Gedenken an die Toten im Mittelmeer, Hoffnung für Jugendliche in Sachsen, getanzte Barrierefreiheit und der unermüdliche Einsatz gegen Hass – und für Demokratie: Es gibt viel zu tun im Moment und viele haben es 2025 getan. Hier unsere liebsten Projekte, Kampagnen und Videos.
Man könnte es »aus gegebenem Anlass« nennen. Dass uns 2025 vor allem auch Kampagnen und Projekte aufgefallen sind, Apps und und Games, die sich für die Demokratie einsetzen, für ein Miteinander – und gegen den Hass und Recht.
Es wird erinnert, erklärt und es werden Perspektiven geboten. Aber auch für Inklusion gekämpft und in die Kriegs- und Krisengebiete der Welt geschaut.
Diese Arbeiten haben uns dabei besonders beeindruckt:
Viel Gefühl und KI: »21 Tage Stille«
Wie findet man einen Umgang mit der Tragödie, die sich auf dem gefährlichen Fluchtweg im Mittelmeer abspielt? Der Verein zur Seenotrettung Sea-Eye e.V. hat mit der Agentur Thjnk und Partnern eine starke Antwort gefunden, die sich gleichzeitig gegen die aktuelle Stimmung im Land stemmt. Und das mit einer Installation, die tief ins Meer hinabführt und in 30.411 Schweigeminuten an die Menschen erinnert, die seit 2014 auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken sind oder als vermisst gelten. Eine Minute für jede(n) von ihnen. Und deren Dunkelziffer noch viel höher ist.
Hier mehr über die eindrückliche Installation, die tief berührt und ein Aufruf zur Menschlichkeit ist.
Mit KI gegen Hass – und das mit Humor
Schwuchtel gehört (fast) noch zu den harmloseren Beschimpfungen, die Feiglinge im Netz gegen alles absetzen, was anders ist. Gerade auch aus der rechten Szene und auch gegen das HOSI Salzburg, das die Interessen von LGBTIQA*-Personen vertritt. Doch das wehrt sich jetzt gegen Hasskommentare. Und das jetzt mit dem AntiHassGPT der Kreativagentur Salić, das ein Pilotprojekt für ganz Österreich ist – und auf Humor nicht verzichtet.
Hier mehr über diese tolle App, die einen nicht mehr sprachlos zurücklässt. Ganz im Gegenteil!
Fakten statt falscher AfD-Wahlversprechen
Mit der großartigen Kampagne #StellDirVor, die von der Hamburger Agentur Philipp und Keuntje für Volksverpetzer entwickelt wurde, der Initiative, die seit 2014 unermüdlich Hetze und Fake News bekämpft.
Und das auf ihrer Website und in den Social Media – und jetzt auch mit dieser großangelegten Plakat-Kampagne.
In 23 deutschen Städten wenden die Plakate sich an die breite Öffentlichkeit. Und das vor einer Wahl, bei der die AfD, vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft, als zweitstärkste Kraft in den Bundestag einziehen könnte.
Hier mehr über starke Kampagne, die Hetzte und Fake News mit Fakten entlarvt.
Getanzte Barrierefreiheit von Apple
Der mitreißende Musical-Spot führt mitten in ein College und zeigt, dass es mit den richtigen Apple-Tools für Studierende mit Einschränkungen keine gibt – und das samt Song mit Ohrwurm-Qualität und einer packenden Choreografie.
Gleichzeitig zeigt er, dass man in den USA einen wesentlich offeneren Umgang mit dem Thema hat.
In regulären Discounter-Prospekten sieht man Menschen im Rollstuhl posieren, in den Apple Stores übernehmen Gehörlose und Menschen mit anderen Einschränkungen den Kund:innen-Support, bei Whole Foods arbeiten sehbehinderte Servicekräfte.
