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Datenschutz & Sicherheit

„Kunst allein reicht nicht aus“


Dass Überwachungskameras in Russland in vielen Situationen des alltäglichen Lebens zum Einsatz kommen und über eingebaute Lautsprecher verfügen, hat die Künstlerin und Hackerin Helena Nikonole auszunutzen gewusst. In ihrem Werk „Antiwar AI“ aus den Jahren 2022 bis 2023 hat die aus Russland stammende Aktivistin zahlreiche Kameras gehackt, die Menschen in Wohnungen, Bars, Friseursalons, Lebensmittel- und Kleidungsgeschäften sowie Wechselstuben permanent überwachen. Über die Lautsprecher hat sie ein Manifest gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine versendet, das als akustische Botschaft plötzlich in den Alltag der Menschen eindrang. Auf diese Weise hat Nikonole diese weit verbreitete und normalisierte Überwachungstechnologie in ein subversives Kommunikationsmittel verwandelt.

Helena Nikonole ist Medienkünstlerin, unabhängige Kuratorin und Doktorandin an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo sie zu grossen Sprachmodellen und politischen Ideologien forscht. Auf dem 39. Chaos Communication Congress hat sie ihre Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst, Aktivismus und  Technologie vorgestellt.

Wir haben mit ihr über Interventionen in Überwachungssysteme, KI-generierte Propagandasabotage und eins ihrer aktuellen Projekte gesprochen: ein tragbares Gerät, mit dem es möglich sein soll, Textnachrichten völlig unabhängig von traditionellen Mobilfunk- oder Internetanbietern zu verschicken. Solch ein alternatives und dezentrales Kommunikationsnetzwerk, auch Mesh-Netzwerk genannt, setzt sich aus mehreren Geräten zusammen, die über Funkwellen miteinander kommunizieren und Nachrichten austauschen. Das Projekt soll nicht nur Aktivist*innen und Menschen in Kriegsgebieten, sondern allen, die an einer sicheren Kommunikation interessiert sind, zugutekommen. 

Die Originalversion des Interviews auf Englisch ist hier verfügbar.

„Ich konnte meine künstlerische Praxis nicht mehr so fortsetzen wie zuvor“

netzpolitik.org: Du hast Kameras gehackt und Anti-Kriegs- und Anti-Putin-Botschaften an zufällige Menschen in Russland gesendet – in Bars, Büros und Ärzt*innenpraxen. Wie bist du darauf gekommen?

Helena Nikonole: Dieses Projekt ist von meinem älteren Werk inspiriert, das ich bereits 2016 begonnen hatte. Damals habe ich zum ersten Mal mit dem Internet der Dinge und neuronalen Netzwerken experimentiert. Ich habe Long Short-Term Memory (LSTM) neuronale Netze mit großen Mengen religiöser Texte trainiert und neuronale Netze dazu genutzt, um Text zu Sprache umzuwandeln. Dann habe ich Kameras, Drucker, Medienserver und alle möglichen Internet-der-Dinge-Geräte auf der ganzen Welt gehackt, um diese Audio-Botschaften auszusenden. Aufgrund des pseudo-religiösen Charakters der Texte habe ich dieses Werk „deus X mchn“ genannt.

Es ging mir darum, das Potenzial dieser Technologien – des Internets der Dinge und Künstlicher Intelligenz – zu erforschen, wenn sie miteinander verschränkt und in einem biopolitischen Kontext zur Kontrolle und Überwachung von Bürger*innen eingesetzt werden. Das war also viel komplexer, als einfach nur eine aktivistische Botschaft zu verbreiten.

Als dann 2022 die Vollinvasion der Ukraine begann, bin ich aus Russland geflohen. Ich war sehr deprimiert und frustriert. Wie vielen Künstler*innen wurde mir klar, dass ich meine künstlerische Praxis nicht mehr so fortsetzen konnte wie zuvor. Also fing ich damit an, Kameras in Russland zu hacken und dieses KI-generierte Anti-Kriegs-, Anti-Putin-Manifest zu senden. Anfangs tat ich das ausschließlich, um mich selbst aufzumuntern. Ich nannte es „Hacktherapie“.

„Ich würde dieses Video gern in Russland zeigen, aber das ist nicht möglich“

netzpolitik.org: Wie viele Kameras hast du gehackt?

Helena Nikonole: Ich habe Kameras im ganzen Land gehackt – von Kaliningrad bis Wladiwostok, in Sibirien und in Zentralrussland. Insgesamt waren es am Ende etwa drei- oder vierhundert Kameras. Am Anfang habe ich die Reaktionen der Menschen nicht aufgezeichnet, weil ich das nur für mich selbst gemacht habe.

netzpolitik.org: Das bedeutet, niemand wusste davon?

Helena Nikonole: Meine engen Freund*innen wussten es natürlich. Dann hat mich eine Freundin eingeladen, an einer Ausstellung im Rahmen des Marxistischen Kongresses in Berlin teilzunehmen. Sie schlug vor, dass ich eine Reinszenierung eines noch älteren Werks aus dem Jahr 2014 mache.

Als damals der Krieg in der Ukraine begann, war ich auch sehr frustriert darüber, dass der Westen keine wirklichen Maßnahmen ergriffen hat. Ich erinnere mich daran, dass internationale Festivals in Russland stattfanden, Künstler*innen aus verschiedenen europäischen Ländern kamen. Also habe ich auf einem großen Open-Air-Festival für Kunst, Technologie und Musik künstlerisch interventiert. Die Menschen haben im Wald gefeiert. Ich habe Lautsprecher aufgestellt, die Schussgeräusche abspielten, um die Anwesenden daran zu erinnern, dass nur etwa achthundert Kilometer entfernt ein Krieg stattfindet. Ich wollte sie einfach daran erinnern, was ganz in der Nähe passiert, während sie feierten, Spaß hatten und Superstar-Künstler*innen live zuhörten.

