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Was Startups über Venture Clienting wissen sollten


Für aufstrebende Startups kann Venture Clienting ein sehr wirkungsvoller Weg – etwa in die Energiebranche – sein. Vorausgesetzt, ein paar Hausaufgaben sind gemacht. Ein Gastbeitrag von Karin Klaus und Florian Fichter (Enpulse Ventures).

Deutschland ist in Clean-Tech und Engineering hervorragend aufgestellt – insbesondere in der Energiebranche. An guten Ideen mangelt es nicht, an Pilotpotenzialen auch nicht. Doch zwischen Prototyp und breiter Anwendung klafft oft eine große Lücke. Die Eintrittsbarrieren sind enorm: komplexe Regulierung, hohe Investitionen, historisch gewachsene IT-Landschaften und ein Markt, der stark über persönliche Netzwerke funktioniert. Für viele Startups heißt das: Man bleibt beim Showcase hängen, statt in die Kernprozesse zu kommen.

Auch auf Unternehmensseite ist das Muster bekannt: Innovation Labs, Piloten, CVC – vieles bleibt im Testmodus. Genau hier setzt Venture Clienting an. Der Ansatz macht etablierte Unternehmen zum Kunden der Innovation und holt Startups nicht „on top“, sondern mitten ins Kerngeschäft.

Vom Piloten zum Produkt: Was Venture Clienting anders macht

Im Venture Clienting werden Startups als Partner für konkrete Probleme eingebunden, nicht als nettes Add-on. Ausgangspunkt ist immer ein scharf definiertes Problem aus einer Business Unit – etwa fehlende zeitliche Kapazitäten und Fähigkeiten für eine Innovation. Erst danach beginnt die Startup-Suche.

Entscheidend ist der Problem-Solution-Fit: Löst das Startup wirklich den Schmerzpunkt – und zwar im bestehenden Setup des Unternehmens? Ebenso wichtig sind technologische Reife, Integrationsfähigkeit in bestehende Systeme, Security- und Compliance-Fit sowie die Perspektive auf Skalierung. 

Auf dieser Basis folgt ein klar strukturierter Ablauf: Problem-Discovery, Auswahl des Partners, POC im Livebetrieb mit KPIs – und danach eine Implementierungsentscheidung. Fällt diese positiv aus, gibt es einen Folgeauftrag: Die Lösung wird in den regulären Prozessen der Geschäftseinheiten verankert. Das Ziel lautet von Anfang an nicht „ein spannender Pilot“, sondern „stabiles Produkt im Alltag“.

Kurz-Case Zählerfreunde: Dynamische Tarife ohne IT-Großprojekt

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Zusammenarbeit mit Zählerfreunde. Der regulatorische Trigger: Seit Anfang 2025 verpflichtet § 41a EnWG Energieversorger, mindestens einen dynamischen Stromtarif anzubieten. Parallel verlangt das Messstellenbetriebsgesetz, dass Kund:innen ihre Smart-Meter-Daten verständlich einsehen können. Für Privatkund:innen heißt das vereinfacht: Strompreise können sich je nach Tageszeit und Börsenpreis verändern – und wer ein Smart Meter hat, kann seinen Verbrauch viel genauer nachvollziehen und (mit den richtigen Tools) an günstige Zeitfenster anpassen. Was klingt wie zusätzliche Bürokratie, ist in Wirklichkeit eine technische Zäsur – gerade für Stadtwerke mit gewachsenen IT-Landschaften.

Genau hier setzt Zählerfreunde an: Das Startup verbindet Smart-Meter-Daten, Tariflogik und Visualisierung über eine offene Plattformarchitektur, die sich an bestehende Systeme wie SAP IS-U anbinden lässt. Die Daten fließen vom Smart-Meter-Gateway über Head-End-Systeme und Middleware bis ins Kundenportal, Preissignale und Lastdaten bleiben über alle Ebenen hinweg konsistent. Standardisierte Schnittstellen und Marktkommunikationsprozesse reduzieren den Integrationsaufwand; neue proprietäre Punkt-zu-Punkt-Verbindungen werden weitgehend vermieden.

Für Endkund:innen entstehen White-Label-Dashboards im Look & Feel des Stadtwerks, mit Echtzeit-Visualisierung von Verbrauch und Preisen. Damit bekommen Haushalte einen einfachen Zugang zu ihren Smart-Meter-Daten: Sie sehen ihren Stromverbrauch und die aktuellen Preise fast in Echtzeit – und verstehen, was ein dynamischer Tarif im Alltag bedeutet. Optional kann die App auch HEMS-Funktionen bieten, z. B. Prognosen, automatische Lade- und Nutzungspläne (etwa für Wallbox oder Wärmepumpe) sowie Hinweise auf günstige Zeitfenster. So lassen sich Verbrauch und Kosten ohne technisches Vorwissen gezielt optimieren. Für das Stadtwerk bedeutet das: § 41a lässt sich technisch sauber, skalierbar und ohne Parallel-IT umsetzen. 

