Spannende Annäherung an Verschollenes: Die Schrift »Ege Basalt« › PAGE online
Die Kleinbuchstaben der »Basalt«, die Eduard Ege in den Jahren 1926/27 entwarf, existierten nur noch in Fragmenten. Die Künstlerin und Schriftdesignerin Lena Schmidt hat das Alphabet jetzt ergänzt und als »Ege Basalt« veröffentlicht.
Eduard Ege (1893-1978) war Grafiker, Holzschneider und Maler. Er entwarf das Münchner Stadtwappen, Buchumschläge und das Logo der Deutschen Bundesbahn, das bis 1993 im Gebrauch war.
1921 zeichnete er die »Ege-Schrift«, eine Versalschrift, auf die 1926/27 die Versalschrift »Basalt« folgte, bold, mit kunstvollen Punzen, Grundstrichen in kontrastierenden Stärken und Abstrichen, die schon mal ein aufregend markantes Eigenleben führen.
Genzsch & Heyse hat einst beide Schriften veröffentlicht, und 1934 erweiterte Eduard Ege die »Basalt« um ein Kleinbuchstabenalphabet.
Das allerdings ist zum Großteil verschollen. Einzig auf einem Flugblatt, das während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden verteilt wurde, finden sich einige der Kleinbuchstaben. Zehn an der Zahl: a, c, g, h, i, n, r, s, u und w.
Moderne Interpretation
Die Hamburger Künstlerin und Typografin Lena Schmidt, die bei Matt Mullican an der HFBK in Hamburg Kunst studierte und sich dann an der HAW auf Grafikdesign mit dem Schwerpunkt Schriftgestaltung spezialisierte, hat jetzt die »Ege Basalt« veröffentlicht.
Und das mit ihrem Studio, ihrer Foundry und ihrem Schriftverlag Spirit & Bones.
Tief ist sie in die Arbeit von Eduard Ege eingetaucht, um anhand der noch vorhandenen zehn Kleinbuchstaben ein vollständiges Alphabet zu zeichnen.
Doch da man Historie natürlich nicht getreu abbilden kann und erst recht nicht kreative Arbeit, ist mit der »Ege Basalt« keine Rekonstruktion, sondern eine moderne Interpretation des Originals entstanden.
Und sie ist so ausdrucksstark und kraftvoll wie Eduard Eges Arbeit und eignet sich besonders für Anwendungen in Editorial Design, Branding und visueller Kommunikation.
Auf I Love Typography ist die »Ege Basalt« gerade mit einem Discount erhältlich.
Ist KI das neue Sampling oder das Ende der Originalität? › PAGE online
»Die Aufgabe von Kreativen ist es, den unwahrscheinlichen Gegenentwurf zu setzen«, sagt Nils Hartmann. PAGE hat mit ihm über Originalität in Zeiten von KI gesprochen – und darüber, was das mit Sampling zu tun hat. Es geht um Bruchstellen, Wissensverbindungen und unseren kreativen Widerstand.
Der Begriff »Sampling« stammt aus subkulturellen Entwicklungen im Hip-Hop. Kurz erklärt: Bestehende Tonaufnahmen (Samples) werden in neuen Beats verarbeitet – wie eine musikalische Collage.
Nils Hartmann, Chief Creative Officer und Managing Partner bei Parasol Island, erklärt, wo der Unterschied zwischen Rekontextualisierung und bloßer Reproduktion liegt und wie heute neue Formen von Originalität entstehen können.
PAGE: Wie kann sich kreative Eigenständigkeit in heutigen Zeiten mit KI durchsetzen?
Nils Hartmann: Nicht über das Machen, sondern über das Unterscheiden. Wenn alle aus denselben (Cloud-)Archiven schöpfen, produziert das statistisch zwangsläufig mehr Ähnlichkeit. Eigenständigkeit entsteht heute nicht mehr durch die reine Erstellung, sondern durch Auswahl, Haltung und tiefe Rekontextualisierung – durch das Wissen, das man von außen in den Loop bringt oder bewusst ausschließt. Die KI berechnet den wahrscheinlichsten Output; unsere Aufgabe ist es, genau dort den unwahrscheinlichen Gegenentwurf zu setzen.
