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Wir haben unterschätzt, wie komplex öffentliche Infrastruktur ist
Enviotech aus Frankfurt am Main, 2022 von Adrian Rhaese und Linh Pham gegründet, entwickelt „intelligente Nachrüstlösungen für Straßenbeleuchtung“. Konkret geht es darum „bestehende Straßenbeleuchtung intelligent nachzurüsten, anstatt sie kostenintensiv vollständig ersetzen zu müssen“.
Business Angels wie Jürgen Fitschen, Joachim Drees, Alexander Eyhorn und Danilo Jovicic-Albrecht investieren rund 1 Million Euro in die Jungfirma. „Unsere Investor:innen haben verstanden, dass Enviotech nicht nur ein einzelnes Hardwareprodukt ist, sondern langfristig eine Infrastrukturplattform werden kann. Besonders wertvoll war für uns, dass wir Unterstützer gewinnen konnten, die nicht nur Kapital geben, sondern auch Erfahrung, Netzwerk und strategische Perspektive mitbringen“, sagt Gründerin Pham.
Im Interview mit deutsche-startups.de spricht die Enviotech-Macherin einmal ausführlich über den Stand der Dinge in ihrem Unternehmen.
Wie würdest Du Deiner Großmutter Enviotech erklären?
Ich würde sagen: Stell dir vor, eine Stadt muss nachts ihre Straßen beleuchten, aber oft brennen die Lampen mit voller Leistung, obwohl niemand unterwegs ist. Das kostet viel Geld, Energie und stört auch den Schlaf von vielen Bürger:innen. Wir bei Enviotech machen bestehende Straßenlaternen intelligent. Unsere Technologie sorgt dafür, dass Licht nur dann heller wird, wenn es wirklich gebraucht wird, zum Beispiel wenn ein Mensch, ein Fahrrad oder ein Auto vorbeikommt. Gleichzeitig können Städte ihre Beleuchtung digital überwachen und steuern, ohne dafür die komplette Infrastruktur austauschen zu müssen. Kurz gesagt: Wir machen Straßenlaternen schlauer, sparsamer und zukunftsfähiger.
War dies von Anfang an Euer Konzept?
Der Kern war von Anfang an derselbe: Wir wollten bestehende öffentliche Infrastruktur intelligenter machen. Angefangen haben wir mit dem Problem der Straßenbeleuchtung, weil es sehr greifbar ist: Städte stehen unter enormem Kostendruck, müssen Energie sparen und gleichzeitig Sicherheit gewährleisten. Was sich seitdem stark weiterentwickelt hat, ist unser Verständnis davon, wie groß die Chance dahinter wirklich ist. Am Anfang ging es vor allem um intelligente Beleuchtung und Energieeinsparung. Heute sehen wir Enviotechviel breiter: Straßenlaternen sind überall in der Stadt vorhanden, haben Strom, Höhe und eine perfekte Position im öffentlichen Raum. Damit können sie zur Grundlage für viele Smart-City-Anwendungen werden. Deshalb entwickeln wir nicht nur Hardware, sondern auch ein offenes Dashboard, über das Städte ihre Infrastruktur überwachen, steuern und perspektivisch weitere Anwendungen integrieren können. Es war also kein klassischer Pivot, sondern eher eine starke Erweiterung der Vision: von smarter Straßenbeleuchtung hin zu einer digitalen Infrastrukturplattform für Städte.
Wie hat sich Enviotech seit der Gründung entwickelt?
Wir haben Enviotech von einer ersten Idee zu einem echten Hardware- und Softwareprodukt entwickelt. Heute arbeiten wir an der Schnittstelle aus Greentech, Smart City und öffentlicher Infrastruktur. Alles fing sehr klassisch in Adrians Garage an. Dort entstanden die ersten Skizzen, Prototypen und Tests, zunächst noch mit viel Improvisation, Eigeninitiative und dem Ziel, ein konkretes Problem im Alltag von Städten zu lösen: Straßenbeleuchtung sollte nicht starr die ganze Nacht durchlaufen, sondern intelligent, bedarfsgerecht und effizient gesteuert werden. Aus diesen ersten Versuchen wurde Schritt für Schritt ein technologischer Ansatz, aus einer Idee ein Produktkonzept und daraus schließlich ein Unternehmen mit klarer Struktur, Partnern und wachsendem Marktinteresse. Seitdem haben wir Enviotech deutlich professionalisiert. Unser Team besteht aktuell aus einem kleinen, sehr fokussierten Kernteam mit Kompetenzen in Produktentwicklung, Software, Hardware, Operations und Business Development. Derzeit sind wir 6 Personen. Zusätzlich arbeiten wir mit technischen Partnern, Sensorik-Partnern und Investoren zusammen, die uns strategisch unterstützen. Bis Ende des Jahres soll das Team auf bis zu 10 Personen wachsen. Damit verschieben wir uns bewusst von der klassischen Gründerphase hin zu einer professionellen Aufbauphase: mit klareren Verantwortlichkeiten, stärkerer Produktentwicklung, ersten Pilotprojekten und einem strukturierten Markteintritt. Zuletzt konnten wir außerdem eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde von rund 1 Million Euro abschließen. Das war für uns ein wichtiger Schritt, weil wir damit die Produktentwicklung, erste Pilotprojekte und den Aufbau unserer Marktpräsenz weiter beschleunigen können. Aus der ersten Garage-Idee ist damit ein wachsendes Startup geworden, das jetzt die nächste Phase angeht: vom Prototypen hin zu skalierbaren Anwendungen in Kommunen und Smart-City Infrastrukturen.
