Datenschutz & Sicherheit
Per Dekret in die dunkle Vergangenheit

Die Feierstimmung über das neue Jahr hielt in Argentinien gerade einmal einen Tag an. Am 2. Januar wurde bekannt, dass die Regierung Milei zwei Tage zuvor in den letzten Minuten des alten Jahres das Notstandsdekret 941/2025 erlassen hatte. Das Dekret erweitert die Befugnisse des argentinischen Geheimdienst SIDE (Secretaría de Inteligencia del Estado) deutlich.
Demnach können ab sofort alle Aktivitäten des SIDE „verdeckt“ erfolgen. Agent*innen können zudem Verhaftungen ohne Haftbefehl vornehmen, zur Unterstützung kann der SIDE die Armee für Inlandseinsätze anfordern und Personenregister-Behörden müssen Daten an den Geheimdienst herausgeben.
Das Vorgehen weckt Erinnerungen an die argentinische Militärdiktatur. Argentinien hatte sich jahrelang vorbildlich darum bemüht, die Diktatur aufzuarbeiten, Milei dreht das Rad nun wieder zurück. „Dieses Dekret führt zur bisher gravierendsten Veränderung, da den Geheimdiensten seit der zivil-militärischen Diktatur keine derartigen Befugnisse eingeräumt wurden“, zeigt sich Beatriz Busaniche von der Stiftung Vía Libre besorgt.
Auch die Organisation La Coordinadora Contra la Represión Policial e Institucional (CORREPI) erinnert die Maßnahme „an die schlimmsten Praktiken der dunkelsten Periode unserer Geschichte, der zivil-militärischen Diktatur von 1976-1983“, wie sie auf Instagram schreibt.
Inlandsspionage gegen Regierungskritiker*innen
SIDE verteidigt die Notwendigkeit der Reform auf X mit Verweis auf „die aktuellen globalen Herausforderungen und die neue Rolle, die die Argentinische Republik unter der Führung von Präsident Javier G. Milei auf der Weltbühne einnimmt“. Laut der Stellungnahme des Geheimdienstes, die auch die Tageszeitung Pagina 12 veröffentlichte, streben SIDE und Mileis Regierung „ein modernes, professionelles und effizientes nationales Nachrichtendienstsystem [an], das den höchsten demokratischen und republikanischen Standards entspricht.“
Diesem Ziel seien laut Regierung auch jene Teile der Reform verpflichtet, die den Umbau weiterer Behörden vorsehen. Die Regierung brüstet sich, damit der staatlichen Verfolgung von Journalist*innen und Bürger*innen ein Ende zu setzen.
Die Bürgerrechtsorganisation Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS) kritisiert, dass es genau anders herum sei: Durch den Wechsel des Schwerpunkts des SIDE vom Schutz der nationalen Sicherheit auf Spionageabwehr insbesondere im Inland erlaube die Reform die Verfolgung von Aktivist*innen, Journalist*innen, Indigenen und anderen Regierungskritiker*innen überhaupt erst.
Diese Schlussfolgerung zieht auch Via Libre. Zudem erschwere der komplexer werdende Zuschnitt der Behörden und Sekretariate eine Kontrolle des Geheimdienstes, beklagt Busaniche.
Wie Javier Milei die Zivilgesellschaft systematisch schwächt
Die Reform steht für die wachsende Repression und Überwachung durch die argentinische Regierung seit dem Amtsantritt Mileis im Dezember 2023.
Der rechts-libertäre Politiker trat als Außenseiter zu Wahl an und kam nur durch die Unterstützung rechter Parteien an die Macht. Seither hat seine Regierung die Zivilgesellschaft in Argentinien systematisch geschwächt.
