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Die verlassenen Lilium-Büros: Was vom deutschen Flugtaxi-Traum übrig ist


Die verlassenen Lilium-Büros: Was vom deutschen Flugtaxi-Traum übrig ist

Verlassene Hallen und Büros: Wo Lilium einst an Zukunftsversprechen arbeitete, blieb später nur ein moderner Lost Place.
Fotos: Gründerszene, Cover: Dominik Schmitt / Gründerszene

Am Eingang hängen noch die Fahnen: weißer Stoff mit Lilium-Logo. Einige sind ausgefranst. Durch eine Glasfront ist die ehemalige Rezeption des Unternehmens zu sehen: ein Empfangstisch, ein Chesterfield-Sofa und ein Sideboard, auf dem insgesamt 14 Auszeichnungen nebeneinander aufgereiht sind. Doch der Raum ist menschenleer.

Auch Liliums Flaggen am Eingang haben schon bessere Tage gesehen.
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Wer hier hinein will, braucht einen Schlüssel und jemanden, der noch zuständig für einen Ort ist, an dem mal Hunderte Menschen an einer Zukunft gearbeitet haben, die heute weiter entfernt wirkt als je zuvor. Denn über den Türspalten sämtlicher Eingänge kleben nun rote Sticker: „Security Seal“ steht darauf – Sicherheitssiegel.

Mithilfe von Sicherheitssiegeln wird kontrolliert, wann die leeren Lilium-Büros und -Hallen betreten worden sind.
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Es ist Oktober 2025, fast ein Jahr nach dem Insolvenzantrag des Flugtaxi-Startups Lilium. Wir sind nach Gauting bei München gefahren, an den Sonderflughafen Oberpfaffenhofen. Hier hatte Lilium seine Büros und Produktionshallen. Hier sollten elektrische Senkrechtstarter entstehen, sogenannte eVTOLs. Fluggeräte, die ohne Landebahn starten und landen können und die klimafreundlich sein sollen.

In der Vision der Lilium-Gründer sollten sie Regionen miteinander verbinden, Strecken verkürzen und Zeit sparen – und irgendwann so einfach buchbar sein wie eine Uber-Fahrt. 

Liliums Vision: eVTOLs (Fluzgtaxis), die Regionen miteinander verbinden und irgendwann für jeden zugänglich sind.
picture alliance/dpa/Lilium/-

Knapp zehn Jahre lang arbeitete das Unternehmen an diesem Versprechen. Rund 1,5 Milliarden Euro flossen in die Entwicklung. Lilium gewann prominente Investoren, überzeugte politische Unterstützer und wurde zu einem der bekanntesten deutschen Deeptech-Startups. Für viele war das Unternehmen ein Hoffnungsträger: ein Beispiel dafür, dass aus Deutschland doch noch einmal ein global relevanter Technologiekonzern entstehen könnte. 

Für andere war Lilium von Anfang an ein überteuertes Versprechen, ein Flugtaxi-Traum für Investorenpräsentationen. 

So oder so: Am Ende reichte das Geld nicht. 

Der Jet, der nie fertig wurde

In einer der Hallen steht der Rohbau eines Lilium-Jets. Hellgelb, mehrere Meter lang, die Form erinnert an einen langgezogenen Football. Noch fehlen Außenhülle, Fenster, Türen und Flügel. Kabel hängen aus dem Rumpf, eine Metalltreppe steht vor der Öffnung, an der einmal eine Tür sein sollte. 

Alles sieht so aus, als könnte gleich jemand kommen und weiterarbeiten. Nur wird niemand mehr kommen.

Von jetzt auf gleich war es vorbei: In den Hallen standen noch monatelang zwei unfertige Lilium-Jets.
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Genau darin liegt die Wucht dieses Ortes. Denn man versteht: Lilium war kein Unternehmen, das langsam auslief, sondern eines, das mitten in der Bewegung angehalten wurde. 