Eine Reinszenierung dieses Werks in Deutschland ergab für mich jedoch keinen Sinn, weil der Kontext ein völlig anderer war. Dann sagte eine andere Freundin: „Du hackst doch Kameras – warum zeichnest du das nicht auf und zeigst es als Dokumentation deiner Arbeit in der Ausstellung?“ So habe ich angefangen aufzunehmen. Später habe ich das Video geschnitten, bestimmte Aufnahmen ausgewählt und sie so angeordnet, dass eine Art Erzählung daraus entstanden ist.

netzpolitik.org: Als du dieses Projekt in Berlin in der Ausstellung gezeigt hast, wurde erstmals öffentlich bekannt, dass du dahintersteckst. Hattest du keine Angst vor Repressionen?

Helena Nikonole: Ich habe es damals nicht online veröffentlicht. Zunächst habe ich es nur in der Ausstellung gezeigt und erst 2024 im Internet öffentlich gemacht. Ich hatte keine Angst, weil ich nicht nach Russland zurückkehren werde. Ich glaube nicht, dass ich wegen dieses Projekts und anderer Arbeiten zurückkehren könnte – und ich möchte es auch einfach nicht.

Eigentlich würde ich dieses Video gerne in Russland zeigen, wenn das möglich wäre, aber das ist es nicht. Es macht immer Spaß, diese Arbeit öffentlich zu präsentieren, aber ursprünglich habe ich sie nicht als Kunstwerk verstanden. Wichtiger war für mich die tatsächliche Praxis des Kamera-Hackens in Russland.

Eine Patientin liegt mit einem Mundöffner auf einer Liege, eine Person in weißem Kittel steht daneben. Screenshot einer Überwachungskamera in einer Zahnarztpraxis in Russland.
Screenshot aus der Dokumentation des Werks „Antiwar AI“ von Helena Nikonole.

„Ich bat ChatGPT, Anti-Putin- und Anti-Kriegs-Propaganda zu schreiben“

netzpolitik.org: Lass uns über das Manifest sprechen. Du hast es nicht selbst geschrieben. Warum hast du dich entschieden, es mit KI zu generieren?

Helena Nikonole: Als ich anfing, die Kameras zu hacken, habe ich zunächst meinen eigenen Text verwendet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das so nicht schreiben kann. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn man in den öffentlichen Raum interveniert, etwas sehr Einfaches, sehr Grundlegendes und sehr Wirksames braucht – eine Botschaft, die unterschiedliche Menschen im ganzen Land erreichen kann.

Das war ungefähr zu der Zeit, als ChatGPT rauskam. Wie schon bei „deus X mchn“, wo ich KI-generierten Text verwendet hatte, dachte ich mir, ich probiere mal ChatGPT aus. Ich bat es, Anti-Putin- und Anti-Kriegs-Propaganda zu schreiben, worauf es antwortete: „Nein, ich kann keine Propaganda schreiben.“ Also bat ich es, verschiedene Wege zu beschreiben, wie die Meinung der Massen manipuliert werden kann. Es listete viele Ansätze und Strategien auf. Dann sagte ich: „Bitte nutze diese Ansätze, um eine Anti-Putin-, Anti-Kriegs-Botschaft zu generieren“, und es funktionierte. Man kann diese KI also ziemlich leicht austricksen.

Ich mochte das Ergebnis sehr, weil es genau dieselben Methoden nutzte, die auch die russischen Medien verwenden. Besonders gefielen mir Formulierungen wie „Wir sind die Mehrheit, die Frieden will“ oder „Schließt euch unserer Bewegung an, seid Teil von uns“. Besonders gefallen hat mir, als ich die Reaktionen der Menschen in Russland gesehen habe. Wenn der Text ertönte: „Wir sind gegen den Krieg“ und „Wir sind gegen Putins Regime“, konnte man an den Gesichtern der Menschen erkennen, dass manche tatsächlich gegen Putin und das Regime waren. Für mich war das auch eine Möglichkeit, sie zu unterstützen.

Alle Medien werden nämlich vom Staat kontrolliert, und selbst wenn Menschen gegen den Krieg sind, können sie das oft nicht öffentlich sagen. Manchmal können sie es nicht einmal privat äußern, wenn sie nicht sicher sind, wem sie vertrauen können. Unter engen Freund*innen vielleicht – aber meistens sagen sie es nicht. Denn Menschen können ihre Jobs verlieren. Ich habe es also wirklich genossen zu sehen, dass Menschen gegen den Krieg sind, und als sie diese Botschaft gehört haben, verstanden haben, dass sie nicht allein sind.

Nachrichten über Mesh-Netzwerke senden

netzpolitik.org: Du entwickelst derzeit mit deinem Team ein tragbares Gerät, das Menschen möglich machen soll, abseits des Internets miteinander zu kommunizieren. Wie funktioniert dieses Gerät? Und hattet ihr dabei vor allem den russischen Kontext im Sinn?

Helena Nikonole: Dieses Projekt beschäftigt sich mit alternativen Kommunikationsmitteln. Es handelt sich um ein nicht-hierarchisches Peer-to-Peer-Netzwerk, das es ermöglicht, Nachrichten von einem Gerät zum anderen zu senden – ohne Internet oder Mobilfunkverbindung. Ursprünglich hatten wir Internetsperren oder Kriegsgebiete im Sinn, zum Beispiel in der Ukraine, oder auch Aktivist*innen, die privat und sicher kommunizieren müssen, ohne dass Behörden oder Geheimdienste davon erfahren. Wir dachten dabei auch an Palästinenser*innen im Gazastreifen.