So schränkte die Regierung gleich zu Beginn das Recht auf öffentlichen Straßenprotest stark ein („Ley Antipiquetes“, zu Deutsch: Kundgebungsverbot). Es folgten Gesetze, die vordergründig den Drogenhandel bremsen sollen, dabei jedoch auch Aktivisti treffen („Ley Antimafia“) sowie eine Reform der Online-Überwachung („Ley Ciberpatrullaje“). Außerdem erhielt die Polizei eine neue „KI-Einheit“, die Unidad de Inteligencia Artificial Aplicada a la Seguridad, UIAAS.
Zivilgesellschaft ist unvorbereitet
Die Zivilgesellschaft Argentiniens ist insbesondere auf die zunehmende Online-Überwachung nicht ausreichend vorbereitet. Weil es keine Netzneutralität gibt, sind die Meta-Plattformen WhatsApp und Instagram weit verbreitet, Signal ist hingegen kaum bekannt, Mastodon schon gar nicht.
Zwar gibt es Nichtregierungsorganisationen, die Aufklärung zu digitalen Themen betreiben. Doch NGOs wie Via Libre, Asociación por los Derechos Civiles (ADC) oder Observatorio de Derecho Informático Argentino (ODIA) sind zu klein, um hier wirklich Einfluss geltend machen zu können.
Andere Organisationen wie CELS und Amnesty International Argentina sind zwar größer, haben jedoch alle Hände voll damit zu tun, die fortwährenden Attacken aus der Casa Rosada, dem Regierungssitz in Buenos Aires, gegen die Bevölkerung abzuwehren, Klagen einzureichen und Gerichtsprozesse zu führen. Dabei können sie durchaus Erfolge vorweisen. So erzielten CELS und andere Organisationen im vergangenen Jahr einen juristischen Sieg, als ein Bundesverwaltungsgericht das Kundgebungsverbot nach zwei Jahren für verfassungswidrig erklärte.
Gesichtserkennung wird ausgeweitet
Zivilgesellschaftliche Klagen führten im Jahr 2023 auch zu einem Verbot von Gesichtserkennung im öffentlichen Raum (Sistema de Reconocimiento Facial de Prófugos, SRFP). Allerdings gilt dieses Verbot nur für die damalige Anwendung in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. In anderen Städten kommt die Gesichtserkennung weitgehend ungehindert zum Einsatz.
Auf der Karte „Surveillance under Surveillance“ vom Chaos Computer Club Hamburg sind die Orte von Kamera-Überwachung weltweit kartografiert, auch argentinische Städte sind darunter. Wie viele Kameras es genau in Argentinien gibt und welche davon Gesichtserkennung einsetzen, ist unbekannt. Verschiedene Organisationen kommen dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen.
Und laut der „SurveillanceWatch“ operieren in Argentinien aktuell 25 internationale Unternehmen der Überwachungs-Industrie. Unter ihnen sind Unternehmen wie Cellebrite, Clearview AI und Hikvision, deren Anwendungen in anderen Ländern für massive Kritik sorgen. In Buenos Aires wird die Gesichtserkennung im öffentlichen Raum wahrscheinlich schon bald wieder angewandt, die dortige Staatsanwaltschaft hat im vergangenen Jahr Clearview-Lizenzen eingekauft.
Tausende Opfer durch Polizeigewalt
Die zunehmende Überwachung ist für die meisten Menschen in Argentinien nicht das größte Problem. Sie sind vielmehr damit beschäftigt, gegen die alltägliche Polizeigewalt sowie die Kürzungen im Gesundheits- und Bildungswesen zu kämpfen. Und auch die hohe Arbeitslosigkeit und steigenden Lebenshaltungskosten lassen die staatliche Überwachung und Repression in den Hintergrund rücken. „Sie verhaften uns sowieso, wenn sie wollen“, lautet der Tenor der politisch Aktiven.
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Tatsächlich kommt es bei Demonstrationen regelmäßig zu willkürlichen Verhaftungen. Die Personen werden zwar meist schnell wieder freigelassen, harmlos ist der Kontakt zur argentinischen Polizei aber keineswegs.
