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Googles AI Overview: Erst frisst die KI den Traffic, dann zahlen die Leser für News
Bei der I/O 2026 präsentierte Google die nächste Ausbaustufe der KI-Suche. Suchagenten sollen KI-Antworten ergänzen, die mit dem AI Overview ohnehin zum Standard werden. Was immer offensichtlicher wird, sind die Einschläge im Medienmarkt: So wie Rechenzentren die Strompreise erhöhen, verteuert die KI-Suche den Nachrichtenkonsum.
Was das Landgericht München in einer einstweiligen Verfügung nüchtern festhält, ist das Resultat einer Zeitenwende: Mit den KI-Antworten, die der AI Overview bei Suchanfragen liefert, ist Google nicht mehr Vermittler von Informationen, sondern generiert eigenständig Inhalte. In dem vor dem Landgericht München verhandelten Fall bedeutet das, dass Google für KI-Fehler verantwortlich ist. Für das offene Web bedeutet der Aufstieg der KI-Suchen hingegen einen tiefgreifenden Wandel.
- KI-Suchmaschinen: Wie Googles AI-Pläne das alte Internet töten
Schon vor drei Jahren titelte The Verge, dass KI das alte Internet tötet. Nach Googles Entwicklerkonferenz I/O 2026 im Mai schlugen die Wellen erneut hoch. Der AI Overview rückt noch mehr in den Mittelpunkt der Suche, der Weg zum KI-Modus wird kürzer, dazu Agenten, die autonom nach Informationen im Auftrag des Nutzers suchen. Die KI-Suche wird bei Google zum Standard, der Umgang der Nutzer mit der Suchmaschine ändert sich, erklärt Christian Kunz – renommierter SEO-Experte und Geschäftsführer von SEO Südwest – im Interview mit ComputerBase. „Wir haben mehr und mehr eine Änderung des Suchverhaltens dahingehend, dass die Menschen sich zunächst mit der KI informieren, um sich erste Antworten abzuholen. Aber wenn sie es dann genauer wissen möchten, dann rufen sie zum Beispiel doch noch die Websites auf, von denen diese Informationen originär stammen“, so Kunz.
Google kündigt den Deal mit dem offenen Web auf
Es ändert sich etwas im offenen Web. Betreiber von Webseiten wie Windows Latest befürchten angesichts von Googles I/O-Ankündigungen, dass die Ergebnislisten noch mehr an Bedeutung verlieren. „Ja, die blauen Links befinden sich immer noch auf der Ergebnisseite, aber sie werden irrelevant“, erklärt Mayank Parmer von Windows Latest. Der New-York-Times-Verleger A.G. Sulzberger zitierte bei einer Rede am 1. Juni Microsofts für KI-Monetarisierung verantwortlichen Direktor Tim Frank mit der Aussage: „Das offene Web basierte auf einem implizierten Wertetausch: Verlage machten Inhalte zugänglich und Verbreitungskanäle – wie Suchmaschinen – halfen den Nutzern, sie zu finden. Dieses Modell lässt sich nicht sauber auf eine ‚AI-first‘-Welt übertragen.“
Er spricht dann noch über nachhaltige Wege, die Verlage finden müssten, um den Zugang zu Premium-Inhalten zu regeln. Nachhaltig und Premium bedeuten im Mediensektor allerdings oftmals: Paywalls und Abos. Der Trend ist erkennbar.
- Massenmedien wie New York Times und Spiegel verfolgen schon lange eine Abo-Strategie, bei der Nutzer für die meisten Inhalte zahlen.
- Tech-Portale wie The Verge haben Paywalls eingeführt. Neueinsteiger wie The Information erfordern von Anfang an ein Abo.
- Newsletter, die speziell in den USA immer relevanter werden, setzen in der Regel auf eine Mischung aus frei zugänglichen Berichten und Inhalten, die nur gegen ein Abo abrufbar sind.
Einer Analyse von Digiday zufolge verzeichnen die großen News-Publisher in den USA und Großbritannien höhere Abonnentenzahlen bei sinkendem Suchmaschinen-Traffic. Gemeinsam mit den Abonnenten steigen auch die Preise. Ein Plus von durchschnittlich fünf Prozent von 2024 zu 2025 ergibt der Digiday-Index, der 14 Publisher umfasst. Einige Anbieter stechen heraus. Bei Bloomberg stiegen die Kosten für das Jahresabo von 299 US-Dollar im Jahr 2024 auf 399 US-Dollar im Jahr 2025 – das sind 33 Prozent mehr. Für die Publisher ist das Geschäft relevant. Das Umsatzplus bei den Abos – im Schnitt sind es laut den Digiday-Analysen 35 Prozent – gleicht die Verluste aus, die im Werbegeschäft entstehen.
Big Tech profitiert, der Rest zahlt
Die Logik ist also simpel: KI-Antworten kosten Reichweite und damit Werbeeinnahmen. Es entstehen Verluste, die Verlage nun durch Paywalls und steigende Abo-Preise ausgleichen wollen. Die Rechnung zahlen am Ende die Leser.
Im Medienmarkt zeigt sich damit ein Muster, das typisch für die Folgen des AI-Booms ist: So wie Rechenzentren die Strompreise in den USA erhöhen, verteuert die KI-Suche den Nachrichtenkonsum. Während Big Tech profitiert, verlagern sich Kosten auf die Allgemeinheit.
KI-Suchfunktion saugt das offene Netz ab
Allein die Medien in der Digiday-Analyse zeigen bereits: Es sind Branchenriesen wie die New York Times, bei denen eine Abo-Strategie aufgeht. Die Anzahl an Abos, die Nutzer abschließen wollen, ist aber begrenzt. Das zeigen etwa Umfragen des US-Umfrageinstituts Pew Research. Laut einer Analyse vom März 2025 sagten 83 Prozent der Amerikaner, im Jahr zuvor nicht für News bezahlt zu haben. Sie stoßen laut eigener Einschätzung zwar immer öfter auf Paywalls. Weil es aber noch ausreichend freie Quellen gibt und Nutzer nicht ausreichend am jeweiligen Thema interessiert sind, werden keine Abos abgeschlossen.
So bleibt insbesondere die Frage: Was bleibt von den vielen kleineren Betreibern von News-Portalen, die bislang darauf setzen, frei verfügbare Inhalte über Reichweite und Werbung zu finanzieren? Was lange Zeit der Standard war, wird schwierig. „Allein das Publizieren von Inhalten, die für jedermann zugänglich sind, wird nicht mehr funktionieren“, sagt SEO-Experte Christian Kunz.
Die deutschen Branchenbeobachter Martin Fehrensen und Georg Schmalzried erwarten, dass sich der Markt teilt. Entweder geht es um personalisierte und hochwertige Inhalte, die so aufwendig sind, dass Nutzer zahlen müssen, oder es geht in die Massenabfertigung, die maßgeblich auf KI-produzierte Inhalte setzt. In dem Bereich dazwischen, den viele Portale bislang besetzt haben, werde es hingegen eng.
Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das: Viele Webseiten werden sich aufgrund des ökonomischen Drucks in den nächsten Jahren anpassen müssen – oder sie verschwinden.