Apple selbst betreit bereits seit 1985 ein eigenes Department zur digitalen Inklusion und hat zahlreiche Funktionen zur Barrierefreiheit in seine Produktpalette eingebaut. Und das eben nicht als Add-on, sondern serienmäßig und für alle.
dass man in den USA einen wesentlich offeneren Umgang mit dem Thema hat.
Hier mehr über die Kampagne »I’m not remarkable« und auch der Clip selbst.
Retro-coole Umweltschutz-Kampagne
Als Londons Bürgermeister Sadiq Khan auf die Weltklimakonferenz COP30 in Belém gereist ist, hat diese Badvertising-Kampagne ein spezielles Werbeverbot gefordert.
Und das für kohlenstoffintensive und umweltschädliche Unternehmen. Genauso wie es Großbritannien 2002 mit der Zigarettenwerbung getan hat. Und wie Städte wie Amsterdam, Stockholm und Edinburgh es bereits mit Branchen tun, die maßgeblich zum Klimawandel beitragen. Ganz so wie die fossile Industrie, Luftfahrt oder SUV-Produktion.
Dafür übernahm Badvertising die Londoner U-Bahn-Station Southwark mit einer toll illustrierten Kampagne im Retro-Look, der unterstreicht wie überholt das Nichthandeln des Bürgermeisters ist.
Hier mehr über diese bildstarke Kampagne und alle Motive.
Immer wieder mischt Pink Büchsenschütz, Geschäftsführer der Kölner Agentur DITHO Design, sich ein.
2019 hat er die Creatives for Future ins Leben gerufen, um sich für das Klima starkzumachen, hat zur Vereidigung Trumps düstere Plakate entworfen – und macht sich jetzt mit dem Projekt Plakate für die Demokratie für diese stark.
Aus der besorgten Frage »Wie rechts wollen wir werden?« ist im Kooperation mit der Initiative »Laut gegen Nazis«, eine Plakatserie entstanden, die, leuchtend Pink und voller Energie, vom Zusammenhalt erzählt, von Zuversicht und davon, dass Demokratie kein Zuschauersport ist und Mut genauso ansteckend wie Angst.
Zum Ausdrucken. Mitmachen. Weiterdenken. heißt es auf der Website, auf der mehr als 30 Motive der Plakate für Demokratie zum Download stehen.
Hier mehr über die Kampagne samt Interview.
»Voices of Humanity« in Gaza
Gerade macht das Hamburger Studio 27km mit der Netflix-Doku »Babo – Die Haftbefehl-Story« Furore. Das anspruchsvolle Storytelling und das Engagement, das die Arbeiten der Kreativen auszeichnet, zeigt sich auch in der Kampagne »Voices for Humanity«, die nach Gaza, Uganda und in die Ukraine führt.
Der 16-minütiger, der für die Europäische Kommission entstand, musste am Anfang mit dem Hinweis versehen werden, dass die Dreharbeiten im März 2025 vor der Hungerkatastrophe in Gaza stattfanden. Dabei kann man sich angesichts der unendlichen Zerstörung von Gaza-Stadt, die in dem Kampagnen-Film zu sehen ist, kaum vorstellen, dass es noch schlimmer kommen kann.
Aber es kann. Ganz so wie es auch die Berichte über die jüngsten Massaker an Zivilist:innen im Sudan schildern und genauso unaufhörlich schreitet auch die Zerstörung der Ukraine voran.
Zu diesen Orten führt »Voices of Humanity« und vor allem führt sie zu den Menschen, die sich engagieren, das Leid zu mindern – und Hoffnung geben.
Hier geht es zu dem Film, der mehr als nur eine Kampagne ist.
Wie zwei Designer Perspektive bieten!
Es sind diese Entdeckungen, die die re:publica immer so besonders machen: Design-Professor Christian Zöllner stellte dort ein Projekt vor, das jungen Menschen in der Lausitz digitales Know-how und Hoffnung gibt. Und das unter dem tollen Namen Akademie für angewandte Zukunft – und an einem märchenhaften Ort.
