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Missing Link: 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl


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It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Am Sonnabend, 26. April 1986, um 1:20 Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Noch für wenige Minuten: In der Zentrale von Block 4 des Kraftwerkes Tschernobyl in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik bereitet die Nachtschicht einen Test vor. Er soll zeigen, dass der Reaktor auch nach einem Stromausfall sicher ist. Drei Minuten später, um 1:23:44 Uhr (25. April, 23:23:44 Uhr unserer Zeit) explodiert der Reaktor. Es ist der schlimmste Atomunfall in der Geschichte.

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Bei dem Test sollte ein externer Stromausfall simuliert werden. Damit wollte die Kraftwerkmannschaft überprüfen, ob in so einem Fall die nachlaufende Turbine noch genug Energie für die Notkühlung des Reaktors liefern würde, bis die Notstromgeneratoren starten. Eine Minute galt es zu überbrücken – sonst bestünde die Gefahr einer Kernschmelze.




Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Simulation begann bereits 24 Stunden vorher, am 25. April um 1 Uhr Ortszeit, mit dem schrittweisen Herunterfahren des Reaktors für die jährliche Überprüfung. Doch weil am Freitagmittag in Kiew Strom benötigt wird, wird das Herunterfahren gestoppt. Der Reaktor läuft zu der Zeit mit halber Kraft.

Um 23:10 Uhr nimmt das Personal das Herunterfahren wieder auf. Etwa eine Stunde später war er bei einem Viertel seiner Leistung angekommen. Doch plötzlich sackte die Leistung schlagartig auf etwa 1 Prozent ab. Grund war eine sogenannte Xenon-Vergiftung.

Weil der Reaktor stundenlang mit halber Kraft lief, hatte sich das Isotop Xenon-135 gebildet. Xenon absorbiert Neutronen und behindert die Kettenreaktion, weshalb die Leistung des Reaktors abfiel. Es dauert etwa ein bis zwei Tage, bis das Isotop zerfallen ist. Erst dann ist der Reaktor wieder betriebsbereit und darf wieder hochgefahren werden.

Knapp eine Stunde vor der Katastrophe, um 0:32 Uhr, trifft die Mannschaft die erste von mehreren Fehlentscheidungen: Um die Leistung des Reaktors wieder hochzufahren, zieht sie einen Teil der Steuerstäbe, mit denen der Reaktor geregelt wird, heraus. Doch was sie beabsichtigt – die Leistung wieder zu steigern – gelingt nicht: Der Reaktor kommt nur auf 7 Prozent. Mit einer Leistung von weniger als 20 Prozent darf er nicht betrieben werden, sondern muss nur heruntergefahren werden. Dennoch fällt die Entscheidung, den Reaktor laufen zu lassen und den Test wie geplant durchzuführen.

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In der nächsten halben Stunde fährt die Bedienmannschaft weitere Steuerstäbe aus dem Reaktor, um ihn zu stabilisieren. Um 1:03 Uhr sind 193 der 211 Steuerstäbe herausgefahren. Die Anlage wird zunehmend instabil, der Druck schwankt. Durch eine Notabschaltung hätte die Katastrophe jetzt noch verhindert werden können. Die automatische Notabschaltung war jedoch 20 Minuten zuvor deaktiviert worden.


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Das Ortsschild vor der Katastrophe (Bild:

USFCRFC

)

20 Minuten später nimmt das Schicksal endgültig seinen Lauf: Um 1:23 Uhr ordnet der stellvertretende Chefingenieur an, den Test zu starten. Wie geplant wird der Strom abgeschaltet. Die Pumpen werden jetzt nur noch durch die auslaufende Turbine angetrieben. Dadurch wird weniger Kühlwasser in den Reaktorkern gepumpt. Die Temperatur dort steigt rasch an. Die Welt ist nur noch Sekunden von der Katastrophe entfernt.

Um 1:23:40 Uhr drückt der Schichtleiter den Schalter für die Notabschaltung – es war der Funke an der Zündschnur. Der Knopf AZ-5 sorgte dafür, dass alle Steuerstäbe eingefahren werden. Doch statt die Kettenreaktion zu stoppen, wurde sie wegen eines Konstruktionsfehlers des Reaktors beschleunigt. In Sekundenbruchteilen stieg die Leistung auf das Hundertfache des Nennwerts. Durch den Temperaturanstieg verformten sich die Stäbe und blieben stecken. Bei einer Temperatur von etwa 2000 Grad Celsius schmolzen die Brennelemente. Das Zirkonium in den Hüllen der Brennstäbe reagierte mit dem Wasserdampf, ebenso das Graphit. Große Mengen an Wasserstoff und Kohlenstoffmonoxid wurden freigesetzt.

Es kommt in kurzer Abfolge zu zwei Explosionen, von denen eine den rund 2000 Tonnen schweren Deckel des Reaktors wegsprengt. Im Innern des Reaktors wütet ein Feuer, das riesige Mengen radioaktiven Materials freisetzt. Brennendes, hochradioaktives Graphit wird hinausgeschleudert. Die heiße Luft, die von dem Feuer aufsteigt, befördert die radioaktiven Stoffe hoch in die Atmosphäre.

Die Werksfeuerwehr war in Minuten vor Ort und hatte schon etwa vier Stunden nach den Explosionen die Brände außerhalb des Reaktorgebäudes gelöscht. Drinnen brannte es jedoch weiter. Um das Feuer zu löschen und zudem eine unkontrollierte Kettenreaktion im geschmolzenen Reaktorkern zu verhindern, wurde beschlossen, Blei, Bor, Dolomit, Sand und Lehm in den Reaktor zu schütten.



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