Künstliche Intelligenz
„Zero Parades“ angespielt: Spionin im Disco-Outfit
Videospiele sind nicht alle gleich, aber gelegentlich fühlen sie sich so an. Kurz nach dem Start von „Zero Parades“ steht die Protagonistin nach einer frisch eingetretenen Katastrophe in einem schäbigen Zimmer. Die Kamera blickt von schräg oben. Wie in einem Grafikadventure kann man nun Gegenstände im Raum anklicken, damit sie ausführlich von unterschiedlichen Aspekten der eigenen Persönlichkeit kommentiert werden. Laufend ermitteln virtuelle Würfelproben, welche Gedanken und Erkenntnisse im Schädel der Heldin aufblühen.
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Niemand hat die Absicht, „Disco Elysium“ zu entwickeln
Wer das Vorgängerspiel des Studios ZA/UM kennt, denkt ab dem ersten Anblick zwangsweise an „Disco Elysium“. Der Ausnahmehit von 2019 ist eng mit einem kreativen Team verbunden, das sich nach dem Spiel zerschlagen hat. Schwere Vorwürfe stehen im Raum, über die bereits lange YouTube-Videos veröffentlicht und Konkurrenzstudios gegründet wurden. Warum das wichtig ist bei der Betrachtung von „Zero Parades“: Man merkt dem Spiel gleichermaßen an, dass dieses Team auch „Disco Elysium“ entwickelt hat. Und man merkt leider auch, dass ein Teil des Teams fehlt.
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ZA/UM
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„Zero Parades“ nimmt das vorherige Spiel als Blaupause und gießt einen völlig neuen Inhalt in die Form. Auch das neue Spiel ist ein narratives Computerrollenspiel an der Grenze zum Adventure. Auch hier sieht die Spielwelt wie ein einziges großes Gemälde aus, dazu wird ein gebrochener, komplexer Charakter mit einem beständig hadernden Innenleben gespielt. Auch hier bestimmen Würfelproben bei zahllosen mehr und weniger wichtigen Fragen, ob etwas geschafft, gedacht oder wahrgenommen wird. Rein mechanisch gesehen ist an der Wiederholung überhaupt nichts zu kritisieren. Auf genau diese Art kann man überraschende und unterhaltsame Erzählspiele entwickeln.
Doch „Disco Elysium“ war nicht wegen der isometrischen Kameraperspektive toll, sondern vor allem wegen seiner bissigen, gewitzten Erzählung. Und die wird nicht wiederholt.
Folge dem Anführer
Wer „Zero Parades“ genießen möchte, muss all das ausblenden. Hat man den ersten Eindruck überwunden, geht das ganz gut. Es spielt in einer neuen Welt, es erzählt einen Spionagethriller, und der ist auf eine deutlich herkömmlichere Art sehr spannend. Die Spionin Hershel Wilk alias Cascade ist gebrochen, aber sie ist kein saufendes Wrack. Im Gegenteil, sie ist eine smarte und gefährliche Agentin, schlagfertig und einigermaßen skrupellos. Die Stimmen in ihrem Kopf klingen weniger dysfunktional, eher nach hektischem Abwägen: Hat Cascade diese Art Zahlenschloss schon einmal gesehen? Entlarvt sie ihren Gesprächspartner beim Lügen?
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Zu Beginn der Geschichte wirkt alles völlig aussichtslos. Cascade taucht aus einer jahrelangen Versenkung auf, um einen Auftrag anzunehmen. Doch die Sache wurde schon vor ihrem Eintreffen vergeigt, und so muss sie zuerst einmal auf eigene Faust herausfinden, was denn der Auftrag gewesen wäre. Wie viel Spaß das macht, ist leider auch eine Frage der Sprachversion. Wer auf Englisch spielt, hat in den ersten Spielstunden das „Unassigned Assignment“ im Journal stehen. Sehr korrekt, aber auch sehr trocken wird daraus auf Deutsch „Die nicht zugewiesene Aufgabe“, und das ist symptomatisch. Das englische Original nimmt jedes Wortspiel und jede fiese Pointe mit – die deutsche Version versucht oft gar nicht erst, den Witz zu übersetzen. Dazu ist sie einige Male sachlich falsch und verballhornt etwa eine „Spur“ (lead) zu einem „Anführer“ (leader) – „folge dem Anführer“.