Seit 2016 bereits fährt das Fabmobil, ein schwarzer Doppeldeckerbus, den Zöllner und Sebastian Piatza realisierten, als Zukunftslabor durch die ländliche Oberlausitz. Top ausgestattet, könnten Jugendliche dort in Creative Technologies wie Programmierung, 3D Druck, Virtual Reality oder Robotik eintauchen.
Mittlerweile haben sie ein Barockschloss samt riesigem Schlosspark gekauft, wo
Hier mehr über dieses eindrucksvolle Projekt.
Bild: Julius Witt
Nazis den Merch-Geldhahn abdrehen
Kürzel wie »VTRLND« aus politischen Gründen zu verbieten ist schwer. Auch wenn Nazi-Shops mit diesen Motiven, gedruckt auf Merchandise, rechtes Gedankengut verbreiten – und jede Menge Geld verdienen.
Diese Codes aus Gründen des Markenrechts zu verbieten, ist zwar langwierig, aber kein Problem. So hatten sichJung von Matt SPREE und die NGO Laut gegen Nazis e.V. bereits zu Beginn der Aktion 2023 das Recht an verschiedenen Kürzeln gesichert und deren Verbreitung gestoppt.
Jetzt ist auch mit dem Kürzel »Döp dö dö döp« Schluss, das mit nach dem Skandal auf Sylt zum beliebten Merchandise-Motiv wurde. Shops, die Merchandise mit diesen Aufschriften betreiben, können abgemahnt werden, der braune Merch kann vernichtet werden und es können Schadensersatzforderungen erhoben werden – und mit diesen Schadensersatz-Zahlungen können wiederum neue Wortmarken gesichert werden …
Hier mehr über das clevere Projekt, das gegen Nazi-Merch kämpft.
Bild: Michael Kohls Bild: Michael Kohls
Das Falafel Humanity Shirt
Gemeinsam mit den Artdirektor:innen Golnar Kat Rahmani aus dem Iran und Liad Shadmi als Israel hat Nikolai Dobreff das Falafel Humanity Shirt gestaltet.
Es entstand aus der Idee heraus, das Gemeinsame zu betonen, den Zusammenhalt und die Solidarität. Schließlich sind Falafel Kulturerbe – und das sowohl in Israel als auch in arabischen Ländern, wie Palästina oder dem Iran.
Falafel bringen Menschen zusammen, heißt es von den Kreativen und so soll das Falafel Humanity Shirt Solidarität mit allen Menschen in Israel, dem Iran, Palästina und anderen Krisengebieten bekunden.
Und die Women Wage Peace unterstützen, an die die Gewinne gespendet werden. Seit 2014 setzt die Friedens-Initiative sich für eine gewaltfreie und respektvolle Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein.
Hier mehr über das Prjekt, die Initiative und das Shirt.
Die Aktion #MachDeinKreuz ging zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 in die nächste Runde und machte sich für die Demokratie stark. Und das mit 50 Arbeiten von Künstler:innen und Kreativen – und jetzt auch mit einem Motiv von Nadine Redlich.
Bereits im letzten Jahr hat die großangelegte Plakataktion stattgefunden. Zur Europawahl und zu den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Doch nicht nur dort rutscht die Gesellschaft nach rechts, sondern in vielen Ländern der Welt.
Um dieser erschreckenden Entwicklung nicht einfach leise, still und unsichtbar zuzusehen, hat das Kollektiv Kompliz*, zu dem über 140 Kultur-Initiativen, Clubs und Ausstellungsräume gehören und auch die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, #machdeinkreuz ins Leben gerufen.
Hier mehr über die Initiative, die sicherlich auch 2026 weitergehen wird. Da wird unter anderem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt.
