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Trade-Republic-Gründer: „Ein Weiter-so kann es nicht geben“

Christian Hecker ist gelungen, was in den vergangenen Jahren nur wenigen gelungen ist. Der Gründer des Neobrokers hat es geschafft, von Deutschland aus eine internationale Erfolgsgeschichte zu schreiben: zehn Millionen Kunden in Europa, mehr als fünf Millionen davon allein hierzulande. Ein Firmenwert weit jenseits der zehn Milliarden Euro – und das in einer Branche, die lange schwer disruptierbar schien.
Trade Republic zeigt: Deutschland kann noch große Tech-Erfolge hervorbringen
Und das Beste steht noch bevor. Auf Deutschland wartet eine Art Kapitalmarktrevolution. Mit der bevorstehenden Einführung des Altersvorsorgedepots, der Frührente und der kapitalgedeckten Zusatzrente erlebt das Land die vielzitierte Demokratisierung der Geldanlage – und eine Abkehr vom Sparbuch und der Lebensversicherung, hin zur Aktie als zentralem Element der langfristigen Altersvorsorge.
Damit es dazu wirklich kommt, muss die Politik in den kommenden Monaten liefern. Und Hecker glaubt, dass sie das kann. Im Gespräch mit Gründerszene formuliert er einen überraschenden „Bull-Case“ für Deutschland.
Deutschlands Problem: Zu lange auf der Stelle getreten
Gründerszene: Du wirbst seit Jahren dafür, dass die Deutschen anders mit ihrem Geld umgehen. Nun soll mehr Kapitaldeckung in die Rente kommen, die Kommission peilt über alle drei Säulen 70 Prozent des letzten Einkommens an. Ist Deutschland damit endlich auf einem besseren Weg?
Christian Hecker: Bei aller Schelte, die die Regierungsarbeit seit Jahrzehnten teils zu Recht bekommen hat: Das sind maßgebliche Reformen, die ich vor wenigen Jahren in dieser Klarheit nicht für möglich gehalten hätte. Deutschland hat sein Rentensystem innerhalb von zwei Jahren von Grund auf reformiert und auf einen modernen Standard gehoben. Wenn alles umgesetzt ist, ist das ein guter Start.
Sollten die Menschen mit diesem Geld dann auch in deutsche Aktien investieren?
Christian Hecker: Die Menschen sollten dort investieren, wo es nachhaltig gute Renditen gibt. Und die gibt es derzeit eher selten in Deutschland.
Wagen wir trotzdem den Versuch einer optimistischen These für den Standort. Gibt es sie?
Christian Hecker: Für mich gibt es einen plausiblen Weg nach vorne für unser Land. Es gibt große Chancen. Sollen wir einen echten Bull-Case für Deutschland formulieren?
Ja, bitte.
Christian Hecker: Am Anfang müssen wir eine unbequeme Wahrheit aussprechen: Ein Weiter-so kann es nicht geben. Es gibt kein „Wir schaffen das“ mehr. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es nur schlimmer. Vor uns steht einer der größten Kraftakte nach dem Krieg. Denn zunächst ist die Analyse düster. Deutschland hat die Digitalisierung verschlafen. Wir haben keine großen digitalen Spieler hervorgebracht – keine Googles, keine Apples, keine Chip-Giganten wie Nvidia. Jetzt kommt Künstliche Intelligenz. Dafür braucht man günstige Energie, Daten und Chips. All das haben wir nicht.
Das klingt noch nicht nach Optimismus. Wo beginnt die Hoffnung?
Christian Hecker: Bevor es nach vorn geht, müssen wir offen über unsere Schwächen reden. Denn wir haben einen sehr strengen Datenschutz, hohe Energiekosten und keine eigene Chipindustrie. So werden wir die nächste technologische Welle verpassen. Künstliche Intelligenz wird alle Bereiche des Lebens durchmischen. Aber genau hier liegt die Chance für unser Land. Wir setzen uns bei Trade Republic selbst intensiv mit einer großen Gefahr auseinander: Durch KI sinken die Eintrittsbarrieren. Es wird für Wettbewerber einfacher, zehn Jahre Arbeit in vielleicht zwei Jahren aufzuholen. Die Kosten der Disruption sinken massiv.
Der Burggraben wird also flacher: Was früher kaum kopierbar war, kann heute schneller nachgebaut werden?
