Datenschutz & Sicherheit

Polizeibehörden nutzen immer öfter Gesichtserkennung


Auch im vergangenen Jahr haben deutsche Behörden das polizeiliche Gesichtserkennungssystem GES wieder deutlich häufiger genutzt. Mit Abstand vorn liegen die Kriminalämter von Bund und Ländern mit 313.500 Suchläufen – 2024 waren es noch 121.000. Die Bundespolizei nutzte das System rund 30.000 Mal, auch dies ist gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme um etwa die Hälfte.

Das 2008 eingerichtete GES liegt physisch beim Bundeskriminalamt (BKA). Offiziell als „Unterstützungswerkzeug“ bezeichnet, soll es helfen, Identitäten von Verdächtigen oder Geschädigten zu verifizieren. Die Abteilung Kriminalwissenschaften und Technik sowie der Zentrale Informations- und Fahndungsdienst betreiben das GES. Dazu wird die INPOL-Datei durchsucht, dort sind derzeit 5,4 Millionen Menschen mit 7,6 Millionen Lichtbildern gespeichert.

Die Technologie ermöglicht den rückwirkenden Abgleich von Bildern aus Überwachungskameras oder Smartphones. Dazu werden die anatomischen Merkmale eines darauf zu erkennenden Gesichts codiert und als sogenanntes Template gespeichert. Ein Suchlauf dauert nicht einmal eine Sekunde, heißt es aus dem Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Anschließend erstellt das System eine „Kandidatenliste“, auf der Personen absteigend nach dem Ähnlichkeitswert sortiert sind. Diese Ergebnisse werden anschließend von mindestens zwei Lichtbildexpert*innen verifiziert.

Deutlich mehr identifizierte Personen

Die aktuellen Zahlen stammen aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage beim Bundesinnenministerium. Sie können aber auch Doppelzählungen beinhalten, beispielsweise wegen wiederholter GES-Abgleiche zu demselben Suchbild oder Mehrfachabgleichen zu einer Videosequenz.

Deutlich zugenommen hat auch die Anzahl der identifizierten Personen. Hier führt die Bundespolizei mit 5.328 „Treffern“ die Liste an – jeder sechste Suchlauf war demnach erfolgreich. Eine Erklärung könnte sein, dass die Bundespolizei das GES hauptsächlich zur Migrationskontrolle bei Einsätzen an den Binnengrenzen nutzt. Mehr als die Hälfte der 5,4 Millionen Gespeicherten in INPOL sind Asylsuchende oder Menschen mit abgelehnten Asylanträgen. Alle anderen sind in der Datei gelandet, weil sie wegen des Verdachts einer Straftat erkennungsdienstlich behandelt worden sind.

Eine nur leichte Steigerung von „Treffern“ verzeichnen die Kriminalämter: 2025 wurden 1.833 Personen mithilfe des GES identifiziert (2024: 1.385, 2023: 1.683). Das ergab eine Abfrage des „nd“ beim Bundesinnenministerium. Die Treffer werden auch als „Hinweise auf Personengleichheit“ bezeichnet.

Erstmals wird in der Antwort auch die Zahl von „Ermittlungshinweisen“ ausgewiesen. Sie erfolgen, wenn kein direkter Treffer, aber eine Ähnlichkeit oder Auffälligkeit gefunden wird. 2025 verdoppelten sich die „Ermittlungshinweise“ an die Kriminalämter demnach auf rund 22.000, bei der Bundespolizei nahmen sie für dasselbe Jahr von rund 4500 auf 6.000 zu.

Abfrage von Gesichtern nun auch mit Handy

Innenministerium und BKA nennen keine Gründe für die deutliche Zunahme von Abfragen und Treffern. Es liegt aber nahe, dass die Einführung eines neuen BKA-Gesichtserkennungssystem mit sogenannter Künstlicher Intelligenz im September 2024 ausschlaggebend ist. Die Fehlerrate soll auf unter ein Prozent gesunken sein, lobte BKA-Chef Holger Münch das System auf der Herbsttagung 2024. Wegen der Automatisierung würden bis Ende 2026 rund 50 Personen aus der Gesichtserkennung in andere Abteilungen versetzt werden: denn manuelle Abgleiche durch BKA-Lichtbildexpert*innen seien abseits der durch die KI-Verordnung nötigen Endkontrollen zunehmend überflüssig.

In den Landeskriminalämtern oder bei der Bundespolizei gibt es die Lichtbildexpert*innen aber weiterhin. Nur sie sind befugt, eigenständig mit dem GES zu arbeiten – nach einem „Einführungslehrgang zu Lichtbildvergleichen“ beim BKA, der zehn Wochen dauert. Diesem BKA-Modul geht eine mindestens vierteljährliche praktische Unterweisung im LKA voraus, erklärt etwa die Landesregierung in Bayern.

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Mittlerweile ermöglicht das BKA auch eine Abfrage seines Gesichtserkennungssystems mithilfe einer mobilen Anwendung auf Handys von Polizist*innen. Diese „GES-App“ hat die hessische Polizei entwickelt – in enger technischer Abstimmung mit dem BKA, wie das Bundesinnenministerium in der Antwort auf eine weitere parlamentarische Anfrage der Linksfraktion erklärt.

Mehr rassistische Kontrollen führen zu mehr „Treffern“

Die Fotoabgleiche im BKA-GES bergen die Gefahr, dass bestimmten Personengruppen vermehrt Straftaten zugeschrieben werden. So arbeitet es ein Schwerpunktheft der Zeitschrift „Studien zum Strafrecht“ aus dem vergangenen Jahr heraus. Denn „Treffer“ oder „Ermittlungshinweise“ können nur für Personen erfolgen, die sich in der INPOL-Datei befinden. Verdachtsunabhängig sind darin alle Asylbewerber*innen gespeichert. „Wenn diese Delikte begehen und ein Bild von ihnen vorhanden ist, steigt die Aufklärungswahrscheinlichkeit daher signifikant an“, heißt es in einem Kapitel der Zeitschrift.

Ein ähnliches Problem findet sich bei als ausländisch oder sozioökonomisch schwach wahrgenommenen Personen, die schon jetzt von der Polizei häufiger kontrolliert werden. Diese Kontrollen machen es auch wahrscheinlicher, dass die Person als straftatverdächtig erkennungsdienstlich behandelt wird – und damit in INPOL landet, wo der Datensatz dann bei den jährlich hunderttausenden Abfragen durchsucht wird.

„Vermehrte Kontrollen bei bestimmten Personengruppen führen dann nicht nur dazu, dass diese häufiger bestraft werden, weil bei diesen Kontrollen Straftaten festgestellt werden. Sie werden auch häufiger bestraft, weil in Zukunft strafbares Verhalten ihnen erneut per Gesichtserkennung zugeordnet werden kann“, heißt es dazu in den „Studien zum Strafrecht“.



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