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BOS-Funk: ETSI standardisiert Funk für Behörden


Das europäische Standardisierungsgremium für Telekommunikation ETSI hat ein neues Komitee für kritische drahtlose Kommunikationsnetze gegründet. Das TC CCS (Critical Communication Systems) soll Digitalfunkstandards für Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Verteidigung, Verkehr, Energieversorger und andere Betreiber kritischer Infrastrukturen weiterentwickeln.

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Dabei geht es sowohl um neue Spezifikationen für Breitbandnetze als auch um die Weiterentwicklung des in die Jahre gekommenen aber robusten TETRA-Standards. Die Auftaktsitzung der Gruppe fand laut ETSI am 12. und 13. Mai im französischen Sophia Antipolis statt, dem Sitz der ETSI.

Ziel des Komitees ist nicht, TETRA unverzüglich abzulösen und abzuschalten. Der europäische Standard ist weltweit im Einsatz und für robuste Sprachkommunikation bekannt. Ein großer Vorteil ist zudem der Direktmodus (DMO), der im Falle eines Netzausfalls weiter Kommunikation erlaubt.

TETRA bietet jedoch nur wenige Kilobit pro Sekunde Datenrate und ist deshalb für moderne Anwendungen wie das Versenden von Bildern, Videos, Karten und Sensordaten wenig bis gar nicht geeignet. Diese Daten haben sich jedoch in den letzten Jahren als enorme Hilfe beim Beurteilen von Gefahrenlagen und dem Einsatzgeschehen herausgestellt. Immer mehr Sicherheitsbehörden und Hilfsorganisationen digitalisieren ihre Einsatzleitungen stark und nutzen beispielsweise Quadrocopter sowie GPS-Tracker, um den Überblick zu behalten.

Das TC CCS soll sich deshalb damit beschäftigen, Standards und technische Berichte für schmal- und breitbandige kritische Kommunikation zu schaffen. Dabei geht es zwar auch um die Weiterentwicklung von TETRA, vor allem aber um modernere Mobilfunktechniken wie 5G und LTE. Diese bieten gegenüber TETRA selbst bei vergleichsweise schmalen Kanälen mehr Bandbreite (einige Dutzend bis mehrere Hundert Megabit pro Sekunde) und sind somit besser für die höheren Anforderungen der Digitalisierung geeignet.

Das Komitee soll Spezifikationen für das geplante European Critical Communications System, kurz EUCCS, vorbereiten, das bis 2030 etabliert werden soll. Es ist nicht als ein einziges zentrales EU-Behördenfunknetz zu verstehen. Ziel ist vielmehr, die Kommunikationssysteme von Behörden und Hilfsorganisationen in Europa interoperabel zu machen – insbesondere für grenzüberschreitende Einsätze. Die EU-Kommission beschreibt EUCCS als System, das die Netze von europäischen Strafverfolgungsbehörden, Zivilschutz und Public-Safety-Organisationen verbindet.

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Auch TETRA kennt mit dem Inter-System Interface Ansätze für netzübergreifende Kommunikation. In der Praxis blieb echtes Roaming aber selten, weil Implementierung, Betrieb, Sicherheitsvorgaben und Berechtigungsmodelle komplex sind. Zumal neben TETRA noch weitere Standards wie Tetrapol und DMR im Einsatz sind.

Das EUCCS soll am Ende aber nicht nur interoperable Funktechnik liefern, sondern auch Standardisierung hinsichtlich Rollen, Prioritäten, Sicherheitsvorgaben und Betriebsprozessen. Das EUCCS ist damit als mehrschichtiger Rahmen für die Zusammenarbeit von Einsatzorganisationen angelegt.

Technische Grundlage für Behördenfunk per LTE und 5G sollen die Mission Critical Services aus der 3GPP-Standardisierung sein. Dazu gehören MCPTT für einsatzkritische Push-to-Talk-Sprachkommunikation, MCData für Daten und MCVideo für Video. Diese Dienste sollen Eigenschaften klassischer Behördenfunknetze in LTE- und 5G-Umgebungen übertragen: Gruppenkommunikation, Priorisierung, sichere Authentifizierung und kontrollierte Nutzung auch unter hoher Netzlast.

Die ETSI sieht dabei offenbar Harmonisierungsbedarf. Auch wenn nationale Systeme künftig auf 3GPP-Standards basieren, müssen sie nicht automatisch problemlos zusammenspielen. Das neue TC CCS soll Anforderungen von Regierungen, Einsatzorganisationen, Netzbetreibern, Regulierern, Industrie und Betreibern kritischer Infrastrukturen bündeln und daraus technische Spezifikationen und Berichte ableiten.

Staatliche BOS-5G-/LTE-Netze sollen daraus nicht zwangsläufig entstehen: EUCCS legt derzeit kein einheitliches Betriebsmodell fest. Nationale Lösungen können dedizierte, kommerzielle oder hybride Infrastrukturen nutzen; entscheidend sind Interoperabilität, Priorisierung und gesicherte Mission-Critical-Dienste. Belgien und Norwegen planen etwa, die Basisstationen kommerzieller Mobilfunker zu nutzen, das Core-Netz jedoch selbst zu betreiben. Sie agieren also wie ein virtueller Netzbetreiber ohne Basisstationen. Dort, wo kommerzielle Mobilfunker nicht abdecken oder weniger Kapazität vorhalten, sind jedoch trotzdem eigene Antennenstandorte möglich.

Die ETSI nennt als Ziel, mit den Arbeiten die Einführung von EUCCS bis 2030 vorzubereiten. Beim Auftakttreffen des neuen Komitees kamen nach ETSI-Angaben mehr als 50 Organisationen aus dem Umfeld kritischer Kommunikation zusammen.

Den Vorsitz übernimmt Ari Toivonen vom finnischen Netzbetreiber Suomen Erillisverkot. Stellvertreter sind Renaud Mellies vom französischen Innenministerium für den Breitbandbereich und David Chater-Lea vom TETRA-Hersteller Sepura für den Schmalbandbereich.


(amo)



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