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Thelen: „Vier Jungs in der Garage“ – So liefen die ersten Jahre von Lilium


Thelen: „Vier Jungs in der Garage“ – So liefen die ersten Jahre von Lilium

Die Lilium-Gründer Sebastian Born (links), Patrick Nathen Daniel Wiegand und Matthias Meiner.
Lilium

Am 4. Mai 2019 steht bei Lilium alles still. In der Kantine und vor Bildschirmen haben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versammelt. Manche falten die Hände vor dem Gesicht, als würden sie beten. Alle Augen sind auf ein weiß glänzendes Fluggerät gerichtet: den fünfsitzigen Lilium-Jet. 

Vier Jahre Arbeit haben auf diesen Moment hingeführt. Jetzt soll der Jet zum ersten Mal abheben. „Taking off in 3, 2, 1“, ist im Video des Unternehmens zu hören. Dann hebt der Jet senkrecht vom Boden ab. Er wackelt leicht im Wind, aber er schwebt. 

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Für Keno Sanders, damals Ingenieur bei Lilium, war es ein Moment maximaler Anspannung. „Wir waren alle so nervös“, erzählt er einige Jahre später im Gespräch mit Gründerszene. Im Kopf seien alle Katastrophenszenarien durchgespielt worden: Der Jet könnte zur Seite driften, abstürzen, in Flammen aufgehen oder explodieren. Stattdessen hob er ab und landete wieder. Die Mitarbeiter brachen in Jubel aus.

Sanders erinnert sich an Umarmungen, Musik und Konfetti-Kanonen in der Kantine. „Es war einer der schönsten Tage meines Lebens“, sagt er. Für Lilium war dieser Flug der sichtbarste Beweis: Aus der Idee war tatsächlich ein Fluggerät geworden. 

Doch die Geschichte beginnt bereits einige Jahre vorher – mit vier Ingenieuren der Technischen Universität München, einer sehr großen Vision und Investoren, die bereit waren, auf etwas zu wetten, das zunächst fast größenwahnsinnig klang. 

Der erste Investor: Frank Thelen 

Einer der ersten, der an Lilium glaubte, war Frank Thelen. Heute gehört Thelen zu den bekanntesten Investoren Deutschlands, auch wegen seiner Auftritte in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“. Thelen war nicht nur einer der frühesten Investoren von Lilium, sondern gehörte später zu denjenigen, die versuchten, das Unternehmen mit Geld und Kontakten zu retten – als das Startup Ende 2024 kurz vor dem Aus stand.

Im Gespräch mit Gründerszene erinnert sich Thelen an sein erstes Treffen mit den Gründern. Es sei, „sehr platt gesprochen“, wie ein Treffen mit „den Jungs in der Garage“ gewesen, sagt er. Eine echte Garage war es nicht, sondern ein kleiner gemieteter Raum in einem Münchner Förderprojekt. Dort hätten die Gründer mit Elektronikteilen experimentiert, teils bei Alibaba bestellt, um herauszufinden, ob ihre Idee überhaupt funktionieren könne. 

Frank Thelen gehörte zu den ersten Investoren von Lilium.
Lisa Sophie Kempke/Business Insider

Die Gründer waren Daniel Wiegand, Patrick Nathen, Sebastian Born und Matthias Meiner. Thelen beschreibt sie als „Bilderbuch-Ingenieure“: technisch stark, aus einer renommierten Universität, geprägt von Deutschlands Auto- und Ingenieurskultur. Gleichzeitig seien sie keine typischen Gründer gewesen, die mit Venture-Capital-Begriffen um sich warfen. Im Gegenteil: „Das waren 100 Prozent Ingenieure, die eben nicht wussten, wie Venture Capital funktioniert“, sagt Thelen. 

Gerade das habe ihn überzeugt. Nicht der perfekte Businessplan, sondern die technische Kompetenz, die Ergänzung im Team und die Größe der Idee. 