Immer wieder erschießen Polizist*innen Menschen. Im Sommer 2025 töteten Beamt*innen in Buenos Aires ein siebenjähriges Kind; zuletzt kamen in den Tagen nach Weihnachten zwei Personen ums Leben. CORREPI zählt seit Ende 2023 mehr als 1.000 Tote und 1.500 Verletzte – inklusive Pressevertreter*innen – als Opfer staatlicher Gewalt.
Für 2024 hat CORREPI errechnet, dass die Stadtpolizei von Buenos Aires wegen ihrer Schusswaffeneinsätze zu den tödlichsten in ganz Argentinien zählt. Eine Polizeieinheit, mit der übrigens die Bayerische Landespolizei kooperiert, ohne das verwerflich zu finden.
Opposition will Dekret abwehren
Durch die Reform der Regierung Milei wird die Überwachung, die Repression und die Gewalt im Land weiter zunehmen. Die neue KI-Einheit UIAAS untersteht zwar dem Sicherheitsministerium und die Gesichtserkennung steht auf der Agenda der Staatsanwaltschaft der Hauptstadt. Doch es muss davon ausgegangen werden, dass es auch Verknüpfungen zur SIDE geben wird.
Manuel Tufró, Direktor für Justiz und Sicherheit bei CELS, ist wenig optimistisch, dass Parlament, Justiz und Zivilgesellschaft Transparenz herstellen können: „Es wird äußerst schwierig sein, die eingesetzten Werkzeuge der Gesichtserkennung, Spyware, KI und Techniken wie der Cyber-Patrouille zu ermitteln“, sagt Tufró, „da der Erlass festgelegt hat, dass alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der SIDE ‚verdeckt‘ erfolgen müssen.“
Die parlamentarische Opposition will das jüngste Dekret zur Geheimdienst-Reform im Kongress abwehren. Wann und ob ihr das gelingt, ist allerdings offen. Nach der Zwischenwahl im Oktober ist sie geschwächt. Zugleich verfügt aber auch Milei über keine eigene Mehrheit im Kongress. Außerdem ist Sommerpause in Argentinien, der Kongress tagt erst wieder im März.
Am vergangenen Montag haben daher einige Abgeordnete eine gerichtliche Intervention beantragt. Sie fordern, dass das Dekret früher für verfassungswidrig erklärt wird, und ersuchen eine einstweilige Verfügung zu seiner sofortigen Aussetzung.
Internationale Aufmerksamkeit könnte diesem Widerstand guttun, damit dieses Dekret nicht wie das Kundgebungsverbot zwei Jahre in Kraft bleibt, bevor es dann gerichtlich annulliert wird.
Nina Galla ist Pressesprecherin für AlgorithmWatch in Berlin. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen von KI in der Schule und schreibt seit 2025 über die digital-politische Entwicklung in Argentinien.
Datenschutz & Sicherheit
Bayerischer Landtag: Streit um Microsoft eskaliert
Die öffentliche Verwaltung steckt in einem Dilemma: Seit Jahrzehnten nutzen die meisten Behörden Microsoft-Produkte und Alternativen sind offenbar nur schwer vorstellbar. Nirgends zeigt sich das derzeit so deutlich wie in Bayern.
Im Oktober regte sich Kritik (PDF) an den Plänen des bayerischen Finanzministers Albert Füracker (CSU), Microsoft für fünf weitere Jahre in der Landesverwaltung einsetzen zu wollen. Seit 2023 besteht ein sogenannter Handelspartnervertrag zwischen der bayerischen Staatsverwaltung und dem US-Konzern. Er legt die Konditionen fest, zu denen das Bundesland Bürosoftware und Windows-Lizenzen bezieht. Dieses Vertragsverhältnis will Füracker nun verlängern.
Doch es regt sich breiter Widerstand gegen seine Pläne. „Wir reden hier nicht über den Kauf einzelner Excel-Lizenzen, sondern über eine Zementierung unserer kompletten digitalen Infrastruktur auf Jahre hinaus“, sagt Florian von Brunn (SPD) gegenüber netzpolitik.org.
