Datenschutz & Sicherheit
Frankreich ersetzt MS Teams und Zoom durch eigene Videokonferenzsoftware
Frankreich weitet seine souveräne Videokonferenzsoftware Visio auf alle staatlichen Dienste aus. Bis 2027 sollen rund 200.000 Beamte auf die Plattform umsteigen. Visio wird von der Direction Interministérielle du Numérique (DINUM) entwickelt und soll die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern wie Microsoft Teams, Zoom, Google Meet, Webex und GoTo Meeting beenden.
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Nach einer einjährigen Pilotphase mit 40.000 Nutzern folgt jetzt die Einführung für 200.000 Nutzer. Den Anfang macht das französische Forschungszentrum CNRS mit 34.000 Mitarbeitern und 120.000 assoziierten Forschern, die Krankenversicherung Assurance Maladie sowie die Generaldirektion für öffentliche Finanzen (DGFiP). Das Verteidigungsministerium soll im ersten Quartal 2026 folgen. Das CNRS hat bereits angekündigt, seinen bisherigen Zoom-Vertrag bis Ende März 2026 zu beenden.
„Dieses Projekt zeigt konkret, wie entschlossen der Premierminister und die Regierung sind, die digitale Unabhängigkeit des Landes zurückzuerobern“, erklärte David Amiel, Minister für öffentlichen Dienst und Staatsreform, bei einem Besuch im CNRS-Labor I2BC in Gif-sur-Yvette. „Wir können nicht das Risiko eingehen, dass unser wissenschaftlicher Austausch, unsere sensiblen Daten und unsere strategischen Innovationen außereuropäischen Akteuren ausgesetzt sind.“
Open Source und französisches Hosting
Visio basiert auf Open-Source-Komponenten und wird in Frankreich gehostet. Die Infrastruktur betreibt Outscale, eine Tochter von Dassault Systèmes, die über die SecNumCloud-Zertifizierung der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI verfügt. Diese Zertifizierung garantiert, dass alle Daten auf französischem Boden bleiben und nicht der US-Jurisdiktion unterliegen. Die Plattform ist DSGVO-konform und wurde speziell für den Einsatz im öffentlichen Dienst entwickelt.
Die Software unterstützt Videokonferenzen mit bis zu 150 Teilnehmern und bietet Funktionen wie Aufzeichnung, Bildschirmfreigabe, Chat und Reaktionen. Ein besonderes Feature ist die automatische Transkription mit Speaker-Diarisierung, entwickelt vom französischen Startup Pyannote. Für Sommer 2026 sind Echtzeit-Untertitel geplant, die das KI-Labor Kyutai entwickelt. Kyutai wird mit rund 300 Millionen Euro von Investoren wie Xavier Niel und Rodolphe Saadé finanziert.
Teil der digitalen Souveränitätsstrategie
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Visio ist in die Arbeitsumgebung La Suite integriert, die weitere souveräne Tools wie den sicheren Messaging-Dienst Tchap und Docs umfasst. Laut Nutzer-Feedback aus der Pilotphase funktioniert die Plattform „performant und ohne Fehler“. Ein Forscher des INRAE lobte: „Ein wirklich tolles Tool, vielen Dank für diese Entwicklung!“
Die französische Regierung verspricht sich von der Umstellung erhebliche Kosteneinsparungen: Pro 100.000 Nutzern soll jährlich rund eine Million Euro an Lizenzgebühren für kommerzielle Anbieter entfallen. Diese Berechnung basiert auf den aktuellen Kosten für Lizenzen von Teams, Zoom und anderen Diensten. Details hierzu finden sich in der Mitteilung des Wirtschaftsministeriums zur Visio-Initiative.
Der französische Vorstoß fügt sich in eine breitere europäische Bewegung für mehr digitale Souveränität ein. Das EU-Parlament forderte kürzlich eine Loslösung von US-Tech-Riesen und mehr Investitionen in heimische KI- und Open-Source-Anwendungen. Auch Deutschland und Frankreich arbeiten bei Cloud-Sicherheitsstandards zusammen, wie beim deutsch-französischen Digitalgipfel deutlich wurde. Eine Bitkom-Studie zeigt die Dimension des Unterfangens: 62 Prozent der deutschen Unternehmen übertragen personenbezogene Daten ins Ausland – 90 Prozent davon nutzen Videokonferenzsysteme, 61 Prozent transferieren Daten in die USA.
(fo)