Man kann die deutsche Version spielen und versteht das Wesentliche, aber man liest sehr viel Sprache, die niemand je sagen würde oder lesen wollte: „Für eine Entität, die sich dem ‚menschlichen Gedeihen‘ verschrieben hat, scheint EMTERR dem Zustand tatsächlicher Menschen gegenüber gleichgültig zu sein. Wie liberal“, sagt etwa ein Charakter im Spiel. Auch das Original kann anstrengend originell werden, aber es hat einen klaren Stil und zieht ihn durch. Wer sich auch englischer Literatur gewachsen fühlt, sollte das Original spielen. Die Sprachausgabe bleibt ohnehin englisch.
Ein schöner Karren im Dreck
Cascade trägt ihre Selbstzweifel mit sich herum, aber darüber hinaus ist sie ein ziemliches Chamäleon. Schnell findet sie in der Erzählung Spuren und sammelt frei einsetzbare Erfahrungspunkte, sodass sie wirklich stärker wird und sich dem absurden, tödlichen Schattenspiel stellen kann. „Zero Parades“ fährt ein großes Charakterensemble auf, das immer leicht überzeichnet wird. Die Agenten in der Geschichte haben nicht nur wegen ihrer dramatischen Codenamen einen Anflug von Comic-Helden.
Der Look pflegt eine gewisse Unbestimmtheit. Die Welt ist rundum ruiniert, in dem Fantasyszenario ist der Karren zwischen drei politischen Blöcken noch zerfahrener als in der Wirklichkeit, und dazu passen die nervös gekritzelten Linien auf allen Oberflächen. Die Welt wirkt wie skizziert, sie könnte jederzeit auseinandergerissen und neu zusammengesetzt werden. Beim Spielen muss man in dem Gewusel aufpassen, dass man keine Objekte oder Wege übersieht. Tut man es doch, ist das aber selten schlimm. Es gibt eine Karte, eine ordentliche Schnellreisefunktion, und dazu kann man außerhalb der Dialoge jederzeit abspeichern und Missgeschicke ausbügeln, wenn man das will.
Hauptsache, es geht schief
Proben auch mal nicht zu schaffen, ist der Motor der Erzählung. Dass Dinge schiefgehen, gehört dazu, kann aber frustrierend werden. Hat Cascade endlich die Klemmzange gefunden und steht vor dem Vorhängeschloss, kann sie immer noch eine 83-prozentige Chance vergeigen und kriegt dann die Tür nicht auf. Sie darf es zwar nochmal probieren, muss dafür aber eine Weile warten. Immerhin muss man in der Regel auch nach Pannen keinen Spielstand laden. Das Design ist bemerkenswert gut darin, immer ein paar Schauplätze offenzuhalten. Wir haben in 19 Spielstunden keine Herausforderung gefunden, die man nur auf genau eine Art lösen kann. Und wir haben es nicht geschafft, Cascade in eine völlige Sackgasse oder ein Game Over zu manövrieren. Wir stecken nach der Spielzeit allerdings auch noch mitten im Spiel.
Fazit: Gutes Elysium-like
Sich durch haarige Situationen zu mogeln, macht weiterhin viel Spaß. Der Ton ist dick aufgetragen, aber unterhaltsam. Im Lauf der Stunden sammelt man tatsächlich verschiedene Spuren ein und setzt absurde Puzzlestücke zu unerhörten Erkenntnissen zusammen. Und das ist eine neue Stärke. Sich in diesem Thriller zu verirren und dann doch Schicht für Schicht voranzukommen, ist richtig gut umgesetzt.
Nach dem beispiellosen Erfolg von „Disco Elysium“ steht eine ganze Schwemme psychologischer Rollenspiele an. Dieses hier ist zumindest in der ersten Hälfte rundum gelungen und unterhaltsam. Hier ist die Erzählung deutlich konventioneller. Das Ergebnis ist kein Meisterwerk, aber gute Unterhaltung.
„Zero Parades“ erscheint am 21. Mai für Windows. Eine PS5-Version soll folgen. Es kostet ca. 40 Euro.
(dahe)