Aber auch in der Landesregierung gibt es deutliche Kritik. Füracker und Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler) stritten öffentlich um Datenschutz, Abhängigkeit – und um die Frage, ob die US-Regierung über Microsoft auf bayerische Daten zugreifen könnte. Die breite Medienberichterstattung über den Konflikt brachte Markus Söder (CSU) dazu, sich einzuschalten: „Solche Fragen gehören intern besprochen“, mahnte der bayerische Ministerpräsident.
Mit alten Gewohnheiten brechen
Dass die öffentliche Verwaltung auch ohne Microsoft-Produkte arbeiten kann, zeigt das Beispiel Schleswig-Holstein. Das nördliche Bundesland gelang vergangenes Jahr der Umstieg auf einen Open-Source-Arbeitsplatz in der öffentlichen Verwaltung. Das Fazit fällt bisher positiv aus. Seit dem Umstieg habe man bereits rund 15 Millionen Euro an Lizenzkosten eingespart, sagt Digitalisierungsminister Dirk Schrödter auf Anfrage. Dagegen befürchten Fürackers Kritiker, dass der für seine Verhandlungen mit Microsoft einen dreistelligen Millionenbetrag veranschlagt. Auf Anfrage von netzpolitik.org will sich das Ministerium weder zu den Lizenzkosten noch dazu äußern, mit welchen Einsparungen es rechnet.
Auch in Bayern schaut man Richtung Norden. Er stehe im engen Austausch mit der SPD-Fraktion in Kiel, erklärt von Brunn. Er hofft offenbar darauf, dass die positiven Impulse von dort auch im Süden ankommen. „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Regierung Söder in Bayern die Zeichen der Zeit nicht erkennt, während der CDU-Kollege Daniel Günther im Norden auf digitale Souveränität setzt.“
Als „Zeichen der Zeit“ sehen derzeit viele die dramatische geopolitische Lage, ausgelöst durch eine erratische Politik der US-Administration unter Präsident Donald Trump.
Trumps langer Arm
Die Auswirkungen zeigt etwa der Fall am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Mindestens zwei Richter verloren im Mai vergangenen Jahres jeglichen Zugriff auf digitale Dienste von US-amerikanischen Unternehmen, mutmaßlich infolge ihrer Rechtsprechung. Zu diesen Diensten gehören auch Microsoft-Produkte wie Outlook oder Office.
Seitdem stellen sich Politiker*innen zunehmend die Frage, wie viel Microsoft in der öffentlichen Verwaltung vertretbar ist – zumal diese in der Regel auch mit sensiblen Daten arbeitet. Zwar versichert das bayerische Finanzministerium gegenüber netzpolitik.org, dass die Daten dauerhaft „in mehreren staatseigenen Rechenzentren auf bayerischem Boden gesichert“ seien. Das schließt aber nicht aus, dass US-Behörden auch auf bayerische Verwaltungs- und Bürger:innendaten zugreifen.
Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten vom März 2025, das im Auftrag des Bundesinnenministeriums (BMI) erstellt wurde. Demnach erlaube der US-amerikanische Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, kurz CLOUD Act, den dortigen Sicherheitsbehörden weitreichenden Zugriff auf Daten in europäischen Rechenzentren. Auch der Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) lasse einen solchen Datenzugriff zu. Die Gefahr, die von diesen Gesetzen für die Verwaltung ausgeht, diskutierte (PDF) auch der Landtag Baden-Württemberg im Sommer.
„Das hebelt europäisches Recht aus“, so von Brunn. Daher fordere die SPD in Bayern nicht nur „ein sofortiges Moratorium für den Microsoft-Deal“, sondern auch „einen verbindlichen Migrationsplan bis 2030 hin zu Open Source“. Diese Strategie sollte auch vorsehen, technologische Abhängigkeiten von einzelnen Konzernen überhaupt erst zu identifizieren, sagt Benjamin Adjei von den Grünen auf Anfrage. Um die „heimische Digitalwirtschaft“ zu stärken, brauche es außerdem jene finanziellen Mittel, die die bayerische Landesregierung in Lizenzkosten von Microsoft aufwende.
