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Gründen heißt auszuhalten – Was mich die härtesten Jahre lehrten


Gründen heißt auszuhalten – Was mich die härtesten Jahre lehrten

Simon Sack ist Gründer und CEO des KI-Startups Neurologiq. Das Unternehmen entwickelt und implementiert industrielle KI‑Lösungen, mit denen Unternehmen ihre Produktions‑ und Geschäftsprozesse datenbasiert optimieren und automatisieren
Johannes Ginsberg / urknall.wtf

2018, noch während meines Informatikstudiums, habe ich Neurologiq gegründet, mit der Vision, KI in die industrielle Praxis zu bringen. Kein Side-Hustle, kein Feierabendprojekt, sondern die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen. Und bevor es richtig losging, habe ich meinen Freunden gesagt: „Ich werde die nächsten Jahre fast nie da sein.“

Nicht, weil ich arrogant war. Sondern weil ich im Gefühl hatte, was auf mich zukommt.

Seit meinem 18. Geburtstag habe ich keinen mehr so richtig gefeiert. Statt Kerzen gab’s Deadlines. Statt Geschenken Verantwortung. Statt Party: volles Commitment.

Manche dachten, ich übertreibe. Andere haben es belächelt. Heute weiß ich: Ich habe wahrscheinlich sogar untertrieben.

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Wenn alles gleichzeitig zerbricht

Der härteste Moment kam nicht wegen eines geplatzten Deals oder einer gecrashten Finanzierungsrunde. Sondern mitten in der Restrukturierung meines Unternehmens, als das Geschäftsmodell nicht mehr funktionierte und ich unter Druck stand, alles wieder in die Spur zu bringen. Im Rücken stand mir zu diesem Zeitpunkt ein Venture-Capital-Fonds, der meine persönliche Haftung haben wollte. Bis heute bezweifle ich, ob dieser wirklich sein Geschäftsmodell gefunden hat. Aber sei es drum, wir konnten eine Einigung finden.

In dieser Gründungsepisode kam plötzlich ein Anruf meiner Mutter: Mein Onkel war tot. 53 Jahre. Alleinstehend. Meine Mutter hat ihn leblos im Bett gefunden.

Wenn du gehst, bevor es gut wird, wirst du nie wissen, ob es das wert gewesen wäre.

Er war für mich mehr als nur ein Verwandter. Er war der Mensch, der in meiner Kindheit vieles aufgefangen hat. Der da war, wo andere es nicht waren. Er hat sich viel um mich und meinen Bruder gekümmert, ohne dass das jemand von ihm erwartet hätte.

Kurz davor starb meine geliebte Großmutter. Kurz danach zerbrach meine langjährige Beziehung. Und im Unternehmen musste ich den Turnaround schaffen.

Alles in wenigen Monaten. Es hat mich fast zerrissen. Und doch habe ich weitergemacht. Nicht, weil ich keine Wahl hatte. Sondern weil ich überzeugt war, und es immer noch bin: Wenn du gehst, bevor es gut wird, wirst du nie wissen, ob es das wert gewesen wäre.

Das steht in keinem Pitchdeck

Das, worüber in Podcasts oder glossy Gründerportraits selten gesprochen wird: Gründen kostet dich zuerst fast alles, und gibt dir erst später etwas zurück.

2022, im Strudel der schlechten Nachrichten, war mein Tiefpunkt. Ich habe Körpergewicht zugenommen, war ausgelaugt und lebte ungesund. 104 Kilogramm in der Spitze, eigentlich wiege ich um die 80. Zu viel Pizza, zu wenig Schlaf, zu viel „noch eben das fertig machen“. Ich funktionierte. Aber ich lebte nicht.

Ende 2022 griff das neue Geschäftsmodell. Die Entscheidungen der letzten Monate zahlten sich aus. Endlich war wieder Luft zum Atmen da. Klarheit. Und ein Gefühl: Es hat sich gelohnt.

