Digital Business & Startups

Liliums teuerster Fehler: Warum Wachstum zum Problem wurde


Das Startup Lilium wuchs rasant. Damit nahmen Rückschläge, Kapitaldruck und Wachstumsschmerzen zu. Wir haben mit ehemaligen Mitarbeitenden und Ex-CEO Klaus Roewe gesprochen.

2021 ging Lilium an die Börse.
Lilium; Getty Images; Collage: Dominik Schmitt/Gründerszene

Am 27. Februar 2020 hörten die Mitarbeiter von Lilium in den Werkshallen ein Zischen. Dann ein Popcorngeräusch. An einem der Prototypen hatte die Batterie Feuer gefangen. Führungskraft Christian Pfitzner schickte die Mitarbeiter aus der Halle und drückte den Feuerwehrknopf. So beschreibt er einige Jahre später rückblickend die Situation.

Verletzt wurde bei dem Brand niemand, aber der Prototyp war ein Totalschaden. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung stufte den Brand nicht als „Unfall oder schwere Störung“ ein. Doch der Brand fiel in eine Phase, in der Medienberichte Liliums Technologie anzweifelten. Darin hieß es, Liliums Versprechen für den Jet seien nicht realisierbar. Lilium wies die Vorwürfe von sich, allerdings hielt sich das Narrativ in der öffentlichen Wahrnehmung.

Lest auch

Die verlassenen Lilium-Büros: Was vom deutschen Flugtaxi-Traum übrig ist

Für ein Deeptech-Startup, das noch kein fertiges Produkt verkauft, ist Vertrauen jedoch eine der wichtigsten Währungen: bei Investoren, Talenten, Partnern und später auch bei Kunden. Und die glaubten weiterhin an Lilium. Das Unternehmen sammelte weiter Geld ein. Im März 2020 flossen 224 Millionen Euro frisches Kapital in das Startup. Kurz darauf erreichte Lilium den Unicorn-Status und wurde mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet.  

Lilium ging an die Börse

Auf dem Papier ist dieser Meilenstein eine Art Ritterschlag für Startups. In der Realität ist es vor allem eine Wette darauf, dass aus einer ambitionierten Technologie irgendwann ein tragfähiges Geschäft wird. 

Die vier Gründer von Lilium: Sebastian Born (links), Patrick Nathen Daniel Wiegand und Matthias Meiner.
Lilium

Heißt: Wer viel Kapital einsammelt, muss liefern – schneller, größer, sichtbarer werden. Bei Lilium bedeutete das: mehr Personal, mehr Strukturen, mehr Erwartungen. Aus dem Startup wurde ein Scaleup, noch bevor das Produkt marktreif war. Das ist für Deep-Tech-Startups nicht ungewöhnlich. Sie benötigen viel Zeit für Forschung und Entwicklung, machen folglich keine Umsätze, brauchen aber umso mehr Kapital.  

Audio-Player nicht verfügbar

Um eingebettete Audio-Inhalte anzuzeigen, ist deine jederzeit widerrufliche Einwilligung (über den Schalter oder über „Widerruf Tracking und Cookies“ am Seitenende) zur Verarbeitung personenbezogener Daten nötig. Dabei können Daten in Drittländer wie die USA übermittelt werden (Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO). Mit dem Umschalten auf „an“ stimmst du zu. Weitere Infos findest du in unserer Datenschutzerklärung.

Lilium entschied sich deswegen für einen Börsengang. Weil ein klassischer IPO für ein Unternehmen ohne Umsätze und fertiges Produkt schwierig ist, wählte Lilium den Weg über einen Spac (Special Purpose Acquisition Company). Dabei handelt es sich um eine börsennotierte Unternehmenshülle, die mit einem privaten Unternehmen fusioniert. Im September 2021 wurde Lilium so an der Technologie-Börse Nasdaq gelistet. Der Deal brachte dem Startup rund 584 Millionen Dollar statt etwa 800 Millionen Dollar ein, weniger als ursprünglich erhofft. 

Mehr Bürokratie, weniger Pioniergeist

Parallel veränderte sich Lilium von innen. Ehemalige Mitarbeitende beschreiben heute, einige Jahre später, wie das Startup rasant wuchs. Denn Lilium stellte zunehmend erfahrene Manager aus Großkonzernen wie Airbus oder Rolls Royce ein. Das Ziel: professioneller werden, schneller zur Zulassung kommen und aus ersten Prototypen ein industrielles, massentaugliches Produkt machen.  

