Künstliche Intelligenz

Digitale Souveränität: Wie Europa Chinas Griff nach Seltenen Erden brechen kann


Eine neue Untersuchung des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag (TAB) analysiert strukturelle Abhängigkeiten von Seltenen Erden und zeigt Auswege für eine resilientere Versorgung auf. Diese Rohstoffe stecken in fast allem, was die digitale und grüne Transformation antreibt: von leistungsstarken Permanentmagneten in Offshore-Windkraftanlagen und Elektromotoren über Festplatten bis hin zu Glasfasernetzen und hochmoderner Militärtechnik wie Kampfjets oder Lenkwaffen. Im Zuge von Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischem Wandel nimmt der Bedarf stark zu. Doch die geografische Verteilung der Reserven offenbart ein Dilemma, da sich rund die Hälfte der weltweiten Vorkommen in China befindet.

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Noch gravierender als die reine Förderung im Bergbau wiegt laut dem Papier die asiatische Dominanz bei der technologisch anspruchsvollen Raffination und Weiterverarbeitung. Hier kontrolliert die Volksrepublik demnach rund 90 Prozent der globalen Wertschöpfung.

Wie verletzlich die westliche Industrie ist, zeigt der Blick auf Importdaten. Deutschland bezieht fast die Hälfte der frühen Verarbeitungsstufen und sogar 84 Prozent der weiterverarbeiteten Metalle der Seltenen Erden direkt aus China. Eine Bevorratung im großen Stil scheitert bisher an der chemischen Instabilität und Toxizität der verarbeiteten Zwischenprodukte. Das Reich der Mitte nutzt diese Marktmacht strategisch und hat in den vergangenen Jahren immer wieder restriktive Ausfuhrverbote für Trenn- und Verarbeitungstechnologien erlassen, um die globale Wertschöpfungskette zu kontrollieren und auf Handelskonflikte mit den USA zu reagieren.

Als politischer Schutzschirm soll der Critical Raw Materials Act der EU dienen. Die Verordnung gibt ehrgeizige Zielmarken bis 2030 vor: Mindestens 10 Prozent des heimischen Verbrauchs sollen aus europäischem Bergbau stammen, 40 Prozent aus eigener Raffination und mindestens 25 Prozent über das Recycling abgedeckt werden. Zudem darf kein Drittland mehr als 65 Prozent des Jahresbedarfs eines kritischen Rohstoffs liefern. Doch die Realität hinkt den Ambitionen hinterher. Von der ersten Erkundung einer Mine bis zur tatsächlichen Produktion vergehen im Bergbau üblicherweise Jahrzehnte. Außerhalb Chinas existieren derzeit auch nur sehr wenige weit fortgeschrittene Projekte.

Die TAB-Studie macht deutlich, dass ein bloßes Hoffen auf neue Minen in politisch befreundeten Ländern zu kurz greift. Vielmehr müssten verschiedene Maßnahmen verzahnt werden, um echte Rohstoffsouveränität zu erlangen. Die Autoren raten daher – ähnlich wie Berater in einer Studie für den BDI – zu einem umfangreichen Ausbau der Kreislaufwirtschaft. Das Potenzial sei groß, da in den kommenden Jahren immer mehr Elektroautos und Windräder das Ende ihres Lebenszyklus erreichten.

Um diese wertvollen Altmagnete effizient zurückzugewinnen, fordern die Experten verbesserte Sammel- und Rücknahmestrukturen sowie eine Ausweitung der Herstellerverantwortung. Digitale Produktpässe könnten exakte Informationen über die verbauten Materialien liefern und die Sortierung erleichtern. Bislang krankt das europäische Recycling aber an einem fehlenden geschlossenen System: Weil Raffinationskapazitäten fehlen, müssen sekundäre Rohstoffe für die finale Trennung oft erst wieder nach China exportiert werden.

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Ein zweiter Pfeiler ist den Verfassern zufolge die Substitutionsforschung. Da die stoffliche Rückgewinnung oft energie- und umweltintensiv sei, gewinne das Vermeiden kritischer Materialien an Bedeutung. Die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Nanostrukturierung, um den Einsatz schwerer Materialien wie Dysprosium oder Terbium in Permanentmagneten zu reduzieren oder diese durch künstliche Alternativen wie Tetrataenit oder Hochtemperatursupraleiter zu ersetzen.

Um die wirtschaftlichen Durststrecken bis zur Etablierung dieser Technologien zu überbrücken, diskutiert das TAB flankierende marktgestaltende Maßnahmen. Da europäische Rezyklate aufgrund hoher Umwelt- und Lohnstandards derzeit teurer sind als chinesische Primärware, könnten staatlich garantierte Referenzpreise oder der europäische CO2-Grenzausgleich Schutz bieten. Die Forscher empfehlen auch den Aufbau strategischer Rohstoffreserven als Brückeninstrument gegen extreme Preisvolatilitäten.

In drei Übersichten wagen die Autoren einen Ausblick auf das Jahr 2035. Im düstersten Fall einer blockierten Souveränitätswende spaltet sich die Welt demnach in isolationistische Blöcke auf, wodurch sich Chinas Dominanz festigt und Europas Unabhängigkeit scheitert. Eine fragmentierte Wende brächte zwar punktuelle Erfolge durch mühsam verhandelte Rohstoffpartnerschaften, ließe den alten Kontinent aber anfällig für Lieferkettenabrisse.

Erst das Szenario einer proaktiven Souveränitätswende verspricht Erfolg: Durch ein frühzeitiges, konsequentes Setzen auf Recycling, Substitution und eine europäische Sicherheitsreserve könnte die EU geopolitischen Erpressungen dauerhaft trotzen, da sich ein Großteil der benötigten Rohstoffe bereits im eigenen Hoheitsgebiet im Kreislauf befindet. Einzelne Maßnahmen verpuffen. Nur ein integrierter Ansatz, der Primärförderung, Recycling und Substitution zusammendenkt, kann laut dem TAB Europas technologische Zukunft sichern.

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