Christian Hecker: Genau. Und ist nicht genau das vielleicht die größte Möglichkeit für Deutschland? Wir haben 30, womöglich sogar 40 Jahre verpasst. Wir waren bei vielen digitalen Entwicklungen schlicht nicht dabei. Unser Staatsapparat, die Bürokratie, die wir alle jeden Tag spüren, ist veraltet. Andere Länder sind uns enteilt. Wer in die USA, nach China oder nach Singapur fährt, erlebt das. Wir sind abgehangen. Aber nun gibt es KI – und mit KI könnten wir diese verlorenen Jahrzehnte vielleicht in wenigen Jahren aufholen. Es ist durch KI vorstellbar, dass wir eigene große Softwarefirmen hervorbringen, eigene Chips herstellen und sogar den Staat von Bürokratie befreien. KI bietet die Möglichkeit, andere schnell ein- und vielleicht zu überholen. Für mich als Unternehmer ist das durchaus unbequem. Ich habe zehn Jahre daran gearbeitet, Trade Republic aufzubauen. Jetzt könnte theoretisch jemand kommen und vieles davon mit Hilfe von KI in zwei Jahren nachbauen. Aber was für mich eine Herausforderung ist, kann für Deutschland eine historische Chance sein.
Reicht dafür die Substanz? Oder reden wir uns den Standort nur schön?
Christian Hecker: Wir haben herausragende Köpfe in Deutschland. Wenn ich ins Silicon Valley reise und mit großen Technologieunternehmen spreche, sitzen dort in den Führungsebenen viele Deutsche. Viele von ihnen hätten durchaus Lust, wieder in Deutschland zu leben. Denn wir haben hier etwas, das die USA in dieser Form nicht haben: Lebensqualität. Wir haben Sicherheit. Kinder können hier allein jeden Morgen zur Schule gehen. Wir haben funktionierende öffentliche Institutionen, einen Rechtsstaat und vielleicht am wichtigsten: eine Kultur des Konsenses. Wenn wir die richtigen Anreize schaffen, könnten viele dieser Menschen zurückkommen. Dann würden wir intellektuell wieder in der Champions League mitspielen.
Die Kinder können hier gut zur Schule gehen. Aber lernen sie dort nicht oft das Falsche?
Christian Hecker: In der Tat. Wir müssen unser Bildungssystem grundlegend verändern. Wir müssen Fähigkeiten, wie das Programmieren, sehr viel schneller und einfacher vermitteln und den Bildungsstand unserer Gesellschaft massiv modernisieren. Dann könnten wir einen Teil dessen, was wir verschlafen haben, deutlich schneller aufholen.
Bleibt das Energiethema. Wie soll Deutschland dieses Manko schnell genug beheben?
Christian Hecker: Auch hier müssen wir ehrlich sein: Bei KI wird langfristig wahrscheinlich eine Sache über allem stehen. Die Grenzkosten der Künstlichen Intelligenz sind Energiekosten. Wir werden unvorstellbar viel davon bereitstellen müssen, oder die Intelligenz arbeitet nicht für uns. Dann bleiben wir im Mittelalter stehen, während andernorts Autos selbst fahren. Man muss bereit sein, Denkverbote aufzuheben. Ich mag das verbotene Wort „Atomenergie“ gar nicht aussprechen. Aber andere Länder investieren hier massiv. Micro-Reaktoren sind eines der heißesten Themen im Silicon Valley. Welche Rolle soll hier Deutschland spielen? Die Mutter eines unserer Mitarbeiter arbeitet bei der Internationalen Atomenergiebehörde. Sie sagte kürzlich, es sei eigentlich erstaunlich, wo Deutschland in der Atomenergie intellektuell einmal gestanden habe. Wir könnten in dieser so wichtigen Technologie führend sein. Aber wir haben noch einen weiteren, wahrscheinlich alles entscheidenden Standortvorteil.
Jetzt sind wir gespannt.
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Christian Hecker: Was wollen die USA im Kern? Übrigens unabhängig davon, welche Partei im Weißen Haus sitzt. Sie wollen industrielle Produktion zurückholen. Das ist die Wertschöpfung der Zukunft. Das schafft Jobs, das macht ein Land unabhängig. Der wahre Megatrend ist es nicht, sich mit ChatGPT zu unterhalten. Die wirkliche Disruption unseres Lebens wird die physische KI sein. Roboter, Hyperautomatisierung. Diese Roboter müssen für die Welt gebaut werden. Vor uns steht eine industrielle Revolution. Das meine ich nicht sinnbildlich, sondern im direkten Sinne des Wortes. Und genau darin können wir als Deutschland eine entscheidende Rolle spielen. Da sind wir stark. Schnell, automatisiert und in hoher Qualität industrielle Güter herzustellen – das können wir. Und das macht uns auch aus. Viele meiner Freunde arbeiten im Maschinenbau. Sie machen das mit großer Leidenschaft, weil es für sie erfüllend ist, solche Produkte zu entwickeln und zu bauen. Das steckt in uns. Da müssen wir stolz drauf sein. Wir haben also industrielle Kompetenz. Wir haben Zugang zu starken Köpfen. Wir haben grundsätzlich die Fähigkeit, Energiefragen neu zu denken. Und mit KI könnten wir zu Ländern aufholen, die uns in den vergangenen Jahrzehnten enteilt sind.