Bildnachweis: Memorium Nürnberger Prozesse Bild: Screenshot »Tribunal 45 – Working on Justice«
»Tribunal 45«: Gegen das Vergessen
Zum 80. Jahrestag des Nürnberger Prozesses gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher, ist dieses eindrucksvolle Handygame erschienen, das einen spannungsreich durch den Prozess führt, hochaktuell ist –und nachdenklich macht.
Es war das erste internationale Strafgericht, das am 20. November 1945 in Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes seine Arbeit aufnahm, um die monströsen NS-Verbrechen aufzuarbeiten und die Haupttäter zu verurteilen.
24 hochrangige NS-Funktionäre waren angeklagt, unter ihnen Hermann Göring, Rudolf Heß, Albert Speer und Joachim von Ribbentrop.
Erstmals wurde die persönliche Verantwortung von Politikern und Militärs untersucht und zahlreiche von ihnen wurden zum Tode verurteilt.
Mitten hinein in die Szenerie führt das Serious Game »Tribunal 45«, das von dem Memorium Nürnberger Prozesse, dem Museum im Justizpalast in Nürnberg, in Auftrag gegeben wurde und von dem Berliner Games Studio Playing History in enger Zusammenarbeit entwickelt wurde.
Eric Schwarz hat keine Angst vor großen Gefühlen › PAGE online
Eric Schwarz braucht gerade mal vier Bilder, um von der Liebe zu erzählen, von Sehnsucht und Begehren und von den Zweifeln. Das ist so berührend wie erhellend – und ungemein tröstend. So wie jetzt in seinem Comicband »Fühl zu viel«.
Wir haben die Arbeiten des Illustrators und Comicautors Eric Schwarz, der zwischen Paris und Saarbrücken pendelt, vor einigen Jahren auf der Pictoplasma entdeckt.
Gefeiert war sein Talk, in dem er tief in große Gefühle eintauchte und zeigte, wie er sie in seinen lyrischen Comics in nur vier Bildern destilliert.
Meistens im monochromen Blau und immer so umwerfend offen auf den Punkt, dass man sich staunend selbst mit seinem manchmal quälenden Gedanken darin wiederfindet, man sich gesehen fühlt und durchatmet, dass man damit nicht alleine ist.
»Gefühle hinaus in die Welt zu geben, macht es viel leichter, sie loszulassen«, sagt Eric Schwarz selbst und erzählt von Liebe, Begehren und Leiden, von Sehnsüchten und Selbstzweifeln.
Und vor allem auch von der Intensität von Liebe und davon, was sie so besonders macht.
Große Gefühle
»Fühl zu viel« hat er seinen neuen Comic-Sammelband genannt, der mit seinen visuellen und auch sprachlichen Metaphern verblüfft.
»In meiner Erinnerung warst du größer« ist zu lesen, »Morning Routine: Herausfinden, ob du meine Posts gesehen hast« oder »Du kannst dich bewegen, ich passe mich an«.
Dazu nehmen die Gefühle die unterschiedlichsten Formen an, breitet eine Blume ihre Wurzeln zu weit aus, wird die eigene Persönlichkeit Huckepack genommen, werden Steine behauen oder die Liebe wie eine Zitrone ausgepresst.
Das ist alles entwaffnend offen und verströmt jede Menge Mut, sich selbst zu öffnen.
Die monochromen Illustrationen von Eric Schwarz sind im New York Times Magazine, in der Bloomberg Businessweek oder der Dresdner Oper zu finden – und jetzt auch auf gleich 208 Seiten in seinem ersten Comicband. Und garantiert ist: danach wird man sicherlich anders fühlen.
Eric Schwarz: Fühl zu viel, 208 Seiten, Edition Moderne, 15 Euro, ISBN 978-3-03731-293-3
»Markenführung ist dann erfolgreich, wenn Branding und Performance ineinandergreifen« › PAGE online
Warum starke Marken strategische Klarheit brauchen, Vertrauen wichtiger ist als kurzfristige Reichweite und Branding nur im Zusammenspiel mit Performance wirkt, erklärt Lutz Dietzold, Geschäftsführer des German Design Council.
