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Social-Media-Verbot: Weder wissenschaftlich fundiert noch effektiv


Für die 17-jährige Emilia, die seit kurzem das Abitur in der Tasche hat und sich in ihrer Stadt als Jugendgemeinderätin engagiert, ist das von der Politik aktuell vorangetriebene Social-Media-Verbot für Minderjährige eine „impulsive Aktion“, die „die Versäumnisse der letzten Jahre wettzumachen versucht“. Zum einen habe die Politik vernachlässigt, Kinder und Jugendliche im Umgang mit Digitalmedien umfassend zu schulen. Zum anderen sei die junge Generation vor allem durch die vielen politischen Krisen psychisch belastet und fühle sich von der Politik alleingelassen, wie kürzlich auch die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ zeigte. Das Schlimmste daran: Das Gefühl, von politischen Entscheidungsprozessen ohnehin ausgeschlossen zu sein, werde durch das diskutierte Social-Media-Verbot nur noch verstärkt.

Mit dieser Einschätzung ist Emilia nicht allein. Bei einem Panel mit Expert*innen aus der Wissenschaft auf der Berliner Digitalkonferenz re:publica beleuchtete sie die Perspektive der Jugendlichen zum Social-Media-Verbot. Auch die anderen Panelist*innen waren sich durchweg einig, dass das Vorantreiben eines pauschalen Social-Media-Verbots nichts anderes als reine Symbolpolitik ist.

„Ein pauschales Verbot vermittelt den Eindruck, dass endlich etwas getan wird“, sagte Hannes-Vincent Krause, Psychologe und Wirtschaftsinformatiker am Weizenbaum-Institut. Wissenschaftlich lasse sich so ein Verbot jedoch nicht halten – weder in Hinblick auf Notwendigkeit noch Effektivität. „Der Zusammenhang zwischen der Nutzungszeit von Social Media und mentaler Gesundheit ist genau so groß wie der Zusammenhang zwischen Kartoffeln-Essen und mentaler Gesundheit“, so der Panelist.

Social-Media-Verbot empirisch nicht haltbar

Auch laut einem aktuellen Diskussionspapier des Weizenbaum-Instituts gibt es bislang keine wissenschaftlichen Belege für „konsistente, starke negative Effekte“ sozialer Medien auf Minderjährige. Vielmehr ist die Wirkung kontextabhängig und kommt stark auf individuelle Dispositionen und die soziale Umgebung der Nutzenden an.

Statt also in einem angstgetriebenen Diskurs in „blinden Aktionismus“ zu verfallen und einzelne Plattformen grundsätzlich zu verbieten, brauche es eine klare Regulierung von problematischen Inhalten durch die Provider und eine angemessene Vermittlung von Medienkompetenz. Denkbar wären beispielsweise abgestufte Altersbeschränkungen für verschiedene Arten von Inhalten, die sich nicht für Minderjährige eignen, so der Forscher.

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Auch laut Josephine B. Schmitt, wissenschaftliche Koordinatorin am Center for Advanced Internet Studies (CAIS), fehle es der aktuellen Debatte rund um das Verbot an wissenschaftlichen Fakten – etwas, was Expert*innen schon seit geraumer Zeit bemängeln. „Pauschale Social-Media-Verbote suggerieren politische Handlungsfähigkeit, verschieben die Verantwortung aber auf junge Menschen, statt Plattformen konsequent zu regulieren.“

Soziale Medien seien für Jugendliche nicht nur Risikoräume, sondern auch Orte für Information, Austausch, Selbstorganisation und gesellschaftliche Teilhabe. „Verbote lösen viele Probleme nicht, sondern verschieben sie in weniger sichtbare Räume“, so Schmitt.

Mehrheit befürwortet Verbot, aber glaubt nicht daran

Die Ergebnisse einer neuen repräsentativen Meinungsumfrage stellte Roland A. Stürz vom Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) auf dem Panel vor. Demnach sprechen sich zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) für ein Verbot von Sozialen Medien für Kinder unter 14 Jahren aus. Mit steigender Altersgrenze nimmt die Zustimmung deutlich ab: Ein Verbot für unter 16-jährige findet keine Mehrheit mehr (46 Prozent). Bei einem Verbot für unter 18-jährige wendet sich das Blatt komplett: Hier sind mehr Menschen gegen ein Verbot (24 Prozent) als dafür (11 Prozent). Dass die Zustimmung zu einem Verbot von der Altersgrenze abhängt, ist bereits in anderen Umfragen, wie beispielsweise der des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), deutlich geworden.

