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»Nachhaltigkeit ist eine Form der Selbstverteidigung« › PAGE online


Julius Palm, stellvertretender Geschäftsführer und Head of Strategy and Brand von Followfood, Vorstand des Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft und Jurymitglied des German Brand Award, spricht über Nachhaltigkeit als strategische Disziplin, Resonanz als Währung moderner Markenführung und darüber, warum Transparenz Marken relevanter macht.

Porträt einer lächelnden Person mit Bart und zurückgebundenen Haaren, die einen hellen Hoodie trägt und in einem modernen, lichtdurchfluteten Glasgang steht.Bild: followfood Nachhaltigkeit, Haltung und Markenführung stehen heute stärker denn je unter Beobachtung. In Zeiten multipler Krisen suchen Menschen nach Orientierung – und Marken nach Wegen, glaubwürdig und relevant zu bleiben. Der German Brand Award würdigt genau jene Unternehmen, denen das gelingt, und die Markenführung neu denken. Einer, der diese Perspektive aus der Praxis kennt, ist Followfood-Stratege Julius Palm, der in diesem Jahr auch Teil der Jury des German Brand Awards ist. Sein Credo: Marken entfalten ihre Wirkung dann, wo Impact von Anfang an mitgedacht wird. Und darauf wird er auch bei den Einreichungen ganz besonders achten. 

Page: Julius, du beschäftigst dich seit vielen Jahren intensiv mit Nachhaltigkeit, beruflich wie privat. Welche Motivation hast du und was treibt dich an?

Julius Palm: Motivation braucht es für mich eigentlich gar nicht. Denn Nachhaltigkeit ist für mich vor allem eine Form von Selbstverteidigung, Existenzsicherung und das Kämpfen für das Schöne. Wenn man einmal verstanden hat, wie alles zusammenhängt und dass es kein von der Welt losgelöstes individuelles Leben gibt, dann ist es doch nur logisch, sich dafür einzusetzen. Dabei geht es nicht um irgendein abstraktes Leben in ferner Zukunft, sondern sehr konkret um mein eigenes Leben, das sich jetzt schon spürbar verändert.

Followfood kommuniziert klar: »Was wir essen, verändert die Welt.« Welche Rolle spielen Marken dabei, die Welt zu verändern?

Jede Marke und jedes Unternehmen verändert die Welt – ganz unabhängig davon, ob das bewusst geschieht oder nicht. Gerade die stark industrialisierte Lebensmittelindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv dazu beigetragen, planetare Grenzen zu überschreiten und ökologische Krisen zu verschärfen. Wir kommen also aus einer Realität, in der wirtschaftlicher Erfolg häufig mit negativem Impact verbunden war. Und unser Anspruch bei Followfood ist es jetzt zu zeigen, dass es auch anders geht: dass man wirtschaftlich erfolgreich sein kann und gleichzeitig einen positiven Fußabdruck hinterlässt.

»Gerade in den aktuell turbulenten Zeiten entsteht ein starkes Bedürfnis nach Orientierung.«

Krisen wie die Klimakrise verändern auch das Markenbewusstsein. Wo siehst du darin Chancen für Unternehmen?

Alle Themen, die uns als Menschen und Gesellschaft prägen, haben auch Auswirkungen auf Marken- und Unternehmensführung. Gerade in den aktuell turbulenten Zeiten entsteht ein starkes Bedürfnis nach Orientierung. In solchen Situationen sehnen wir uns ganz besonders nach Resonanzmomenten, die uns Halt geben. Und die können ganz unterschiedlich aussehen: ein Schmunzeln durch einen Werbespot, ein Lachen im Gespräch mit anderen Menschen, eine gute Kampagne oder auch ein Moment der Rührung durch gut gemachten Content. Solche Momente verbinden uns mit dem, was uns wichtig ist, und schaffen Orientierung in einer Zeit, die unübersichtlich ist.

Ich glaube, es geht gerade jetzt nicht darum, dass jedes Unternehmen zu jedem Thema – etwa zum Klima – sofort eine laute Positionierung abgibt, auch wenn jedes für sich eine Antwort darauf haben sollte.

Macht das für dich heute eine gute Markenführung aus?

