Datenschutz & Sicherheit

Trugbild: Altersvorsorge mit Amazon


Nach etwa einem Jahr Bedenkzeit, dutzenden Gesprächen über „ethisches Investieren“ und einer albtraumgeplagten Nacht ist der erste Schritt zur Altersvorsorge vollbracht: Der ETF-Sparplan steht. Erst auf Nachfrage erfahre ich, dass die überwältigende Mehrheit meines besserbezahlten Bekanntenkreises schon lange dabei ist: „Ob ich spare? Klar – ETF, Habibi!“, erzählt mir ein Systemadministrator in der Szene-Kneipe am Kottbusser Tor.

ETF steht für Exchange-Traded Fund. Die Indexfonds werden wie Aktien an der Börse gehandelt und bilden die Wertentwicklung eines Marktindex nach. Anstatt in ein einzelnes Unternehmen zu investieren, ermöglicht ein ETF eine breite Streuung über viele Unternehmen gleichzeitig. Im beliebten „iShares Core MSCI World ETF“ der Investmentfirma BlackRock sind etwa 1.300 Unternehmensaktien aus 23 „entwickelten Märkten“ enthalten.

US-amerikanische Unternehmen machen darin den mit Abstand größten Anteil aus. Unter den Top 10 befinden sich Microsoft, Amazon, Google, Meta und Tesla. Auf den hinteren Plätzen folgt sogar noch Palantir. Aufgrund ihres Erfolgs sorgen die Unternehmen von Bezos, Musk und Co. für einen saftigen Teil der Rendite im Sparplan.

Die befreundete Sparschickeria nimmt das locker: „Wenn du ein MacBook nutzt, dann kannst du auch in Apple investieren“, schlussfolgert der Arzt. „Mit ETFs bereichere ich mich am Reicherwerden der Reichen“, argumentiert der Wohnungsbesitzer. Und auch der Systemadministrator nimmt‘s gelassen: „Friedrich Merz war ja lange bei BlackRock, der MSCI World ist also sicher“.

Keine guten Alternativen

Was soll man auch anderes machen? Hierzulande muss sich der Bürger nun einmal selbst um die Altersvorsorge kümmern. Das deutsche Rentensystem ist marode und reformbedürftig. Mit den Zinsen aus Staatsanleihen und Tages- bzw. Festgeldkonten lässt sich gerade so die Inflation ausgleichen. Mehr ist mit den privaten, staatlich geförderten Riester- und Rürup-Renten auch nicht drin.

Der Handel mit Einzelaktien ist derweil mit erheblichen Risiken verbunden. Aktiv gemanagte Fonds verursachen in der Regel hohe Kosten, ohne entsprechend höhere Erträge zu liefern. Und Immobilien, besonders in Großstädten, liegen durch die immensen Preise weit außerhalb der Reichweite von Normalverdienern.

Damit bleiben für Sparer oft nur ETFs übrig, die gemessen am Wachstum der Weltwirtschaft ein relativ geringes Risiko und höhere Renditen als andere Anlageoptionen versprechen – vorausgesetzt, der Anleger ist bereit, sein Geld über einen langen Zeitraum zu investieren.

Widersprüche akzeptieren

Spare ich mit dem iShares Core MSCI World ETF, setze ich mit meinem Geld indirekt auf ein Land, das sich offensichtlich im kulturellen, ästhetischen und politischen Niedergang befindet. Ökonomisch sind die USA aber als größte Volkswirtschaft der Welt nach wie vor führend. Wer mit den Standard-ETFs effizient sparen will, hat leider keine andere Wahl, als auch diesen Widerspruch zu akzeptieren.

Der gedankliche Spagat zwischen politischer Realität und Rendite bleibt damit anspruchsvoll – vor allem für jene, die von Haus aus nie mit Geldanlage in Berührung gekommen sind. Die Auseinandersetzung erfordert eine gewisse Offenheit gegenüber der befremdlichen Finanzwelt und natürlich auch Ressourcen. Leider fehlt es jenen, die Finanzbildung am nötigsten hätten, oft an allem.

Blinder Fleck Finanzbildung

Suche ich nach „Geld anlegen“ bei YouTube, werden mir direkt zwei Krypto-Influencer angezeigt. In nur wenigen Sekunden legt mir einer der selbsternannten Finanzexperten dar, dass der Handel mit Kryptowährungen wohl kein Glücksspiel, sondern ein nachhaltiges Business ist: „Aber das dauert halt dann ein paar Jahre, bis man von 10.000 € auf 100.000 € oder eine Million kommt“.

Im breiten Feld der sogenannten Finfluencer ist von Clickbait-Clowns („ICH WURDE REICH ALS ICH DAS VERSTANDEN HABE“) bis hin zu sachlichen und besser recherchierten Formaten wie „Finanzfluss“ alles dabei. Letztere beantworten zwar zuverlässig Fragen rund um die Geldanlage, sprechen dafür aber selten über politische Aspekte.

Wir sind communityfinanziert

Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.

An Universitäten, insofern sie keinen wirtschaftlichen Schwerpunkt haben, spielt Finanzbildung dagegen eine untergeordnete bis keine Rolle. Das liegt auch daran, dass sich viele Studenten in einem einseitigen Generationenvertrag mit ihren Eltern befinden, die sich um die finanziellen Angelegenheiten kümmern.

Auch vermeintlich linke Meinungsmacher klammern das Thema gerne aus. Die feurige Erregung über identitätspolitische Trendthemen nimmt der Finanzbildung die Luft weg. „Börse“, „Aktien“ und „Anlage“ gelten als reaktionäre oder bisweilen rechts interpretierte Begriffe eines über Jahre kultivierten Feindbildes. Manch ein Journalist beschwert sich gar über das eigene Erbe. Dabei wird oft vergessen, dass jene, denen die Kohle zum Heizen fehlt, sich nicht an den „Hot Takes“ privilegierter Medienmenschen wärmen können.

Mitunter kommt es zu erstaunlichen Kehrtwenden. Noch 2019 bezeichneten Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen in ihrem Wirtschaftspodcast „Wohlstand für alle“ die Beteiligung am Aktienmarkt als „Unfug“. Fünf Jahre später befürworten die beiden dann das Sparen mit ETFs. „Als Selbstständiger muss ich Rücklagen bilden, so habe ich auch kürzlich begonnen mit ETF-Sparen“, sagt Schmitt.

Notwendiges Übel

Was am Ende bleibt, ist eine bittersüße Erkenntnis. Die Beteiligung am Kapitalmarkt ändert nichts an Chancenungleichheit, Preissteigerungen und Niedriglöhnen. Das größte Risiko bei kleinstmöglichem Gewinn tragen die, die am wenigsten haben. Ein Grund auf die Altersvorsorge zu verzichten, ist das nicht.

Wo der Sozialstaat zu kurz greift, muss der Bürger Verantwortung übernehmen. Und wer etwas sparen möchte, kann sich allzu strenge Erwägungen bei der Geldanlage im gegenwärtigen System schlicht und einfach nicht leisten.

Für die Altersvorsorge sind ETFs offenbar also die beste unter vielen schlechten Optionen. Zähneknirschend reihe auch ich mich in den Kreis der Sparschickeria ein. Es ist eine alte Weisheit von Bertolt Brecht, die mir die Sache leichter macht: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.“



Source link

Beliebt

Die mobile Version verlassen