Aushalten heißt nicht scheitern

Natürlich gab es Momente, in denen ich dachte: „Ist das alles zu viel?“ – Aber hinschmeißen? Keine Sekunde. „Failure is not an option.“ Das ist mein Leitsatz, und der meines Chief of Staff. Wenn ein Weg nicht funktioniert, suchen wir einen neuen. Punkt. Er war es auch, der mir beigebracht hat, was eine gesunde Fehlerkultur bedeutet.

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„Auch wenn etwas nicht funktioniert, ist das ein wertvolles Ergebnis. Dann weißt du, was du nicht mehr machen musst, und kannst dich auf das konzentrieren, was funktioniert“, sagte er mir immer und immer wieder.

Ein anderer Satz, der geblieben ist, kam von meinem Beirat: „Simon, du brauchst einen Tiefpassfilter. Nicht jeder Ausschlag ist eine Krise. Nicht jede Eskalation braucht eine Sofortreaktion.“

Würde ich diesen Weg auch gehen, wenn niemand zuschaut?

Heute analysiere ich, bevor ich reagiere. Ich entscheide im Sparring mit Menschen, denen ich vertraue. Und ich habe gelernt: Druck ist nicht automatisch schlecht. Druck kann auch Bewegung erzeugen. Manchmal ist es genau dieser Druck, der dich wachsen lässt.

Was ich anderen Gründerinnen und Gründern sagen würde

Ich bekomme viele Nachrichten.

„Wie viel muss ich opfern?“
„Woran merke ich, ob es sich lohnt?“
„Wie viel ist zu viel?“

Es gibt keine universelle Antwort. Aber ich habe drei Fragen, die ich mir selbst stelle – immer und immer wieder:

  • Mache ich das hier aus Überzeugung, oder aus Angst, aufzugeben?
  • Würde ich diesen Weg auch gehen, wenn niemand zuschaut?
  • Entwickle ich mich, oder verliere ich mich gerade?

Gründen ist kein linearer Weg. Es ist Entwicklung. Und Entwicklung funktioniert nicht ohne Risiko, nicht ohne Schmerz, nicht ohne Selbstreflexion.

Heute arbeite ich anders, weil ich mich verändert habe. Ich habe zu früh auf die falschen Leute gehört. Ich habe mich treiben lassen, statt selbst zu lenken. Heute würde ich mir mehr Zeit nehmen, klarer entscheiden, besser zuhören, auch mir selbst. Aber ehrlich gesagt: Das ist Teil des Prozesses.

Gründen lernst du nicht aus einem Podcast oder aus einem Buch. Auch nicht aus diesem Essay. Du lernst es, indem du dich hinsetzt, alles aufbaust, manchmal abbauen musst, Fehler machst, weitermachst. Und indem du bereit bist, dich weiterzuentwickeln.

In den USA sagt man: „You’re not really a founder until you’ve failed once.“ Und selbst wenn das nur halb stimmt, es macht Mut.

Diese Kultur wünsche ich mir auch für Deutschland. Scheitern ist kein Weltuntergang. Es ist manchmal der Anfang von etwas, das wirklich Substanz hat. Und ich meine es ehrlich.

Und ich würde es wieder tun

Ich führe Neurologiq heute mit mehr Ruhe, mehr Tiefe, mehr Klarheit. Wir begleiten Organisationen, vom Mittelstand bis zu Konzernen wie Thyssenkrupp, bei der Entwicklung und Integration von KI. Nicht als Buzzword-KI-Beratung. Sondern als operative Umsetzer, dort, wo Entscheidungen getroffen werden.

Ich bin Teil von Expertennetzwerken in Wirtschaft und Politik, schreibe Kolumnen, halte Vorträge, und bin trotzdem jeden Tag Unternehmer. Ein Mensch. Ich treffe Entscheidungen. Ich zweifle. Ich wachse. Aber: Ich liebe es.

Und vor allem: All das, was ich dir erzählt habe, würde ich wieder tun. Nicht, weil es einfach war. Sondern, weil es meins war.

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