Natürlich hatten wir auch Internetsperren in Russland im Blick. Aber als wir mit dem Projekt begonnen haben, war es noch nicht so schlimm wie heute. Mit der Zeit wurde uns klar, dass dieses Projekt allgemein immer relevanter wird. Denn jede Person, die an privater und sicherer Kommunikation interessiert ist, kann es im Alltag nutzen.

Technologisch gesehen, ist es eine Reihe tragbarer Geräte, die als Sender fungieren. Man verbindet das Smartphone mit dem Gerät und kann anschließend Nachrichten senden. Der Sender basiert auf einer Langstrecken-Funktechnologie namens LoRa. Das Besondere an LoRa ist die Robustheit – aufgrund ihrer Funktionsweise kann sie sehr große Distanzen überwinden. Der Weltrekord für eine per LoRa gesendete Nachricht liegt bei etwa 1.330 Kilometern. Das war zwar über der Ozeanoberfläche und daher nicht besonders realistisch, aber selbst in urbanen Umgebungen kann die Verbindung zwischen Geräten zehn bis fünfzehn Kilometer betragen. Das finde ich großartig.

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„Geräte kostenlos an Menschen in Kriegsgebieten und an Aktivist*innen verteilen“

netzpolitik.org: Wie genau soll das Gerät aussehen? Und was werdet ihr tun, sobald das Gerät fertig ist?

Helena Nikonole: Wir wollen es als Open Source veröffentlichen und alles online zugänglich machen. Anfangs haben wir darüber nachgedacht, eine bestehende Platine zu nutzen. [Eine Platine verbindet elektronische Komponenten und ist in fast allen elektronischen Geräten verbaut, Anm. d. Red.]. Es gibt zwar einige Platinen, aber sie sind groß. Wir wollen unser Gerät aber so klein wie möglich bauen. Deshalb entwickeln wir unsere eigene Platine.

Ich habe mir das Gerät wie Lego vorgestellt, sodass es in bestimmten Fällen versteckt werden kann. Damit beispielsweise Aktivist*innen es in einer Powerbank oder in einer Smartphone-Hülle verstecken können. Oder es könnte wie Schmuck aussehen, zum Beispiel für Menschen auf Raves, die keinen Mobilfunkempfang haben, aber Nachrichten senden möchten. In Kriegsgebieten sollte das Design sehr einfach sein. Dort geht es weniger um Tarnung als darum, dass das Gerät sehr billig sein sollte.

Also haben wir uns überlegt: Was wäre, wenn wir es beispielsweise auf Raves verkaufen und im Preis die Kosten für die einfachste Version des Geräts enthalten sind? So könnten wir das Gerät kostenlos an Menschen in Kriegsgebieten und an Aktivist*innen verteilen, die es wirklich brauchen.

„Unser Prototyp ist bereits sehr klein“

netzpolitik.org: Wie realistisch ist es, das Gerät so klein zu machen?

Helena Nikonole: Eine unserer wichtigsten Inspirationen war das O.MG-Kabel. Das ist ein Gerät zum Hacken, das wie ein herkömmliches Kabel aussieht. In einem USB-C-Kabel ist ein verstecktes Implantat eingebaut, und wenn man es an ein Smartphone oder einen Laptop anschließt, kann es das Gerät hacken. Wir fanden die Idee schön, wenn auch unser Gerät für Aktivist*innen die Form eines Kabels haben könnte. Die Antenne wäre auch im Kabel versteckt. Dann bräuchte es keine eigene Batterie, da es den Strom direkt vom Smartphone beziehen könnte. Man würde es einstecken, und es würde sofort als Sender funktionieren.

Das ist technisch möglich, erfordert aber ein riesiges Budget. Wir haben kein so großes Budget. Wir sind ein sehr kleines Team. Derzeit ist unser Prototyp einen mal einen Zentimeter groß. Noch kann es zwar nicht in einem Kabel versteckt werden, aber es ist bereits sehr klein.

netzpolitik.org: Es gibt ähnliche Open-Source-Projekte, die ebenfalls versuchen, Kommunikation über dezentrale Netzwerke ohne Internet oder Mobilfunk zu ermöglichen.

Helena Nikonole: Das Meshtastic-Projekt basiert ebenfalls auf einer LoRa-Netzwerkarchitektur, aber die Geräte sind nicht klein. Außerdem nutzt das Projekt in China hergestellte Platinen. Bei diesen kann man nie sicher sein, ob es nicht eine Hintertür gibt. Wir entwickeln unsere Platine selbst und stellen sie in Europa her. So wissen wir genau, was drin ist. Dadurch können wir den Menschen, die diese Technologie nutzen, Transparenz garantieren.

„Wir müssen zu praktischeren Handlungsformen übergehen“

netzpolitik.org: Dieses und deine anderen künstlerisch-hacktivistischen Projekte sind erstaunlich praktisch – sie greifen direkt in die Realität ein und fordern die „grundlegende Asymmetrie der Macht“ heraus, wie du sie nennst: „Wir als Bürger:innen sind transparent, während Staaten und Konzerne intransparent sind.“ Wie bist du zu dieser pragmatischen künstlerischen Praxis gekommen? Und was steht bei dir als Nächstes an?

