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„Wir nennen sie EU Inc.“ – Startup-Szene bejubelt Von der Leyen


Gründung in 48 Stunden, eine für die ganze EU gültige und gleiche Unternehmensform: Was Gründer seit Monaten fordern, wird auf dem Weltwirtschaftsforum manifestiert

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen bei Ihrer Rede beim World Economic Forum in Davos am Dienstag.
picture alliance / Xinhua News Agency | Lian Yi

Sie hat’s gesagt, alle haben es gehört: „Das ultimative Ziel ist die Schaffung einer neuen, wirklich europäischen Unternehmensstruktur. Wir nennen sie EU Inc.“

Auf allerhöchstem Parkett, vor der Weltbühne, sprach die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen aus, was Gründerinnen und Gründer, Investorinnen und Investoren in Europa seit Jahren schon sagen und machte damit die Umsetzung ihres großen Vorhaben ein Stück weiter Wirklichkeit.

We will soon put forward our 28th regime. The ultimate aim is to create a new truly European company structure. We call it EU Inc., with a single and simple set of rules that will apply seamlessly all over our Union. So that business can operate across Member States much more easily. Our entrepreneurs, the innovative companies, will be able to register a company in any Member State within 48 hours – fully online.

Ursula von der Leyen

EU-Kommissionspräsidentin

Ihr Versprechen: Firmengründer sollen neue Unternehmen in der EU künftig innerhalb von 48 Stunden online anmelden können. Es soll eine paneuropäische Unternehmensform geben. Gültig und gleich in allen Ländern der EU. Was die Arbeit über Grenzen hinweg so viel einfach machen würde. „Wir brauchen ein einziges und einfaches Regelwerk, das nahtlos überall in unserer Union gilt. Damit Unternehmen viel einfacher in allen Mitgliedstaaten tätig sein können“, sagte von der Leyen in Davos. Der konkrete Vorschlag der Kommission dafür soll im März vorgestellt werden. 

Reaktionen von Gründerinnen und Gründer: Yeah!

Die europäische Gründerszene überschlägt sich vor Freude: „EU Inc could be a big step for Europe – it’s why I’ve proudly supported its introduction and I’m celebrating today’s news“, schrieb etwa der Gründer des schwedischen Unicorns Lovable, Oskar Osika auf Linkedin.

Auch aus Deutschland kommen viele begeisterte Töne. Anna Alex, Gründerin (Outfittery, Planetly, Gala Earth) und Investorin, jubelte: „Europa ist der PERFEKTE Kontinent – endlich auch für Unternehmen!“ Niklas Hanitsch, Gründer und CEO von Secjur, schrieb, dass ihn die Erwähnung der EU Inc so glücklich mache, weil diese Neuerung wirklich einen Unterschied machen werde.

Persion-Gründer Hanno Renner, seit Monaten ein lautstarker Unterstützer der Initiative zur EU Inc., veröffentliche anlässlich der Von der Leyen-Rede einen langen und leidenschaftlichen Post über die Wichtigkeit europäischer Souveränität und seine Überzeugung, warum man Bullies – sei es aus Washington oder Moskau – tapfer gegenüber treten müsse.

Wer und was steckt hinter Idee?

„Das Coolste daran?“ schreibt der Litauische Unternehmer und Investor Linus Beliunas. „Das kam nicht von einem Think Tank. Es begann 2024 als eine Petition von der Basis. Über 13.000 Gründer und Investoren haben sie unterschrieben. Europa hat zugehört.“

Und das ist soweit richtig zusammengefasst: Eine Gruppe führender europäischer Gründerinnen, Gründer und VCs hatte sich 2024 erstmals in einem offenen Brief an die politischen Entscheidungsträger der EU gewandt, in dem sie die Schaffung einer einheitlichen, paneuropäischen Rechtsform forderte. Die sogenannte EU Inc. soll es Unternehmen erleichtern, in den 27 EU-Mitgliedstaaten zu agieren und zu wachsen.

