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Drei freie Office-Suiten gegen Microsoft 365 – und ihre Technik im Vergleich


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Wer über Euro-Office, Collabora Online und die neuen LibreOffice-Pläne der Document Foundation spricht, vergleicht nicht einfach drei Bedienoberflächen. Der eigentliche Unterschied liegt tiefer – denn wo soll eine Web-Office-Suite überhaupt laufen? Alle Antworten sind legitim: im Browser, auf einem zentralen Server oder als weitgehend unveränderte Desktop-Anwendung, die per WebAssembly in den Browser wandert.

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Diese Architekturfrage ist mehr als ein Implementierungsdetail. Sie entscheidet darüber, wie viel Serverleistung eine Organisation braucht und wie gut sich eine Lösung skalieren lässt – und zieht nach sich, welche Dateiformate im Zentrum stehen. Sie bestimmt auch, wie sich die Anwendung bei schlechter Verbindung anfühlt und wie viel Nähe zur klassischen Desktop-Office-Welt erhalten bleibt. Für Behörden, Schulen und Unternehmen, die jetzt Alternativen zu Microsoft 365 oder Google Workspace suchen, können diese Unterschiede entscheidend für ihre Wahl sein.

Die drei Kandidaten stehen für drei technische Linien. Euro-Office ist ein Fork von OnlyOffice und damit ein von Grund auf fürs Web entwickelter Editor mit Document Server, JavaScript-Oberfläche und Rendering über das Canvas-Element von HTML5. Collabora Online baut auf der Technik von LibreOffice beziehungsweise Collabora Office auf, lässt die eigentliche Office-Engine aber auf dem Server laufen und überträgt nur die fertig gerenderten Dokumentbereiche in den Browser. Die Document Foundation wiederum skizziert für LibreOffice einen dritten Weg: Die bestehende Codebasis soll mit Qt 6 und WebAssembly direkt im Browser und später auf Mobilgeräten laufen. Möglichst viel Rechenarbeit soll dabei auf dem Endgerät stattfinden statt im Rechenzentrum.

Euro-Office entsteht aktuell im Umfeld europäischer Anbieter wie Nextcloud, Ionos und Proton und soll eine souveräne Office-Komponente für Plattformen wie Nextcloud, Proton, XWiki oder OpenProject liefern. Eine vollständige Cloud- oder Groupware-Plattform ist es allerdings nicht. Euro-Office selbst bringt weder eigenen Dateispeicher noch Benutzerverwaltung oder ein Freigabesystem mit. Es ist eine eingebettete Editor-Komponente. Navigation, Rechte, Dateiablage, Versionierung und Freigaben übernimmt die Plattform drumherum.

Das ist aus OnlyOffice vertraut. Im Kern arbeitet ein Document Server, der zwischen Browser und Speicherplattform vermittelt. Bindet man Euro-Office in Nextcloud ein, muss dieser Server sowohl für Nextcloud selbst als auch für die Endgeräte erreichbar sein. Der Browser lädt die Editor-Oberfläche vom Document Server. Der Document Server holt das Dokument von Nextcloud, verwaltet die Bearbeitungssitzung und meldet später Statusänderungen und Speichervorgänge zurück. Die Anbindung arbeitet mit konfigurierten internen und externen Serveradressen, Callback-URLs und JWT zur Absicherung.

Im Browser setzt Euro-Office auf eine native Web-Oberfläche mit JavaScript und einem HTML5-Canvas. Der Editor stellt Dokumente also nicht als gewöhnliche HTML-Seite mit editierbaren Absätzen dar, sondern zeichnet sie kontrolliert. Bei Office-Dokumenten zahlt sich das aus, denn Seitenumbrüche, Tabellen, Kopf- und Fußzeilen, frei platzierte Objekte und Folienlayouts reagieren empfindlich auf kleinste Darstellungsunterschiede. Ein Canvas-basierter Editor steuert Layout, Text und Objekte selbst, statt sich auf das Layout des Browsers zu verlassen.