Helena Nikonole: Ich bin schon seit einiger Zeit frustriert von der Kunst – vielleicht seit fünf oder sogar sieben Jahren. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt zusammenbricht, während wir Künstler*innen schon so lange von einer besseren Zukunft träumen, rein spekulative Arbeiten produzieren oder uns auf Ästhetik konzentrieren. Ich hatte den Eindruck, dass Kunst allein nicht mehr ausreicht und wir zu praktischeren Handlungsformen übergehen müssen. Denn wenn wir nichts tun – oder nicht genug –, tragen wir in gewisser Weise zu dieser kollabierenden Welt bei. So empfinde ich das.

Deshalb halte ich es für sehr wichtig, praktische und kreative Lösungen zu entwickeln. Als Künstler*innen verfügen wir über kreative Fähigkeiten – die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszudenken und neue oder umwälzende Ideen zu entwickeln. Warum also diese Fähigkeiten, diese Inspiration und diese Ressourcen nicht nutzen, um an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Aktivismus etwas Praktischeres zu tun? Warum nicht reale Probleme angehen, statt nur zu kritisieren oder Bewusstsein für etwas schaffen zu wollen? Es gibt so viele Künstler*innen, die nur Bewusstsein wecken wollen oder Kritik üben.

Deshalb starten wir nun eine neue Initiative namens „Radical Tools“ in Kooperation mit der Wau Holland Stiftung. Wir laden Menschen aus unterschiedlichen Kontexten ein – Hacker*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Software Entwickler*innen, Ingenieur*innen, Entwickler:innen, kreative Technolog*innen und Aktivist*innen –, sich zu bewerben. Wir werden politische Projekte fördern, die sich unter anderem mit digitalem Faschismus, Propagandainfrastrukturen und der Entwicklung neuer Kommunikationsmittel beschäftigen. Geplant ist die Förderung von etwa zehn Projekten mit bis zu zehntausend Euro pro Projekt.



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Mit Palantir und Paragon auf Migrantenjagd


Eine der Kritiken an neuen Überwachungswerkzeugen für Verfolgungsbehörden lautet, dass diese zunehmend auch zweckentfremdet eingesetzt werden. Oder dass autoritäre Regierungen sie nach einer Machtübernahme gegen unliebsame Gruppen oder Personen richten.

Wie real diese Befürchtungen sind, lässt sich derzeit in den USA beobachten. Dort versieht Präsident Donald Trump die Einwanderungsbehörde ICE mit immer mehr Ressourcen für ihre Jagd auf Migrant*innen, sichert ihr für Verbrechen Straffreiheit zu und schafft sich so eine eigene brutale Präsidentengarde mit modernster technischer Ausrüstung.

Mapping von Deportationskandidat*innen

Über die digitalen Überwachungsmethoden des ICE berichtet häufig das US-Investigativportal „404 Media“. Dessen jüngste Recherche zeigt, wie etwa Palantir in die Massenfestnahmen eingebunden ist. Demnach entwickelt der berüchtigte Technologiekonzern ein Werkzeug namens ELITE, mit dem die Einwanderungsbehörde eine Karte mit Adressen von potenziellen Deportationskandidat*innen erstellen kann. Die Daten stammen unter anderem vom Gesundheitsministerium, von der US-Migrationsbehörde USCIS und vom Datenanbieter Thomson Reuters.

ICE nutzt die Software angeblich, um Orte zu identifizieren, an denen möglichst viele Personen auf einen Schlag festgenommen werden könnten. Zu jeder Person kann ein Dossier sowie ein „Confidence Score“ abgerufen werden – also eine Bewertung, wie verlässlich die angegebene aktuelle Adresse einer gesuchten Person ist.

„404 Media“ stützt ihre Recherche auf interne ICE-Materialien, öffentliche Beschaffungsunterlagen und Aussagen eines ICE-Beamten. Ihre Veröffentlichung erfolgte kurz nachdem Kristi Noem, die Chefin des Heimatschutzministeriums, angekündigt hatte, Hunderte weitere Bundesagent*innen nach Minneapolis zu entsenden. Vergangene Woche erschoss der ICE-Beamte Jonathan Ross dort die 37-jährige US-Bürgerin Renee Nicole Good, als diese ihr Auto wenden und die Szenerie einer Razzia und Protesten dagegen verlassen wollte.

Daten aus Online-Werbegeschäft

Zusätzlich zur Palantir-Software kaufte ICE zwei Überwachungssysteme namens Tangles und Webloc der Firma Penlink, die Zugriff auf Standortdaten von Hunderten Millionen Handys bieten. Darüber berichtete „404 Media“ vergangene Woche in einer weiteren Recherche.

Die Systeme nutzen GPS-Koordinaten sowie WLAN- und IP-Daten. Sie stammen aus dem Online-Werbegeschäft und werden über sogenannte Software Development Kits bei der Nutzung von Apps hinterlassen. Von Datenbrokern werden sie angeblich für personalisierte Werbung gesammelt, dann aber auch mit anderem Zweck verkauft.

Ermittler*innen können in Webloc ebenfalls Gebiete auf einer Karte markieren. Das System zeigt dann alle Handys an, die sich zu diesem Zeitpunkt dort befinden. Anschließend lassen sich die Bewegungen einzelner Geräte verfolgen. So stellen die Beamt*innen fest, wohin eine bestimmte Person nach der Arbeit fährt oder wo sich nachts ihr Handy befindet, was beides auf den Standort ihrer Wohnung schließen lässt. Die Software kann auch mehrere Orte gleichzeitig überwachen und anzeigen, welche Geräte an zwei oder mehr Orten waren, etwa bei einer politischen Versammlung.

Laut einer internen ICE-Rechtsanalyse, die die Bürgerrechtsorganisation ACLU durch eine Informationsfreiheitsklage erhielt, braucht die US-Behörde für die Nutzung dieser Daten aus ihrer Sicht keine richterliche Anordnung. Die Begründung: Menschen hätten die Informationen „freiwillig“ an Dritte weitergegeben, indem sie Apps nutzten.

