UX/UI & Webdesign
Wider die Dating-Monotonie – Tinder vollzieht Redesign – Design Tagebuch
Tinder hat erstmals seit fast einem Jahrzehnt sein Markendesign grundlegend überarbeitet. Das überarbeitete Designsystem ziele darauf ab, die App weniger als rein technologische Plattform, sondern eher als redaktionellen Begleiter im Dating-Alltag wahrnehmbar zu machen. Mit dem Redesign begegnet Tinder einem Symptom der digitalisierten Gesellschaft: Dating-Burnout.
Tinder ist eine 2012 gegründete Dating-App, die Nutzern über ein Matching-System potenzielle Partner vorschlägt. Als Pionier des „Swipe”-Prinzips prägte Tinder maßgeblich die mobile Online-Partnersuche. Die App gehört zum Match-Group-Konzern und ist in über 190 Ländern verfügbar, mit den größten Märkten in den USA, Europa und Lateinamerika. Hauptzielgruppe sind junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren, wobei die Nutzerbasis zunehmend diverser wird. Erstmals seit knapp zehn Jahren wurde das Markendesign geändert. Der Match-Group-Konzern reagiert damit auch auf zuletzt stark rückläufige Nutzerzahlen.
Auszug der Pressemeldung
„Tinder sieht endlich so aus und fühlt sich auch so an, wie es sich junge Nutzer von einer Dating-App wünschen. Wir haben unsere Empfehlungsalgorithmen optimiert, die Bereiche Sicherheit und Vertrauen gestärkt, neue Kontaktmöglichkeiten wie ‚Double Date‘ und ‚Music Mode‘ eingeführt sowie das erste umfassende Rebranding von Tinder seit fast einem Jahrzehnt abgeschlossen – Maßnahmen, die bereits zu deutlichen Zuwächsen bei Kennzahlen wie tägliche Nutzeraktivität (DAU) und Nutzerbindung geführt haben. Der nächste Schritt besteht darin, Singles zurückzugewinnen, die sich abgewendet haben, und jene zu erreichen, die Tinder noch nie ausprobiert haben“, so Spencer Rascoff, Geschäftsführer der Match Group.
Eine auffällige Anpassung ist die Umstellung der bisher kleingeschriebenen Wortmarke auf einen in Versalien gesetzten Namen: TINDER. Die Flammen-Bildmarke bleibt erhalten, wurde jedoch in ihrer Silhouette etwas verschlankt. Zudem geht Tinder dazu über, Bildmarke und Wortmarke stärker selektiv und separat voneinander zu verwenden. In der App dient vorrangig die Bildmarke als visueller Absender während im Webauftritt unter tinder.com hierfür die Wortmarke alleine genutzt wird.
Ebenfalls auffällig ist der Farbwechsel: der bisherige Rot-Pink-Orange-Farbverlauf macht Platz für einen kräftigen Rotton. Ergänzt wird das Farbspektrum durch Blau-, Braun- und Grüntöne.

Typografisch führt Tinder mit der Society (AllCaps) eine neue Serifenschrift für Überschriften ein, die dem visuellen Auftritt eine redaktionelle Qualität verleiht. Damit korrespondiert die Einführung einer fiktiven Markenpersönlichkeit namens „T“ – einer Art Ratgeber-Kolumnistin, deren Tonfall zwischen klassischem „Kummerkasten“ und moderner, empathischer Beratung oszilliert.
Kontext: Mit dem Relaunch reagiert das Unternehmen auf eine breitere kulturelle Entwicklung: Laut einer von Forbes im Jahr 2024 durchgeführten Umfrage berichten 78 % der Nutzer von Erschöpfung durch Dating-Apps – verursacht durch repetitive Gespräche, Ghosting, Breadcrumbing, Enttäuschungen und den Druck, ständig verfügbar zu sein. Besonders jüngere Generationen zeigen hohe Dating-Burnout-Raten. Dating-Burnout durch Online-Dating ist inzwischen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung (Fachartikel auf Sage). Hierzulande widmen sich Krankenkassen wie die AOK dem Phänomen Dating-Burnout. Bei Tinder sank die Anzahl zahlender Abonnenten von einst 11,1 Millionen (2022) auf 8,77 Millionen (2025). Vor diesem Hintergrund lässt sich das Rebranding auch als Antwort auf die zunehmende Ermüdung mit dem Online-Dating lesen. Tinder versucht dieser Müdigkeit durch eine veränderte Haltung – weniger Versprechen, mehr Begleitung – entgegenzuwirken, auch sprachlich.
Das im Zusammenhang der Kampagnensprache bisher genutzte Motiv „happily ever“ (zu Deutsch „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“), ein ironisch gemeintes Märchen-Versprechen, wird im Zuge des Rebrandings durch „happily TBD“ ersetzt („TBD“ steht für „to be determined” noch zu bestimmen / offen). Der Markenclaim „It Starts with a Swipe“, eingeführt 2023 zum 10-jährigen Jubiläum, bleibt erhalten.
Die Bildsprache unterstützt diesen Ansatz: Statt ausschließlich polierter Lifestyle-Fotografie finden sich nun auch Anime-Screenshots, Ölgemälde und Internet-Memes im visuellen Mix. Diese Collage aus unterschiedlichen Ästhetiken soll reale Dating-Erfahrungen abbilden und eine weniger kuratierte, dafür authentischere Atmosphäre schaffen. Ein neues Motion-Design-System übersetzt die charakteristische Wischgeste in animierte Übergänge, die sowohl in der App als auch in Marketingmaterialien eingesetzt werden.
Entwickelt wurde das neue Markendesign vom New Yorker Studio Porto Rocha.
Mediengalerie
- Tinder App – vorher und nachher, Bildquelle: Tinder/Google, Bildmontage: dt
- Tinder Brand Design Visual, Quelle: It’s Nice That, Porto Rocha
- Tinder Brand Design Visual, Quelle: It’s Nice That, Porto Rocha
- Tinder Brand Design Visual, Quelle: It’s Nice That, Porto Rocha
- Tinder Brand Design – „It starts with a swipe“ Claim, Quelle: It’s Nice That, Porto Rocha
- Tinder Logo – vorher und nachher,Bildquelle: Tinder/Facebook, Bildmontage: dt
- Tinder Logo – vorher und nachher,Bildquelle: Tinder, Bildmontage: dt
- Tinder Wortmarke (2026), Quelle: Tinder
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