Märkte werden unübersichtlicher, Aufmerksamkeitsspannen kürzer, der Wettbewerb wird härter – darum ist gerade heute die Sichtbarkeit für Markenerfolge wichtiger denn je. Marken stehen nicht nur vor den genannten Herausforderungen, gleichzeitig sollen sie gute Produkte oder Dienstleistungen anbieten, Haltung und Orientierung vermitteln. Wer diese Aufgabe nicht selten in Teamarbeit meistert und darin herausragt, verdient Anerkennung und sollte sich zurecht feiern dürfen. Der German Brand Award schafft hier nicht nur den Rahmen, sondern setzt auch Impulse für die gesamte Branche.
Zudem entstehen rund um den Award eine einmalige Community und ein starkes Netzwerk aus kleinen wie großen Akteur:innen der Marken- und Kommunikationswelt. Sichtbarkeit durch den Award bedeutet also nicht nur Reputation, sondern auch wertvolle Vernetzung und Austausch auf Augenhöhe.
Was bedeutet »Marke« für Sie?
Schreibe ich in ein Notizbuch von Moleskine oder auf lose Zettel? Fällt meine Entscheidung auf eine Wärmepumpe von BOSCH oder einen unbekannten Hersteller? Setze ich mich auf einen Stuhl oder einen Thonet? Exemplarisch steht jede der drei Marken für Identifikation, Qualität und Orientierung. Mehr noch: Marke ist fester Bestandteil unserer Alltagskultur. Sie beeinflusst unsere Kaufentscheidungen. Mit einer Marke entstehen langfristige Bindungen – der eigentliche Gebrauchswert dahinter wird dabei häufig zweitrangig. Wenn diese Relation einem Unternehmen gelingt – Produkt, Positionierung und Purpose erfolgreich erlebbar zu machen – sprechen wir von Marke.
Aktuell sprechen wir viel darüber, dass Branding im Vergleich zu Performance in der Markenführung wieder in den Vordergrund rückt. Sehen Sie das auch so – und begrüßen Sie diese Entwicklung?
Ja, das sehe ich ganz klar in Unternehmen und nicht zuletzt an den Ergebnissen der aktuellen Managementstudie »Deutscher Markenmonitor«. Darin gibt nur etwa jede/r Siebte der 311 Teilnehmenden an, den Markenerfolg mit klaren KPIs zu messen. Welchen Einfluss Produkte und Sortimente, Services oder Vertrieb auf das Image haben, wird größtenteils nicht gemessen. Gleichzeitig haben die meisten der befragten Unternehmen keine aus der Marke abgeleiteten Vorgaben für ihre Innovationsstrategien. Dass Branding gleichzeitig wieder stärker in den Vordergrund rückt, begrüße ich ausdrücklich. Markenführung ist aber nur dann erfolgreich, wenn sie ganzheitlich ist und Branding und Performance ineinandergreifen.
Viele Marken haben das Ziel, »aspirational« zu sein, also Begehren, Lifestyle und emotionale Identifikation zu erzeugen. Wie gut gelingt das deutschen Marken – und wie hat sich das verändert?
Um zunächst mit einer weit verbreiteten Zuschreibung aufzuräumen: An emotionaler Identifikation fehlte es bei deutschen Marken nie. Nur lag die Emotion häufiger in Vertrauen, Qualität und handwerklicher Kredibilität à la »Made in Germany« des Industriesektors, was pauschal als rational wahrgenommen wurde – sei es über den Käfer von Volkswagen oder den Vorwerk-Staubsauger. Vor allem auch bei den Konsumgütern gab es immer schon emotional aufgeladene Marken. Ich denke da etwa an Nivea, Haribo, Persil oder Maggi, die seit den 1930ern bestimmte Gefühle transportierten – damals einen begehrenswerten Lebensstil und heute Nostalgie – und damit Ikonenstatus erreicht haben.