Wie seid Ihr mit Euren Investor:innen in Kontakt gekommen?
Sehr viel lief über Netzwerk, Vertrauen und Überzeugungsarbeit. Gerade im Hardware- und B2G-Bereich reicht es nicht, einfach nur eine schöne Pitch-Präsentation zu haben. Man muss zeigen, dass man ein echtes Problem verstanden hat, dass die Lösung technisch umsetzbar ist und dass es einen realistischen Weg in den Markt gibt. Bei uns war entscheidend, dass wir nicht nur über Smart City gesprochen haben, sondern ein sehr konkretes Einstiegsproblem lösen: Straßenbeleuchtung ist teuer, energieintensiv und in vielen Städten noch kaum digitalisiert. Gleichzeitig gibt es einen klaren wirtschaftlichen Nutzen, weil Kommunen durch adaptive Beleuchtung und Monitoring Kosten sparen können. Unsere Investor:innen haben verstanden, dass Enviotech nicht nur ein einzelnes Hardwareprodukt ist, sondern langfristig eine Infrastrukturplattform werden kann. Besonders wertvoll war für uns, dass wir Unterstützer gewinnen konnten, die nicht nur Kapital geben, sondern auch Erfahrung, Netzwerk und strategische Perspektive mitbringen.
Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schief gegangen?
Einiges, gerade bei einem Hardware-Startup lernt man schnell, dass auf dem Papier vieles einfacher aussieht, als es dann in der Umsetzung läuft. Wir haben unterschätzt, wie komplex öffentliche Infrastruktur ist. Eine Straßenlaterne klingt erstmal simpel, aber dahinter stecken Normen, Schnittstellen, Sicherheitsanforderungen, Ausschreibungen, Zuständigkeiten und sehr lange Entscheidungswege. Außerdem dauert Hardwareentwicklung oft länger als geplant. Man testet, verbessert, testet wieder und merkt dann, dass ein Detail, das klein wirkt, im realen Betrieb extrem wichtig ist. Auch im Team und in der Organisation mussten wir lernen. Am Anfang macht man vieles gleichzeitig: Produkt, Fundraising, Vertrieb, Partnerschaften, Strategie. Da ist es leicht, sich zu verzetteln. Wir mussten lernen, stärker zu fokussieren und klarer zu priorisieren. Aber genau diese Fehler waren wichtig. Sie haben uns gezwungen, viel näher an die Realität der Städte, Betreiber und Infrastrukturpartner heranzurücken.
Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Ich glaube, wir haben von Anfang an ein reales Problem gewählt. Energieverschwendung in der öffentlichen Infrastruktur ist kein Nice-to-have-Thema, sondern etwas, das Städte finanziell, ökologisch und operativ wirklich betrifft. Richtig war auch, dass wir nicht versucht haben, bestehende Infrastruktur komplett zu ersetzen. Städte brauchen keine weitere Vision, die erst in zehn Jahren umsetzbar ist. Sie brauchen Lösungen, die auf vorhandenen Systemen aufbauen und schnell Mehrwert schaffen. Unser Retrofit-Ansatz war deshalb eine sehr bewusste Entscheidung. Außerdem haben wir früh verstanden, dass Smart City nicht bei der Technologie beginnt, sondern beim Nutzen. Für Kommunen zählt nicht, ob etwas futuristisch klingt, sondern ob es Kosten senkt, Abläufe verbessert, Sicherheit erhöht und realistisch implementierbar ist. Und wir haben uns ein starkes Netzwerk aus Investor:innen, Partnern und Unterstützern aufgebaut. Das hilft enorm, gerade wenn man in einem Markt unterwegs ist, der Vertrauen und langfristige Beziehungen braucht.
Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?
Nicht zu lange in der perfekten Theorie bleiben. Man kann sehr viel planen, recherchieren und modellieren, aber am Ende lernt man am meisten, wenn man mit echten Kund:innen spricht, echte Probleme versteht und echte Rückmeldungen bekommt. Gleichzeitig würde ich sagen: Unterschätzt nicht, wie wichtig Ausdauer ist. Gründen sieht von außen oft glamourös aus, aber in der Realität besteht es sehr viel aus Unsicherheit, Rückschlägen und Entscheidungen, bei denen man nie alle Informationen hat. Mein Tipp wäre: Sucht euch ein Problem, das groß genug ist, dass es euch auch an schwierigen Tagen noch motiviert. Und baut nicht für Applaus, sondern für echten Nutzen.
Wo steht Enviotech in einem Jahr?
In einem Jahr wollen wir Enviotech aus der Pilotphase deutlich weiter in Richtung Rollout gebracht haben. Unser Ziel ist, mit ersten Städten und Infrastrukturbetreibern konkrete Referenzprojekte umzusetzen und zu zeigen, dass unsere Lösung im realen Betrieb Energie spart, Kosten reduziert und Städte smarter steuerbar macht. Gleichzeitig wollen wir unser Dashboard und unser Partner-Ökosystem weiter ausbauen. Straßenbeleuchtung ist für uns der Einstieg, aber langfristig geht es darum, bestehende Infrastruktur als Plattform für Smart-City-Anwendungen nutzbar zu machen. Wenn alles gut läuft, steht Enviotech in einem Jahr für eine neue Generation kommunaler Infrastruktur: nicht komplett neu gebaut, sondern intelligent nachgerüstet, digital steuerbar und deutlich effizienter. Genau das ist unser Anspruch.
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