Spyware „Graphite“ jetzt im US-Besitz

Bekannt ist außerdem, dass ICE die Spyware „Graphite“ des Unternehmens Paragon einsetzen darf. Die Trump-Regierung genehmigte einen Vertrag, den die Biden-Administration noch blockiert hatte.

Die Software gilt als eines der leistungsfähigsten Hacking-Werkzeuge weltweit und kann sämtliche Daten auf Smartphones auslesen, einschließlich der ansonsten verschlüsselten Kommunikation über Signal oder WhatsApp. Zudem lässt sich ein Telefon durch heimliches Aktivieren des Mikrofons zur Wanze umfunktionieren.

Nach Überwachungsskandalen in mehreren EU-Staaten wurde die bis dahin israelische Spyware-Firma Paragon Solutions Ende 2024 vom US-Private-Equity-Fund AE Industrial Partners übernommen, der dafür eine halbe Million US-Dollar gezahlt haben soll. Dieser Wechsel erleichtert US-Behörden wie ICE den Einsatz der Software, obwohl größere Teile der Belegschaft weiterhin in Israel ansässig sind.

Kampagne gegen beteiligte Firmen

Weitere digitale Werkzeuge der US-Einwanderungsbehörde haben der Arbeitswissenschaftler Eric Blanc von der Rutgers University, der Gewerkschaftsorganisator Wes McEnany und Claire Sandberg, ehemalige nationale Organisationsdirektorin von Bernie Sanders’ Präsidentschaftskampagne 2020, in der US-Wochenzeitschrift „The Nation“ dokumentiert. Darin rufen sie zu einer Kampagne gegen die Firmen auf.

Als besonders verwundbar gelten den drei Autor*innen jene Unternehmen, deren Verträge mit ICE vor einer möglichen Verlängerung stehen. Dazu zählt etwa Dell mit einem Auftrag über umgerechnet 16 Millionen Euro für Microsoft-Software-Lizenzen, der im März ausläuft. Auch kleinere Verträge mit dem Paketdienst UPS und FedEx sowie dem Kommunikationsausrüster Motorola Solutions enden im Frühjahr.

Einen längerfristigen Vertrag hat ICE beispielsweise mit dem Kommunikationsdienstleister AT&T geschlossen. Er umfasst rund 70,5 Millionen Euro und könnte bis Juli 2032 laufen. Der Datenanbieter LexisNexis ermöglicht Trumps Milizen für 18 Millionen Euro Zugriff auf umfangreiche personenbezogene Daten aus öffentlichen und privaten Quellen, einschließlich Haftdaten.

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Palantir liefert „ImmigrationOS“

Als einen der bedeutendsten Akteure in der ICE-Infrastruktur nennt „The Nation“ Amazon, dessen Web Services für die Daten- und Überwachungsoperationen der Behörde unerlässlich seien.

Eine besondere Rolle spielt laut Blanc, McEnany und Sandberg aber Palantir: Der Konzern stellt den US-Migrationsbehörden unter dem Namen „ImmigrationOS“ ein Rückgrat bereit, das Informationen aus verschiedenen Datenbanken und Anwendungen zusammenführt.

Mithilfe der Software können ICE-Beamt*innen ihre Operationen automatisieren – zu den Features gehören die KI-gestützte Zielpersonenpriorisierung, die Echtzeitüberwachung der Person sowie die Koordination von Festnahmen und Abschiebungen.

„ImmigrationOS“ greift dazu auf Daten der Sozialversicherungs-, der Steuer- und der Migrationsbehörden sowie staatlicher Wählerverzeichnisse zu. Für die Entwicklung des Systems Plattform erhielt Palantir 25,5 Millionen Euro.

„Außer Kontrolle geratener Zug“

Nach den jüngsten Enthüllungen von „404 Media“ hat sich die Electronic Frontier Foundation zu Wort gemeldet. Die US-Bürgerrechtsorganisation erklärt, dass sie bereits mehrere juristische Schritte gegen die Datensammelwut der Migrationsbehörden unternommen habe – darunter Klagen gegen den Zugriff von ICE auf Gesundheits- oder Steuerdaten.

Doch diese allein reichten nicht aus: Menschen müssten im öffentlichen Diskurs weiterhin Bedenken und Protest äußern, so die Electronic Frontier Foundation. Auch müsse der Kongress umgehend handeln, „um diesem außer Kontrolle geratenen Zug Einhalt zu gebieten, der die Privatsphäre und Sicherheit jeder einzelnen Person in Amerika zu zermalmen droht“.

Jedoch ist die Datensammelwut für diesen „außer Kontrolle geratenen Zug“ nicht auf die USA beschränkt. Die Regierung in Washington fordert von den mehr als 40 Teilnehmern ihres Visa-Waiver-Programms einen direkten Zugriff auf nationale Polizeidatenbanken mit biometrischen Informationen.

In Deutschland wäre dies die INPOL-Datei, in der auch weit über zwei Millionen Asylsuchende oder Ausreisepflichtige mit Fingerabdrücken und Gesichtsbildern gespeichert sind. Die EU-Staaten sind zu diesem US-Zugriff grundsätzlich bereit und haben die Kommission mit Verhandlungen über ein Rahmenabkommen beauftragt.



