Künstliche Intelligenz
Lizenzstreit und Cloud-Zwang: Bambu Lab unter massivem Druck
Bambu Lab baut 3D-Drucker, die den Markt in den vergangenen Jahren ordentlich aufgemischt haben: gute Druckqualität, hohe Geschwindigkeit, attraktive Preise – vom Einsteiger-Modell A1 Mini bis zu großen Maschinen für den professionellen Einsatz. Doch das chinesische Unternehmen steht mal wieder im Kreuzfeuer der Community.
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Slicer, Lizenzen und ein Netzwerk-Plug-in
Um zu verstehen, worum es geht, muss man einen Blick auf die Software werfen. Ein Slicer ist die Software, die ein 3D-Modell nimmt und dem Drucker sagt, was er damit machen soll – massiv drucken, mit Gitterstruktur, hohl. Bambu Labs eigener Slicer heißt Bambu Studio. Den hat das Unternehmen aber nicht von Grund auf selbst entwickelt: Bambu Studio basiert auf dem PrusaSlicer des tschechischen Herstellers Prusa Research.
Damit kommt die AGPL-3.0-Lizenz ins Spiel. Sie erlaubt es, den Code eines Open-Source-Projekts zu nehmen, zu verändern, auch kommerziell zu nutzen und wiederzuveröffentlichen – unter der einzigen Bedingung, dass das Ergebnis wieder unter derselben Lizenz steht. Ein Tauschgeschäft: Man nimmt ein fertiges Projekt, passt es an seine Hardware und Bedürfnisse an, und als Gegenleistung dürfen andere wiederum auf die Ergänzungen zugreifen. Bambu Studio steht unter dieser Lizenz, soweit also lizenzkonform.
Bambu hat jedoch ein Netzwerk-Plug-in in den Slicer eingebaut, das die erstellten Daten an die Bambu-Cloud sendet, von wo sie an den Drucker weitergeleitet werden. Seit Anfang 2025 ist dieser Weg verpflichtend. Alternative Slicer wie der beliebte OrcaSlicer können nicht mehr direkt mit dem Drucker kommunizieren, sondern müssen über „Bambu Connect“ – im Wesentlichen dasselbe Netzwerk-Plug-in – die Bambu-Cloud durchlaufen.
Nachträgliche Einschränkung für bestehende Geräte
Wer einen Bambu-Drucker gekauft hat, bevor diese Änderung kam, erlebt einen massiven Einschnitt: Vorher ließen sich Dateien einfach lokal übers Netzwerk an den Drucker schicken, der Drucker konnte gesteuert und überwacht werden. Das geht jetzt nicht mehr. Der Funktionsumfang des bereits bezahlten Geräts hat sich nachträglich verschlechtert.
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Das hat den polnischen Entwickler Pawel Jarczak gestört. Er veröffentlichte einen eigenen Fork von Bambu Studio – was er darf, denn Bambu Studio steht unter AGPL-Lizenz. Dieser Fork ermöglicht wieder die direkte Kommunikation mit Bambu-Lab-Druckern.
Bambu Lab warf Jarczak vor, sein Fork melde sich bei den Bambu-Servern als offizieller Bambu-Studio-Client – mit fest einprogrammierter Versionsnummer. Die Server könnten den legitimen von gefälschtem Traffic nicht unterscheiden, was die Cloud-Infrastruktur destabilisieren könne. Bambu drohte mit Sektion 1201 des amerikanischen Digital Millennium Copyright Acts – einem Gesetz, das das Umgehen technischer Schutzmaßnahmen unter Strafe stellt. Jarczak nahm seinen Fork daraufhin offline.
Damit war die Sache aber nicht erledigt. Jarczak wandte sich an Louis Rossmann, einen amerikanischen YouTuber und Right-to-Repair-Aktivisten, sowie an GamersNexus. Beide veröffentlichten den Fork und boten Jarczak jeweils 10.000 Dollar für seine rechtliche Verteidigung an. GamersNexus kündigte außerdem an, alle eigenen Bambu-Lab-Drucker hinauszuwerfen und durch Prusa-Drucker zu ersetzen.
Auch der US-Urheberrechtsanwalt Leonard French meldete sich zu Wort: Was Bambu da mache, sei ein klassisches Vorgehen für „progressives Einschließen“. Ein Hersteller bringe Hardware günstig mit vielen Funktionen auf den Markt, schränke diese dann Schritt für Schritt per Software-Update ein und sperre die Nutzer langsam aber sicher in ein Ökosystem ein, aus dem sie nicht mehr ohne Weiteres herauskommen.
Der AGPL-Vorwurf: Steckt mehr dahinter?
Jarczak legte zusätzlich eine detaillierte technische Analyse vor: Das geschlossene bambu_networking-Plug-in sei kein unabhängiges Add-on, sondern ein tief integrierter Bestandteil von Bambu Studio. Bambu Studio lade, installiere und aktualisiere das Plug-in selbst, löse 108 Funktionen aus der geschlossenen Bibliothek auf und nutze es für zentrale Funktionen wie Login, Monitoring, LAN- und Cloud-Druck, MakerWorld, Kamera und Telemetrie.
Sein Fazit: Das Verteilen von Bambu Studio als AGPL-Programm, ohne den Quellcode des geschlossenen Plug-ins bereitzustellen, sei ein AGPL-Verstoß. Da Bambu Studio auf PrusaSlicer und Slic3r basiert – beides AGPL-Code von vielen Autoren –, könne Bambu Lab diese Ausnahme nicht einseitig einführen.
Josef Prusas Einschätzung auf X
Josef Prusa ist Gründer von Prusa Research, einem der bekanntesten 3D-Drucker-Hersteller weltweit – und Urheber des PrusaSlicers, auf dem Bambu Studio aufbaut. Er hatte Bambus AGPL-Verstoß bereits 2023 kritisiert, sah aber keine rechtliche Handhabe – ein Verfahren müsste vor einem chinesischen Gericht geführt werden.
In einem langen Post auf X bettet er den Streit nun in einen größeren Kontext: Zwischen 2017 und 2023 habe China fünf Gesetze verabschiedet, die Unternehmen zur Geheimdienstkooperation verpflichten, dem Staat Zugang zu Verschlüsselungsschlüsseln sichern, chinesische Datenzugriffe unabhängig vom Serverstandort ermöglichen und entdeckte Schwachstellen direkt an Behörden leiten. Prusa kommt zu dem Fazit, dass fast die komplette 3D-Druckwelt damit in chinesischen Staatshänden liege. Das gelte ebenso für Hersteller chinesischer Autos, Kameras und KI-Modelle.
Offene Fragen
Ob Bambu Lab tatsächlich gegen Rossmann und Gamers Nexus vorgeht, ist bisher offen. Öffentlich hat der Streit eine Diskussion ausgelöst, die zumindest Teile der Community aufhorchen lässt. Und grundsätzlich berührt der Fall die Frage: Wem gehört eigentlich ein Gerät, das ich gekauft habe – und darf mir der Hersteller nachträglich Funktionen entziehen?
Für Bambu Lab ist es nicht das erste Mal, dass das Unternehmen sich unbeliebt macht: Bereits die Einführung von „Authorization Control“ Anfang 2025 hatte für massive Kritik gesorgt. Der aktuelle Fork-Konflikt eskaliert diesen Streit nun auf eine neue, rechtliche Ebene. Der Fork selbst ist weiterhin bei Rossmann und GamersNexus verfügbar.
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(vza)