein bisschen wie ein Flug. Dazwischen darf es ruhig mal ruckeln. Entscheidend sind Start und Landung.
So erklärt Carsten Maschmeyer, worauf es bei einem guten Startup-Pitch wirklich ankommt. Wenn es während eines Flugs zwischen Berlin und München in der 17. Minute etwas wackele und dabei ein bisschen Orangensaft verschüttet werde, sei das schnell vergessen. Ein misslungener Start oder eine schlechte Landung dagegen könnten fatal sein.
Bei Pitches sei es ähnlich. „Die meisten sind im Mittelteil gut“, sagt Maschmeyer zu Gründerszene. Die Probleme entstehen häufig davor und danach.
Die ersten zwei Minuten entscheiden
„Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“, sagt Maschmeyer. Schon nach wenigen Minuten habe sich das Gegenüber ein Bild gemacht: Ist die Person spannend? Traue ich ihr das zu? Will ich weiter zuhören?
Deshalb müsse ein Pitch mit Spannung und Neugier beginnen und nicht mit organisatorischen Fragen. „Sollen wir uns erst vorstellen? Oder wollen Sie wissen, wie wir auf die Idee gekommen sind? Oder sollen wir gleich in den Pitch? Das ist schon versaut“, sagt Maschmeyer.
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Er selbst habe vor Kurzem in Stockholm vor rund 100 Versicherungsvorständen einen Vortrag über Künstliche Intelligenz gehalten. Obwohl er sich weder als KI-Spezialist bezeichnet noch Englisch seine Muttersprache sei, habe er die ersten und letzten zwei Minuten seines Vortrags auswendig gelernt.
Seine Botschaft an Gründer: Überlegt euch genau, wie ihr startet. Der Einstieg muss dafür sorgen, dass die Menschen im Raum ihre Handys weglegen, aufhören, auf ihren Laptops herumzutippen und zuhören.
Erst kaufen Investoren euch, dann das Produkt
Dabei geht es am Anfang noch gar nicht primär um Zahlen, Marktgrößen oder Businesspläne. „Wir müssen erst euch kaufen, dann eure Produkte“, sagt Maschmeyer. Seine Formel dafür: „Person over Product.“
Bevor Investoren von einem Geschäftsmodell überzeugt seien, müssten sie glauben, dass die Gründer die richtigen Menschen dafür sind. Die Beziehungsebene komme vor der Sachebene.
Das beginnt für Maschmeyer bereits beim Lebenslauf. Gründer sollten nicht einfach chronologisch erzählen, wo sie Abitur gemacht, studiert und anschließend gearbeitet haben. Stattdessen sollte ihre Biografie erklären, warum ausgerechnet sie dafür geeignet sind, genau dieses Unternehmen aufzubauen.
Maschmeyer macht ein Beispiel: Wer mit einer kreativen Mutter und einem besonders strukturiert denkenden Vater aufgewachsen sei, könne erklären, wie ihn diese beiden Eigenschaften geprägt haben. Wer aus einer Unternehmerfamilie komme, könne erzählen, wie Profitabilität, Einnahmen und Kosten schon früh Teil seines Lebens gewesen seien.
Es gehe nicht darum, etwas zu erfinden. Sondern darum, die eigene Geschichte so zu erzählen, dass beim Investor ein Gedanke entsteht: Das Geschäftsmodell mag noch Risiken haben,aber diese Person wirkt, als sei sie genau dafür gemacht.
Single Founder? Für Investoren ein Risiko
Zur richtigen Geschichte gehört für Maschmeyer auch das Team. „Ihr seid alleine nicht genug“, sagt er.
Keine einzelne Person vereine alle Stärken, Eigenschaften und Erfahrungen, die ein Startup benötige. Investoren hätten deshalb Angst vor Single Foundern. Seine Empfehlung: einen Co-Founder suchen, jemanden auf C-Level einstellen oder gezielt Expertise ergänzen.
Entscheidend sei dabei allerdings nicht, einfach mehrere Menschen zusammenzubringen. Sie sollten sich ergänzen.
Drei Gründer, die alle dasselbe studiert haben und denselben Hintergrund mitbringen, seien nicht automatisch ein gutes Team. Wer Informatik studiert habe, könne sich beispielsweise jemanden aus dem Marketing dazuholen. Wer stark in Marketing sei, brauche möglicherweise jemanden, der programmieren könne.