Bei der Markenführung kommt es für mich genau auf diese Momente an, und wie Marken zu ihnen kommen. Das hat nicht nur mit Kreativität zu tun, sondern auch mit Konsistenz und Integrität. Besonders bei »Haltungsmarken« sind Menschen sehr sensibel für Opportunismus. Ob man einer Kampagne oder einer Haltung glaubt, entscheidet nicht nur die einzelne Maßnahme, sondern die ganze Geschichte der Marke und ob das, was kommuniziert wird, über längere Zeit hinweg auch gelebt wird: Integrität zeigt sich letztlich in gelebter Konsistenz.

Dabei ist Transparenz ein wichtiger Hebel. Sie galt in Unternehmen lange eher als Risiko, aber heute erleben wir einen klaren Paradigmenwechsel: Transparenz wird zum Authentizitätsbooster und kann Marken helfen, Glaubwürdigkeit aufzubauen und echte Resonanz zu erzeugen.

Du bist dieses Jahr auch Teil der Jury beim German Brand Award. Worauf wirst du bei den Einreichungen besonders achten?

Ich schaue auch darauf, ob es einer Marke gelingt, ein authentisches Image zu vermitteln und eine gewisse Integrität zu verkörpern. Dabei ist erst mal das Produkt gar nicht so wichtig, denn es kommt darauf an, dass das Unternehmen es schafft, einen Wert und dieses authentische Resonanzmoment zu erzeugen. Entscheidend ist auch die Frage, ob Impact von Anfang an mitgedacht wurde – sowohl im Geschäftsmodell selbst als auch in der Kampagne. Welche Wirkung soll erzielt werden, und wurde diese Wirkung von Beginn an bewusst eingeplant? Ebenso wichtig ist, ob dieser Impact messbar gemacht, plausibel dargelegt wird und welchen Beitrag ein Unternehmen für die Gesellschaft leistet.

Oft heißt es, Nachhaltigkeit müsse Teil der DNA eines Unternehmens sein. Bei euch ist das seit der Gründung ja gegeben, aber wie kann das auch anderen Marken gelingen?

Jedes Unternehmen kann für sich eine ehrliche Antwort darauf finden, was Nachhaltigkeit im eigenen Kontext bedeutet. Und auch dabei hilft Transparenz enorm. Niemand erwartet Perfektion, aber man erwartet Ehrlichkeit darüber, wo ein Unternehmen steht, wohin es will und dass es bereit ist, sich zu verändern. Wenn ich mich als Marke also authentisch hinstelle und offen sage, dass wir aus einer Welt kommen, in der Nachhaltigkeit lange nicht die oberste Priorität hatte, dass wir aber verstanden haben, welche Verantwortung wir tragen und lernfähig sind, entsteht Glaubwürdigkeit. Entscheidend ist, transparent zu machen, wo man heute steht, wohin man sich entwickeln will und andere auf diesem Weg mitzunehmen. Das ist für die meisten Menschen intuitiv nachvollziehbar und wirkt sympathisch, weil es ehrlich ist und Menschen daran anknüpfen könne. Wir kennen es doch alle aus unserem eigenen Leben.

Wie verändert Transparenz denn die Markenarbeit ganz konkret?

Transparenz bedeutet, dass es eine belastbare Daten- und Informationsgrundlage über das eigene Unternehmen, die Produkte und insbesondere die Lieferketten braucht. Ohne dieses Wissen lässt sich keine authentische Transparenz leben. Für viele Unternehmen ist das eine Herausforderung, weil Lieferketten lange Zeit eine Blackbox waren.

Gleichzeitig führen aber neue Regularien dazu, dass Unternehmen ohnehin gezwungen sind, sich diese Informationen zu beschaffen. Und das ist eine Chance: Wer sich mit diesen Themen auseinandersetzt, kann daraus Inhalte für Kommunikation und Marke entwickeln. Die Datenerhebung ist aufwendig, verändert aber die Markenarbeit grundlegend, weil sie Marke viel näher an das Geschäftsmodell heranrückt. Geschichten lassen sich dann nicht mehr frei erfinden, sondern müssen aus dem Produkt und seiner Entstehung heraus erzählt werden. Transparenz bedeutet damit, dass Markenkommunikation deutlich enger mit der Realität von Lieferkette und Geschäftsmodell verbunden ist, als es lange Zeit der Fall war.

Das heißt, Markenführung wird ehrlicher und faktenbasierter – wird sie damit auch relevanter?