Der Document Server bleibt trotzdem zentral. Er kümmert sich um Sitzungen, Konvertierung, Speicherung und die gemeinsame Bearbeitung. Öffnen mehrere Nutzer dasselbe Dokument mit demselben Dokument-Schlüssel, landen sie in derselben Sitzung. Der Editor schickt Änderungen an den Bearbeitungsdienst, der sie an die übrigen Teilnehmer verteilt. Kommentare, Änderungsverfolgung, Chat und verschiedene Modi für das gemeinsame Bearbeiten sind bereits Teil dieses Modells.

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Der praktische Vorteil von Euro-Office liegt damit auf der Hand: Es ist für moderne Web-Office-Szenarien gebaut. Es eignet sich vor allem für Organisationen, die schon eine Plattform wie Nextcloud betreiben und eine browserbasierte Office-Komponente mit gemeinsamer Bearbeitung benötigen. Hinzu kommt die starke Ausrichtung auf die Microsoft-Office-Formate, die bereits OnlyOffice mitbringt. In der Praxis ist das für viele Unternehmen ein Pluspunkt, denn ihr Alltag besteht oft aus DOCX-, XLSX- und PPTX-Dateien.

Genau hier liegt aber auch der Streitpunkt. OnlyOffice arbeitet traditionell OOXML-zentriert und konvertiert andere Formate zum Bearbeiten häufig in die Microsoft-Pendants. Euro-Office kündigt zwar eine Unterstützung offener Standards an, und Nextcloud nennt die vollständige ODF-Unterstützung als wichtiges Ziel für die weitere Entwicklung. Im Ausgangspunkt spielt Euro-Office seine Stärken aber bei Microsoft-Formaten aus. Wer ODT, ODS und ODP verbindlich als Primärformate durchsetzen will, sollte genau prüfen, ab wann er eine vollständige Kompatibilität benötigt.

Collabora Online kommt aus einer anderen Richtung. Collabora nutzt die Technik von LibreOffice und Collabora Office und überführt sie in eine Serverarchitektur. Die eigentliche Office-Engine läuft nicht im Browser, sondern auf dem Collabora-Server. Der Browser dient als interaktive Oberfläche. Außerdem ist die Software etabliert und wird bereits von vielen Organisationen produktiv eingesetzt.

Unter der Haube besteht Collabora Online unter anderem aus einem Web Services Daemon, der externe Verbindungen annimmt, aus isolierten Prozessen, die Dokumente laden und rendern, und aus der JavaScript-Oberfläche im Browser. Die Kommunikation läuft über WebSockets. Der Client schickt Tastatur-, Maus-, Scroll-, Zoom- und UNO-Kommandos an den Server. Der Server berechnet den Dokumentzustand und liefert die gerenderten Bereiche zurück.

Diese Bereiche heißen in der Collabora-Dokumentation Tiles, also Kacheln. Der Client fordert die sichtbaren Bereiche an, der Server liefert Bildkacheln oder nur die Differenz zu bereits übertragenen Kacheln. Ändert sich ein Teil des Dokuments, markiert der Server die betroffenen Bereiche als ungültig und sendet neue Inhalte. Architektonisch ist Collabora Online damit eher ein interaktives, ferngesteuertes LibreOffice als eine Office-Anwendung, die komplett im Browser läuft.

Klingt umständlich, hat aber große Vorteile. Weil der LibreOffice-Kern auf dem Server arbeitet, greift Collabora auf die über Jahre gewachsene Dokumentlogik, die Importfilter und die Layout-Engine zurück. Für ODF-Dokumente ist das besonders wichtig. Collabora ist derzeit der produktiv verfügbare Kandidat, wenn eine Organisation Office im Browser einsetzen, aber nahe an LibreOffice und am Open Document Format bleiben will. Auch komplexe Dokumente aus LibreOffice lassen sich so zuverlässig korrekt darstellen.