Auf Tischen stehen noch halbvolle Wasserflaschen. Warnwesten hängen über Stuhllehnen. In den Büros kleben Vornamen auf Schließfächern, daneben liegen Schuhe, Jacken und alte Hausausweise. In den Ecken liegen Blätter längst vertrockneter Zimmerpflanzen. Auf einem Whiteboard stehen noch Hinweise zur Nutzung von Geräten. In einer der Produktionshallen hängt ein selbst ausgedrucktes Meme. Ein Foto des TV-Malers Bob Ross. Darunter steht sein Motto: „No mistakes, just happy accidents.“ 

No mistakes, just happy accidents – das Motto des TV-Malers Bob Ross und Mantra der Startup-Szene.
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Fehler machen, daraus lernen, weitermachen – das gehört zur Startup-Kultur. Bei Lilium wurde aus dem Mantra irgendwann eine bittere Pointe. 

Denn das Unternehmen war Ende 2024 eigentlich kurz davor, den entscheidenden Beweis zu liefern. Der erste Testflug mit Pilot an Bord sollte nur noch wenige Monate entfernt sein. Zwei Jets standen bereits in Montage.  

Mit ihnen wollte Lilium zeigen, dass die Technologie nicht nur in Präsentationen, Simulationen und unbemannten Tests funktioniert, sondern unter realen Bedingungen. 

Doch dann ging dem Unternehmen das Geld aus. 

„Unser Lilium-Zuhause“
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Ein Rennen gegen die Zeit

Lilium hatte über Jahre keine nennenswerten eigenen Umsätze. Das ist bei vielen Startups nicht ungewöhnlich. Investoren finanzieren Wachstum, Forschung und Entwicklung in der Hoffnung, dass das Unternehmen später sehr viel mehr wert ist. Bei Lilium aber war der Kapitalbedarf besonders hoch. Fluggeräte zu entwickeln, zu testen und zertifizieren zu lassen, kostet nicht Millionen, sondern Milliarden. 

2024 brauchte Lilium neues Kapital. Nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld waren Investoren grundsätzlich bereit, noch einmal Geld zu geben. Sie stellten jedoch eine Bedingung: Auch der deutsche Staat sollte sich zu Lilium bekennen. 

Konkret ging es um einen Kredit über 100 Millionen Euro bei der staatlichen Förderbank KfW. Dafür brauchte Lilium eine staatliche Bürgschaft. Sollte das Unternehmen den Kredit nicht zurückzahlen können, hätten am Ende die Steuerzahler einstehen müssen. 

Monatelang wurde über diese Bürgschaft diskutiert. Zunächst in Bayern, wo Lilium seinen Sitz hatte, dann im Bund. Das Lilium-Management ging nach unseren Recherchen zeitweise davon aus, dass der Kredit kommen würde. Doch im Haushaltsausschuss des Bundestags fiel keine Entscheidung. 

Für Lilium wurde das zum Rennen gegen die Zeit. Das Unternehmen brauchte zu diesem Zeitpunkt nach Angaben aus dem Umfeld 20 bis 30 Millionen Euro im Monat, nur um den Betrieb am Laufen zu halten. Ende Oktober 2024 meldete Lilium Insolvenz an. 

Eine Zeitkapsel sollte das Lilium-Team im Jahr 2028 an seine Anfänge erinnern – doch dazu kam es nie.
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Damit war der KfW-Antrag praktisch vom Tisch. Denn der Staat vergibt grundsätzlich keine Kredite an Unternehmen, die sich bereits in einem Insolvenzverfahren befinden. 

Kündigungen kurz vor Weihnachten

Der Insolvenzantrag bedeutete aber noch nicht das Ende eines Unternehmens. Lilium bekam zunächst Zeit, neue Investoren oder Käufer zu finden. Intern liefen die Gespräche weiter. Es gab Hoffnungsschimmer, Zusagen, Verhandlungen. Doch nichts wurde rechtzeitig konkret. 

Mitte Dezember kündigte Lilium zunächst rund 200 Entlassungen an. Kurz vor Weihnachten folgte der nächste Schock: Die Investorengespräche seien gescheitert, hieß es. Ein potenzieller Geldgeber habe nicht rechtzeitig nachweisen können, dass er über die nötigen liquiden Mittel verfüge. Das berichten mehrere Insider. 