Wenn Unternehmen und Produkte Charakter bekommen, Ecken und Kanten zeigen und auf realen Grundlagen beruhen, entsteht für die Kommunikation wieder eine echte kreative Aufgabe. Das mag zunächst außerhalb der Komfortzone liegen, macht die Arbeit aber auch spannender, weil man näher am Produkt, am Unternehmen und damit auch an den Menschen arbeitet.

Damit wird auch Werbung relevanter. Menschen sind sensibel für falsche Versprechen. Wenn es schwieriger wird, solche Versprechen zu machen, weil Kommunikation stärker auf Fakten basiert und sich mit Produkt, Unternehmen und Lieferketten auseinandersetzen muss, gewinnt sie automatisch an Relevanz. Dann hat Kommunikation wirklich etwas mit dem Produkt, aber auch dem Alltagserleben der Menschen zu tun, und nicht nur mit einem konstruierten Lebensgefühl. Genau das schafft Glaubwürdigkeit und Bedeutung.

Jetzt einreichen: Registration Deadline bis zum 27. Februar 2026

Wie siehst du das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit – schließt sich beides aus?

Nein! Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur ein reiner Aufwandsposten, sondern eine strategische Ausrichtung. In vielen Unternehmen wird Nachhaltigkeit noch so wahrgenommen: als Personalkosten, als Berichtspflicht, als Funktion, die Geld kostet und wenig zum Geschäft beiträgt. Betrachtet man das Thema jedoch strukturell und strategisch, wird Nachhaltigkeit zu einer eigenständigen Business-Disziplin.

»Es braucht in jeder Abteilung Menschen, die sich auf Datenebene mit der Frage beschäftigen, ob Prozesse, Lieferketten und Entscheidungen langfristig tragfähig sind.«

Durch solides Reporting, belastbare Datenerhebung und gute Prognosen lässt sich frühzeitig erkennen, wo Risiken entstehen. Wenn Unternehmen ihre Lieferketten kennen, Daten analysieren und Entwicklungen antizipieren können, sind sie in der Lage, gegenzusteuern, unabhängiger vom Markt zu werden und resilientere Geschäftsmodelle aufzubauen. Und deswegen ist die Verortung von Nachhaltigkeit ausschließlich im Marketing oft ungünstig. Sie ist kein Kommunikationsthema, sondern es braucht in jeder Abteilung Menschen, die sich auf Datenebene mit der Frage beschäftigen, ob Prozesse, Lieferketten und Entscheidungen langfristig tragfähig sind.

Was bedeutet es dir, in diesem Jahr beim German Brand Award Teil der Jury zu sein?

Zunächst mal freue ich mich sehr über die Möglichkeit. Gerade weil mit Followfood ein Unternehmen aus einem klar nachhaltig ausgerichteten Kontext in die Jury eingebunden wird. Das ist aus meiner Sicht eine Chance, Markenfragen mit einer zusätzlichen Perspektive zu betrachten und neu aufzuladen. Genau diese Sicht möchte ich in die Diskussionen einbringen.

Ich freue mich auf die Cases und den Austausch darüber, weil Marketing und Markenarbeit einen enormen Einfluss darauf haben, wie wir als Gesellschaft denken, fühlen und handeln. Wir sind permanent von Markenbotschaften, Produktmarketing und Kampagnen umgeben, die unsere Bedürfnisse, Wünsche und Ziele mitprägen. Diese Wirkung auf einer so reflektierten Ebene wie beim German Brand Award zu diskutieren, finde ich extrem spannend. Ich bin sehr neugierig, welche Diskussionen entstehen und welchen Beitrag wir als Unternehmen mit einer etwas anderen Herangehensweise leisten können.

Mit den Zusatzkategorien Sustainable Brand of the Year und Circular Brand of the Year würdigt der German Brand Award Unternehmen, die beim Thema Nachhaltigkeit neue Maßstäbe setzen. Warum sind auch Kategorien wie diese so wichtig?

Man könnte natürlich fragen, warum es dafür eine eigene Kategorie braucht – schließlich sollte Nachhaltigkeit grundsätzlich für alle relevant sein. Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor Vorreiter und Unternehmen, die in diesem Bereich besonders konsequent arbeiten. Diese Ambition geht häufig damit einher, dass weniger Marketingbudgets und geringere Ressourcen zur Verfügung stehen, um mit großen, aufwendig produzierten Kampagnen zu konkurrieren.

