Künstliche Intelligenz
Kommentar KI – es wird nicht ohne gehen
Vielleicht geht es Ihnen ja wie mir und Sie rollen bloß noch genervt mit den Augen, wenn das Stichwort KI fällt. Zwar haben die Chatbots, also ChatGPT, Claude, Gemini & Co. mit künstlicher Intelligenz gar nicht so viel zu tun. Vielmehr sind sie sehr ausgefuchste Statistik im Hinblick auf Sprache, weshalb die Bezeichnung Large Language Model, kurz LLM, angemessener ist. Für diese Differenzierung allerdings hat man im Marketing keinen Nerv und auch keine Zeit. Also KI rauf und runter, den ganzen Tag: KI am Smartphone, KI bei der Arbeit, KI zu Hause und so weiter. Und viel zu oft mit missionarischem Eifer: Google etwa tischt einem mittlerweile regelmäßig ungebeten halbgare Antworten als erstes Ergebnis bei einer einfachen Suche auf. Kratzt man sich bei der Verwendung eines Computers mit Microsoft Windows am Kopf, offeriert Copilot gleich eine Liste der Dermatologen in der Gegend, zumindest gefühlt. Und wer derzeit Doomscrolling auf Instagram & Co. betreibt, wird mit Anzeigen für KI nur so bombardiert: Marketing und Vertrieb? Erledigt jetzt die KI. Partnersuche? KI. Buchhaltung? Sie ahnen es …
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Martin Gerhard Loschwitz ist freier Journalist und beackert regelmäßig Themen wie OpenStack, Kubernetes und Ceph.
Vielleicht ist es gerade die Penetranz der Präsentation, die vielerorts für totalen Verdruss im Hinblick auf das Thema KI sorgt. Aber auch das ist Teil der Wahrheit: Schon heute lassen sich LLMs durchaus sinnvoll und effizient einsetzen. Ich selbst habe um die gängigen KI-Modelle lange einen großen Bogen gemacht, bis mir eine – eher aus Jux – in Claude eingegebene Frage sehr eindrucksvoll bewiesen hat, wie gut sich manche Aufgaben des Alltags mit LLMs bereits heute erledigen lassen. Und wie viel effizienter.
Ignorieren hilft nicht, verbieten auch nicht
Passend dazu häufen sich dieser Tage die Meldungen, wonach deutsche Organisationen ihren Mitarbeitenden die Verwendung der großen LLMs untersagen oder sogar technisch verunmöglichen. Mit teils abenteuerlichen Begründungen: So sei etwa unklar, wem der geschaffene Code gehöre. Und natürlich darf das bisweilen merklich überstrapazierte Argument des Datenschutzes nicht fehlen, ganz so, als werde man quasi gezwungen, mit Gemini & Co. sensible Informationen zu teilen. Ein derartiges Vorgehen passt im stark innovationsaversen Deutschland freilich gut ins Bild – neue Dinge werden erst verboten und danach in Grund und Boden reguliert. Der Ansatz löst aber wie üblich keine Probleme, sondern schafft eher neue.
Denn Fakt ist: Gut trainierte LLMs lösen viele alltägliche Aufgaben besser und schneller, als ein Mensch es in derselben Situation jemals vermochte. Man kann hier einerseits rein monetär denken und auf den betriebswirtschaftlichen Aspekt abstellen. Dann ist kaum zu rechtfertigen, dass ein Entwickler wochenlang auch an einigermaßen einfachem Code sitzt, den Claude in ein paar Stunden zusammenbaut, und zwar in einer vergleichbaren Qualität. Ja, Vibe Coding kann ein Problem sein. In den Händen von guten Entwicklern mit echtem Domänenwissen allerdings werden Claude & Co. zu einem mächtigen Werkzeug. Weigert man sich auf Ebene von Firmen und Konzernen, Gebrauch davon zu machen, bindet man sich einen riesigen Wettbewerbsnachteil völlig notlos ans Bein, zusätzlich zu den Herausforderungen, mit denen die deutsche Wirtschaft ohnehin bereits konfrontiert ist.
Was im Übrigen durchaus Raum für Schabernack bietet – was käme wohl heraus, sperrte man in Konzernen die Bilanzoptimierer (pro-KI) der einen Unternehmensberatung mit den Rechtsbeiständen (anti-KI) der anderen Unternehmensberatung in einen Raum, um Vor- wie Nachteile der KI abschließend zu klären? Vermutlich ließen sich für solch ein Ereignis Eintrittskarten hervorragend vermarkten.
KI löst Probleme – schnell
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Man kann LLM aber auch vor einem anderen Hintergrund betrachten: In einer immer komplexeren Welt kann KI nämlich auch das Werkzeug sein, dessen Verwendung schlicht notwendig ist, um immer komplexere Lösungen für stetig komplizierter werdende Probleme zu finden. Ein tagesaktuelles Beispiel verdeutlicht das eindrucksvoll: Die Streitkräfte der Ukraine setzen im von Russland völkerrechtswidrig begonnenen Angriffskrieg gegen ihr Land seit Monaten auf per KI vernetzte Billig-Drohnen. So gelingt es nicht nur, mit Drohnen, deren Stückpreis kaum über 2000 US-Dollar liegt, Shahed-Drohnen abzufangen, die ein Dutzendfaches davon kosten – ein Return-on-Invest also, wie ihn selbst kühne BWLer sich kaum vorzustellen trauen. Sondern ganz praktisch kann jedes Geschoss aus Russland, das nicht in der Ukraine einschlägt, dort auch keine Menschen ermorden. Das Prinzip funktioniert so gut, dass vielerorts an der Front das Momentum im Augenblick klar bei der Ukraine liegt. Längst schielen europäische Verteidigungspolitiker und Militärs auf die in der Ukraine entwickelten Lösungen. Das ist eine echte Erfolgsgeschichte, die in dieser Form ohne KI schlicht nicht denkbar wäre.