Lilium stellte daraufhin den Geschäftsbetrieb ein und kündigte den verbliebenen Mitarbeitenden – fünf Tage vor Heiligabend. 

Einer von ihnen war Keno Sanders, der sechs Jahre bei Lilium gearbeitet hatte. Er war am Antriebssystem des Jets beteiligt, trug Verantwortung für Prozesse und Personal. Sanders ist einer von vielen Mitarbeitenden, mit denen wir seit Herbst 2024 gesprochen haben. In einem Gespräch erinnert er sich an das Allhands-Meeting kurz vor Weihnachten, das bei Lilium „Allwings“ genannt wurde. Der damalige CEO Klaus Roewe habe sehr sachlich erklärt, dass Gehälter nicht mehr gezahlt werden könnten und die Insolvenz beantragt werden müsse. Sanders beschreibt die Atmosphäre als angespannt. Viele Mitarbeitende hätten sich gefragt, seit wann das Management gewusst habe, wie ernst die Lage war. 

Dass ausgerechnet kurz zuvor noch neue Mitarbeitende angefangen und eine neue Kantine eröffnet worden sei, habe viele irritiert. 

Die Rettung, die keine war 

Dann, am Vormittag des 24. Dezember, kam doch noch einmal Hoffnung auf. Lilium veröffentlichte eine Pressemitteilung, in der es hieß, das Unternehmen habe doch noch einen Investor gefunden. Der Betrieb könne weitergehen. Ein Großteil der Mitarbeitenden sollte zurückkommen dürfen. 

Auch viele frühere Lilium-Beschäftigte erhielten diese Nachricht. Sanders erinnert sich an „riesige Freude“. Er habe das Projekt geliebt, sagt er. Er habe Teil von etwas sein wollen, das Geschichte schreibt. 

Auszeichnungen zeigen: Einst wurden das Unternehmen und seine Gründer gefeiert.
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Doch die Freude hielt nicht lange. Das versprochene Geld kam am Ende nicht bei Lilium an. Die Rettung scheiterte. Im Februar 2025 war endgültig Schluss. Rund 1000 Menschen verloren im Zuge der Insolvenz ihren Job. 

Was bleibt?

In den verlassenen Büros zeigt sich, dass Lilium mehr war als nur ein Pitchdeck und eine Vision. Auf einer Weltkarte stecken rote Pins in Europa, Asien, Afrika, Südamerika. Mitarbeitende aus zahlreichen Ländern waren nach Bayern gekommen, um an diesem Projekt zu arbeiten. In den Hallen stehen Geräte, Testaufbauten, 3D-Drucker, Fräsmaschinen. In einem Bereich verlaufen meterlange Kabel geordnet über den Boden. Daneben steht ein zweites Flugzeugskelett in einem „Structure Test Laboratory“, wo offenbar geprüft wurde, wie belastbar die Konstruktion ist. 

Aus der ganzen Welt kamen Menschen nach Bayern, um für Lilium zu arbeiten. Auf einer Weltkarte in der Kantine konnten sie ihre Heimat markieren.
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Der Ort erzählt von technischem Ehrgeiz. Aber auch von einem System, das extrem viel Kapital braucht, lange bevor es Einnahmen gibt. Und Liliums Scheitern wirft Fragen auf.

Klar ist: Die ursprüngliche Vision eines alltagstauglichen Flugtaxi-Netzwerks blieb unerfüllt. Gleichzeitig arbeiteten Hunderte Menschen jahrelang an einer Technologie, die sie für möglich hielten. Viele blieben auch dann noch, als die Lage längst bedrohlich war. 

Als wir die Hallen verlassen, bleibt vor allem ein Bild hängen: ein halbfertiger Jet, der aussieht, als warte er nur auf den nächsten Arbeitsschritt. Ein Stück Zukunft, das nicht fertig wurde. 

Die ganze Geschichte des deutschen Flugtaxi-Entwicklers könnt ihr ab sofort auch hören: Unser investigativer Storytelling-Podcast „Cashburners: die Lilium-Story“ erzählt in sechs Folgen vom Aufstieg und Fall des Unternehmens. Überall, wo es Podcasts gibt.

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