Der Preis ist die Serverlast. Collabora Online ist ein zustandsbehafteter Dienst. Bei der gemeinsamen Bearbeitung müssen alle Verbindungen zu einem Dokument auf demselben Server oder Pod landen. Das erschwert die horizontale Skalierung im Vergleich zu statischen Webanwendungen. In größeren Installationen müssen WebSockets, Reverse Proxy, TLS, WOPI-Anbindung, Lastverteilung und Ressourcengrenzen sauber zusammenspielen, und der Datenverkehr eines Dokuments muss zuverlässig beim richtigen Prozess ankommen.

Für Administratoren bedeutet Collabora deshalb mehr klassische Serverarbeit als Euro-Office oder der geplante Ansatz der Document Foundation. Der Collabora-Server ist eine zentrale und sensible Komponente. Er lädt Dokumente, verarbeitet und rendert sie und speichert Änderungen über die angebundene Plattform zurück. Er braucht CPU, Arbeitsspeicher und eine stabile Verbindung zu Speicherplattform und Browsern. Bei vielen gleichzeitigen Nutzern oder sehr großen Dokumenten wird das spürbar.

Für Anwender kann sich Collabora sehr nah an LibreOffice anfühlen. Das ist praktisch für Desktop-Umsteiger, bei schwacher Serverausstattung oder hoher Latenz kann die Bedienung – also Scrollen, Zoomen und die Reaktion auf Eingaben – aber träge wirken.

Die Pläne der Document Foundation für LibreOffice im Web und auf dem Smartphone setzen genau an diesem Punkt an. Die TDF beschreibt ihre Strategie ausdrücklich als Planungs- und Entwicklungsvorhaben, nicht als fertige technische Spezifikation oder Produktankündigung. Es gibt einen funktionierenden, aber noch rohen Prototyp auf Basis von Qt 6 und WebAssembly. Daraus soll langfristig eine webfähige LibreOffice-Version entstehen, die möglichst viel der bestehenden Codebasis weiterverwendet.

Der Unterschied zu Collabora ist grundlegend. Collabora bringt LibreOffice-Technik auf den Server und macht sie über den Browser bedienbar. Die TDF will LibreOffice selbst in den Browser bringen. WebAssembly dient dabei als Laufzeitformat für Code, der ursprünglich nicht in JavaScript geschrieben wurde. Eine große C++- und Qt-Anwendung wie LibreOffice lässt sich so in ein Browser-Binärformat übersetzen. Der Browser wird dann zur Laufzeitumgebung für eine weitgehend native Anwendung.

Das Ziel ist eine Local-First-Architektur, bei der die Hauptarbeit auf dem Endgerät liegt. Die TDF verweist auf steigende Hosting- und Energiekosten und argumentiert, viele kleine Cloud-Betreiber sollten nicht unnötig viel Rechenarbeit im Rechenzentrum leisten. Laufen Layout, Dokumentlogik und der Großteil der Bearbeitung lokal, kann der Server schlank bleiben. Er müsste dann primär den Anwendungscode ausliefern, Dateien bereitstellen, Rechte verwalten und die gemeinsame Bearbeitung koordinieren.

Das klingt attraktiv, schafft aber neue technische Probleme. Eine Office-Suite wie LibreOffice ist groß. Wandert sie per WebAssembly in den Browser, müssen Code, Laufzeit und Ressourcen geladen, kompiliert und initialisiert werden. Der erste Start kann länger dauern als bei einer eigens fürs Web gebauten App. Außerdem verschieben sich die Anforderungen vom Server auf den Client. Prozessor, Arbeitsspeicher, Browserfunktionen und Akkulaufzeit werden wichtiger. Auf aktuellen Firmen-Notebooks funktioniert das natürlich problemlos, doch auf älteren Thin Clients, Schulgeräten oder Smartphones könnte es schwieriger werden.