Ein interessantes Ergebnis liefert die Umfrage, für die statista+ Research im Auftrag von bidt 2.500 Personen ab 16 Jahren befragt hat, dennoch: Die Mehrheit der Befragten (59 Prozent) glaubt nicht daran, dass ein gesetzliches Verbot wirksam sein wird. Selbst unter den Befürworter*innen des Verbots für unter 14-jährige glaubt mehr als die Hälfte (55 Prozent) nicht, dass das Verbot Kinder von der Nutzung Sozialer Medien abhalten wird. „Dahinter steckt in meinen Augen das legitime Bedürfnis der Menschen nach Klarheit bei der Regulierung von Sozialen Medien, da die bisherige Regulierung sehr komplex erscheint und damit schwierig in der Umsetzung ist“, erklärt Stürz in einer Pressemitteilung anlässlich des Panels.

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Dieses paradoxe Ergebnis ließe sich jedoch auch so deuten, dass Umfragen, die lediglich nach Verboten fragen, zu kurz kommen und das differenzierte Meinungsbild der Menschen in Deutschland nicht gänzlich abbilden können. Wie die bereits erwähnte Umfrage des DIW zeigt, sehen die meisten Menschen sowohl Risiken als auch Chancen von Social Media und befürworten ebenfalls mehrheitlich alternative, weniger drastische Maßnahmen wie eingeschränkte Konten („Basisaccounts“), engere Begleitung der Social-Media-Nutzung von Kindern durch ihre Eltern und die Förderung von Medienkompetenz.

Häufig fehlt in solchen Umfragen zu Verboten außerdem der Aspekt der konkreten Umsetzung. Denn altersbasierte Verbote gehen oft mit Alterskontrollen per Ausweis oder KI-basiertem biometrischen Gesichtsscan für alle – nicht nur für Kinder und Jugendliche – einher. Die meisten Befragten wollen solche Kontrollen jedoch nicht haben, wie die Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag des Internet-Branchenverbands eco herausgefunden hat.

Social-Media-Verbot in Australien hat keinen großen Effekt

Die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber einem pauschalen Verbot kommt nicht von ungefähr. Sie deckt sich mit neuen Erkenntnissen aus Australien, wo ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren nun seit einem halben Jahr gilt. Seit Dezember dürfen sie Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat nicht mehr nutzen. Laut Schmitt ist eine überwältigende Mehrheit der australischen Jugendlichen – etwa 70 Prozent – dennoch weiterhin auf Social Media aktiv. Die Alterskontrollen umgehen sie mit von Fake Accounts, Fotos von Erwachsenen oder auch geschminkten Gesichtern, die die Software älter einschätzt als ungeschminkte. Lediglich 30 Prozent der Minderjährigen sind dem Verbot gefolgt.

„To be fair – alle Konzepte, die wir aufzeigen, sind deutlich komplexer als ein Verbot und erfordern viel Auseinandersetzung mit den Plattformen“, sagte Krause vom Weizenbaum-Institut. Gleichzeitig seien im Gesetz über digitale Dienste der EU bereits ausreichende Instrumente vorhanden, die die Politik zur Regulierung von Plattformen nutzen könnte, so Schmitt von CAIS.

In Australien seien zudem die Perspektiven Jugendlicher vor der Entscheidung kaum berücksichtigt worden, so die Forschenden. „Der wichtigste Punkt ist und bleibt aber die Einbeziehung von Jugendlichen selbst“, betonte Emilia. „Denn kaum jemand kann die Auswirkungen von Jugendschutzmaßnahmen auf die Lebenswelt der Jugendlichen so gut einschätzen wie die Jugendlichen selbst.“ Bei anderen Gesetzesprojekten erhalten Betroffene schließlich ebenfalls die Chance, Stellung zu nehmen.



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