Künstliche Intelligenz
Metas KI-Brillen helfen Blinden im Alltag – und werfen neue Fragen auf
Meta hat anlässlich des Global Accessibility Awareness Day neue Barrierefreiheitsfunktionen für seine Smart Glasses angekündigt. Das Unternehmen kooperiert seit längerem mit Be My Eyes, einem Dienst, der blinde und sehbehinderte Menschen per Videoanruf mit sehenden Freiwilligen verbindet. Auf Metas Smart Glasses genügt ein Sprachbefehl, damit ein Helfer das Kamerabild der Brille sieht und dem Nutzer in Echtzeit beschreibt, was sich vor ihm befindet. Be My Eyes wird seit 2024 unterstützt und ist inzwischen auch in Deutschland erhältlich.
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Zu den neuen, hierzulande verfügbaren Accessibility-Funktionen gehört, dass Nutzer über einen Be-My-Eyes-Sprachbefehl nun auch vertraute Kontakte sowie geschulte Supportmitarbeiter von über 600 Unternehmen erreichen können, die kostenlos visuelle Unterstützung und Hilfe bei konkreten Aufgaben bieten. Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, den Action Button bei den neuesten Brillenmodellen und Oakley Meta Vanguard mit häufig genutzten Funktionen zu verknüpfen, etwa einem Be-My-Eyes-Anruf oder einem Sprachbefehl wie „Beschreibe, was sich um mich herum befindet“.
Zwei weitere neue Barrierefreiheitsfunktionen starten zuerst in Nordamerika: Nutzer mit Mobilitätseinschränkungen sollen dort künftig Anrufe vollständig per Sprache steuern können, etwa zum Stummschalten sowie zum Aktivieren oder Deaktivieren der Kamera. Zudem zeigen Meta Ray-Ban Display-Brillen auf Wunsch Echtzeit-Untertitel für Telefonate über WhatsApp, Messenger und Instagram im Brillendisplay an, was Menschen mit Hörbeeinträchtigungen helfen kann.
Wie Smart Glasses im Blindenalltag helfen
Ende vergangenen Jahres öffnete Meta seine Smart Glasses für Entwickler. Dadurch konnten Anbieter von Barrierefreiheits-Apps ihre Unterstützung auf die Brillen ausweiten.
Dazu gehört auch das französische Start-up OOrion, das eine kostenlose Smartphone-App für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt. OOrion setzt auf Objekt- und Texterkennung, um blinden Nutzern bei der Orientierung, der Erkennung von Hindernissen und beim Auffinden von Gegenständen zu helfen. In Zusammenarbeit mit Meta wurde die iOS-App im April für Metas Smart Glasses verfügbar gemacht, eine Funktion, wovon auch deutsche Nutzer profitieren.
Bei einer von Meta veranstalteten Gesprächsrunde schilderte die blinde Nutzerin Yvonne Bühr, wie sie Metas Smart Glasses im Alltag einsetzt. Bühr ist Mitglied im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und engagiert sich in der Hilfsmittelbeschaffung. Sie nutzt die Smart Glasses laut eigenen Angaben vor allem zur Beschreibung ihrer Umgebung, sowohl in Innenräumen als auch im Freien. Die KI lese ihr Schilder, Öffnungszeiten oder Speisekarten vor. Über diese integrierten Funktionen hinaus ermögliche die OOrion-App eine Echtzeitanalyse der Umgebung und könne sie etwa darauf hinweisen, wenn sie auf der Straße eine bestimmte Hausnummer erreicht hat. Als große Hilfe wird die Freihändigkeit empfunden, die das sprachgesteuerte Wearable erlaube. Gerade in Kombination mit Blindenstock und Tasche sei es eine große Erleichterung, visuelle Informationen direkt über die Brille zu erhalten, statt erst das Smartphone hervorholen zu müssen, sagt Bühr.
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Zuverlässigkeit und Datenschutz bleiben offene Fragen
Gleichzeitig sieht Bühr noch technische Grenzen, etwa bei Kamera und KI: Kleine Schrift, bewegte Inhalte oder schwierige Lichtverhältnisse könnten die Qualität der Beschreibungen beeinträchtigen, zudem könnten KI-Systeme weiterhin halluzinieren. Letzteres kann für blinde und sehbehinderte Menschen ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Stéphanie Robieux, Mitgründerin und CEO von OOrion, sagte in der Gesprächsrunde, ihr Team arbeite eng mit Meta zusammen, um solche Risiken zu verringern. In der App weist das Start-up darauf hin, dass KI Fehler machen kann und Nutzer sich bei der Orientierung nicht allein auf die Anwendung verlassen sollten. Tino Krause, bei Meta für die DACH-Region verantwortlich, zeigt sich derweil überzeugt, dass das Risiko von Halluzinationen weiter sinken werde. Jede neue Generation großer Sprachmodelle reduziere die Fehleranfälligkeit deutlich. Die grundsätzliche Frage bleibt jedoch: Wo genau ziehen Meta und andere Anbieter die Grenze zwischen hilfreicher Alltagsassistenz und einer Mobilitätshilfe, für die deutlich höhere Anforderungen an Zuverlässigkeit, Haftung und Sicherheit gelten müssten?
Hinzu kommen grundsätzliche Fragen zum Datenschutz. Eine Rechtsprofessorin warnte kürzlich, dass das Recht am eigenen Bild durch die zunehmende Verbreitung solcher Geräte schleichend ausgehöhlt werden könnte. Dabei macht es aus Datenschutzsicht keinen Unterschied, ob die Nutzer blind sind oder sehen können: Die Kamerabilder könnten dennoch an Dritte übermittelt werden.
„Wir fühlen uns nicht wohl damit, dass unsere Daten auf den Servern von amerikanischen Konzernen liegen und dort verarbeitet werden, DSGVO hin oder her“, sagt Kay Schulze, der beim DBSV Projekte zur digitalen Barrierefreiheit leitet und ebenfalls an der Gesprächsrunde teilnahm. Datenschutz sei ein sensibles und zwiespältiges Thema, bei dem der Verband derzeit noch um eine gemeinsame Position ringe. Laut Schulze werden die Brillen auf Konferenzen zwar erprobt und diskutiert. Wie überall gebe es aber auch hier Frühaneigner und solche, die eher Vorsicht walten lassen.
(tobe)