Zu den Unterstützern der Initiative gehörten seither wie gesagt Personio-Frontmann Hanno Renner, aber auch DeepL-Mitgründer Jarek Kutylowski, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Startup Verbands Verena Pausder sowie ihr Amtsvorgänger und Investor Christian Miele. Auch bekannte Investoren etwa von Seedcamp und Index Ventures beteiligten sich. Viele bekundeten ihre Unterstützung auch durch das stolze Tragen von EU Inc.-Merch. Etliche Bilder von Gründerinnen und Gründern mit blauen EU Inc.-Caps fluteten LinkedIn.

Im Zentrum des Vorschlags stand die Einführung einer EU Inc. als rechtliche Struktur. Die sollte einheitliche Regeln für Unternehmen bieten, die in der gesamten EU gelten. „Eine standardisierte paneuropäische EU Inc.-Unternehmensstruktur ist für europäische Startups unerlässlich“, hieß es in der Online-Petition für die Initiative. Und weiter: „Es geht nicht darum, das Silicon Valley zu imitieren. Es geht darum, unsere einzigartigen europäischen Stärken auszubauen: unsere Vielfalt, unseren dezentralen Talentpool und unsere einzigartigen Startup-Hubs.“

Bekannte Barrieren für europäische Startups

Ergebnisse, die sich die Initiatoren von der neuen Gesellschaftsform versprachen, waren insbesondere eine schnellere Skalierung, mehr Markterfolge sowie einen stärkeren Zufluss von internationalem Kapital. Auch bei der Schaffung eines einheitlichen Rahmenwerks für Mitarbeiterbeteiligungen erhofften sich die Unterstützer Fortschritte. Zwar gibt es in den meisten EU-Ländern entsprechende Regelungen, doch diese unterscheiden sich zum Teil signifikant – was Unternehmen, die mehrere Standorte betreiben, oft vor Probleme stellt.

Ziel: Europäische Startups global wettbewerbsfähiger machen

Die Initiatoren des Vorschlags sahen die Schaffung einer einheitlichen Unternehmensstruktur als Lösung für langjährige Probleme im europäischen Startup-Ökosystem. Seit Jahren beklagen Unternehmen die Marktfragmentierung in Europa. Startups, die in der EU expandieren möchten, stehen vor der Herausforderung, sich an 27 unterschiedliche Steuer-, Handels- und Arbeitsgesetze anzupassen.

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Auch Investitionen über Landesgrenzen hinweg sind aufgrund steuerlicher und rechtlicher Hürden kompliziert. Diese Bedingungen erschweren es europäischen Startups zu skalieren, und lassen die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu anderen Regionen, etwa den USA, zurückfallen.

Die Schaffung eines EU Inc. sollte nach dem Willen der Gründer und Investoren dazu beitragen, dass europäische Startups schneller wachsen, mehr Kapital anziehen und bessere Chancen auf nachhaltigen Erfolg haben. Durch die Vereinheitlichung des Rechtsrahmens könnten Hemmnisse, die durch unterschiedliche nationale Regelungen entstehen, abgebaut werden.

Wo stehen wir

Das Europäische Parlament ist, stand jetzt im Januar 2026, grundsätzlich für ein solches Vorgehen. Es verabschiedete mit großer Mehrheit eine Reihe von Empfehlungen. Eine von ihnen sieht vor, eine neue Rechtsform für nicht börsennotierte Gesellschaften mit beschränkter Haftung zu schaffen. Die sogenannte Einheitliche Europäische Gesellschaft (S.EU) solle künftig komplett digital innerhalb von 48 Stunden registriert werden können, mit einem Mindeststammkapital von einem Euro. 

Für börsennotierte Unternehmen besteht mit der Europäischen Gesellschaft (Societas Europaea, SE) bereits eine Rechtsform, die alternativ zu nationalen Regelungen genutzt werden kann.

mit Material von dpa, Alex Hofmann und Kim Torster





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