Genau deshalb sind solche Kategorien sinnvoll. Sie ermöglichen es Unternehmen, die inhaltlich stark arbeiten, aber nicht über große Budgets verfügen, Anerkennung und Sichtbarkeit zu bekommen. Eben auch dort, wo sie im direkten Wettbewerb sonst oft benachteiligt wären. Sie schaffen einen fairen Rahmen, um auch ihre Leistungen wertzuschätzen und wirklich sichtbar zu machen.

Über Julius:

Julius Palm ist stellvertretender Geschäftsführer und Head of Strategy & Brand bei der nachhaltigen Foodmarke Followfood. Dort arbeitet er daran, durch ein Geschäftsmodell die sozial-ökologischen Probleme zu lösen. Das Ziel: ein regeneratives Unternehmertum. Zudem setzt er sich als Vorstand des Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft für politische Rahmenbedingungen einer zukunftsfähigen Wirtschaft ein.

Logos PAGE und German Brand Award 2026, grafische Darstellung



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Ich sehe was, was du nicht siehst › PAGE online


Keine politische Werbung mehr über Metas Kanäle? Die schwedische LGBTQ+ Organisation RFSL wollte das nicht hinnehmen und tat sich mit der Stockholmer Agentur Stendahls zusammen. Die Kreativen dort begannen zu tüfteln und entwickelten schließlich eine unsichtbare Schrift.

Ich sehe was, was du nicht siehst › PAGE online

»Meta kann unsere Anzeigen verstecken, aber nicht uns«.

Im Oktober 2025 trat eine neue EU-Verordnung in Kraft, die die Transparenz im Bereich der politischen Werbung erhöhen soll. Meta reagierte darauf mit einem Verbot aller politischen und sozialen Anzeigen in der gesamten EU. Darunter fallen auch Botschaften zu Gleichberechtigung, Klima, Inklusion und Menschenrechten. Selbst Aussagen wie »Wir müssen uns gegen Hassverbrechen wehren« werden nun blockiert. 

Fiberhaft überlegten die Kreativen von Stendahls, die inzwischen Teil von iO sind, zusammen mit RFSL, wie sie deren Botschaften trotzdem verbreiten könnten und kamen auf eine smarte, typografische Idee: Eine Schrift zu entwickeln, die (mit genug Augenabstand) für menschliche Augen problemlos zu entziffern ist, für den Meta Algorithmus aber nur Kauderwelsch darstellt. Zunächst überlegte Stendahls, die Botschaften in Bildern zu verstecken oder über das Netzwerk QX Privatpersonen aufzufordern, sie organisch zu verbreiten. Letzten Endes aber wollte RFSL dort sichtbar sein, wo es eigentlich nicht erlaubt ist – in bezahlten Anzeigen.   

Schließlich kam das Team auf die Idee, optische Täuschungen einzusetzen. Nach diversen Tests stellten die Schweden fest, dass die KI einiges nicht sehen konnte was sie selbst sahen. Der Gedanke zur unsichtbaren Schrift war geboren.

Grüne Fläche mit gepixeltem Text mit der Aufforderung gegen Hassverbrechen aufzustehen

»Wir müssen uns gegen Hassverbrechen wehren«.

Lila Farbfläche mit dem gepixelten Text, dass HBTQI nicht gefährlich ist, Zensur aber schon

»HBTQI ist nicht gefährlich, Zensur schon«.

Durch die Kalibrierung von Farbe, Form und Kontrast wurden die Buchstaben immer wieder feinjustiert, ein internes Testtool analysierte, was in den Systemen hängen blieb und was durchkam. So entstand der Human Writes Font, den RFSL in Kampagnen nutzt. »Meta kann unsere Anzeigen verstecken, aber nicht uns« ist da zu lesen oder auch »Wir müssen uns gegen Hassverbrechen wehren«. 

»This is a way to speak up with creativity instead of a megaphone. We know Meta isn’t listening, but people are. And that’s where change begins.«

Sofia Frejd, Art director, Stendahls

Sechs iPhone Displays nebeneinander, alle mit einer verschiedenfarbigen Farbläche und verschiedenen gepixelten Texten

Damit nicht genug, entwickelte Stendahls ein Tool, mit dem jeder Botschaften erstellen kann. Kostenlos und laut Sendahls völlig legal, lassen sich auf humanwritesfont.com sechszeilige Botschaften in sechs Farben erstellen und als PNG speichern. Die einzige Bitte, die die Kreativen haben: »Verwendet  #humanwritesfont in der Bildunterschrift, so dass wir den Botschaften folgen ud sie teilen können.«

Eine tolle Initiative von Stendahls, die hoffentlich nur für vernünftige Botschaften genutzt wird. Und ein befriedigendes Gefühl, als Mensch der KI doch noch ein Stück überlegen zu sein.