Hinzu kommen die Grenzen der Browser-Sandbox. Eine Desktop-Anwendung greift selbstverständlich auf das lokale Dateisystem, die Zwischenablage, das Drucksystem und Betriebssystemfunktionen zu. Im Browser ist all das eingeschränkt oder anders gelöst. Dateien liegen in virtuellen Dateisystemen oder lassen sich nur über Browser-Schnittstellen öffnen. Der Zugriff auf die Zwischenablage unterliegt Sicherheitsregeln. Für Multithreading und SharedArrayBuffer sind unter Umständen spezielle HTTP-Header nötig. Ein LibreOffice in WebAssembly ist deshalb kein einfach neu kompiliertes Desktop-LibreOffice, sondern muss an das Sicherheitsmodell des Webs angepasst werden.

Auch die Bedienung ist eine Herausforderung. LibreOffice auf dem Desktop ist mächtig, mit Menüs, Dialogen, Symbolleisten, Kontextmenüs und vielen Spezialfunktionen. Im Browser und erst recht auf dem Smartphone braucht es eine responsive Oberfläche und kürzere Bedienwege. Die TDF nennt deshalb auch Arbeiten an der Oberfläche und an mobilen Builds als eigene Ziele. Für Android und iOS sollen zunächst lauffähige Builds auf Emulatoren entstehen. Das ist ein wichtiger Schritt, aber weit entfernt von ausgereiften mobilen Apps.

Bei der Kollaboration steht LibreOffice Web ebenfalls am Anfang. Die TDF plant zunächst eine Client-Server-Architektur mit einer maßgeblichen zentralen Instanz für den Dokumentzustand. Für die Entwicklung sollen direkte TCP/IP-Verbindungen zwischen LibreOffice-Instanzen dienen, später soll ein Document Server die Zusammenarbeit koordinieren. Eine Peer-to-Peer-Lösung gilt als langfristig interessant, ist aber eher Forschungsthema als eine konkrete Produktfunktion. Damit unterscheiden sich die Pläne klar von Euro-Office und Collabora, die das gemeinsame Bearbeiten heute schon produktiv beherrschen.

Ihre Organisation will weg von Microsoft 365 und staunt nun über das freie Office-Chaos? Nicht so wild, denn aus Unternehmenssicht gibt es am Ende drei sehr unterschiedliche Ansätze, die Ihre Entscheidung deutlich vereinfachen sollten.

Euro-Office ist der pragmatische Ansatz für Organisationen, die eine moderne Web-Office-Komponente in Nextcloud oder vergleichbaren Plattformen brauchen und viel mit Microsoft-Office-Dateien arbeiten. Die Architektur ist auf den Browser und die gemeinsame Bearbeitung ausgelegt, der Betrieb verlangt einen Document Server. Die erste allgemein verfügbare Version macht den Umstieg jetzt praktisch möglich.

Collabora Online ist der reife Kandidat für alle, die heute produktiv ein LibreOffice-nahes Office im Browser einsetzen wollen. Es passt besonders gut zu ODF-Strategien, zu Behörden und zu Plattformen wie Nextcloud oder ownCloud. Der größte Vorteil ist die Nähe zur Dokumentlogik von LibreOffice. Der größte Nachteil bleibt die hohe Serverlast. Für große Installationen sind Lasttests mit echten Dokumenten und realistischen Nutzerzahlen Pflicht.

LibreOffice Web und Mobile ist dagegen keine kurzfristige Option, sondern eine Wette auf die Architektur. Geht sie auf, liefert sie womöglich die eleganteste Antwort auf mehrere Probleme zugleich: eine gemeinsame freie Codebasis für Desktop, Browser und Mobilgeräte, ODF als natürliches Hauptformat und geringere Serverkosten durch lokale Verarbeitung. Diese Vorteile müssen aber erst technisch eingelöst werden. Tempo, Paketgröße, Speicherbedarf, Browser-Integration, mobile Bedienung und gemeinsame Bearbeitung sind offene Baustellen.


(fo)



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