Künstliche Intelligenz
Missing Link: Lange Nacht der Computerspiele – wie das Spielefestival entstand
Vor zwei Jahrzehnten verunsicherten Gerüchte, die Games Convention könnte Leipzig verlassen. Für mich sind sie völlig abwegig. Doch einige machen sich mehr Gedanken. Die Wirtschaftsförderung der Stadt sucht und vernetzt Mitstreiter, um Leipzig als Spiele-Stadt sichtbar zu machen. Auf offene Ohren stößt sie bei unserer Fachhochschule, der HTWK. Die stellt nun Spiele statt E-Commerce in den Mittelpunkt einer jährlichen Konferenz, der Leipziger Informatiktage. Als freier Journalist bewerbe ich mich um einen Vortrag – und werde angenommen: „Digitale Spiele – Wirtschaftsfaktor und Technologietreiber“.
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Am Abend, es ist der 1. Dezember 2006, sitzen die Teilnehmer gemütlich in einer Gaststätte. Zwei Professoren, Hans-Ulrich Niemitz und Klaus Bastian, tragen ein Vorhaben an mich heran: „Die lange Nacht der Computerspiele“ im Mai als Höhepunkt einer öffentlichen Vorlesungsreihe über, naja, eben: Spiele. Es ist zunächst nur ein hübsch klingender Name; die Inhalte fehlen noch. Wir tauschen Ideen aus: Man könnte einen PC-Pool mit Spielen bestücken, man könnte alte und neue Konsolen auf dem Gang aufstellen, man könnte Exponate hinter Glas zeigen. Im Laufe der Monate werden die Vorschläge ausgearbeitet. Treffpunkt dafür ist der monatliche Stammtisch der Leipziger Spiele-Szene.
Festplatten-Spiegelei
Um die Arbeitsrechner im PC-Kabinett in Spielemaschinen zu verwandeln, werden die Festplatten gewechselt. Ich erhalte für einige Wochen einen Muster-Rechner mit einem frischen Windows. Dort installiere ich allerlei, meist Freeware und Demo-Versionen; später bitte ich kleine Studios um DRM-freie Versionen. Es sind einige Onlinespiele darunter, für die wir Accounts für die Besucher einrichten.
Ein Techniker aus der IT dupliziert die Festplatte zwanzigmal und baut vor der Spielenacht in alle PCs die Spiele-Platten ein. Schnell lerne ich beim Vorbereiten, dass ich nicht nur einen PC, sondern auch einen Monitor aus der Hochschule brauche: Der hat ein für Spiele weniger typisches Verhältnis von 16:10 (1920 x 1200 Pixel), das ich teilweise beim Einrichten zu Hause gar nicht einstellen kann.
Die Hochschule hortet noch eine Handvoll betagter Röhren-Fernseher, an die ich allerlei alte und neue Konsolen anschließe, vom Super Nintendo über Dreamcast bis zur Wii. Damals wie heute besonders beliebt: das Trommel-Spiel „Donkey Konga“ für vier Spieler am GameCube. Im Laufe der Jahre schaffe ich mir selbst immer mehr Bildschirme für Veranstaltungen an; mittlerweile sind es rund 100.
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2007
René Meyer
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Als Krönung bringt ein Freund (der ehemalige Spielejournalist Nico Kuhn) die brandneue PlayStation 3 samt Flachbildfernseher mit. Die Museologie-Fakultät leiht zwei Tischvitrinen, in denen ich Handhelds und verschiedenste Spiele-Datenträger ausstelle. Während der Spielenacht bietet die Fachschaft für kleines Geld belegte Brötchen und Getränke an.
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Als Eröffnung spricht Jörg Müller-Lietzkow (heute Präsident der HafenCity Universität Hamburg) über „Fascination Gaming – State of the Art“. State of the Art ist auch das Einbeziehen der damals angesagten Online-Welt „Second Life“: Dort wird ein Plätzchen für die Spielenacht geschaffen; und gleichzeitig wird es per Beamer in die Veranstaltung gestrahlt.
Das alles ist ein großer Aufwand für einige Dutzend Besucher. Ein Teil sind Studenten, die sich den Besuch der Vorlesungsreihe anrechnen lassen. Ein Teil sind Freunde. Doch allen macht es Spaß. Und so entsteht die Idee, die Spielenacht ein Jahr später, 2008, zu wiederholen.
