Digital Business & Startups
Gründen heißt auszuhalten – Was mich die härtesten Jahre lehrten
2018, noch während meines Informatikstudiums, habe ich Neurologiq gegründet, mit der Vision, KI in die industrielle Praxis zu bringen. Kein Side-Hustle, kein Feierabendprojekt, sondern die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen. Und bevor es richtig losging, habe ich meinen Freunden gesagt: „Ich werde die nächsten Jahre fast nie da sein.“
Nicht, weil ich arrogant war. Sondern weil ich im Gefühl hatte, was auf mich zukommt.
Seit meinem 18. Geburtstag habe ich keinen mehr so richtig gefeiert. Statt Kerzen gab’s Deadlines. Statt Geschenken Verantwortung. Statt Party: volles Commitment.
Manche dachten, ich übertreibe. Andere haben es belächelt. Heute weiß ich: Ich habe wahrscheinlich sogar untertrieben.
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Wenn alles gleichzeitig zerbricht
Der härteste Moment kam nicht wegen eines geplatzten Deals oder einer gecrashten Finanzierungsrunde. Sondern mitten in der Restrukturierung meines Unternehmens, als das Geschäftsmodell nicht mehr funktionierte und ich unter Druck stand, alles wieder in die Spur zu bringen. Im Rücken stand mir zu diesem Zeitpunkt ein Venture-Capital-Fonds, der meine persönliche Haftung haben wollte. Bis heute bezweifle ich, ob dieser wirklich sein Geschäftsmodell gefunden hat. Aber sei es drum, wir konnten eine Einigung finden.
In dieser Gründungsepisode kam plötzlich ein Anruf meiner Mutter: Mein Onkel war tot. 53 Jahre. Alleinstehend. Meine Mutter hat ihn leblos im Bett gefunden.
Er war für mich mehr als nur ein Verwandter. Er war der Mensch, der in meiner Kindheit vieles aufgefangen hat. Der da war, wo andere es nicht waren. Er hat sich viel um mich und meinen Bruder gekümmert, ohne dass das jemand von ihm erwartet hätte.
Kurz davor starb meine geliebte Großmutter. Kurz danach zerbrach meine langjährige Beziehung. Und im Unternehmen musste ich den Turnaround schaffen.
Alles in wenigen Monaten. Es hat mich fast zerrissen. Und doch habe ich weitergemacht. Nicht, weil ich keine Wahl hatte. Sondern weil ich überzeugt war, und es immer noch bin: Wenn du gehst, bevor es gut wird, wirst du nie wissen, ob es das wert gewesen wäre.
Das steht in keinem Pitchdeck
Das, worüber in Podcasts oder glossy Gründerportraits selten gesprochen wird: Gründen kostet dich zuerst fast alles, und gibt dir erst später etwas zurück.
2022, im Strudel der schlechten Nachrichten, war mein Tiefpunkt. Ich habe Körpergewicht zugenommen, war ausgelaugt und lebte ungesund. 104 Kilogramm in der Spitze, eigentlich wiege ich um die 80. Zu viel Pizza, zu wenig Schlaf, zu viel „noch eben das fertig machen“. Ich funktionierte. Aber ich lebte nicht.
Ende 2022 griff das neue Geschäftsmodell. Die Entscheidungen der letzten Monate zahlten sich aus. Endlich war wieder Luft zum Atmen da. Klarheit. Und ein Gefühl: Es hat sich gelohnt.
Aushalten heißt nicht scheitern
Natürlich gab es Momente, in denen ich dachte: „Ist das alles zu viel?“ – Aber hinschmeißen? Keine Sekunde. „Failure is not an option.“ Das ist mein Leitsatz, und der meines Chief of Staff. Wenn ein Weg nicht funktioniert, suchen wir einen neuen. Punkt. Er war es auch, der mir beigebracht hat, was eine gesunde Fehlerkultur bedeutet.
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„Auch wenn etwas nicht funktioniert, ist das ein wertvolles Ergebnis. Dann weißt du, was du nicht mehr machen musst, und kannst dich auf das konzentrieren, was funktioniert“, sagte er mir immer und immer wieder.
