Digital Business & Startups
2026 im Zug kein Internet – warum haben wir uns daran gewöhnt?
Schlechter Empfang im ICE ist kein Zufall, sondern System. Seit über zehn Jahren scheitert Deutschland nicht an Technik, sondern an einer anderen Sache.
Ich sitze im ICE auf dem Weg nach Berlin. Der Hochgeschwindigkeitszug rumpelt mit 140 km/h durch den Westen Deutschlands, es ist warm und der Laptop lädt an der Steckdose. Alles da – nur das Internet ist mal wieder abwesend. Und wenn zwei 5G-Balken auftauchen, sind sie schneller weg, als man Digitalinfrastruktur sagen kann. Mails brechen ab, Recherchen laden ins Leere, Videocalls kann man vergessen. Willkommen im digitalen Entwicklungsland auf Schienen.
Das ist kein Ausreißer. Kein unglücklicher Streckenabschnitt. Das ist der Normalzustand. Und genau darin liegt das Problem. Denn das löchrige Netz im ICE ist kein technisches Detail, sondern ein Symbolbild für den Zustand der Digitalisierung in Deutschland.
Das Absurde daran: Dieses Problem ist seit mehr als zehn Jahren bekannt. Seit über einem Jahrzehnt wird darüber diskutiert, warum mobiles Internet in Zügen nicht funktioniert. Es gab Pilotprojekte, Kooperationsankündigungen, Förderprogramme, Pressemitteilungen. Und trotzdem sitze ich 2026 im Zug und starre auf eine Ladeanzeige, die sich weigert, Fortschritt zu simulieren. Hinter dem Ärger formuliert sich die Frage:
„Warum dauert in diesem Land eigentlich alles so unfassbar lange?“
Die Antwort ist unbequem, aber bekannt: Zuständigkeiten werden verteilt, bis sie verdampfen. Föderalismus wird zur Ausrede, Vergaberecht zur Innovationsbremse, Datenschutz zum Totschlagargument. Jeder erklärt, warum es kompliziert ist – niemand entscheidet, wie man es pragmatisch löst. Fortschritt wird nicht ermöglicht, sondern verwaltet.
In Deutschland wird Digitalisierung behandelt wie ein Bauantrag: formal korrekt, politisch abgesichert, juristisch wasserdicht – und garantiert zu spät. Während andere Länder Dinge einfach ausprobieren, testen, scheitern und verbessern, diskutieren wir erst einmal jahrelang über Risiken, Standards und Zuständigkeiten. Am Ende ist man dann sehr stolz darauf, dass man „gründlich“ war. Nur leider ist die Welt längst weitergezogen.
Die Bahn ist dabei kein Sonderfall, sondern exemplarisch. Die Deutsche Bahn steht für ein System, das strukturell überfordert ist: politisch gesteuert, organisatorisch komplex, mit erstaunlich wenig Konsequenzen für jahrelanges Nichterreichen klar formulierter Ziele. Das Problem ist nicht mangelnder Einsatz einzelner, sondern ein System, das Verantwortung so fein verteilt, dass sie niemand mehr trägt.
Es geht um mehr als nur das Internet
Dabei geht es längst um mehr als Bequemlichkeit oder Netflix im Zug. Digitale Infrastruktur ist strategische Infrastruktur. Wer kein stabiles Netz hat, ist abhängig – von US-Plattformen, von chinesischer Hardware, von ausländischen Cloud-Anbietern. Deutschland spricht gerne von digitaler Souveränität, von Unabhängigkeit, von technologischer Resilienz. Aber Souveränität beginnt nicht bei KI-Strategien oder Hochglanzpapieren, sondern bei funktionierenden Netzen.
Ein Land, das es nicht schafft, auf seinen wichtigsten Bahnstrecken verlässliches Internet bereitzustellen, sollte sehr vorsichtig sein, wenn es von digitaler Unabhängigkeit spricht. Wer nicht einmal die Basis hinbekommt, wird bei den komplexen Fragen zwangsläufig zum Zaungast.
Vielleicht ist das größte Problem also gar nicht das Funkloch im ICE. Sondern die bemerkenswerte Gelassenheit, mit der wir es seit über einem Jahrzehnt akzeptieren. Man hat sich daran gewöhnt. Und Gewöhnung ist der natürliche Feind von Fortschritt.