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Die Woche, in der das iranische Regime tausende Demonstrierende ermordete



Liebe Leser:innen,

wir alle haben mitbekommen, wie im Iran Hunderttausende aufgestanden sind, die vierte große Protestwelle in nur zehn Jahren hat das Land erfasst. Wieder keimt die Hoffnung, dass es dieses Mal endlich gelingt, das illegitime, brutale und autoritäre Regime zu stürzen. Ich telefoniere mit einem Freund, der iranische Wurzeln hat. Wir vereinbaren, dass wir nach der Revolution direkt nach Teheran fliegen. Dieses Mal wird es klappen.

Die Proteste sind riesig – doch dann geht das Internet aus.

An diesem Punkt fange ich an, wieder einmal einen Artikel über Internetabschaltungen zu schreiben, ich erkläre das Thema in Interviews. Mein Freund hat Angst, weil dieses Mal alles abgeschaltet ist. Sogar die Festnetztelefone sind gekappt, das hat der Iran noch nie gemacht. Es ist klar, was das heißt: brutale Gewalt.

Mich bewegt das Thema persönlich, ich habe schon öfter über das Land und die Proteste berichtet, war selbst im Iran unterwegs. Ich habe dort unglaublich schöne Erfahrungen mit wundervollen Menschen gemacht. Ich habe die Wut und Verzweiflung der Menschen gespürt und ihren Mut, gegen das Regime aufzustehen. Wer einmal die Iraner:innen erlebt hat, der kann nur noch die Daumen für die Befreiung drücken. Ich mache mich mit der Sache gemein, auch als Journalist. Gerade als Journalist.

In der letzten Protestwelle im Jahr 2022 habe ich zusammen mit Kollegen über die Abschottung des iranischen Internets recherchiert. In Folge unserer Artikel wurde ein an der Abschottung beteiligtes Unternehmen von der EU und den USA sanktioniert. Doch was ist dieser kleine journalistische Beitrag angesichts der Opfer, die die Menschen dort seit Jahren bringen. Auch jetzt.

Trotz des Blackouts sind in den vergangenen Tagen grauenhafte Nachrichten durchgedrungen. Zunächst war von hunderten Toten die Rede. Kurz darauf von 2.500 ermordeten Demonstrant:innen. Und dann lese ich morgens in einem Exil-Medium, dass es sogar 12.000 sein könnten. Am Frühstückstisch kommen mir die Tränen, ich fühle mich hilflos. Es ist nicht zu fassen. Der Bruder meines iranischen Freundes hat zwei Freunde im Kugelhagel in Teheran verloren. Plötzlich sind die Leichensäcke aus den Videos ganz nah.

Im Mail-Account der Redaktion häufen sich Bitten der persischen Diaspora, doch zu berichten, etwas zu tun. So viele Zuschriften zu einem Thema hatten wir noch nie. Doch die Proteste sind offenbar vorbei, niedergeschlagen mit brutalster und hemmungsloser Gewalt.

In der Redaktionssitzung Ratlosigkeit, uns sind hier die Hände gebunden, wir haben keine gesicherten Informationen. Was können wir tun? Es fühlt sich viel zu wenig an – angesichts der wohl größten Gewaltanwendung gegen Proteste seit dem Tiananmen-Massaker in China. Gewalt gegen Menschen, die für Freiheit und Würde kämpfen.

Bleibt stark und laut

Markus Reuter

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Zwischen dem aktuellen KI-Hype und der ersten Industrialisierung gibt es Parallelen, das zeigt sich besonders in der drohenden Entfremdung, analysiert unsere Kolumnistin. Aber es gibt Wege, die gleichen Fehler nicht nochmals zu machen.

Lesen Sie diesen Artikel: Entfremdung

Das Bundesinnenministerium will weniger Bürokratie für sich und seine Behörden. Das BKA soll künftig Überwachungsanträge delegieren können und seltener Betroffene benachrichtigen müssen. Der entsprechende Gesetzentwurf ist nun im Bundestag und enthält viele weitere Maßnahmen.

Lesen Sie diesen Artikel: Unbürokratisch überwachen

Um Europas Wirtschaft zu stärken, will die EU ihre Regeln für die digitale Welt teilweise aufweichen. Das Gesetzespaket bedient allerdings vor allem die Interessen US-amerikanischer Tech-Unternehmen, wie jetzt eine Analyse des Corporate Europe Observatory und von LobbyControl zeigt.

Lesen Sie diesen Artikel: Direkt von Big Techs Wunschliste



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So schalten Staaten das Internet aus


Im Januar 2026 hat der Iran die umfassendste und längste Internetabschaltung umgesetzt, die das Land jemals erlebt hat. Neben mobilem und stationärem Internet wurden auch Mobil- und Festnetztelefonie abgeschaltet und sogar das von iranischen Netzen unabhängige Satelliteninternet Starlink gestört.

Der Iran ist bei weitem nicht das einzige Land, das Internetsperrungen als Mittel der digitalen Unterdrückung gegen die Bevölkerung einsetzt. Zuletzt hat auch Uganda im Rahmen der Präsidentschafts- und Parlamentswahl Messenger und soziale Medien blockiert und das Internet fast komplett abgeschaltet.

Internetabschaltungen sind letztlich die härteste Form der Internetzensur, weil sie nicht nur einzelne Seiten, Dienste oder Medien zensieren, sondern alle Wege moderner Kommunikation blockieren oder erschweren.

Weltweit immer mehr Shutdowns

Laut dem zivilgesellschaftlichen Bündnis „Keep it on“ gab es im Jahr 2024 fast 300 Internetabschaltungen in 54 Ländern – Tendenz steigend. Die Begründungen und Anlässe für die Abschaltungen sind laut Keep it on sehr häufig Proteste, das Umfeld von Wahlen, aber manchmal auch die angebliche Prävention von Betrug bei zentralen Schul- und Universitätsprüfungen.