Ein anderer Satz, der geblieben ist, kam von meinem Beirat: „Simon, du brauchst einen Tiefpassfilter. Nicht jeder Ausschlag ist eine Krise. Nicht jede Eskalation braucht eine Sofortreaktion.“
Heute analysiere ich, bevor ich reagiere. Ich entscheide im Sparring mit Menschen, denen ich vertraue. Und ich habe gelernt: Druck ist nicht automatisch schlecht. Druck kann auch Bewegung erzeugen. Manchmal ist es genau dieser Druck, der dich wachsen lässt.
Was ich anderen Gründerinnen und Gründern sagen würde
Ich bekomme viele Nachrichten.
„Wie viel muss ich opfern?“
„Woran merke ich, ob es sich lohnt?“
„Wie viel ist zu viel?“
Es gibt keine universelle Antwort. Aber ich habe drei Fragen, die ich mir selbst stelle – immer und immer wieder:
- Mache ich das hier aus Überzeugung, oder aus Angst, aufzugeben?
- Würde ich diesen Weg auch gehen, wenn niemand zuschaut?
- Entwickle ich mich, oder verliere ich mich gerade?
Gründen ist kein linearer Weg. Es ist Entwicklung. Und Entwicklung funktioniert nicht ohne Risiko, nicht ohne Schmerz, nicht ohne Selbstreflexion.
Heute arbeite ich anders, weil ich mich verändert habe. Ich habe zu früh auf die falschen Leute gehört. Ich habe mich treiben lassen, statt selbst zu lenken. Heute würde ich mir mehr Zeit nehmen, klarer entscheiden, besser zuhören, auch mir selbst. Aber ehrlich gesagt: Das ist Teil des Prozesses.
Gründen lernst du nicht aus einem Podcast oder aus einem Buch. Auch nicht aus diesem Essay. Du lernst es, indem du dich hinsetzt, alles aufbaust, manchmal abbauen musst, Fehler machst, weitermachst. Und indem du bereit bist, dich weiterzuentwickeln.
In den USA sagt man: „You’re not really a founder until you’ve failed once.“ Und selbst wenn das nur halb stimmt, es macht Mut.
Diese Kultur wünsche ich mir auch für Deutschland. Scheitern ist kein Weltuntergang. Es ist manchmal der Anfang von etwas, das wirklich Substanz hat. Und ich meine es ehrlich.
Und ich würde es wieder tun
Ich führe Neurologiq heute mit mehr Ruhe, mehr Tiefe, mehr Klarheit. Wir begleiten Organisationen, vom Mittelstand bis zu Konzernen wie Thyssenkrupp, bei der Entwicklung und Integration von KI. Nicht als Buzzword-KI-Beratung. Sondern als operative Umsetzer, dort, wo Entscheidungen getroffen werden.
Ich bin Teil von Expertennetzwerken in Wirtschaft und Politik, schreibe Kolumnen, halte Vorträge, und bin trotzdem jeden Tag Unternehmer. Ein Mensch. Ich treffe Entscheidungen. Ich zweifle. Ich wachse. Aber: Ich liebe es.
Und vor allem: All das, was ich dir erzählt habe, würde ich wieder tun. Nicht, weil es einfach war. Sondern, weil es meins war.
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Keiner will diesen Knochenjob machen – jetzt übernimmt ihn ein KI-Roboter
Wer selbst nicht vom Bau ist, hat auf Baustellen selten einen guten Stand. Investoren, Ingenieure, Frauen gar – alle nicht so gern gesehen. Dem Sitegeist allerdings geht es anders. Den mögen sie auf dem Bau. Alle. Denn: Der nimmt ihnen die schlimmste Drecksarbeit ab.
Dabei klagt er nicht und murrt nicht und – für den Chef das Beste: Er braucht auch keine Pause. Denn der Sitegeist ist ein Roboter, der Betonabbrucharbeiten ausführen kann. Dabei entfernt er maroden Beton mit einem Hochdruckwasserstrahl, etwa bei zu sanierenden Brücken, in Parkhäusern oder Tunneln.