Die Spielenacht wird größer
Im dritten Jahr 2009 kommt langsam Fahrt auf. Der Sammler Torsten Othmer (der bereits 1986 mit einem Freund einen Atari-Club gründet) bringt eine Reihe weiterer Geräte mit; darunter Amiga, Atari ST und Apple II. Und wir richten eine Kino-Ecke ein, in der über einen Beamer Klassiker wie „Tron“ und „Wargames“ laufen.
Im vierten Jahr wächst die Spielenacht deutlich an Fläche. Es wird ein Netzwerk aus acht Atari ST aufgebaut, an denen man „MIDI Maze“ spielt. Eine Art „Doom“-Vorläufer aus den 80ern. Das Spielemusik-Webradio PARALAX kommt aus Wuppertal und streamt die Veranstaltung. Für die Fußball-Roboter der Hochschule, die bereits mehrfach Weltmeister und Vize-Weltmeister wurden, wird ein Spielfeld aufgebaut. Im fünften Jahr gelingt zusammen mit dem Team von Midimaze.de ein Netz aus atemberaubenden 16 Atari ST.
Doch mittlerweile ist der kleine Zuse-Bau der Hochschule, der weder Seminarräume noch Hörsäle hat und eher Büros enthält, an seine Grenzen gestoßen. Das Gebotene lockt einige hundert Besucher an, die sich in den engen Gängen drängen. Auch die Zweiteilung durch ihren Ursprung als Teil einer Vorlesungsreihe stört zunehmend: Die Eröffnung mit Vorträgen und Präsentationen ab 16 Uhr ist mittlerweile zweieinhalb Stunden lang. Sie findet im Nebengebäude auf der anderen Straßenseite statt, weil es im Zuse-Bau keine größeren Räume gibt.
Und ein Freund meint ehrlich: „Du, die Spielenacht ist langweilig.“ In der Tat. Außer sich an einen PC oder an eine Konsole zu setzen, kann man nicht viel machen. Zu jener Zeit lerne ich das Living Games Festival in der Jahrhunderthalle Bochum kennen. Es ist viel großzügiger gestaltet und bietet so viel mehr: Stände von Indie-Entwicklern, Vorträge und Interviews, digitale Kunst, eine Bar und Sitzecken zum Schwatzen. Das will ich auch in Leipzig.
Umzug
Der Informatik-Professor Klaus Bastian, mit dem ich die Spielenacht mittlerweile zu zweit bestreite, hat einen verlockenden Vorschlag: den Umzug vom kleinen Zuse-Bau in den prächtigen und erheblich größeren Lipsius-Bau mit seinem Foyer, vielen Seminarräumen, mehreren Hörsälen und Pools und der Mensa.
Um die Fläche zu füllen, werbe ich um Aussteller. Die Computerspielschule Leipzig bringt Notebooks mit, auf denen Minecraft läuft. Es gibt die ersten Turniere; und langsam versammeln sich auch Indie-Entwickler. Sie sind schwierig zu gewinnen: Keine Zeit, nichts vorzuweisen, keine Hardware, die man auf eine Messe mitnehmen kann. Leichter ist es zunächst, Hochschul-Projekte zu akquirieren.
Es gibt so viele Hörsäle, dass wir neben einem Vortragsraum einen Kinosaal einrichten können. Um die faszinierende Doku „Moleman 2 – Demoscene“ für jedermann zugänglich zu machen, übersetze ich zwei Wochen lang, und noch ohne KI, die Untertitel ins Deutsche. Zur Premiere kommt ein einziger Zuschauer: mein Schwiegervater. Im Folgejahr „räche“ ich mich und lasse den Film in Dauerschleife laufen. Das hilft.
Als Volltreffer hingegen erweist sich die Überlegung, auch Brettspiele und Table Top einzubeziehen; als zweiter, sie in die riesige Mensa zu versetzen, den schönsten Platz der Hochschule mit ihrem Glasdach, den terrassenartigen Ebenen und den vielen Pflanzen. Brettspiele und Kartenspiele passen prima zu Computerspielen und sind heute ein beliebter Bereich vieler Messen und Festivals.
Was zugutekommt: Gleichzeitig organisiere ich die Retro Area auf der Gamescom; und beides wächst und befruchtet sich gegenseitig. Leipzig-Aussteller kann ich nach Köln locken; und Gamescom-Ausstellern erzähle ich, die Spielenacht sei genauso schön. Manchmal klappt das.
So wächst die Lange Nacht der Computerspiele Schritt für Schritt um Etagen und Räume, bis sie mehrere tausend Quadratmeter einnimmt und einige tausend Besucher anzieht.