Gefahr „einer schutzlosen Preisgestaltung“
Inzwischen hat sich auch die SPD-Bundestagsfraktion in die Causa Microsoft eingeschaltet. In einem offenen Brief an Füracker positionieren sich deren digitalpolitischer Sprecher, Johannes Schätzl, der Landesvorsitzende der BayernSPD, Sebastian Roloff, und die Vorsitzende der SPD-Landesgruppe Bayern, Carolin Wagner, „gegen die Entscheidung, zentrale staatliche IT-Strukturen langfristig und ohne strategische Alternativenbewertung an einen einzelnen Anbieter zu binden“.
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Füracker habe auf das Schreiben bislang nicht reagiert, sagt Carolin Wagner gegenüber netzpolitik.org, „ich bin mir aber sicher, dass er es gelesen hat“. An ihren Forderungen hält sie weiterhin fest: „Wir werden als Bundesrepublik nicht digital souverän, wenn die Bundesländer nicht souverän werden und dafür gilt es jetzt in München die Weichen zu stellen.“ Andernfalls setze Microsofts „monopolistische Stellung“ die öffentliche Verwaltung weiterhin „einer schutzlosen Preisgestaltung“ aus, warnt die SPD-Politikerin.
Souveränität as a service
Von der Forderung nach digitaler Souveränität hält der Politikwissenschaftler Thorsten Thiel von der Universität Erfurt indes wenig. Der Begriff führe viele, teils widersprüchliche Interessen zusammen und verschleiere, worum es im Kern eigentlich gehen sollte: eine öffentliche digitale Infrastruktur, die Politik und Zivilgesellschaft demokratisch gestalten.
Eines der Hauptprobleme sieht er darin, dass die Politik digitale Souveränität bestellt und die Wirtschaft liefert. Amazon, Google und Microsoft bieten inzwischen vermeintlich souveräne Cloud-Lösungen an – ohne dass die darin gespeicherten Daten tatsächlich sicher vor einem Zugriff durch US-Behörden sind. Souveränität sei so längst zu einem Service geworden, den Tech-Konzerne anbieten, sagt Thiel. In der Forschung wird dies als sovereignty-as-a-service bezeichnet.
Gleichzeitig greifen die Unternehmen gezielt in die Debatte darum ein, was digitale Souveränität bedeutet. „Sie eignen sich die Bedeutungen des zivilgesellschaftlichen Konzepts gezielt an und höhlen es aus“, sagt Thiel gegenüber netzpolitik.org. In der Folge entkämen sie auch einer schärferen Kontrolle und Regulierung durch die Politik.
„Wir sollten daher nicht danach fragen, ob das betreffende IT-Produkt nach Standard XY souverän ist“, sagt Thiel. Viel wichtiger sei die Frage, wie sehr wir uns binden, wenn wir eine bestimmte Software in der öffentlichen Verwaltung einsetzen.
Bei den Plänen Fürackers geht es aus Sicht des Politikwissenschaftlers um die Frage, ob in Bayern damit Alternativen verhindert werden. Thiel fordert daher positive Gegenbegriffe wie jenen der Interoperabilität. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit verschiedener digitaler Systeme, miteinander zusammenzuspielen und Daten auszutauschen. Proprietäre Software verhindere dies in der Regel.
Datenschutz & Sicherheit
KI und Security: Zero-Day-Exploits durch KI sind bereits Realität
Einer aktuellen Studie zufolge kann Künstliche Intelligenz bereits anspruchsvolle Aufgaben wie das Schreiben von Zero-Day-Exploits erledigen, die bisher von menschlichen Experten erledigt wurden. Das Papier sorgt in der Security-Community entsprechend für Aufsehen – und das auch verdient: Die Studie unterscheidet sich grundlegend von „Trust me, bro“-Berichten über irgendwelche chinesischen Angreifer, die unglaubliche Dinge tun sollen. Der Autor Sean Heelan dokumentiert genau, was er wie gemacht hat und warum. Dazu stellt er die dabei entwickelten Prompts und Tools als Open Source zur Verfügung. Schließlich diskutiert er im Rahmen seiner Analyse die Schlüsse, die er aus den Ergebnissen zieht, und auch deren Grenzen.
