Künstliche Intelligenz
Spotify: Tantiemen steigen, Kritik an Verteilung bleibt
515 Millionen Euro hat der Musikstreaming-Marktführer Spotify im vergangenen Jahr an Rechteinhaber in Deutschland ausgeschüttet. Das geht aus dem jährlichen Transparenzbericht des Unternehmens hervor und entspricht einem Anstieg von 7 Prozent zum Vorjahr. Das eigene Geschäft sei damit etwa drei Mal stärker gewachsen als der deutsche Gesamtmarkt für Musik. Rund 40 Prozent der Erlöse gingen zudem auf Hörer außerhalb Deutschlands zurück.
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Von den Einnahmen aus den rund 183 Milliarden Streams des Jahres entfielen nach Angaben des Unternehmens, wie im Vorjahr, mehr als die Hälfte auf unabhängige Künstler und Labels. „Die Zahl der Künstler*innen aus Deutschland, die über Spotify mehr als 50.000 Euro erzielen“, sei ebenfalls um 7 Prozent zum Vorjahr gestiegen, schreibt Spotify. Absolute Angaben nennt das Unternehmen jedoch nicht.
Politischer Druck auf Streaming-Markt
Spotifys Publikation der Rekordzahlen erfolgt vor dem Hintergrund einer verschärften politischen Debatte um die Vergütungsmodelle von Streaming-Diensten. Erst Mitte März hatte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer für den Frühsommer einen branchenweiten runden Tisch zur „Streaming-Fairness“ angekündigt. Zuvor hatte er sich unter anderem mit Künstlern, Vertretern von Labels und den Plattformbetreibern getroffen.
Bereits eine im Februar vergangenen Jahres veröffentlichte Studie im Auftrag der Bundesregierung hatte dem Musikstreaming-Markt Informationsasymmetrien und strukturelle Ungleichheit attestiert. Auch das Europaparlament hatte die EU-Kommission 2024 dazu aufgefordert, die Geschäftspraktiken auf dem Musikstreaming-Markt zu überprüfen.
Pro-Rata, 1.000-Streams-Hürde und Discovery Mode
In der Kritik steht vor allem der Verteilungsmechanismus von Spotify. Angaben zu den von Musikern kritisierten algorithmischen und ökonomischen Verteilungsmechanismen der Plattform führt Spotifys Bericht allerdings nicht auf.
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Die Einnahmen werden bei Spotify weiterhin nach dem sogenannten Pro-Rata-Modell ausgeschüttet: Die Abogebühren der Nutzerschaft fließen in einen zentralen Topf und werden nach nationalen Marktanteilen der Streams verteilt – unabhängig davon, welche Künstler ein einzelner zahlender Nutzer tatsächlich gehört hat. Von diesem Modell profitieren vor allem globale Megastars und Major-Labels, während unabhängige Künstler und Nischengenres laut aktuellen Branchenstudien systematisch benachteiligt werden.
Ebenfalls unerwähnt bleibt die seit Anfang 2024 geltende Mindestgrenze für Auszahlungen. Demnach generieren Songs mit u. a. weniger als 1.000 Streams in den vorausgegangenen zwölf Monaten keine Tantiemen mehr. Die von diesen Titeln erwirtschafteten Kleinstbeträge verbleiben im Pro-Rata-Topf und werden anteilig an die übrigen, über dieser Schwelle liegenden Acts ausgeschüttet.
Wie viele Künstler unter dieser Schwelle liegen oder nur ganz geringe Beträge erwirtschaften, ist damit nicht nachvollziehbar. Nach einer Studie des Forschungsnetzwerks Digitale Kultur erzielten etwa im Jahr 2023 68 Prozent der Künstler weniger als 1 Euro Umsatz.
Zudem klammert der Bericht den „Discovery Mode“ aus. Über dieses Instrument können Rechteinhaber einer 30-prozentigen Kommission auf Tantiemen aus Discovery-Mode-Streams zustimmen, um im Gegenzug eine höhere algorithmische Gewichtung in den Autoplay- und Radio-Funktionen der App zu erhalten. Branchenvertreter und Kritiker bezeichnen diese Mechanik regelmäßig als eine Form von digitalem Pay-to-Play, bei der finanzstarke Akteure systematisch bevorzugt würden.
Rechteinhaber statt Künstlerkonten
Die im Bericht von Spotify ausgewiesenen 515 Millionen Euro sowie die Einnahmen jener Künstler, die „über 50.000 Euro erzielen“, fließen nicht direkt an die Interpreten. Spotify überweist diese Summen als Brutto-Ausschüttungen an die jeweiligen Rechteinhaber. Dazu gehören in erster Linie Musiklabels, Vertriebe und Verwertungsgesellschaften wie die GEMA.
Je nach vertraglicher Konstellation verbleibt ein erheblicher Teil dieser Tantiemen bei den Labels. Die von Spotify angeführte Statistik, wonach mehr als die Hälfte der Zahlungen auf den „Independent“-Sektor entfalle, umfasst in der Zählweise der Musikindustrie nicht nur unabhängige Musiker, die ihre Werke selbst hochladen. Unter diesen Begriff fallen auch kapitalstarke B2B-Digitalvertriebe und größere Indie-Labels, die als Zwischenhändler fungieren.
Gespräche am runden Tisch
Die Fronten zwischen dem Plattformbetreiber und den Künstlern sind also verhärtet. Sollten die Gespräche der Branchenvertreter zu keinem Ergebnis führen, stellte der Kulturstaatsminister gesetzliche Eingriffe in das Geschäftsmodell in Aussicht. Gegenüber heise online hatte Spotify mitgeteilt, dass es etwa durch die jüngsten Preiserhöhungen bereits darauf hinwirke, die Auszahlungen zu erhöhen.
Jährliche Berichte unter dem Titel „Loud & Clear“ hatte Spotify 2021 nach Protesten der Gewerkschaft Union of Musicians and Allied Workers (UMAW) eingeführt. Länderspezifische Aufschlüsselungen für den deutschen Markt publiziert Spotify erst seit 2023. Detaillierte Zahlen, wie etwa die durchschnittliche Netto-Vergütung pro Stream im direkten Vergleich zu Konkurrenten wie Apple Music, werden dabei nicht ausgewiesen.
(hag)