Lest auch

Thelen: „Vier Jungs in der Garage“ – So liefen die ersten Jahre der Flugtaxi-Hoffnung Lilium

Dadurch entwickelte sich jedoch auch eine Art Kultur-Clash im Unternehmen. Konzerngewächse trafen auf die Mitarbeiter, die von dem anfänglichen Startup-Spirit geprägt waren. Mitarbeitende schildern gegenüber Gründerszene, dass Lilium so Stück für Stück den Pioniergeist verloren habe, langsamer geworden sei und nicht mehr so agil gewesen sei wie zu Beginn. Mehrere ehemalige Lilium-Mitarbeitende sagen, dass die anfängliche Experimentierfreude zunehmend bürokratischem Wahnsinn wich. 

Ist Lilium zu schnell gewachsen?

Lilium machte die Erfahrung, die einige Startups machen müssen. Im Wachstum liegt auch immer ein Spannungsfeld. Die Strukturen, die ein Unternehmen später stabil machen sollen, können es zu früh lähmen: mehr Prozesse, mehr Abstimmung, mehr Hierarchie. Bekannt ist das auch unter dem Begriff Wachstumsschmerz.  

Der Lilium-Jet bei einem Testflug in Spanien.
Lilium

Luftfahrtentwicklung ist extrem teuer, streng reguliert und langwierig. Ein eVTOL lässt sich nicht einfach wie eine Software im Markt testen und später nachbessern. Fehler auf Kosten der Sicherheit können sich Startups in der Luftfahrt nicht leisten.  

Deshalb brauchte Lilium erfahrene Leute und robuste Prozesse. Die Frage war nur: wann – und in welchem Tempo? Verschiedene Personen aus dem Unternehmensumfeld sagten gegenüber Gründerszene, dass Lilium es womöglich auch mit einem geringeren Kostenapparat zum ersten bemannten Testflug gekommen wäre. So verbrauchte das Startup bis zu 30 Millionen Euro im Monat, um den Betrieb am Laufen zu halten.  

Fundraising: Die Hauptaufgabe von CEO Klaus Roewe

Im Jahr 2022 gab es bei Lilium dann auch eine personelle Veränderung in der Führungsspitze. Klaus Roewe übernahm den CEO-Posten von Gründer Daniel Wiegand. Als Roewe zu Lilium kam, war das Startup bereits börsennotiert. Der Druck auf Lilium – nicht nur Technologie zu entwickeln, sondern auch eine Produktion aufzubauen – war enorm. 

Fundraising wurde zu Roewes Hauptaufgaben. „Die negative Überraschung für mich war die Dominanz, die dieses Thema Finanzbeschaffung, vielleicht nicht vom ersten, aber vom dritten Tag an hatte”, sagt Roewe. „Ich habe in Spitzenzeiten bestimmt 80 Prozent meiner Zeit auf Fundraising verbracht. Und das war nicht meine Erwartungshaltung gewesen. Aber es ging nicht anders.” 

Audio-Player nicht verfügbar

Um eingebettete Audio-Inhalte anzuzeigen, ist deine jederzeit widerrufliche Einwilligung (über den Schalter oder über „Widerruf Tracking und Cookies“ am Seitenende) zur Verarbeitung personenbezogener Daten nötig. Dabei können Daten in Drittländer wie die USA übermittelt werden (Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO). Mit dem Umschalten auf „an“ stimmst du zu. Weitere Infos findest du in unserer Datenschutzerklärung.

Hinzu kam: Als börsennotiertes Unternehmen konnte Lilium nicht mehr nur Visionen verkaufen. Quartalsberichte, Anlegerkommunikation und öffentliche Kursbewegungen setzten den Takt und veränderten auch die Kommunikation an die Mitarbeitenden, denn die Regeln der Börse verlangen, dass Anleger zuerst informiert werden. Sonst werden aus Mitarbeitenden Insider.  

Außerdem haben Investoren und Anleger Erwartungen: Was früher noch als ambitionierter Plan durchging, wurde später zu Zielvorgaben, an die sich das Startup messen lassen musste.  





Source link

Beliebt

Die mobile Version verlassen