Weil es dazu enorm viel Druck braucht, 3000 bar, ist diese Arbeit äußerst anstrengend. Zugleich muss man sehr präzise arbeiten, darf nicht zu viel Beton und nicht an den falschen Stellen abtragen. Für diese Arbeit braucht es viel Erfahrung und es gibt komplexe Sicherheitsvorschriften. Kurz: Auf dem Bau ist Betonabtrag nicht nur äußerst unbeliebt, oft fehlen dafür auch schlicht die Fachkräfte.
Impuls aus der Praxis
Betonsanierung ist einer der größten Pain Points im Baugewerbe, erklärt Lena-Marie Pätzmann, Co-Founder und CEO von Sitegeist. Und genau deshalb sei bereits vor einigen Jahren ein Bauunternehmen an den Lehrstuhl für „Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme“ der Technischen Universität München herangetreten. Und zwar mit der Frage: Kann man da nicht mal was machen? Könnte man nicht zum Beispiel einen Roboter bauen, der diesen Schweinejob übernimmt?
Ein Professor des Lehrstuhls, der Ingenieur Matthias Althoff, fand das eine spannende Frage und schrieb sie als Forschungsprojekt für eine Bachelorarbeit aus. Und an die machte sich Julian Hoffmann. Es stellte sich heraus: Solch ein Roboter ist nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Denn Mannstunden sind in diesem Fall teurer als Roboterstunden. Und damit war die Sache mit dem Betonabriss-Roboter nicht nur eine gelungene Uni-Arbeit, sondern eine grundsolide Startup-Idee.
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Im Sommer 2025 setzten Julian Hoffmann und seine Kommilitonen Claus Carste und Nicola Kolb die Idee um und gründeten Sitegeist – gemeinsam mit Lena-Marie Pätzmann. Nach ihr hatte das Team gesucht: „Bei einem Hackathon bei Google sind Claus und Julian total direkt auf mich zugekommen und haben mich gefragt, ob ich ihnen helfen kann, die Anträge für den Exist Forschungstransfer fertigzumachen“, erzählt Pätzmann. „Die beiden haben mich wahnsinnig fasziniert mit ihrer Direktheit.“ Die St. Gallen-Absolventin übernimmt als CEO vor allem den betriebswirtschaftlichen Teil der Gründeraufgaben.
Dazu gehört natürlich und vor allem das Fundraising – und das hat schon mal geklappt. Nur sechs Monate nach Gründung schloss Sitegeist gerade eine vier Millionen Euro Pre-Seed-Finanzierung ab, angeführt von den VCs b2venture und OpenOcean und unter Beteiligung des Funding for Innovators Fonds der UnternehmerTUM sowie renommierter Business Angels wie Verena Pausder (auch eine St. Gallen-Alumna) und Lea-Sophie Cramer.
Roboter made in München
Dass Sitegeist in München zu Hause ist, ist nicht sonderlich überraschend. München ist Deutschlands Robotic Hotspot Nummer Eins. Die Liste der hier beheimateten, bekannten Roboter-Startups ist lang: Da wäre zum Beispiel das Roboter-Unicorn Agile Robotics. Oder Robco, ein Startup, das modularer Robotik-Hard- und Software ( aka “Physical AI“) für autonome Industrieautomatisierung macht und vor ein paar Wochen erst 85 Millionen geraised hat. Oder im Bereich Defense: Arx Robotics – auch die bauen an einer Art Roboter im näheren Münchner Umfeld. Filics macht Roboter für Lagerlogistik, Kewazo Baurobotic.
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Die Liste der – noch – unbekannten und ganz jungen Robotics Startups aus der bayerischen Landeshauptstadt ist noch länger: Im Robotics Venture Lab von UnternehmerTUM werkeln Gründerinnen und Gründer aktuell etwa an Robotern für Menschen in mentalen Notlagen (Navel Robotics) oder welchen für die häusliche Pflege (Devanthro).