»Es geht verstärkt um Storytelling, um Erlebnisse und Haltung. Deutsche Marken verbinden ihre traditionellen Stärken zunehmend mit mutigen Identifikationsangeboten.«
Wie gut dies heute deutschen Marken gelingt, will ich pauschal nicht sagen. Denn unsere inländischen Markenmacher:innen sind zu international aufgestellt, um es von einer Nation abhängig zu machen. Was sich aber aus den vielen Einreichungen der vergangenen Preisverleihungen ablesen lässt, ist der veränderte Fokus: Es geht verstärkt um Storytelling, um Erlebnisse und Haltung. Deutsche Marken verbinden ihre traditionellen Stärken zunehmend mit mutigen Identifikationsangeboten.
Sie haben es gerade angeschnitten: Wann ist eine Marke erfolgreich? Lässt sich das allein am Umsatz messen?
Nicht nur, aber auch. Der Deutsche Markenmonitor 2026 belegt erstmals, dass Unternehmen mit starker Markenführung nachweislich wirtschaftlich erfolgreicher sind: Sie wachsen nachhaltiger, erzielen höhere Margen und sichern sich Wettbewerbsvorteile. Was nicht heißt, dass alle Marken gleich groß oder umsatzstark sein müssen. Klein- und Kleinstunternehmen mit regionaler Stärke oder einer spitzen Zielgruppe sind hier genauso gemeint. Unabhängig der Unternehmensgröße zielt erfolgreiche Markenarbeit heute darauf ab, Werte sichtbar zu machen und Konsument:innen durch eine sich stetig verändernde Gegenwart zu leiten. Das darüber entstehende Identifikationspotenzial ist maßgeblich für das erfolgreiche Image einer Marke. Dass sich dies auch in Wirtschaftlichkeit niederschlagen sollte, ist selbstredend.
Marke wirkt also erst einmal nach innen stärker als nach außen – und ist substanziell für eine erfolgreiche Unternehmensführung?
Absolut. Was ich anfangs aus Sicht der Konsument:innen beschrieben habe, ist aus Unternehmensperspektive das Zusammenwirken von Strategie, Design und Kommunikation. Das Ergebnis komplexer Entscheidungen, bei dem Marke als internes Führungsinstrument dient. In einer Zeit, in der Märkte fragmentierter werden, technologische und soziale Transformation Ungewissheit birgt, entscheiden nicht einzelne Kampagnen, sondern eine richtungsweisende Marke über den Erfolg eines Unternehmens. Sie wird darum auch immer wieder mit einem Kompass verglichen. Mit diesem Verständnis ist es nur konsequent, Markenmacher:innen verstärkt strategische Relevanz und Entscheidungskompetenz zuzusprechen und diese zu würdigen. Die damit einhergehenden Erfolge macht der German Brand Award nun seit zehn Jahren sichtbar.
Allein im DACH-Raum gibt es mehrere Preise, die Markenarbeit in den Fokus rücken. Warum braucht es diese Preise nach wie vor – und was macht der German Brand Award anders?
Der German Brand Award sticht hervor, weil er nicht die lautesten Kampagnen benennt, sondern Marke ganzheitlich und als strategische Führungsaufgabe behandelt. Als Ausrichter setzt der German Design Council damit auch seinen Gründungsauftrag um: das Zusammenwirken von Design, Marke und Innovation als wirtschaftsfördernde Faktoren zu stärken. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Auf der Preisverleihung treffen CMOs auf Agenturen, politische Vertreter:innen auf Geschäftsführer:innen und Kreativteams auf potenzielle Auftraggebende. Der Tag steht im Zeichen von Wissensaustausch, Networking und dem verdienten Feiern von Erfolgen – und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue darauf!