Ideal sei eine Mischung verschiedener Fähigkeiten: Strategie, Sales und Technologie.
Auch wer gerade nichts sagt, pitcht
Ist das Team auf der Bühne, zählt allerdings nicht nur derjenige, der gerade spricht.
„Der wichtigste Zeuge, wenn einer redet, sind die, die nicht reden“, sagt Maschmeyer.
Er vergleicht die Situation mit einer Gerichtsverhandlung. Erzählt eine Person eine Geschichte, während die anderen Teammitglieder skeptisch oder ungläubig schauen, registriert das Publikum genau das. Im schlimmsten Fall wirkt es, als glaubten die eigenen Mitgründer nicht an das, was gerade gesagt wird.
Deshalb sollte ein Team vorher genau klären, wer wann spricht und wie sich die anderen währenddessen verhalten.
Ein Pitch ist kein Wissenstest
Einen weiteren Fehler sieht Maschmeyer darin, möglichst viel Wissen in möglichst kurzer Zeit zeigen zu wollen.
Fachbegriffe und Abkürzungen sollten Gründer möglichst streichen. Und zwar auch dann, wenn ihnen professionelle Investoren gegenübersitzen.
„Erklärt es fünfte Klasse“, rät Maschmeyer.
Auch Investoren freuten sich über einfache Erklärungen. Und die Einfachheit sende noch ein weiteres Signal: Wer einem Investor sein Produkt verständlich erklären könne, könne es wahrscheinlich auch seinen potenziellen Kunden erklären. Komplexität sei kein Beweis für Intelligenz.
Das gilt auch für die Präsentation selbst. Tonspur und Sehspur müssten zusammenpassen. Was ein Gründer gerade sagt, sollte der Investor gleichzeitig auf der Folie erkennen können.
Maschmeyer empfiehlt deshalb, komplexe Charts nicht auf einmal einzublenden. Stattdessen könnten Gründer Elemente nacheinander erscheinen lassen. „Klick, klack, klack, klack“, beschreibt er das Prinzip. So führe der Präsentierende die Augen des Publikums gemeinsam mit seiner Erzählung durch die Folie.
Jedes Startup braucht ein Superlativ
Am Ende müsse ein Startup außerdem eine einfache Frage beantworten können: Was ist bei euch außergewöhnlich?
„Ihr braucht Superlative, ihr müsst irgendetwas super sein“, sagt Maschmeyer.
Das Produkt könne günstiger sein, schneller, nachhaltiger, bequemer oder gesünder. Entscheidend sei, dass es einen klaren Grund gebe, warum das Unternehmen heraussticht.
Der „17. Smoothie-Laden“, dessen Flasche lediglich 50 Milliliter mehr Inhalt bietet, werde Investoren kaum vom Hocker hauen.
Und dann kommt die Landung
Mindestens genauso wichtig wie der Einstieg ist für Maschmeyer das Ende. Viele Gründer würden ihren Pitch einfach auslaufen lassen.
„Das war es eigentlich. Wahrscheinlich haben Sie jetzt Fragen. Wir könnten Ihnen aber auch noch unseren Forecast zeigen. Wie möchten Sie?“ Genau so solle man es nicht machen.
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Der letzte Satz müsse sitzen. Statt unsicher das Wort an den Investor abzugeben, sollten Gründer selbstbewusst enden und im besten Fall sogar die Rollen umdrehen.
Maschmeyer formuliert einen möglichen Schluss sinngemäß so: Jetzt wissen Sie, warum wir ein Unicorn werden können. Wir haben mehrere Interessenten und jetzt möchten wir von Ihnen wissen: Was können Sie eigentlich für uns tun?
Plötzlich müsse nicht mehr der Gründer beweisen, warum er das Geld des Investors verdient. Der Investor müsse erklären, warum der Gründer ausgerechnet ihn an Bord holen sollte.
Dann beginnt der Investor vielleicht von seinem Talentpool zu erzählen, von Kontakten in Frankreich oder den USA, von anderen Startups im Portfolio und seinem Netzwerk.
Aus dem Pitch wird ein Wettbewerb um das Startup. Und genau deshalb bleibt für Maschmeyer vor allem eine Regel hängen: Start und Landung. Dazwischen darf es ruhig einmal ruckeln.
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