Ein Kindheitstraum

Die offizielle Ursprungsgeschichte von Lilium führt zu Daniel Wiegand. Der Gründer und langjährige Kopf des Unternehmens sprach in Interviews immer wieder über seine frühe Begeisterung fürs Fliegen. Schon als Kind habe ihn die Luftfahrt fasziniert, sagte er 2021 im Handelsblatt-Podcast „Disrupt“. Seine Haustiere hätten Vögel sein müssen, er habe Modellflugzeuge gebaut und mit 14 Jahren den Segelflugschein begonnen. 

2004 gewann Wiegand bei „Jugend forscht“ mit einem Modell eines Flugzeugflügels, der seine Form verändern konnte und so den Treibstoffverbrauch senken sollte. Später studierte er Luft- und Raumfahrt an der TU München. 

Die Idee für Lilium kam ihm, so erzählt er es, während eines Auslandssemesters in Glasgow. Dort sah er ein Video der V-22 Osprey, eines US-Militärflugzeugs mit kippbaren Rotoren. Es kann senkrecht starten und landen wie ein Helikopter, im Flug aber schneller und weiter fliegen als ein klassischer Hubschrauber. 

Später überzeugte er seine Kommilitonen Nathen, Born und Meiner. Gemeinsam begannen sie zu rechnen, ob ein elektrisch betriebenes, senkrecht startendes Flugzeug überhaupt möglich wäre. 2015 gründeten sie die Lilium GmbH, benannt nach Otto Lilienthal, dem deutschen Flugpionier. 

Lilium wollte mehr als ein Flugtaxi bauen 

Liliums Vision war von Anfang an größer als das, was viele mit dem Begriff Flugtaxi verbinden. Während andere eVTOL-Entwickler vor allem an kurze urbane Strecken dachten – etwa als Alternative zum Stau in Großstädten –, wollte Lilium ein neues Hochgeschwindigkeitsverkehrsmittel bauen. 

Daniel Wiegand beschrieb das Ziel einmal so: Lilium solle ein nachhaltiges Verkehrsmittel schaffen, das langfristig für jedermann zugänglich sei. Der Preis solle irgendwann auf dem Niveau eines ICE-Tickets liegen. Statt milliardenschwere Bahntrassen zu bauen, sollten mittelgroße und kleine Städte direkt miteinander verbunden werden. 

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Der Lilium-Jet sollte elektrisch fliegen, bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnell sein und ursprünglich bis zu 300 Kilometer Reichweite schaffen. Später musste das Unternehmen diese Angaben nach unten korrigieren. 

Entscheidend war aber die technische Grundsatzentscheidung: Lilium setzte auf ein eVTOL in Jetform. Das unterschied das Münchner Startup von vielen Wettbewerbern, die ihre Fluggeräte eher nach dem Vorbild eines Helikopters bauen. Das machte das Vorhaben von Lilium zwar spektakulärer – aber auch schwieriger. 

Die ersten Millionen 

Nach Thelens Einstieg folgte 2016 eine Finanzierungsrunde mit Atomico. Die Venture-Capital-Firma des Skype-Mitgründers Niklas Zennström investierte zehn Millionen Euro in Lilium. Für deutsche und europäische Verhältnisse war das damals eine außergewöhnlich große frühe Runde. 

Der Einstieg von Atomico war ein Signal an die Branche: Lilium war nicht nur eine verrückte Idee aus München, sondern ein Startup, dem internationale Top-Investoren zutrauten, eine neue Kategorie der Mobilität zu bauen. 

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Mit dem Geld arbeitete das Team in den folgenden Jahren am ersten Demonstrator. Im April 2017 sollte der kleine, unbemannte Prototyp zeigen, ob das technische Konzept funktioniert. Er war kleiner und leichter als der spätere Jet, wurde ferngesteuert und hatte weniger Rotoren. 

Ein Video des Testflugs zeigt, wie der Demonstrator senkrecht startet, geradeaus fliegt, eine Kurve dreht und wieder senkrecht landet. Für das Team war die erste große Hürde genommen. Lilium erklärte damals, das technische Design funktioniere wie geplant. Nun könne man sich auf das fünfsitzige Fluggerät konzentrieren. 