Der nächste logische Schritt ist dann die automatisierte Steuerung flexibler Verbraucher über ein Home Energy Management System (HEMS): Wenn Preissignale, Lastdaten und Geräteverfügbarkeit zusammengeführt werden, lassen sich Prozesse nicht nur sichtbar machen, sondern auch aktiv optimieren – etwa durch zeitliche Verschiebung von Verbrauch, die Ansteuerung steuerbarer Lasten oder die Priorisierung günstiger Zeitfenster. Für Stadtwerke entsteht so ein Pfad von der regulatorisch sauberen Umsetzung hin zu messbarer System- und Kosteneffizienz – ohne ein neues IT-Großprojekt, sondern als Erweiterung auf einer bereits integrierten Plattform.

Für Zählerfreunde ist es ein idealer Venture-Client-Case: Zugang zu realer Infrastruktur, scharfer Use Case, hohe Relevanz – und eine Lösung, die sich auf weitere Versorger übertragen lässt.

Was Startups über Venture Clienting wissen sollten

Für Startups kann Venture Clienting ein sehr wirkungsvoller Weg in die Energiebranche sein – vorausgesetzt, ein paar Hausaufgaben sind gemacht.

Erstens: Es braucht ein echtes Schmerzpunkt-Problem, kein Feature. Wer nur „noch ein Dashboard“ baut, wird austauschbar. Wer hilft, regulatorische Pflichten effizient zu erfüllen, Abläufe so zu strukturieren, dass sie skalierbar und teilautomatisierbar werden, oder komplexe Datenflüsse beherrschbar zu machen, wird schnell unverzichtbar.

Zweitens: Integration, Schnittstellen, Compliance und IT-Security müssen von Anfang an mitgedacht sein. Energieversorger bewegen sich in einer sicherheitskritischen, regulierten Umgebung. CIM, MSCONS, Marktkommunikation, Anbindung an SAP oder Abrechnungssysteme – all das ist kein Detail, sondern Kern des Produktdesigns.

Drittens: Wiederholbarkeit und Skalierung sind entscheidend – bei gleichzeitig hoher Flexibilität in der Umsetzung. Ein POC in einer Stadt ist gut, aber erst skalierbare Architekturen machen aus einem Projekt ein tragfähiges Geschäftsmodell. Wer Lösungen so baut, dass sie konfigurierbar statt hart verdrahtet sind und auf neue regulatorische Anforderungen reagieren können, erhöht seine Chancen auf Folgeaufträge massiv.

Hebel für die Energiewende – und für Startup-Wachstum

Die Energiewende wird nicht im Labor entschieden, sondern im Netzbetrieb, in den Leitsystemen, in der Abrechnung und auf den Endkundenschnittstellen. Genau dort sind Startups oft am stärksten – wenn sie Zugang bekommen und ihre Lösungen im Livebetrieb beweisen können.

Venture Clienting bringt Innovation schneller in den Betrieb und zu echtem Impact. Wir fungieren dabei als Brücke zwischen Startup-Ökosystem und EnBW-Business Units: Wir übersetzen Probleme der Fachbereiche in Startup-taugliche Use Cases, qualifizieren Partner, begleiten POCs und führen sie – wenn sie funktionieren – in die Implementierungsentscheidung und den Folgeauftrag.

Das Ziel ist simpel: mehr Lösungen raus aus dem Pilot, rein in die Fläche. Für Energieversorger bedeutet das Tempo und Umsetzungsstärke in einer Branche, die sich tiefgreifend verändert. Für Startups bedeutet es: weniger Pitch-Bühne, mehr produktiver Einsatz. Und für die Energiewende heißt es: gute Clean-Tech-Ideen wirken nicht nur auf Konferenzen, sondern im Zählerkasten, im Backend – und am Ende bei den Menschen, die ihren Strom, ihre Wärme und ihre Mobilität jeden Tag nutzen.

Über die Autoren
Karin Klaus und Florian Fichter sind CEOs der Enpulse Ventures GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der EnBW. Vom Standort Stuttgart aus verantworten sie als Venture Studio das frühphasige Innovationsgeschäft des Konzerns – von Marktanalysen und Zukunftsstudien über die Entwicklung und Validierung neuer Geschäftsmodelle bis zur Gründung marktreifer Startups. Darüber hinaus fördern sie externe Gründer:innen durch Kooperationen mit der EnBW und Investments, um Innovationen für Energiewende und nachhaltige Infrastruktur zu beschleunigen.

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Foto (oben): Shutterstock



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