Internetabschaltungen basieren auf unterschiedlichen technologischen Maßnahmen und politischen Voraussetzungen, die diese überhaupt erst möglich machen. Dabei gibt es sehr verschiedene Formen und Ausprägungen dieser Form der Internetzensur und der Abschaltung des Netzes. Die Übergänge von klassischer Zensur bis hin zur Abschaltung sind dabei fließend.

Das Bild enthält zwei Diagramme, die die Anzahl dokumentierter Internet-Abschaltungen nach Jahr und die Anzahl der Länder, in denen Abschaltungen stattfanden, darstellen.Das erste Diagramm zeigt einen Anstieg der Gesamtzahl der Abschaltungen pro Jahr von 78 im Jahr 2016 auf 296 im Jahr 2024. Das zweite Diagramm zeigt die Anzahl der Länder, in denen Abschaltungen stattfanden, wobei 54 Länder im Jahr 2024 betroffen waren. Das Bild enthält auch den Text
Übersicht der Internetabschaltungen weltweit in den letzten Jahren. CC-BY 2.0 Keep it on

Aufgrund der weltweit fortschreitenden Digitalisierung und den zunehmenden gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Abhängigkeiten von der Verfügbarkeit digitaler Kommunikation, sind Internetabschaltungen aus Sicht des unterdrückenden Regimes immer nur letztes Mittel. Weil das Leben und wirtschaftliche Tätigkeiten quasi zum Erliegen kommen, sind die Kosten kompletter Abschaltungen sehr hoch, weswegen oft auch nur regionale und temporäre Teilabschaltungen und die Abschaltung oder Erschwerung bestimmter Kommunikationsdienste genutzt werden.

Einige autoritäre Regime wollen deswegen von ihnen kontrollierte, zensierte und überwachte nationale Netze, in denen es nur partiell und restriktiv kontrolliert Zugang zum Internet gibt. Mit solchen Netzen können Behörden- und Wirtschaftsabläufe oder Online-Shopping weitergehen, während die Inhalte und Kommunikation der Bevölkerung zensiert, kontrolliert und gedrosselt werden können. Ein solches abgeschottetes und vollkommen kontrolliertes Netz hat technologisch bislang nur China vollständig umsetzen können, andere Staaten wie Russland oder Iran arbeiten an solchen Netzen.

Welche Formen von Abschaltungen gibt es?

Die einfachsten Formen von Abschaltungen sind die Blockade bzw. Zensur von Webseiten oder Messengern und sozialen Medien. Bei lokalen Protesten greifen Länder wie der Iran zudem auf temporäre und regionale Teilabschaltungen des Mobilfunks zurück. Sie erhoffen sich so, Mobilisierungen und Nachrichtenfluss zu erschweren und Proteste regional einzudämmen.

Eine weitere Methode ist die Drosselung des Internets. Hierbei wird die verfügbare Bandbreite, also der Durchfluss von Daten, künstlich begrenzt. Ziel ist, dass sich Videoaufnahmen, Bilder und Kommunikation verlangsamen und sich so demobilisierende Effekte in der Bevölkerung einstellen.

Die harte Form des Internet-Shutdowns ist die landesweite Aufhebung jeder Konnektivität, so wie sie im Januar 2026 im Iran geschehen ist. Hierbei wird in Kauf genommen, dass das wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Leben fast vollkommen zum Erliegen kommt. Diese Form der Abschaltung lässt sich deswegen nicht lange durchhalten – außer dem Regime steht ein funktionierendes landesweites Intranet zur Verfügung, das es kontrolliert und das die wirtschaftlichen und institutionellen Folgen abfedern kann.

Die Grafik zeigt die Netzwerkkonnektivität im Iran vom 2. bis 16. Januar 2026. Die Konnektivität ist bis zum 8. Januar relativ hoch, sinkt dann aber plötzlich auf nahezu Null als der Shutdown beginnt. Die minimale und aktuelle Konnektivität wird mit 1 % angegeben.
Die Grafik zeigt die Netzwerkkonnektivität im Iran vom 2. bis 16. Januar 2026. Die Konnektivität ist bis zum 8. Januar relativ hoch, sinkt dann aber plötzlich auf nur noch 1 Prozent. – Alle Rechte vorbehalten Netblocks.org

Wie gehen die Abschaltungen technisch?

Hierzu gibt es unterschiedliche Methoden. Im Falle des Iran im Januar 2026 berichtet das US-Unternehmen Cloudflare, dass der Internet-Verkehr in und aus dem Iran am 8. Januar auf praktisch Null gesunken ist. Die großen iranischen Netzwerk-Anbieter haben aufgehört, dem Rest des Internets mitzuteilen, auf welchem Weg ihre IP-Adressen zu erreichen sind.

Um 15:20 Uhr Ortszeit sank demnach die Menge von iranischen Netzwerken bekannt gegebener IPv6-Adressen um 98,5 Prozent von über 48 Millionen /48-Netzblöcken auf knapp über 737.000 /48-Netzblöcke. Ein Rückgang des gemeldeten IP-Adressraums bedeutet, dass die meldenden Netzwerke der Welt nicht mehr mitteilen, wie diese Adressen zu erreichen sind. Innerhalb von einer halben Stunde wurde so das Land fast vollständig vom globalen Internet abgeschnitten.

Technische Erklärungen zum kompletten Shutdown im Iran gibt es unter anderem bei:

Wie kann man Internet-Abschaltungen umgehen?

Eine Umgehung abgeschalteter zentraler Netze kann unter anderem mit Satellitentelefonen und Satelliteninternet wie Starlink erreicht werden. Diese sind unabhängig von der physischen Netzstruktur eines Landes. Deswegen sind diese in Ländern wie dem Iran auch verboten.