Der GBA wird seit 2026 verliehen. Welches sind ihre drei wichtigsten Erkenntnisse aus zehn Jahren Markenexzellenz?
In der vergangenen Dekade hat sich kaum eine andere Branche in ihrem Wesen so stark verändert und professionalisiert, wie die Markenarbeit. Damals sprachen wir noch von »digitalen Welten«, heute herrscht »Digital First«. Nach der Pandemie sollten es NFTs als Markeninstrument richten. Unternehmen setzen zunehmend auf New Work und eine mitarbeitendenzentrierte Unternehmenskultur und Markenführung. Und ein über die Jahre aufgekommenes und anhaltendes Nachhaltigkeitsbewusstsein brachte manche Traditionsmarke in Bedrängnis.
»Marken sind heute keine reinen Sender mehr. Sie versprechen Erlebnis- und Identifikationsmomente, bauen Communities und ganze Netzwerke auf.«
Wenn ich auf die Gründungsmoment des German Brand Award zurückblicke, dann lassen sich drei zentrale Erkenntnisse festhalten. Erstens: Keine Markenexzellenz ohne strategische Klarheit. Die überzeugendsten Marken entstehen dort, wo Positionierung, Unternehmenskultur und Kommunikation konsequent zusammenspielen. Und Designsprache dies übersetzt. Zweitens sehen wir, dass Vertrauen langfristig stärker wirkt als kurzfristige Aufmerksamkeit. Gerade in Transformationsprozessen und anhaltenden Krisen sind es die glaubwürdigen und konsistenten Marken, die resilient bleiben – wo wir wieder beim Kompass wären. Und drittens hat sich Markenführung deutlich weiterentwickelt: Marken sind heute keine reinen Sender mehr. Sie versprechen Erlebnis- und Identifikationsmomente, bauen Communities und ganze Netzwerke auf. Sie sind noch gefestigter in unserer Alltagskultur, als sie es bereits vor einer Dekade waren.
Welche Bühnenmomente der vergangenen 10 Jahre sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?
Ich durfte eine Menge inspirierende Persönlichkeiten aus allerlei Branchen auf die Bühne bitten, die auf unterschiedlichsten Wegen ihren Beitrag zu exzellenter Markenführung im DACH-Raum geleistet haben. Eine Begegnung, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war ein Gespräch mit dem Gewinnerteam von »Unsere Bayerischen Bauern« auf der Award Show 2022. Mit Milchbauern und -bäuerinnen über Markenarbeit zu sprechen war ein einmaliger Perspektivwechsel für mich. In 2024 hatten wir dann Deutschlands einflussreichsten Rapper auf der Bühne: Kool Savas und die Agentur UMG For Brands wurden für ihre kulturell aufgeladene Kampagne zum Launch des neuen »Call of Duty«-Games gewürdigt. Härter könnten die Kontraste nicht sein, oder? Es fällt mir nicht leicht, aus den vielen Erfolgsmomenten zu filtern. Gerne denke ich aber auch an die strahlenden Gesichter der Gewinnerinnen von Bridging Gaps zurück. Die Non-Profit-Organisation, die Spenden als Mikrokredite im globalen Süden vergibt, erhielt gemeinsam mit Studio tülü den Titel »Brand Innovation of the Year«. Die damalige Creative Directorin Wiebke Meyer-Lüters hinterließ einen bleibenden Eindruck, sodass wir sie daraufhin in der Jury des German Design Award integrierten. Zuletzt will ich mit einer Erfolgsgeschichte enden, mit der mitunter alles begann: Der Pharma- und Technologiekonzern Merck überarbeitete seinen globalen Markenauftritt 2015 radikal, was damals kontrovers diskutiert wurde – und heute als mutiger Erfolgsweg gilt. Dem 350 Jahre alten Unternehmen sollte man sein Alter nicht ansehen, wohl aber seine Innovationsfähigkeit. Der German Brand Award 2016 zeichnete dieses disruptive Rebranding gleich in mehreren Kategorien aus.
