Künstliche Intelligenz
Nordamerika-Premiere: CO2-Zertifikate aus Direct Air Capture für Microsoft
Kanada meldet die ersten CO2-Zertifikate Nordamerikas, die durch Direct Air Capture (DAC) gewonnen wurden, also das Filtern von CO2 aus der Luft. Gelungen ist dies bei einer Testanlage der Firma Deep Sky in der Provinz Alberta. Die aus der Atmosphäre geholte Menge CO2 dürfte bescheiden sein, eine konkrete Zahl nennt Deep Sky nicht. Microsoft und die Royal Bank of Canada (RBC, nicht zu verwechseln mit der staatlichen Zentralbank Bank of Canada) haben die Zertifikate gekauft, um ihre Treibhausgasbilanz rechnerisch zu verbessern. Jedes Quartal sollen weitere Zertifikate folgen, auch die Lufthansa hat welche bestellt. Bislang gab es CO2-Zertifikate aus DAC nur aus Island, wo Strom aus Geothermie genutzt werden kann.
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Zur Milderung der Klimakrise muss die Konzentration von Treibhausgasen wie CO2 in der Luft reduziert werden. Weil weiterhin mehr ausgestoßen als resorbiert wird, suchen zahlreiche Unternehmen nach technischen Lösungen. Ein Weg ist, CO2 bei großen Quellen, beispielsweise Kohlekraftwerken, abzufangen. Ein anderer Ansatz ist Direct Air Capture; dabei wird CO2 an einem beliebigen Ort aus der Luft gesaugt. Somit kann auch CO2, das schon vor längerer Zeit in die Atmosphäre gelangt ist, sei es aus natürlichen Prozessen oder durch menschliches Zutun, herausgeholt werden. Für das Klima ist die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ein wichtiger Faktor, unabhängig davon, wann und wie die Gase entstanden sind.
Der Kohlenstoff muss natürlich gebunden werden, beispielsweise in neuen Produkten wie Beton und Bier, oder in unterirdischen Dauerlagerstätten. Unabhängige Prüfer stellen dafür dann CO2-Zertifikate (CO2 credits) aus. Zahlreiche Firmen versprechen sich davon gute Geschäfte, zumal Subventionen winken und der KI-Boom der Treibhausgasausstoß finanziell potenter Datenkonzerne explodiert.
Mehrere Methoden unter gleichen Bedingungen
Die verschiedenen technischen Ansätze für DAC unterscheiden sich deutlich. In dieser Vielfalt sieht die kanadische Firma Deep Sky ihre Chance: Sie betreibt in der Kleinstadt Innisfail in der westkanadischen Provinz Alberta ein Testgelände namens Deep Sky Alpha, auf dem Prototypen verschiedener DAC-Entwickler stationiert werden. Dazu zählen Airbus, Airhive, GE Vernova und Mission Zero Technologies. Unter den Deep-Sky-Partner sind auch die deutschen Unternehmen Greenlyte Carbon Technologies, das gleichzeitig Wasserstoff als Nebenprodukt zu gewinnen sucht, sowie Phlair, das einen effizienten elektrochemischen Weg sucht.
Das Testgelände erlaubt den Vergleich unterschiedlicher Verfahren unter gleichen Bedingungen. Der Standort ist nicht ganz zufällig gewählt: In Innisfail gibt es neben günstigem Gewerbegrund auch Solarstrom, um die energieintensiven DAC-Systeme zu betreiben. Außerdem hat die Region Lagerstätten für das aus der Luft entnommene Gas.
Wirtschaftliches Risiko minimiert
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Auch für diesen Schritt setzt Deep Sky auf Vielfalt. Das kanadische Unternehmen Skyrenu lässt den abgepumpten Kohlenstoff mit Bergbauabfällen reagieren. Damit wird es als Karbonat in Gestein fest gebunden. Und die japanische Nikkisō Clean Energy & Industrial Gases Group stellt eine Anlage, die das CO2 so stark kühlt, dass das Gas flüssig wird. Dann kann es per LKW zu einer Lagerstätte transportiert werden, wo es, in zwei Kilometern Tiefe, tausende Jahre verbleiben soll.
Deep Sky wirbt damit, der erste Zertifikate-Anbieter zu sein, der gleichzeitig auf unterschiedliche technische DAC-Verfahren setzt. Das soll die Chance erhöhen, für einen späteren Großausbau bereits Erfahrung mit jenem Verfahren zu haben, das sich als besonders praktikabel erweist. Investitionen in DAC gelten als riskant: Egal, welche Verfahren sich durchsetzen werden, zeichnet sich hoher Aufwand für bescheidene CO2-Abscheidung ab. Zudem hängt die Nachfrage nach Zertifikaten nicht zuletzt von er politischen Gegebenheiten, ab die sich flugs ändern können.
Welche Verfahren für die nun ausgestellten, ersten Zertifikate genutzt wurden, hat Deep Sky nicht bekanntgegeben. Neben den Erstkunden Microsoft und RBC hat Deep Sky auch Verträge mit der Lufthansa, der kanadischen Bank TD (Toronto Dominion) sowie dem französischen Energiekonzern Engie geschlossen. Deep Sky plant einen größeren DAC-Standort in der zentralkanadischen Provinz Manitoba.
(ds)