Dem Iran ist es bei der Abschaltung im Januar 2026 gelungen, auch Starlink massiv einzuschränken. Die Satelliten-Antennen benötigen GPS-Signale, um ihre Position zu kennen. Das Regime hat vermutlich mit einer Mischung aus GPS-Spoofing, beim dem falsche GPS-Signale gesendet werden und mit Jamming, bei dem die Frequenz mit Störsignalen geflutet wird, Starlink fast zum Erliegen gebracht. Hinzu kommen lokale repressive Maßnahmen wie Hausdurchsuchungen und ähnliches, bei denen nach den Antennen gesucht wird.

Welche Faktoren begünstigen Internetabschaltungen?

Je autoritärer ein Land ist, desto eher gibt es Internetabschaltungen. Je zentralisierter die Netze sind und je enger der staatliche Zugriff auf diese ist, desto effektiver und schneller kann ein Land das Internet abschalten.

Am Beispiel des Irans lässt sich das gut zeigen. Dort gibt es staatlich kontrollierte Gateways. Private Internetzugangsanbieter müssen sich über diese mit dem globalen Internet verbinden. Der Staat hat Zugriff auf alle Arten von Kommunikationsinfrastrukturen, viele zentrale Punkte werden vom dominanten Iranischen Telekommunikations-Unternehmen kontrolliert, auf das wiederum das Kommunikationsministerium und der Nationale Sicherheitsrat Durchgriff haben.

Recherchen von Netzwerkspezialisten, die durch eine eine Recherche von netzpolitik.org, Correctiv und taz im Jahr 2022 herauskamen, haben gezeigt, dass das iranische Netz nur über wenige „Brücken“ nach außen in das weltweite Internet verfügt. Diese Brücken heißen nicht wirklich Brücken, sondern es handelt sich um so genanntes Peering zwischen Autonomen Systemen. Von diesen gibt es weltweit mehr als 120.000, der Iran war 2022 aber nur über eine Handvoll dieser autonomen Systeme mit der Außenwelt verbunden. So lässt sich das Land schnell abkapseln vom Internet.

Was hätten autoritäre Regime gern?

Seit 2005 will der Iran ein so genanntes „Nationales Informations-Netzwerk“ aufbauen – eine Art Intranet im Iran, das vom weltweiten Internet unabhängig ist. In Teilen ist der Aufbau auch schon gelungen. Als Vorbild dient China, das mit der „Großen Firewall“ ein solches Netz schon funktionierend und in Gänze aufgebaut hat. Auch Russland will ein solches abgekapseltes Netz schaffen, das es „Souveränes Internet“ nennt.

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Hintergrund sind neben dem Wunsch totaler Informationskontrolle der wirtschaftliche und soziale Schaden, den Internetabschaltungen bedeuten. Allein der Online-Handel soll nach älteren Informationen in jeder Stunde, in der das Internet abgeschaltet wird, etwa 1,5 Millionen Euro Verlust machen.

Deutsche Firma in Aufbau des abgeschotteten Internets im Iran verstrickt

Wer überwacht Internetabschaltungen?

Es gibt mehrere Organisationen und Unternehmen, die Internetabschaltungen überwachen. Aus der Zivilgesellschaft ist Netblocks.org zu nennen, die weltweit und aktuell über Abschaltungen berichten. Wer informiert bleiben möchte, kann Netblocks per Feed oder auf Bluesky und Mastodon folgen.

Die Kampagne „Keep it on“, der mehr als 100 internationale Organisationen angehören, veröffentlicht einen jährlichen Bericht zu Internetabschaltungen und setzt sich politisch gegen diese ein.

Aus der Privatwirtschaft gibt es unter anderem die Monitoringseite radar.cloudflare.com. Für den Shutdown im Iran hat auch Whisper-Security ein Monitoring geschaltet.

Wie können sich Gesellschaften technisch schützen?

Es gibt verschiedene Ansätze von sogenannten Mesh-Netzwerken, die beispielsweise auf Basis von WLAN, Bluetooth oder anderen Funkfrequenzen basieren. Würden sehr viele Menschen solche Netzwerke nutzen, könnte zumindest eine basale Kommunikation mit wenig Bandbreite auch ohne zentralisierte, privatwirtschaftliche und staatlich kontrollierte Infrastrukturen funktionieren.

Zu den bekannten Mesh-Netzwerken gehören unter anderem Freifunk, aber auch Meshtastic oder Meshcore sowie zahlreiche andere Varianten. Aber auch solche Netzwerke sind angreifbar, beispielsweise über Störsender.

Was können Deutschland oder die EU tun?

Bundesregierung oder EU-Kommission können Internetabschaltungen öffentlich verurteilen und sich für Exportbeschränkungen von Technologien einsetzen, die zu Zensur, Überwachung und Internetkontrolle eingesetzt werden. Möglich sind auch wirtschaftliche Sanktionen gegen private Unternehmen, die sich an digitaler Unterdrückung beteiligen. Generell ist dafür nötig, die Zusammenhänge der Digitalisierung und von Menschenrechten mehr als bisher zu erkennen.

Kann ich Betroffenen mit Snowflake helfen?

Snowflake stellt zensierten Internetnutzern den Zugang zum Tor-Netzwerk zur Verfügung. Wenn das Internet komplett abgeschaltet ist, dann hilft Snowflake nicht. Aber es ist dennoch sinnvoll, wenn viele Menschen die Browsererweiterung nutzen. Denn sobald das Internet wieder angeht, hilft Snowflake den Menschen leichter, anonym im Netz unterwegs zu sein und die Zensur im Land zu umgehen.



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