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Ist MySQL noch zu retten? Offener Brief an Oracle


Knapp 200 Entwickler, Anwender und Unternehmen aus dem MySQL-Ökosystem haben Oracle in einem offenen Brief aufgefordert, die künftige Governance der Open-Source-Datenbank zu überdenken. Das Schreiben wurde nach zwei MySQL Community Summits in San Francisco und Brüssel im Januar und Februar 2026 veröffentlicht. Federführend ist das auf MySQL-Services spezialisierte Unternehmen Percona, dessen Co-Founder Vadim Tkachenko für die Initiatoren spricht.

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Im Kern kritisiert die Community mangelnde Transparenz, Ressourcenprobleme und fehlende Mitsprache bei der Weiterentwicklung von MySQL. „Die Entwicklung findet hinter verschlossenen Türen statt“, heißt es in einem begleitenden Blogbeitrag von Percona. Private Code-Drops ohne öffentliche Diskussion, intransparente Behandlung von Sicherheitslücken und ein im Herbst 2025 erfolgter Personalabbau von rund 50 Prozent hätten das Vertrauen erschüttert. Seit Monaten gibt es kaum noch Commits im öffentlichen mysql/mysql-server-Repository auf GitHub.

Besonders problematisch sei die fehlende Transparenz bei Sicherheitsbugfixes. Anwender könnten nicht verifizieren, ob bekannte Schwachstellen ihre Installationen betreffen. Zudem sei unklar, wie Oracle künftig Ressourcen für MySQL bereitstellen wolle, nachdem wichtige Entwickler das Unternehmen verlassen haben. Oracle hatte die Entwicklungsressourcen zunehmend in die proprietäre Cloud-Datenbank HeatWave verlagert. Auch Frederic Descamps, langjähriger MySQL Community Manager bei Oracle, kündigte seinen Wechsel zur MariaDB Foundation an.

Die Unterzeichner schlagen Oracle drei unterschiedliche Governance-Modelle vor. Beim ersten, zentralisierten Modell würde Oracle nach dem Vorbild der OpenELA-Initiative eine Foundation anführen, die operative Last aber auf Partner verteilen. Beim zweiten Modell würde Oracle als strategischer Partner in ein von der Industrie geführtes Konsortium eintreten. Das dritte, vollständig autonome Modell sähe eine unabhängige Organisation vor, die MySQL-Advocacy betreibt und überprüft, ob Oracle die Versprechen einhält.

Bis Ende März 2026 soll eine Entscheidung über das Governance-Modell fallen, im zweiten Quartal die rechtliche Struktur geschaffen und im dritten Quartal eine Foundation gelauncht werden. Peter Zaitsev, Mitgründer von Percona, betont die Notwendigkeit unabhängiger Kontrolle: „Wir brauchen jemanden, der mit einer Stimme sprechen und sagen kann: Oracle, das hast du nicht geliefert, und das ist nicht in Ordnung.“

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Oracle reagierte bereits am 11. Februar 2026 mit einem Blogpost zur „Neuen Ära des Engagements mit der MySQL-Community“ auf die sich zuspitzende Kritik aus der MySQL-Community. Der Konzern kündigte unter der Führung von SVP Jason Wilcox eine Drei-Säulen-Strategie an: Innovation in der Community Edition, Erweiterung der Developer-Community und mehr Transparenz.

Konkret verspricht Oracle für MySQL 9.7 LTS (erwartet im April 2026) Vektorfunktionen für KI-Workloads, einen standardmäßig aktivierten Hypergraph Optimizer, vollständige JSON-Duality-Unterstützung mit DML sowie modernisierte Foreign-Key-Constraints. Zur Transparenz sollen öffentliche Diskussionen der Vorschläge, besseres Feedback zu abgelehnten Patches und die Veröffentlichung von Security-Bugs nach erfolgten Fixes gehören. Auch eine Roadmap zur geplanten Weiterentwicklung der Datenbank will Oracle veröffentlichen. Die Ankündigungen gehen damit auf zentrale Kritikpunkte des offenen Briefs ein.

Trotz der Oracle-Ankündigungen bleibt die Community skeptisch. „Wir brauchen Verifizierung durch Taten, nicht durch Worte“, heißt es im Percona-Blogpost. Vadim Tkachenko kritisiert: „Das Oracle-MySQL-Team ist derzeit im Chaos.“ Zentrale Fragen zu den nötigen Ressourcen seien unbeantwortet geblieben, eine Ernennung eines Vice President für die MySQL-Entwicklung stehe weiterhin aus.

Der offene Brief ist auch Ausdruck eines größeren Problems: MySQL verliert seit Jahren an Popularität gegenüber PostgreSQL, das zur Standardwahl für neue Projekte geworden ist. PostgreSQL verfügt über eine unabhängige, dezentrale Governance durch die PostgreSQL Global Development Group – genau das, was sich die MySQL-Community von Oracle erhofft. Die Unterzeichner argumentieren, dass eine unabhängige Foundation mit transparenten Entscheidungsprozessen MySQL wieder wettbewerbsfähiger machen und die Weiterentwicklung verbessern könnte.

Die historische Entwicklung von MySQL von der Gründung durch Michael Widenius und David Axmark 1995 über den Kauf durch Sun Microsystems 2008 bis zur Oracle-Übernahme 2009 zeigt: Governance-Fragen begleiten die Datenbank seit jeher. Bereits nach der Oracle-Übernahme entstand mit MariaDB ein Fork unter Führung des MySQL-Gründers Widenius. Ob Oracle diesmal zu substanziellen Zugeständnissen bereit ist oder ob eine neue Fragmentierung des MySQL-Ökosystems droht, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.


(fo)



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