Hochschule als Veranstaltungsort
Eine Hochschule ist ein praktischer Ort für ein Spielefest. Alles, was man braucht, ist bereits vorhanden. Tische und Stühle für Aussteller, Vortragsräume, Internet, Beamer, sanitäre Anlagen, ein Speisesaal. Und eine große Publikumsveranstaltung ist eine gute Gelegenheit für die Hochschule selbst, sich und die Arbeiten von Studenten zu präsentieren. Seit Jahren kooperiert die Spielenacht mit dem Hochschulinformationstag. Beide gehen quasi ineinander über. Was jedoch nicht geklappt hat: Teil der Museumsnacht zu werden.
Die ersten Spielenächte haben kein festes Ende. Später legen wir 3 Uhr nachts als Schluss fest. Manchen Ausstellern, vor allem denen, die eine weite Anreise hatten, bereitet das Probleme. Und mittlerweile sind unter den Besuchern zunehmend Familien. So verschieben wir die Zeiten von 16-3 Uhr auf 14-1 Uhr. Heute endet die Veranstaltung bereits um 23 Uhr.
Marketing ohne Budget
Mit dem Angebot wachsen die Besucherzahlen. Doch wie macht man eine Veranstaltung bekannt, außer durch Mundpropaganda? Ein Baustein sind A2-Plakate. Es gibt nicht viele davon, aber ich platziere sie an prominenten Stellen in der Hochschule. An die Eingangstür, in den Aufzug – nichts ist mir heilig. Über Kontakte gelangen sie gar ins Rechenzentrum der Uni und in Hochschulen anderer Städte. Das kleinere A3-Format wird an Schulen verteilt.
Ein zweiter Baustein ist eine einladende Website, die Lust auf die Veranstaltung macht. Gut strukturiert, viele Fotos. Auf den ersten Blick soll man denken: Da will ich hin. Dazu frische ich meine Kenntnisse in HTML und CSS auf und lerne ein bisschen PHP, um ein Anmeldeformular für Mitwirkende zu entwerfen.
Ein dritter Baustein sind soziale Medien. Ich poste in Retro-Foren wie dem Forum64, erstelle und pflege eine Facebook-Seite und nutze die von mir gepflegte Mailingliste der Leipziger Spieleszene.
Der vierte Baustein ist die gute alte Pressemeldung. Die Hochschule hat ohnehin einen Verteiler, aber ich baue zusätzlich zwei eigene Mail-Verteiler auf: einen für die lokalen Medien wie Tageszeitung und Radio, einen für die überregionale Spiele- und Computer-Presse. Die dritte Spielenacht 2009 schafft es sogar auf Heise.de.
Staffelübergabe nach zehn Jahren
Mit der Größe der Veranstaltung wächst auch der Aufwand. Ich stecke jedes Jahr mehrere hundert Stunden in die Vorbereitung. Akquise und Beratung von Ausstellern, Vortragsprogramm, Vorbereiten des Muster-Rechners, Pflege der Website und Facebook. Dazu baue ich weiterhin eine Menge an Geräten auf, teilweise dreißig Konsolen und Heimcomputer, allesamt an Röhren-Bildschirmen, und bringe Hardware für andere Aussteller mit. Bei Klaus Bastian lockt der Ruhestand; und so beschließen wir nach zehn Jahren, die Spielenacht in andere Hände zu geben.
Seit 2017 liegt sie in der Verantwortung mehrerer Professoren und ist eng in das Studium eingeflochten. Das und die überschaubaren Kosten sichern ihren Fortbestand. Jährliche Projektleiter sind Masterstudenten für Medienmanagement. Studenten der Medientechnik richten ein E-Sport-Turnier aus, das moderiert und gestreamt wird. Selbst im „Studium generale“, das Allgemeinwissen fördert, lassen sich bei der Mithilfe Punkte sammeln.
Neue Köpfe führen zu neuen Ideen. Fester Bestandteil der Spielenacht seit 2020 ist eine wissenschaftliche Tagung, das Science MashUp. Und als weiterer Bereich kommen Künstler dazu.
Als Aussteller bin ich natürlich weiterhin dabei. Auch wenn das jeweilige Organisationsteam regelmäßig aufstöhnt, wenn es wieder mal eine ungefragte Mail mit Anregungen erhält. Ich bin in erster Linie froh, dass der Geist der Veranstaltung erhalten geblieben ist: ein unbeschwertes Festival der Spielkultur, ohne Eintritt, breit gefächert, das die Szene vernetzt und sichtbar macht. Ein Ort, wo unkompliziert Platz für viele Ideen ist – sogar für eine Carrera-Rennbahn von früher.
(nie)