Zu Lutz Dietzold:
Lutz Dietzold (*1966) ist seit 2002 Geschäftsführer des German Design Council, vormals Rat für Formgebung. Zuvor war er als Berater für die Designbranche selbstständig und verantwortete die Geschäftsführung von Hessen Design inklusive strategischer Neuausrichtung der Designförderung. Seit 2011 ist Dietzold Mitglied im Beirat der Mia Seeger Stiftung sowie im Vorstand der Stiftung Deutsches Design Museum, dessen Vorsitz er 2020 übernahm. Im selben Jahr wurde er in den technisch-wissenschaftlichen Beirat der Rudolf-Diesel-Medaille berufen. Darüber hinaus engagiert er sich im Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums und ist Mitglied zahlreicher Jurys und Gremien. Dietzold teilt sein Wissen zu den Themen Wirtschaft und Design regelmäßig in Artikeln und Vorträgen auf nationaler und internationaler Ebene. Sein Engagement erweiterte sich 2024 mit der Berufung in das Kuratorium der World Design Capital 2026. Seit 2025 ist er zudem Mitglied im Hochschulrat der Hochschule für Gestaltung Offenbach.
Vernel, eine zum Unternehmen Henkel gehörende Weichspüler-Marke, hat ein Rebranding vollzogen. Im Zuge der Überarbeitung des Packaging-Designs wurden neben dem Flaschenformat auch das Markenlogo selbst modifiziert. Zudem wurde die Produktlinie durch neue Wäschepflegeprodukte-/düfte erweitert.
Die Marke Vernel wurde erstmals 1969 im deutschen Markt lanciert, als einer der ersten Weichspüler. Heute ist die Marke Vernel in vielen europäischen Märkten präsent. Die nun vollzogene Erneuerung des Markenauftritts erfolge im Hinblick auf eine klarere Varianten-Differenzierung sowie mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit, so das Unternehmen. Der Flaschenkörper bestehe nunmehr aus 100 % recyceltem Plastik. Dank veränderter Formel sei Vernel Weichspüler nun erstmals für alle Textilien geeignet.
Die Gestaltung der Verpackung wurde dezent überarbeitet. Bei grundsätzlich ähnlichem Aufbau wurden Visualisierungen/Renderings stilistisch neu interpretiert und die unterschiedlichen Elemente wie Produktnamen (z.B. „Frischer Morgen“) und Piktogramme neu arrangiert.
Vernel Logo – vorher und nachher, Bildquelle: Henkel, Bildmontage: dt
Auch das Markenlogo, eine zweizeilige scriptuale Wortmarke, wurde dezent angepasst: der Blauton ist nun etwas dunkler, der umgebende helle Schein wurde entfernt. Auf Verpackungen der neu geschaffenen Produktlinie Aromatherapie ist der Vernel-Schriftzug zudem in gold statt in dunkelblau abgebildet (siehe Produktsortiment).
Der neue Flaschenkörper ist im Vergleich zum bisherigen Format etwas kleiner jedoch sichtbar breiter. Die Füllmenge wurde von bisher 858 ml auf 1.100 ml angehoben. Die Weichspülermenge reicht nun, wie es die auf der Vorderseite abgebildete Kennzeichnung ausweist, für 50 statt für 39 Wäschen.
Bei der Drogeriekette DM wurde der Preis von 1,95 € (Literpreis 2,27 €) auf 2,95 € (Literpreis 2,68 €) angehoben (siehe Abb. unten). Auch bei anderen Händlern sind ähnliche Preisanstiege zu beobachten.
Vernel Relaunch – im Onlineshop von DM, Quelle: DM
Das neue Vernel Portfolio soll laut Henkel ab dem 4. Februar 2026 im Handel erhältlich sein.