Aber Deutschland hat kein eigenes großes KI-Modell. Wenn die USA den Zugang zur neuesten Version begrenzen, stünde Deutschland nackt da.
Christian Hecker: Nicht unbedingt. Heute sehen wir einen brutalen Wettbewerb der KI-Modelle. Viele Modelle sind inzwischen ähnlich leistungsfähig. Dadurch sinken die Preise. Das ist Kapitalismus: Wenn mehrere Anbieter vergleichbare Qualität liefern, entsteht Wettbewerb, und die Kosten fallen.
Wie sieht das konkret bei Trade Republic aus: Von welchem KI-Modell hängt Ihr Geschäft ab?
Christian Hecker: Wir sind mit mehreren großen Modellen verbunden. Das nächste Projekt geht dann an den Anbieter, der am besten und günstigsten ist. So entsteht Preisdruck. Vielleicht gehen wir in eine Zukunft, in der KI-Modelle stärker zu einer Commodity werden – also zu einer breit verfügbaren Infrastruktur, die von mehreren großen Anbietern bereitgestellt wird. Dann kommt es weniger darauf an, wer welches Modell besitzt. Entscheidend wird vielmehr: Wer hat die Daten?
Und über genau diese Daten verfügt Deutschland?
Christian Hecker: Deutschland hat da gute Chancen. Denn für physische KI braucht man andere Daten: Wir haben industrielle Daten, Produktionswissen, Maschinen, Autos mit Kameras, Fabriken, Prozesse. Wir haben die Köpfe und die industrielle Basis. Wenn man nur auf die vergangenen 40 Jahre schaut, könnte man denken: Jede Kraftanstrengung lohnt sich nicht mehr, wir sind zu weit zurückgefallen. Ich glaube aber, dass das falsch ist. Wenn wir uns aufraffen und mit Zuversicht auf diese Lage blicken, können wir Reformen anstoßen. Erste Reformen sehen wir bereits. Das Rentensystem wird innerhalb weniger Jahre auf einen moderneren Stand gebracht. Ich glaube auch, dass es in der Gesellschaft eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Status quo gibt – und wieder mehr Lust auf Leistung.
Gibt es diese Lust auf Leistung wirklich – oder ist das eher ein Wunschbild?
Christian Hecker: Ich komme aus einem kleinen Dorf im Münsterland. Das ist weit weg vom Silicon Valley und der Startup-Bubble. Wenn ich da nach Hause fahre, habe ich nicht das Gefühl, die Leute sind zufrieden damit, im Mittelfeld zu sein. Ich glaube, es entsteht wieder ein Konsens darüber, dass unser heutiger Anspruch nicht reicht. Ich blicke deshalb inzwischen ziemlich zuversichtlich auf die nächsten zehn bis 15 Jahre. Ich sage es noch einmal: Deutschland hat hervorragende Standortfaktoren – hohe Lebensqualität, Sicherheit, funktionierende Institutionen und eine Gesellschaft, die grundsätzlich noch konsensfähig ist. Man muss nur einmal zwei oder drei Wochen in den USA verbringen, um zu sehen, wie zerrissen dieses Land ist.
Wie konsensfähig ist Deutschland noch, wenn selbst die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen oft weit auseinanderliegt?
Christian Hecker: Das stimmt. Das muss wieder besser werden. Dass so etwas möglich ist, hat Deutschland schon einmal gezeigt. Die Agenda 2010 unter Gerhard Schröder kann man bewerten, wie man will – aber sie hat das Land innerhalb weniger Jahre stark verändert und den Aufschwung der späten 2000er und frühen 2010er Jahre ermöglicht. Aber wir müssen endlich offen darüber reden, dass wir so nicht weitermachen können. Wir müssen unbequeme Wahrheiten rational aussprechen. Die Ärmel hochkrempeln. Da haben mehr Leute Lust drauf, als man denkt.
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Das klingt nach einem Bekenntnis zum Standort. Bleibt Trade Republic langfristig in Deutschland – auch wenn die Politik in Berlin wieder schwieriger wird?
Christian Hecker: Wir machen das seit elf Jahren. Und diese elf Jahre waren nicht immer einfach. Am Anfang hat es fünf Jahre gedauert, Kapital einzusammeln. Dann mussten wir eine Wertpapierhandelsbank-Lizenz bekommen, später eine Vollbank-Lizenz. Zuletzt haben wir über Jahre unsere Infrastruktur aufgebaut. Jetzt schließt sich ein Kapitel. Ich empfinde es so, dass 2026 und vor allem 2027 jedes neue Produkt einfacher wird. Die Grundlagen sind gelegt. Ich habe große Lust, in den nächsten zehn Jahren die Früchte dieser Arbeit zu ernten.
Bleibt Berlin Ihr Hauptquartier?
Christian Hecker: Na klar.