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Zero-Day durch KI ist bereits Realität
Die Kernaussage von Heelans Beitrag „On the Coming Industrialisation of Exploit Generation with LLMs“ ist: Das Finden und konkrete Ausnutzen von Sicherheitslücken mit Exploits wird mit KI komplett industrialisiert. Der begrenzende Faktor für „die Fähigkeit eines Staates oder einer Gruppe, Exploits zu entwickeln, in Netzwerke einzudringen, […] und in diesen Netzwerken zu bleiben“ wird nicht mehr die Anzahl der von ihnen beschäftigten Hacker sein. Die relevante Grenze ist der „token throughput over time“ – also letztlich, wie viel Geld man in KI-Ressourcen investiert. Und das ist keine ferne Zukunft, sondern offensichtlich bereits Realität. Der Autor der Studie konnte es in seinen Experimenten ganz konkret beobachten: „Als die Herausforderungen schwieriger wurden, konnte ich immer mehr Token ausgeben, um weiterhin Lösungen zu finden. Letztlich war mein Budget der begrenzende Faktor, nicht die Modelle.“
Heelan hatte einen Zero-Day-Bug in QuickJS gefunden (übrigens mit einer KI). QuickJS ist ein einfacher JavaScript-Interpreter mit diversen Einschränkungen, aber schon ein recht komplexes Stück Software. Dann baute er Agents auf Basis von Anthropics Opus 4.5 (Claude) und OpenAIs GPT-5.2 (ChatGPT), die die Aufgabe erhielten, eigenständig funktionierende Exploits für diesen Bug zu erstellen. Durch die Tatsache, dass die Lücke noch nirgends dokumentiert war, konnten die KI auch nicht irgendwo abschreiben und Heelan überprüfte das Ergebnis rigoros (und ertappte auch tatsächlich eine der KIs beim Versuch, zu cheaten).
Abgestufte Komplexität
Um das Ergebnis aussagekräftiger zu gestalten, fügte Heelan schrittweise zusätzliche Exploit-Mitigations wie eine Sandbox und Control Flow Integrity hinzu, die die Aufgabe schrittweise und teils drastisch erschwerten. Das Ziel war immer nachgewiesene Remote Code Execution – also etwa eine Verbindung zu einem externen Netzwerk-Port mit einer Shell mit den Rechten des ausführenden JS-Interpreters. Es handelte sich somit um reale und recht anspruchsvolle Aufgaben, für die man normalerweise mindestens einen versierten Security-Spezialisten benötigen würde – besser sogar ein Team. Die KIs bekamen keine Anleitung oder auch nur Hilfestellung, sondern lediglich eine Umgebung, in der sie nach möglichen Lösungen suchen, die evaluieren und dann verwerfen oder weiter verbessern konnten.
Und das Ergebnis war beeindruckend: ChatGPT löste tatsächlich alle Aufgaben; Claude schaffte es in allen Fällen bis auf zwei. Insgesamt erstellten die KIs 40 funktionierende Exploits. Dabei fanden sie keine bahnbrechenden Dinge heraus, sondern nutzten vielmehr bekannte Einschränkungen und Schwächen der jeweiligen Mitigations, um diese zu umgehen. Wie sie die im konkreten Fall ausnutzen konnten, erarbeiteten sie sich selbst. Und sie kamen dabei auf Tricks, die Sean bis dato nicht bekannt waren und die er auch nicht im Internet finden konnte.
