Künstliche Intelligenz
Disput um Glasfaser in Gebäuden: Marktversagen oder Überregulierung
Die Bundesregierung will den Glasfaserausbau beschleunigen. Rund 30,5 Millionen deutsche Wohnungen befinden sich laut einer Makrtanalyse der Telecom-Branchenverbände VATM und Anga in Mehrfamilienhäusern. Bislang verfügen nur 2,9 Millionen dieser Wohnungen über einen Glasfaseranschluss.
Weiterlesen nach der Anzeige
Das Manko soll durch das Recht auf Vollausbau, das im Referentenentwurf zum Telekommunikationsgesetz (TKG) steht, reduziert werden. Damit bekämen Netzbetreiber das Recht, Anschlüsse in alle Wohnungen eines Mehrparteienhauses zu legen, wenn er das Gebäude insgesamt anschließt. Zudem soll Netzbetreibern der Zugang zu im Gebäude vorhandener Infrastruktur anderer Netzbetreiber erleichtert werden. Denn in ein bereits von einem Netzbetreiber erschlossenes Mehrparteienhaus parallel weitere Glasfaserkabel zu verlegen, rechnet sich für Mitbewerber kaum und würde zudem die Bewohner nerven.
Rosinenpicken der Telekom befürchtet
Zwar sind sowohl Netzbetreiber und Wohnungsunternehmen grundsätzlich für den Glasfaser-Vollausbau. Doch die vorgesehenen Rechtsansprüche brächten Absprachen durcheinander, die Netzbetreiber mit Wohnungsunternehmen zwecks Glasfaserausbau bereits geschlossen haben. Das hat Stefan Rüter, Chief Commercial Officer bei OXG, am Dienstag auf der Breitbandmesse Anga Com in Köln erläutert. „Es wird den Partnerschaften von der Seite hineingegrätscht“, ärgert er sich. Kristin Lumme, Leiterin Multimedia bei Vonovia, verwies auf Planungen zum Glasfaserausbau, die auf mehrere Jahre angelegt sind, und die durch das Recht auf Vollausbau torpediert würden.
Rüter befürchtet, dass das im TKG-Referentenentwurf vorgesehene Recht den Ausbau von Glasfaser-Inhouse-Netzen unattraktiv machen werde. „Wir werden nicht mehr Inhouse-Netze bauen, sondern mit dieser (Regelung) weniger“, prognostiziert er. Sie führe dazu, dass „Wettbewerber wie zum Beispiel die Deutsche Telekom ein Rosinenpicken machen und einzelne attraktive Objekte plötzlich ausbauen werden.“
Podiumsdiskussion auf der Anga Com 2026: Alle wollen den Vollausbau, nur nicht so, wie er im TKG-Entwurf steht. Einzig Cara Schwarz-Schilling (3. v. r.) ist für den Entwurf.
(Bild: Marc Hankmann)
Die befürchtete Folge: Die in dem Szenario von der Telekom ausgelassenen Nachbargebäude alleine könnten zu wenig sein, um die Erschließung des Blocks oder der gesamten Straße für alternative Anbieter wirtschaftlich tragfähig zu machen. Damit blieben die übrigen Liegenschaften ohne Glasfaser. Umgekehrt könnte die Investition auch in das attraktive Objekt unterbleiben, müsste der Investor seine Kabel der Konkurrenz zur Verfügung stellen. Ein gordischer Knoten.
Inhouse-Ausbau: „Es ist nicht viel passiert“
Weiterlesen nach der Anzeige
Aus Sicht Cara Schwarz-Schillings ist die Argumentation der Kritiker jedoch lediglich der Versuch, ein natürliches Monopol, nämlich ihre Telecom-Infrastruktur in fremden Gebäuden, zu erhalten. Schwarz-Schilling leitet das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK). Sie führte auf der Anga Com aus, dass viele Marktteilnehmer an ihren Kabel in fremden Gebäuden gut verdient haben: „Davon will man halt nicht lassen.“
Mehr noch: Sie erklärte, dass der eigentlich günstige FTTH-Ausbau in Mehrfamilienhäusern in Deutschland nicht funktioniere, wie die geringe Glasfaserabdeckung belege. „Wir haben jetzt eine unregulierte Situation im Inhouse-Ausbau und stellen fest: Es ist nicht viel passiert“, sagte die WIK-Chefin. „Der marktgetriebene Ausbau bei einem Inhouse-Monopol ist eben, den Zugang zu verweigern.“ Deshalb unterstütze sie das Recht auf Vollausbau aus dem TKG-Entwurf nachdrücklich.
Natürliches Monopol oder Infrastrukturwettbewerb
Die Volkswirtschaftlerin plädiert für Infrastrukturwettbewerb. „Wenn ich ein Netz baue und bis an die Straße komme, dann möchte ich auch in das Haus hineinkommen“, sagte die TK-Expertin in Köln. „Wenn man aber die Haustür zusperren kann, gibt es keinen Infrastrukturwettbewerb.“ Weil es sich bei der Inhouse-Verkabelung um ein natürliches Monopol handele, ergebe es auch Sinn, dieses zu regulieren, so Schwarz-Schilling. Sie verwies auf Länder wie Frankreich und Spanien, in denen das geschehen ist und die im Glasfaserausbau weiter sind als Deutschland.
Diese Meinung teilten auf der Anga Com jedoch weder die Vertreter der Netzbetreiber noch die der Wohnungswirtschaft. OXG-Manager Rüter wünscht sich ein Recht auf Vollausbau, dass die aus seiner Sicht eigentlichen Probleme löse: Es soll dann zum Einsatz kommen, wenn einzelne Gebäudeeigentümer den Zugang verweigern. Außerdem solle es schnelleren Glasfaserausbau bei Wohneigentumsgemeinschaften ermöglichen, die sich nur einmal im Jahr zusammensetzen, um zum Beispiel über die Modernisierung der Telecom-Infrastruktur im Gebäude zu diskutieren.
(ds)