MIMRI macht’s
Dass gerade an der Isar so viel in Sachen Robotics passiert, das liegt, sagen die, die hier an ihren Roboter Startups arbeiten, an der TUM, ganz klar. Und am MIRMI, dem Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence, ein integratives Forschungsinstitut und Teil der Technischen Universität München.
Seit Jahrzehnten forschen und arbeiten dort Wissenschaftler, die auf ihren Gebieten führend sind: Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, zum Beispiel, Executive Director des MIRMI und Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz. Er gilt als einer der prominentesten Robotik-Forscher weltweit, insbesondere in der Mensch-Roboter-Kollaboration und der Entwicklung roboterfeinmotorischer Fähigkeiten.
Oder eben Matthias Althoff, Professor für Cyber Physical Systems, der nicht nur den indirekten Auftrag der Bauindustrie angenommen hat, mit dem Impuls einen Betonabrissroboter zu entwickeln, sondern der in der Vergangenheit auch das Startup RobCo mit ausgegründet hat – und den das Team von Sitegeist als seinen „Gründungsvater“ bezeichnet.
Ein Beispiel von Physical AI
Nun ist München freilich nicht über Nacht Roboter-Hauptstadt geworden, erklärt Max Pohl, Founders Associate bei Sitegeist. Roboter würden seit über fünfzig Jahren gebaut – nur würden die eben immer „schlauer“. Selbst Roboter mit Sensoren seien nicht neu, aber seit in Betrieben immer mehr Daten zur Verfügung stehen, könnten Roboter mit immer mehr Informationen versorgt werden. Und so werden sie künstlich intelligent.
„Physical AI“ gilt als DER Megtrend 2026. Auch auf den World Economic Forum in Davos war oft die Rede davon: Künstliche Intelligenz wird die Bildschirme verlassen und in Körper und Maschinen einziehen. Sie verbindet dort Wahrnehmung, beispielsweise per Kamera, Lidar, Sensoren oder Mikrofon, mit autonomen Entscheidungen, mittels Machine oder Deep Learning, und darauffolgenden Aktionen.
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Die Sitegeist-Roboter sind ein Beispiel für solche verkörperte KI. Oder genauer: Sie sind auf dem Weg dahin, das Startup ist ja noch am Anfang. Der Baustellenroboter muss eine große Herausforderung meistern: keine Baustelle ist gleich. Er muss sich also – im Gegensatz zu einem am Produktionsband installierten Roboterarm, der in einer klar strukturierten Umgebung und einem sich wiederholenden Prozess befindet – in unterschiedlichen Umgebungen zurechtfinden. Sitegeist muss „sehen“ und aus dem Gesehenen Handlungen ableiten.
Darüber hinaus braucht er die Fähigkeit, unebenes Gelände zu überwinden, er muss dem hohen Wasserdruck standhalten, darf aber zugleich nicht allzu schwer sein (nicht zu vergessen: Er muss über zu sanierenden Beton, also kaputte Brücken und Decken, fahren können.)
In ihrer Garchinger Werkstatt entstanden so mittlerweile fünf Sitegeist-Modelle. Jedes besser als das zuvor, erzählt Pätzmann. Denn: Das Team testet seine Prototypen stets im Einsatz auf echten Baustellen im Auftrag privater Baufirmen.
„Wir gehen jetzt in die Phase, wo wir den Roboter robust machen“, erklärt Pätzmann. Das nächste Etappenziel danach sei dann die CE-Zertifizierung. „Dafür muss er jedoch ein Robustheitsniveau erreichen, bei dem wir sicher sein können, dass er mehrere Wochen am Stück produktiv eingesetzt werden kann.“ Die Herausforderung bestehe nicht nur darin, dass der Roboter der rauen Baustellenumgebung standhält. Entscheidend sei vor allem, dass er auch unter Bedingungen, bei denen selbst ein Mensch kaum noch etwas erkennt, qualitativ hochwertige und reproduzierbare Ergebnisse liefert. „Die Serienproduktion ist erst nach der nächsten oder übernächsten Finanzierungsrunde das Ziel.“
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