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Fazit
Heelan demonstriert unter dokumentierten, verifizierbaren Rahmenbedingungen, dass und wie KIs die IT-Sicherheit unumkehrbar verändert: Man kann Angriffswerkzeuge für Tokens kaufen – und das skaliert unabhängig von der Ressource Mensch. In seinen Worten: „Du kannst Token gegen echte Ergebnisse eintauschen.“
Dass die Angriffsfähigkeit mit den Ressourcen des Angreifers skaliert, ist bereits bekannt. Nicht umsonst spielen staatlich finanzierte Advanced Persistent Threats in dieser Hinsicht in der höchsten Liga. Doch inzwischen ist nicht mehr von Millionen-Investments die Rede: Für das Lösen der anspruchsvollsten Aufgabe benötigte ChatGPT etwas mehr als drei Stunden; die Kosten für diesen Agenten-Lauf beliefen sich auf etwa 50 US-Dollar. Das ließe sich also leicht verzehn-, verhundert- oder gar vertausendfachen, ohne das Budget einer mittelgroßen Cybercrime-Bande zu sprengen. Damit skaliert das in einer Art und Weise, die bislang nicht für möglich gehalten wurde.
Es wäre somit erstmals realisierbar, mit einem überschaubaren Investment ein Arsenal von funktionierenden Zero-Day-Exploits für nahezu alle mit dem Internet verbundenen Geräte zu erstellen. Eine Verbindung mit dem Intervnet ist dann kein theoretisches Risiko mehr, das man managen kann. Es bedeutet vielmehr die Gewissheit, dass da draußen jemand direkt die Möglichkeit hat, Schwachstellen auszunutzen – und das im Zweifelsfall auch macht.
Für dieses Szenario müssen wir Security neu denken. Also nicht unbedingt neue Technik, wie wir IT sicher machen. Das wissen wir und die bekannten Methoden funktionieren auch gegen KI-unterstützte Angriffe. Die zentrale Herausforderung ist, wie wir diese Security in die Fläche bekommen, damit das Vorhandensein von Sicherheitslücken eine Ausnahme wird und nicht die Regel.
Was wir auf alle Fälle dringend benötigen, sind mehr Studien dieser Art und Qualität, die nicht nur unser Verständnis der Möglichkeiten von KIs verbessern, sondern weitere Forschung aktiv unterstützen. Insbesondere brauchen wir ähnlich konstruktive Ansätze, um die andere Seite der Medaille zu evaluieren – also wie man mit KI den Angreifern das Leben schwerer macht und den Verteidigern hilft. Und damit meine ich nicht noch knalligere Werbung für angebliche KI-Funktionen in Security-Tools oder mehr „vertraut uns – wir haben das im Griff“
(ju)
Datenschutz & Sicherheit
EU-Parlament macht Vorschläge für mehr digitale Souveränität

„Die Europäische Union ist von ausländischen Technologien abhängig, was erhebliche Risiken für sie birgt“, heißt es in einem Bericht, den das Europäische Parlament am Donnerstag mit großer Mehrheit angenommen hat. Einige wenige Unternehmen verfügten über eine „konzentrierte Macht“ über wichtige digitale Märkte. Außerdem hätten sie die Kontrolle über die Infrastruktur: Betriebssysteme, künstliche Intelligenz, Suchmaschinen, Zahlungsdienste, Werbung und soziale Medien.
„Die jüngsten geopolitischen Spannungen zeigen, dass die Frage der digitalen Souveränität Europas von enormer Bedeutung ist“, schreibt der liberale Abgeordnete Michał Kobosko in einem Post auf X. Die EU sei aufgrund der Abhängigkeiten gleich mehreren Bedrohungen ausgesetzt: der Erpressung durch die USA, der Spionage durch China, der Sabotage durch Russland oder Störungen in den Lieferketten.
Daher wendet sich das Parlament mit einer Reihe von Forderungen und Ideen an die Kommission und die Mitgliedstaaten. Erstens soll die Kommission die Abhängigkeiten Europas in der digitalen Infrastruktur ermitteln und die Risiken bewerten. Auf Grundlage einer solchen Bestandsaufnahme könnten dann die notwendigen Maßnahmen koordiniert werden.