Blaue Fläche mit gepixeltem Text die Würde des Menschen ist unantastbar

Auf humanwritesfont.com kann jeder solche Botschaften erstellen und als Bild speichern. Beim Veröffentlichen in der Bildunterschrift gerne #humanwritesfont verwenden.

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In allem ein Stück zu Hause › PAGE online


Bettina Bexte zeichnet für Spiegel online, für den Stern oder die Süddeutsche Zeitung. Jetzt ist ihre erste Graphic Novel erschienen, die Lebensgeschichten von fünf Migrant:innen erzählt, die sich in unserer Gesellschaft ehrenamtlich engagieren.

In allem ein Stück zu Hause › PAGE online

Die Idee auch mal eine Graphic Novel zu zeichnen, kam der Bremer Cartoonistin Bettina Bexte während Covid.

Erst erzählte sie zeichnend von zwei Nachbarinnen, herrlichen schrägen Schwestern, für die sie in der Pandemie einkaufen ging. Dann folgte eine gezeichnete Geschichte über ihre Tante – und jetzt erschien ihre erste Graphic Novel.

Und das ist ein großes Glück.

Denn »In allem ein Stück zu Hause« erzählt mit »suchendem Strich«, wie Bettina Bexte selbst ihren Stil beschreibt, aus dem wahren Leben von fünf Migrant:innen und ging dabei dokumentarisch vor.

Sie beschreibt, wie sie ihre Protagonist:innen trifft, wie sie aus ihrem Leben erzählen, wie und wo sie groß geworden, welche Erfahrungen sie geprägt haben – und davon, wie es dazu gekommen ist, sich in unserer Gesellschaft zu engagieren.

Packende Lebenswege

Da ist Dilar, die 1992 als Drillingskind in Leverkusen geboren wurde, die alles mit Kokosnuss mag und über das Boxerinnendrama »Million Dollar Baby« selbst zum Boxen fand– und heute nicht nur Frauen- und Inklusionsbeauftragte des Hamburger Sportbundes ist, sondern ein Box-Projekt für Frauen mit Parkinson leitet.

Nah dran und mit liebevollem Blick erzählt Bettina Bexte davon und so lebendig und authentisch, dass es nicht nur mitreißend, sondern auch ermutigend ist. Genauso wie die Geschichte von Miša, der in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus Jugoslawien kam. Der ein Kollege von Bettina Bextes Vater war, der für den Stern fotografierte und sich bis zu seinem Tod 2024 um Obdachlose kümmerte.

Halime, die 1966 in der Türkei geboren wurde, hingegen hat so viel erlebt, dass man sich fragt, woher sie eigentlich die Zeit für all ihr Engagement nimmt, das nach einer schweren OP begann. In der Reha wurde ihr klar, dass sie ihr Leben nicht nur als Hausfrau und Mutter verbringen will – und ein unglaublicher Weg begann.

Staunend folgt man ihren Erzählungen, die von dem Gymnasium, das sie frühzeitig verlassen musste, zu ihrer frühen Ehe führen und weiter zu ihrem Platz im Vorstand des Bremer Rats für Integration und im Rundfunkrat von Radio Bremen. Und dazu ihrem Engagement in zahlreichen Projekten für Integration und einen interreligiösen Dialog, für die sie immer wieder ausgezeichnet wurde.

Und genauso staunend folgt man den Bildern von Bettina Bexte, die mit viel Bleistift arbeitet, manches monochrome koloriert und dann wieder mit wohl abgestimmten Farben arbeitet.

Für ein Miteinander

Weitere Geschichten erzählen von dem jungen Azad, der mit 15 Jahren über das Mittelmeer aus Syrien flüchten musste und von Florence aus Ruanda, die ihren kleinen Sohn in ihrer Heimat zurücklassen musste, als sie nach Deutschland kam. Heute lebt er bei ihr nahe Hamburg und sie kümmert sich um alleinerziehende Mütter.

