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Festung im All: Wie Europa Satelliten gegen Cyberangriffe und Geopolitik wappnet


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It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

In der Arktiswüste von Kangerlussuaq auf Grönland entsteht derzeit ein Bollwerk für die europäische Sicherheit. Inmitten von Eis und Fels errichtet das litauische Unternehmen Astrolight mit Unterstützung der Europäischen Weltraumorganisation ESA eine neue Bodenstation, die den Datenaustausch mit dem Orbit revolutionieren soll. Dabei geht es nicht um klassische Funkwellen, die leicht gestört oder abgehört werden können. Die Anlage soll hochpräzise Laserstrahlen nutzen, um gewaltige Datenmengen von Satelliten schnell und sicher zur Erde zu übertragen.

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Das Projekt hat laut einem Bericht von Politico hohen Symbolcharakter: Europa rüste technisch massiv auf, um sich gegen eine vergleichsweise neue Bedrohung zu verteidigen: Cyberangriffe im und über den Weltraum („Space Hacks“).

Lange Zeit betrachteten Entscheidungsträger die Satelliteninfrastruktur eher als eine Art unsichtbare technische Dienstleistung für den Alltag, vergleichbar mit der Wasser- oder Stromversorgung. Sie ist sie längst entscheidend etwa für Fernsehen, die Wettervorhersage oder die zivile Navigation. Diese Sichtweise hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Spätestens seit 2022 begreifen Politiker die Infrastruktur im All als strategisches Kernelement der nationalen und kontinentalen Sicherheit. Damals fiel eine Cyberattacke auf das Viasat-Satellitennetzwerk zeitlich exakt mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zusammen und legte die Kommunikation ukrainischer Streitkräfte sowie tausender Windkraftanlagen in Deutschland lahm.

Satelliten sind heute Ziele für Spionage, elektronische Störungen und Sabotageakte. Die EU-Kommission warnte im Juni, der Weltraum sei zunehmend umkämpft. Deutschland und Großbritannien wiesen auf die wachsende Gefahr durch russische und chinesische Satelliten hin. Diese würden regelmäßig dabei ertappt, wie sie europäische Objekte im All aus nächster Nähe beschatten. In diesem Umfeld wird die Anfälligkeit der physischen Infrastruktur am Boden zum kritischen Faktor.

Das Problem der aktuellen europäischen Architektur wird besonders in der Arktis deutlich. Astrolight-Chef Laurynas Mačiulis führte gegenüber Politico aus, aktuell liefen rund 80 Prozent des gesamten europäischen Datenverkehrs aus dem All an einem einzigen, hochgradig exponierten Ort zusammen: auf Svalbard (Spitzbergen). Die Inselgruppe wird aufgrund völkerrechtlicher Verträge von verschiedenen Ländern genutzt, darunter auch Russland.

Die dortige Bodenstation ist zwar strategisch günstig für polare Umlaufbahnen gelegen, aber geopolitisch extrem verwundbar. Sie ist über ein einziges Unterseekabel mit dem globalen Internet verbunden, das in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach unter mysteriösen Umständen beschädigt wurde. Fällt diese Leitung aus, verliert Europa schlagartig den Zugriff auf die wichtigsten Daten der Copernicus- und Galileo-Systeme.

Die neue Laser-Station auf Grönland soll daher als technologisch aufgerüstete Ausweichmöglichkeit dienen. Astrolight konnte im Frühjahr 2025 eine Finanzierungsrunde über 2,8 Millionen Euro abschließen. Das Unternehmen entwickelt eine Dual-Use-Kommunikationsarchitektur, die sowohl optische Verbindungen zwischen Weltraumstationen als auch zwischen Weltraum und Erde ermöglicht. Ziel ist es, optische Kommunikation als Service anzubieten und die optischen Terminals von Astrolight und anderen Anbietern mit der eigenen Bodeninfrastruktur zu verbinden.

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Die Souveränität am Boden ist nur die eine Seite der Medaille; die andere ist die Unabhängigkeit im Orbit. Ein zentraler Baustein der europäischen Ambitionen ist die „Infrastruktur für Resilienz, Interkonnektivität und Sicherheit durch Satelliten“ (IRIS2). Die milliardenschwere Konstellation gilt als Antwort auf Elon Musks Starlink-System. Experten wie der frühere NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen betonen oft, wie gefährlich die aktuelle Abhängigkeit von privaten US-Akteuren sei. In der Ukraine habe sich gezeigt, dass die lebenswichtige Kommunikation eines ganzen Landes im Zweifelsfall von den persönlichen Ansichten und geopolitischen Einschätzungen eines US-Milliardärs abhänge.

IRIS2 soll aus hunderten Satelliten bestehen und verschlüsselte Breitbandkommunikation ermöglichen. Ziel ist ein System, das selbst bei einem theoretischen Abfangen der Signale durch Quantentechnologien nicht entschlüsselt werden kann und strengsten nationalen Sicherheitszertifizierungen standhält. Bis IRIS2 voll einsatzfähig ist, werden aber noch mindestens vier Jahre vergehen. In dieser Übergangsphase bleibt die europäische Flanke weit offen: Der wunde Punkt am Satellitenhimmel ist längst kein theoretisches Szenario mehr.

Zugleich kämpft Europa mit organisatorischen und rechtlichen Hürden. Die Zuständigkeiten für die Verteidigung im Weltraum sind oft diffus zwischen neu geschaffenen Weltraumkommandos etwa der Bundeswehr und anderer Armeen sowie den klassischen nationalen Cybereinheiten aufgeteilt. Clémence Poirier vom Center for Security Studies der ETH Zürich fordert eine engere Koordination und klare Mandate. Es gehe nicht mehr nur ums bloße Beobachten von Schrottteilen, sondern um die Fähigkeit zu defensiven und im Ernstfall auch offensiven Cyberoperationen im Orbit.

Auch die Sicherheitsindustrie hinkt der Bedrohungslage hinterher. Viele klassische Cybersecurity-Firmen betrachten den Weltraum noch nicht als eigenständigen Sektor. Stattdessen werden Satellitendienste oft in herkömmliche Kategorien wie Umwelt, Medien oder allgemeine Breitbanddienste einsortiert. Diese Fragmentierung erschwert es den Betreibern, auf den Weltraum zugeschnittene Abwehrwerkzeuge zu entwickeln. Die Baustelle in der grönländischen Kälte ist so nur einer von vielen Schauplätzen in einem weitgehend unsichtbaren Konflikt.


(nen)



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