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Offshore-Wind: Branchenverbände warnen vor Verfehlen der Ausbauziele
Erst gestern frohlockte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass der Ausbau der Windenergie auf See konkret vorangebracht worden sei. Auf dem Nordseegipfel in Hamburg verabredeten Regierungschefs mehrerer Anrainerstaaten, den Nordseeraum zum größten Hub für saubere Energie machen zu wollen. Eine Pressemitteilung verschiedener Branchenverbände der deutschen Offshore-Windindustrie schürt jedoch Zweifel daran. Die von der Stiftung Offshore-Windenergie veröffentlichte Erklärung prophezeit gar, dass Deutschland sein Ausbauziel von 30 Gigawatt bis zum Jahr 2030 nicht halten kann und nur 20 GW schafft. Das Ziel sei frühestens ab 2032 erreichbar.
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Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass der Ausbau im Jahr 2025 gut vorankam: 41 neue Offshore-Windanlagen mit 518 MW gingen ans Netz. Insgesamt belief sich die Zahl der installierten Anlagen in der deutschen Nordsee auf 1680 Stück mit 9740 MW. 19 weitere Anlagen mit insgesamt 278 MW sind bereits errichtet, aber noch ohne Netzeinspeisung. Außerdem wurden 65 Fundamente installiert, bilanzieren die Branchenverbände.
Gescheiterte Ausschreibung als Warnschuss
Dass es trotzdem stockt, macht die Lobby an zwei Punkten fest: Erstens bremsen Verzögerungen beim Netzanschluss das zügige Vorankommen. Zweitens sieht die Branche in einer gescheiterten Ausschreibung im August 2025, bei der es keine Gebote gab, einen Warnschuss. Ohne eine Reform könnte es auch künftig nur wenige oder gar keine Interessenten geben. Schon im Juni könnte es darüber Gewissheit geben, wenn eine weitere Ausschreibung endet.
Die Verbände plädieren unter anderem dafür, Windpark-Flächen künftig nicht mehr an den Meistbietenden zu vergeben. Projekte würden durch das sogenannte negative Bieten unrentabel. Viele Firmen bauten dann erst gar nicht. Ökonomen und Teile der Politik gehen hingegen davon aus, dass ein fairer Marktpreis für die Nutzung öffentlicher Flächen angemessen ist. Dem Staat würden dadurch Milliardeneinnahmen entgehen. Die Zahlungen würden dazu beitragen, übermäßige Gewinne der Unternehmen abzuschöpfen und die Kosten der Energiewende für die Allgemeinheit zu senken, indem zum Beispiel mit den Einnahmen Netzentgelte gesenkt werden.
Forderung nach Sicherheitsnetz
Eine weitere Forderung der Offshore-Industrie ist eine Einführung zweiseitiger Contracts-for-Difference (CfD), so wie sie in Großbritannien üblich seien. Hinter dem Fachbegriff verbergen sich planbare Einnahmen durch feste Strompreise. Ist der Marktpreis niedriger, zahlt der Staat die Differenz, damit die Windparks rentabel bleiben. Ist der Marktpreis höher, bekommt der Staat die Extra-Gewinne zurückgezahlt. Doch dieses „Sicherheitsnetz“ ist selbst unter Akteuren der Erneuerbaren-Branche nicht unumstritten: Der Bundesverband Erneuerbare Energie warnt in einer Analyse davor, dass dann der Anreiz fehle, Strom dann zu produzieren, wenn er am meisten benötigt wird. Auch könnten die Windparkbetreiber private Lieferverträge zugunsten staatlicher Förderung verdrängen.
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Die Offshore-Branche setzt sich außerdem dafür ein, langfristige Lieferverträge mit großen Industriekunden (Power Purchase Agreements) besser abzusichern und Sanktionen anzupassen. Die aktuellen Strafen für Interessenten, die den Zuschlag für eine Windpark-Fläche bekommen, sind nach Ansicht von Branchenvertretern so gesetzt, dass Firmen lieber „pokern“, anstatt wirklich zu bauen. Auch mehr Bundesmittel für Hafeninfrastruktur, ein stärkerer Fokus auf die Sicherheit der Anlagen sowie Schutz vor Marktverzerrung durch staatlich geförderte Akteure stehen auf dem Wunschzettel der Branche.
(mki)