Immer wieder hat Bettina Bexter ihr Gezeichnetes mit den Protagonist:innen abgeglichen und gemeinsam haben sie sich herangetastet. Denn die eigenen Bilder, die bei den Erzählungen in ihrem Kopf entstanden sind, hatten nicht immer was mit dem wirklichen Geschehen zu tun.

In einem Interview erzählte sie, dass sie zum Beispiel Miša als Kind automatisch mit Schuhen zeichnete. Dabei hatten die fünf Geschwister nur ein einziges Paar, das sie abwechselnd trugen.

»Bilder machen Menschen noch einmal anders erfahrbar«, sagt Bettina Bexter und in ihrem Debüt gilt das ganz besonders auch für das Leben in zwei Kulturen – und einem Miteinander, von dem es gar nicht genug geben kann.

Und das gerade auch in einer Gesellschaft, die immer mehr nach rechts rückt und einer Politik, die immer öfter die Unterschiede anstatt der Gemeinsamkeiten betont – und in einem Jahr, in dem gleich mehrere Landtagswahlen stattfinden.

Bettina Bexte: In allem ein Stück zu Hause, avant-verlag, 176 Seiten, farbig, Flexcover, 25 Euro, ISBN: 978-3-96445-163-7

 

 



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In Berlin steht eine besondere Plakatwand! › PAGE online


Am Stuttgarter Platz in Berlin bespielt der Fotograf Darius Ramazani eine Plakatwand, präsentiert dort Illustration, Kunst, Literatur – und setzt sich für Demokratie ein. Im Wahljahr 2026 jetzt mit einer Botschaft von Exit.

In Berlin steht eine besondere Plakatwand! › PAGE online

Stutti wird der Stuttgarter Platz in Berlin Charlottenburg liebevoll von Einheimischen genannt. Legendär und einstige Adresse der Kommune 1, ist er von Restaurants gesäumt, von Grün und einer bekannten Pizza-Bude.

Dort ist immer viel los. Ideal also für eine Plakatwand, wie sie der Fotograf Darius Ramazani dort seit Jahren besitzt und für die unterschiedlichsten Botschaften nutzt.

Er macht sich für Kultur, für Literatur und Illustration stark, für Elternpodcasts, Hilfe bei seelischen Problemen, er kündigt Ausstellungen an oder den DDC-Award und feierte 75 Jahre Grundgesetz mit einem typografischen Motiv.

Natürlich ist die Plakatwand dort wohlbekannt – und strahlt immer wieder auch über die Kiez-Grenzen hinaus.

So wie jetzt mit der Aktion für Exit Deutschland, einer Organisation, die seit 25 Jahren Wege aus dem Rechtsextremismus bietet.

Kreative für Exit

Exit ist spendenfinanziert, wurde dabei in der Vergangenheit unter anderem von fritz-cola oder dem FC St. Pauli unterstützt und von legendären und preisgekrönten Aktionen.

Allen voran der unfreiwillige Spendenlauf »Rechts gegen Rechts« von 2015 oder den T-Shirts, die 2011 bei einem NPD-Rockfestival in Jena verteilt wurden und nach dem Waschen die Nummer der Hilfe-Hotline zum Ausstieg aus der rechten Szene freigab.

Jetzt ist die neue Kampagne von Exit auch auf der Plakatwand von Darius Ramazani am Stuttgarter Platz zu sehen.

Entwickelt wurde sie von Art Director Nico Höfer und Alf Frommer, Kreativdirektor bei RYSM. Als das Motiv im digitalen Kanal von Exit erschien, war es der erfolgreichste Post aller Zeiten der NGO.

Mit der analogen Verbreitung soll an diesen Erfolg angeschlossen werden.

 

 

2026 ist Wahljahr!

Und das Motiv scheint wie ein Muss in dem Wahljahr, in dem es gleich vier Landtagswahlen gibt und das unter anderem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Gerade in Zeiten von Rechtsextremismus und einer AfD im Umfragehoch sei es besonders wichtig, an die Stärken einer wehrhaften Demokratie zu erinnern, hatte Darius Ramazani bereits 2024 zum Jubiläum des Grundgesetzes gesagt. Und statt dass ein Rezept dagegen gefunden wurde, ist die Situation noch besorgniserregender geworden.

Wer auch mal mit einem Projekt auf der Plakatwand erscheinen möchte, wer »mitspielen« will, wie es von Darius Ramazani heißt, der kann über die Website ramazani.flasht.berlin direkt einen Vorschlag an den Macher senden.

 

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