Entwicklung & Code
uBlock Origin: Die letzten Chrome-Workarounds fallen
Google entfernt in Chromium nun auch die letzten internen Schalter, mit denen sich Erweiterungen auf Basis von Manifest V2 (MV2) bislang noch am Leben halten ließen. Wie aus einer Mitteilung des Chrome-Teams an die W3C WebExtensions Community Group hervorgeht, hat Chromium 150 das Flag kExtensionManifestV2Disabled verloren. Mit Chromium 151 sollen die Optionen ExtensionManifestV2Unsupported, ExtensionManifestV2Availability und voraussichtlich AllowLegacyMV2Extensions folgen. Damit verlieren auch die bekannten Umgehungslösungen, mit denen sich die klassische Vollversion des Werbe- und Inhaltsblockers uBlock Origin in Chrome erzwingen ließ, schrittweise ihre technische Grundlage.
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Was hinter Manifest V2 und V3 steckt
Manifest V2 und sein Nachfolger Manifest V3 (MV3) beschreiben, welche Schnittstellen Browser-Erweiterungen nutzen dürfen. Die klassische Version von uBlock Origin basiert weiterhin auf MV2. Google startete den Übergang zu MV3 in Chrome ab Oktober 2024 schrittweise und schloss ihn mit Chrome 138 im Juli 2025 endgültig ab, wodurch die Vollversion von uBlock Origin für Chrome-Nutzer offiziell nicht mehr verfügbar ist.
Kern der Umstellung ist der Ersatz der mächtigen webRequest-API durch das eingeschränktere declarativeNetRequest-Modell, was Google mit Sicherheits-, Stabilitäts- und Performancevorteilen begründet. Für MV3 existiert mit uBlock Origin Lite eine eigenständige, bewusst funktionsreduzierte Variante des Blockers; sie stößt jedoch an die Grenzen bei den Filterregeln in declarativeNetRequest und bietet nicht die dynamischen Filterfähigkeiten der Vollversion.
Vom Policy-Ende zur Abschaltung im Code
Die jetzt diskutierten Änderungen markieren das Ende eines mehrstufigen Abschaltprozesses. In einem ersten Schritt hatte Google den klassischen MV2-Erweiterungen bereits den offiziellen Boden entzogen: Laut der Chrome-Dokumentation zur MV2-Abschaltung ist Chrome 138 die letzte Version, die MV2-Erweiterungen in Verbindung mit der Enterprise-Richtlinie ExtensionManifestV2Availability unterstützt. Mit Chrome 139 wurde diese Richtlinie entfernt. Die Policy war primär für verwaltete Unternehmensumgebungen gedacht, wurde aber auch von technisch versierten Anwendern genutzt, um die Nutzung älterer Erweiterungen über den ursprünglich vorgesehenen Zeitraum hinaus zu verlängern.
Genau auf dieser offiziellen Richtlinie beruhte die häufig als „Registry-Hack“ bezeichnete Umgehungslösung. Unter Windows ließ sich ExtensionManifestV2Availability über Gruppenrichtlinien oder Registry-Einträge setzen und die Abschaltung von MV2 so zeitweise aufschieben. Google hatte diese Möglichkeit jedoch von Anfang an als befristete Übergangsmaßnahme beschrieben: Unternehmen, die die Policy nutzten, erhielten laut Chrome-Entwicklerblog ein zusätzliches Jahr bis Juni 2025 zur Migration. Mit dem Wegfall der Richtlinie ab Chrome 139 verlor dieser Weg seine Grundlage.
Die nun an die WebExtensions Community Group gemeldeten Schritte setzen tiefer an: Statt nur die Verfügbarkeit über Policies zu steuern, entfernt das Chrome-Team die zugrunde liegenden Feature-Flags und Codepfade. Begleitend nennen Google-Entwickler in der Diskussion technische Komplexität, technische Schulden und Sicherheitsrisiken – darunter MV2-spezifische Bugs – als Gründe für die Entfernung der MV2-Unterstützung.
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Wo die Vollversion noch läuft
An der Plattformfrage selbst ändert sich nichts: Die klassische Version von uBlock Origin wird vom Entwickler weiterhin als MV2-Erweiterung gepflegt, eine vollwertige MV3-Portierung existiert nicht. Für Chromium-basierte Browser verweist das Projekt stattdessen auf uBlock Origin Lite. Wer den vollen Funktionsumfang behalten will, ist laut Projektangaben auf Browser angewiesen, die MV2 weiterhin zulassen.
Die Vollversion läuft weiterhin auf Firefox und auf Brave. Mozilla unterstützt MV2 und MV3 ausdrücklich parallel. Die Erweiterungen für Firefox sind von der Chrome-Abschaltung nicht betroffen, der Browser behält die blockierende webRequest-API, wie auch eine Übersicht zur MV3-Auswirkung festhält. Brave wiederum unterstützt MV2 browser-seitig prinzipiell (force-enabled): Laut Brave-Blog hostet Brave gezielt vier Extensions (AdGuard, NoScript, uBlock Origin, uMatrix) selbst.
Bei den übrigen Chromium-Browsern ist der Stand uneinheitlich. Opera unterstützt nach eigenen Angaben weiterhin bestehende Manifest‑V2‑Erweiterungen und will das so lange wie möglich fortsetzen. Bei Edge ist die Lage weiterhin uneinheitlich: Microsoft dokumentiert die Abschaffung von Manifest V2, hat aber die konkrete Zeitlinie lange offen gelassen; ob und wie lange uBlock Origin in voller Version unterstützt bleibt, ist damit nicht eindeutig festgelegt. Ob und wie lange weitere Browser-Projekte eigene Kompatibilitätslösungen aufrechterhalten, dürfte davon abhängen, in welchem Umfang sie bereit sind, von Googles Chromium-Basis abzuweichen und die entsprechenden Komponenten selbst weiterzupflegen – so wie es Brave mit seinen hartkodierten Ausnahmen vormacht.
Welche Optionen Nutzern bleiben
Für Nutzer markiert die Entfernung der MV2-Flags in Chromium 150 und 151 damit die letzte Phase einer seit Jahren laufenden Umstellung. Während Google die alte Erweiterungsplattform endgültig auslaufen lässt, bleiben im Wesentlichen drei Alternativen: der Wechsel auf MV3-Alternativen wie uBlock Origin Lite, der Umstieg auf Brave mit seiner weiterhin aktiven MV2-Unterstützung oder der Wechsel zu Firefox mit eigenem Plattformmodell und voller webRequest-Unterstützung.
(fo)