Bevorzugte Vergabe an EU-Unternehmen
Zweitens wünschen sich die Abgeordneten die Möglichkeit, manche öffentliche Aufträge exklusiv an souveräne europäische Unternehmen vergeben zu können. Unternehmen aus Drittstaaten würden dann ausgeschlossen werden. Solche Mechanismen gebe es etwa in China oder den USA, aber noch nicht in der EU, betonen die Abgeordneten.
Die Reform des Vergaberechts ist ohnehin für das zweite Quartal dieses Jahres geplant, wie im Arbeitsprogramm der Kommission für 2026 abzulesen ist. Die Präsidentin der Kommission, Ursula von der Leyen, hat schon mehrfach versprochen, dass die Reform auch die Bevorzugung von europäischen Unternehmen in „bestimmten strategischen Sektoren“ ermöglichen wird. Bei ihrer Rede zur „Lage der Union“ im September 2025 erklärte sie, das Kriterium „Made in Europe“ einführen zu wollen.
Drittens machen die Abgeordneten auf die besonders gravierenden Abhängigkeiten im Cloud-Bereich aufmerksam. Die Daten würden „zum Großteil“ außerhalb des EU-Gebiets gespeichert und gehostet. Daher verlangen sie eine Definition der souveränen Cloud in der Verordnung über Cloud- und KI-Entwicklung, die die Kommission am 25. März vorstellen will.
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Cloud-Daten vor Zugriff schützen
Außerdem wollen sie strengere Regeln für sensible Daten etablieren. Im europäischen System für die Cybersicherheitszertifizierung von Cloud-Diensten (EUCS), über das noch beraten wird, werde nicht ausreichend garantiert, dass Hosting-Anbieter nicht außereuropäischen Rechtsvorschriften unterliegen. Insbesondere der Cloud Act der USA dürfte hier gemeint sein. Der verpflichtet US-Unternehmen, Behörden aus den USA Zugriff auf von ihnen verarbeitete Daten zu gewähren, selbst wenn die Speicherorte außerhalb der Vereinigten Staaten liegen.
Im Bericht erwähnen die Abgeordneten auch die Wichtigkeit von „offenen und interoperablen Lösungen“, die ebenfalls durch die öffentliche Vergabe gefördert werden könnten. Insgesamt sprechen sie sich für Strategien wie Open Source als erste Wahl und „Öffentliches Geld – öffentlicher Code“ (Public Money, Public Code) aus. Dieser Grundsatz besagt, dass aus öffentlichem Geld finanzierte Software standardmäßig unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht werden sollte.
Verurteilung von US-Druck
Durch einen Änderungsantrag der liberalen Renew-Fraktion hat es darüber hinaus ein weiterer Punkt in den Bericht geschafft: Die EU müsse auch bei der Durchsetzung ihrer Regulierung souverän bleiben, heißt es dort.
Damit reagieren die Abgeordneten auf die von den USA im Dezember verhängten Reiseverbote gegen Vertreter:innen der Zivilgesellschaft, darunter HateAid, und den ehemaligen Digitalkommissar Thierry Breton. Das Parlament fordert die Aufhebung dieser Verbote und eine „entschlossene“ Reaktion der Kommission und der Mitgliedstaaten auf diese „beispiellosen Angriffe“.
Der Bericht wurde im Sommer 2025 durch den Industrieausschuss (ITRE) erarbeitet. Die zuständige Berichterstatterin, die Abgeordnete Sarah Knafo, ist Teil der rechtsextremen ESN-Fraktion. Bei der Abstimmung in Straßburg wurde der Text mit 471 zu 68 Stimmen bei 71 Enthaltungen angenommen. Dagegen stimmten Mitglieder der Fraktionen der Linken und der rechtsextremen sogenannten „Patrioten für Europa“ (PfE).
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