Noch im selben Jahr floss deutlich mehr Geld. Im September 2017 investierte der chinesische Tech-Konzern Tencent gemeinsam mit weiteren Geldgebern 90 Millionen Dollar. Dazu gehörten unter anderem die Liechtensteiner Privatbank LGT, Obvious Ventures des Twitter-Mitgründers Ev Williams und erneut Atomico. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Lilium bereits etwa 100 Millionen Euro eingesammelt – für ein deutsches Startup im Jahr 2017 eine seltene Größenordnung. 

Arbeiten bei Lilium: „Wir waren verliebt in diese Idee“ 

Mit dem Geld wuchs auch das Team. 2017 kam Dirk Gebser zu Lilium. Er hatte zuvor bei Konzernen wie Rolls-Royce, BMW und Airbus gearbeitet und wurde später Managing Director, war unter anderem zuständig für Produktion, Einkauf, Engineering und Qualität. 

Der Wechsel vom Konzern ins Startup sei „wie Tag und Nacht“ gewesen, erzählt Gebser. Bei Lilium habe man keine Assistentin mehr gehabt, vieles selbst organisieren, in der Prototypenwerkstatt einfache Werkzeuge kaufen und hemdsärmelig arbeiten müssen. 

Trotzdem beschreibt er die frühe Zeit bei Lilium als außergewöhnlich. Das Miteinander sei offen und ehrlich gewesen, der Teamgeist stark. Man habe sich über Fehler gefreut, weil man daraus lernen konnte. Neue Mitarbeitende seien begrüßt und beklatscht worden. Für Gebser war es „eine der schönsten Zeiten“ seiner langen Industriekarriere. 

Auch Keno Sanders beschreibt diese Phase ähnlich. „We were in love with this idea and this vision“, sagt er. Alle seien hochmotiviert gewesen und hätten mehr gemacht, als ihre Jobbeschreibung verlangte.

Es ging den Mitarbeitenden also nicht nur um Geld oder Karriere. Viele hätten laut Thelen vermutlich bei Airbus, Boeing oder anderen Unternehmen mehr verdienen können. Was sie anzog, war die Mission – und die Nähe zu Entscheidungen in einem Unternehmen, das etwas völlig Neues bauen wollte. 

Der Höhepunkt: der fünfsitzige Jet 

2019 arbeiten bereits mehrere hundert Menschen bei Lilium. Am 4. Mai folgt der nächste große Meilenstein: der erste unbemannte Flug des fünfsitzigen Jets. 

In einem Unternehmensvideo kündigt Daniel Wiegand an: „We promised the world a five seater jet. And today we are delivering on that promise.“ Dann folgt der Countdown. Der Jet hebt ab, schwebt kurz und landet wieder. 

Für Lilium war das ein Triumph. Für die Mitarbeitenden, die den Flug verfolgten, ein emotionaler Höhepunkt. Für die Öffentlichkeit ein Bild, das zeigte: Dieses Startup baut nicht nur Folien und Visionen. Da steht ein Fluggerät auf dem Boden – und es fliegt. 

Doch gerade dieser Moment wirft rückblickend eine Frage auf: War die Wette, die Lilium einging, vielleicht von Anfang an zu groß? 

Das Unternehmen wollte nicht einfach ein Flugtaxi bauen, sondern einen vollelektrischen Senkrechtstarter in Jetform. Es wollte Reichweite, Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und industrielle Skalierung zusammenbringen. Dafür brauchte es enorme technische Fortschritte, eine neue Infrastruktur, Zulassungen – und sehr viel Kapital. Zum Schluss steckten 1,5 Milliarden Euro in Lilium.

Die ganze Geschichte des deutschen Flugtaxi-Entwicklers könnt ihr ab sofort auch hören: Unser investigativer Storytelling-Podcast „Cashburners: die Lilium-Story“ erzählt in sechs Folgen vom Aufstieg und Fall des Unternehmens. Überall, wo es Podcasts gibt.

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