Wie Schrift Design wird – und einen taumeln lässt › PAGE online
Im Kindl Berlin läuft eine besondere Schau, die von dem Schwindel erzählt, den die aktuelle Weltlage auslöst – und davon, wie Design, Kunst und Typografie Möglichkeiten bieten, sich gegen diese Dizziness zu stemmen.
»Dizziness«, Schwindel, Taumel heißt eine Ausstellung im Kindl Berlin, die sich mit dem Ausnahmezustand beschäftigt, in dem sich nicht nur die Welt, sondern auch wir selbst uns seit einigen Jahren befinden.
Pandemie, Kriege, Rechtsruck und bedrohte Demokratien, eine instabile Wirtschaftslage, die Auswirkungen von KI – als das hat dazu geführt, dass der Begriff der Polykrisen sich mittlerweile ebenso in unserem Alltag festgesetzt hat wie die Verunsicherung in uns selbst.
Uns ist »dizzy«, wir taumeln, und um dem etwas dagegenzusetzen, fehlt uns das richtige Vokabular, so die These der Schau, und fehlen uns Möglichkeiten, uns zu verbinden.
Um dem entgegenzuwirken, bieten Fotografien, Videos, Zeichnungen, Malerei, Lichtkunst und Sound neue Ideen – und auch Typografie.
Schrift, die dizzy macht
Schrift und Typografie stammen von Open2type, dem Stuttgarter Typographic Research Lab von Stefanie Schwarz und Dirk Wachowiak. Und es ist eine Freude, ihre Arbeit in der Ausstellung zu erleben.
Zu Beginn stand für sie die Frage, ob Typografie überhaupt schwindlig machen kann. Ob bestimmte Schriften ein Gefühl von Dizziness, von Verwirrung und Desorientierung hervorrufen können.
Vielleicht indem die Schriften den Lesefluss manipulieren? Gedreht, versetzt, gezerrt oder skaliert werden? Indem sie sich auflösen? Oder wegdriften? Und das ohne ihre Funktion immer ganz aufzugeben und noch zu einem gewissen Grad lesbar zu sein.
Die Kommunikationsdesigner:innen und Typograf:innen haben dazu ausgiebig experimentiert – und sich schließlich für das Prinzip des Grundlinienversatzes entschieden.
Abheben!
Bei dem Grundlinienversatz, für den Open2type sich entschieden hat, heben sich Glyphen verschiedener Schriftschnitte in unterschiedlichen Höhen von der Grundlinie ab.
15 verschiedene Taumelzustände sind so entstanden. Buchstaben schlängeln sich wie auf Wellenlinien entlang, sie stoben auseinander und wirbeln durcheinander und verteilen sich wie ein Bild über weiße Flächen.
Die Schrift, die Open2type dafür verwendet hat, hat es aus ihrer Schriftfamilie Referenz Grotesk abgeleitet. So ist die Referenz Grotesk Groundless entstanden mit der das Studio ergründet hat, bis zu welchem Grad Schrift noch lesbar ist.
Dass dies erstaunlich lange möglich ist, war das Ergebnis. Und auch, dass die Buchstaben trotz ihres Eigenlebens noch bestimmten Zeilen zuzuordnen sind.
Zwischen Design und Kunst
Kein Wunder also, dass die Kurator:innen der Ausstellung bei einem solchen Konzept bei Open2type anfragten, ob das Studio sich auch vorstellen könnte, seine Aufgabe zu erweitern und die Schrift wie einen roten Faden durch die gesamte Ausstellung laufen zu lassen.
Es konnte – und so erfüllt die Schrift nicht nur klassische Funktionen vom einführenden Wandtext bis zum Hand-out, sondern wird mit Zitaten verschiedener Autor:innen Teil des künstlerischen Dialogs.
Und das in einer Spannbreite, die von leicht lesbar bis hin zu nicht lesbar reicht, von Schrift bis hin zum Bild und das alles durch die verschiedenen Taumelzustände hindurch.
Das sollte man gesehen haben. Und bis zum 26. Juli 2026 ist das im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin möglich.