Diskurs ist dringend nötig
Angesichts der Vorteile ist kaum davon auszugehen, dass LLMs absehbar wieder in der weltweiten Versenkung verschwinden. Begegnet man ihnen mit kategorischer Ablehnung, wie es in Europa und insbesondere in Deutschland derzeit gut zu beobachten ist, macht man es sich nicht nur selbst unmöglich, von den Vorteilen der Technologie zu profitieren. Sondern man unterbindet auch Diskurs zu einer Reihe von Fragen, mit denen wir uns als Gesellschaft besser gestern als heute beschäftigt hätten.
Absehbar ist etwa bereits heute, dass KI einen Kahlschlag im Hinblick auf Arbeitsplätze impliziert. Längst kursieren Tabellen, aus denen sich ablesen lässt, welche Berufsgruppen es vermutlich zuerst erwischen wird. Buchhalter beispielsweise stehen in diversen Studien ganz oben auf der Abschussliste. Und gerade Buchhalter sind an dieser Stelle ein hervorragendes Beispiel für den praktischen Nutzen von KI. Buche ich in Berlin ein Taxi per Free Now, muss ich den daraus resultierenden Beleg in der Buchhaltung auf drei Kategorien aufteilen. Den eigentlichen Fahrpreis (7% USt.), das Trinkgeld (0% USt.) sowie die Servicegebühr des Fahrtenvermittlers (19% USt.). Will ich in Lexware den Lieferanten richtig erfassen, muss ich diesen auch noch händisch korrigieren. Pro Beleg sind das 30 Sekunden, in denen ich ebenso gut etwas Sinnvolleres tun könnte. Könnte ich stattdessen den jeweiligen Beleg der KI vor die Füße werfen, sodass diese ihn korrekt aufgeteilt verbucht – worin läge der Mehrwert, stattdessen Handarbeit zu leisten?
Auch typische MINT-Jobs sind durch KI offensichtlich gefährdet. Und selbst altehrwürdigen Berufen wie den Rechtsanwälten dürfte es früher oder später an den Kragen gehen. Das alles birgt genug sozialen Sprengstoff. Erinnern Sie sich an die Debatten vor einigen Jahren, was man denn mit arbeitslosen Fernfahrern tun solle, wenn autonome LKW marktreif sind? Die KI-Diskussion ist im Kern dieselbe, allerdings auf Steroiden und mit viel größerer gesellschaftlicher Sprengkraft. Und Deutschland wird ebenso wenig wie Europa die Insel der vermeintlich Glücksseligen sein, die dem Sturm der Innovation dauerhaft trotzt. Wir müssen stattdessen schleunigst mit der gesellschaftlichen Debatte darüber beginnen, wie wir die sozialen Auswirkungen von KI abfedern und handhaben wollen, statt das Thema den jüngeren Generationen ungelöst zu vererben. „Nach mir die Sintflut“ funktioniert nicht. Und hoffen, dass der Megatrend KI wieder verschwindet, ebenso wenig.
Und obendrein muss Europa – mal wieder – die Frage beantworten, wie es sich in Sachen KI schlagkräftig positionieren will, um nicht – mal wieder – unter die Räder der Technologieriesen aus dem Silicon Valley zu geraten. Die Regierung Trump hat es neulich deutlich gemacht: Weil man die neuen Claude-Modelle Fable 5 und Mythos 5 für zu mächtig hielt, untersagte man kurzerhand ihren Export aus den USA. Anthropic musste die Modelle daraufhin global abschalten, weil selbst eigene Mitarbeitende ohne US-Pass von der Exportbeschränkung betroffen wären und man schlechterdings nicht feststellen kann, welcher Nutzer der Software US-Bürger ist oder nicht. Wenn Unternehmen hierzulande aus Mangel an europäischen Alternativen also ChatGPT & Co. einsetzen, ist das nicht weniger als ein weiterer Schritt in die völlige digitale Abhängigkeit. Und mithin das genaue Gegenteil zur richtigen und wichtigen digitalen Souveränität aus Sicht Europas.
Wie aber hältst du’s mit der KI?
KI ist keinesfalls das Allheilmittel, als das ihre Erfinder es gern anpreisen. Aber sie lässt sich gut und hilfreich einsetzen. Verbieten reicht deshalb schlicht nicht. Und je länger man hierzulande mit dem Fuß aufstampft und „ich will aber nicht“ postuliert, desto kürzer wird die Zeit, in der sich ein Modell für den sinnvollen Umgang mit dem Thema erdenken lässt. Die Uhr tickt längst. Für Europa. Und für Deutschland.
(fo)