PAGE: Wo liegt der Unterschied zwischen Rekontextualisierung und bloßer Reproduktion?
Nils Hartmann: Im Widerstand des Materials. Beim klassischen Sampling – »Crate Digging«, ein Break auf der MPC – bringt das Original seinen »Geist« mit: seine Geschichte, seinen Kontext, seine Reibung. Ähnlich wie bei dem Stilmittel der Collage. Das ist Rekontextualisierung: Ich setze etwas Konkretes in eine neue Beziehung. Reproduktion dagegen ist, wenn dieser Geist in einer statistischen Wolke verdampft – wenn die Referenz so unsichtbar wird, dass nichts mehr Widerstand leistet. Kein Widerstand, keine Bedeutung. Oder wenn die Referenz zu eindeutig ist und nichts mehr dechiffriert werden muss.
PAGE: Können neue Formen von Originalität entstehen, wenn wir immer wieder Reproduziertes aus den Algorithmen weiterverarbeiten?
Nils Hartmann: Unbedingt sogar. Vor allem an den Bruchstellen. Indem man bewusst Brüche, Fehler und Mutationen erzeugt und sie mit echtem Wissen verbindet. Nicht das Wiederkäuen schafft Neues, sondern der Moment, in dem man den Algorithmus gegen seine eigene Wahrscheinlichkeit zwingt. Für unseren professionellen Alltag suchen wir nach neuen, ungesehenen visuellen Lösungen. Der Kampf um Aufmerksamkeit lässt sich nicht mit more sameness lösen. Aber das geht nur mit Führung (=Direction) und nicht, in dem man einfach die Ergebnisse so nimmt, wie sie kommen.
PAGE: »Den Algorithmus gegen seine eigene Wahrscheinlichkeit zwingen«, das trifft es gut. Aber wie ist es bei selbst programmierten KI-Tools? Die lassen sich mit eigenem Material füttern. Besteht da auch die Gefahr von ständiger Reproduktion?
Nils Hartmann: Ein Modell, das ausschließlich auf das eigene Material trainiert ist, perfektioniert vor allem eines: sich selbst zu wiederholen. Sofern das beabsichtigt ist, kann das Vorgehen zu eigenständigeren Lösungen führen als die Arbeit mit Tools von der Stange. Eigene Tools sind enorm wertvoll – wenn man sie als Erweiterung nutzt, um unerreichbare Territorien zu erkunden oder neue visuelle Ausdrucksformen finden möchte. Die Gefahr ist da, wenn wir KI als Optimierungsmaschine einsetzen, die den gewünschten Stil bis zur Erschöpfung dupliziert. Das ist es, was die meisten Anbieter (Adobe, OpenAI, etc.) ja verkaufen. Nicht »Einzigartigkeit«, sondern »sowohl als auch«. Wir sollten also nicht nur mit handelsüblichen Lösungen experimentieren. Es gibt eine engagierte Community (ähnlich wie damals bei der demoscene, Processing & vvvv), die Grenzen auslotet. Um den Bogen zur Musik zu schließen: It grows in the underground.
Klug & umwerfend modern: So rebranded man einen Energieversorger! › PAGE online
Erst hat Hochburg Design die Brands schwarzwald energy, schwarzwald nature und deer Mobility entwickelt, jetzt folgte der schwierigste Teil: das Rebranding der Dachmarke ENCW. Ein entscheidendes Detail der Identity haben die Kreativen bewahrt – und neu erfunden.
Wir haben bereits darüber berichtet, wie Hochburg Design die Energieversorger schwarzwald nature und schwarzwald energy in umwerfend moderne Marken verwandelt hat – und den eMobility-Brand deer gleich dazu.
Die Rebrandings sind dabei nicht nur visuell mitreißend, sondern auch eindrucksvoll durchdacht und erzählen auf ganz neue Weise aus der Region.
»Eine starke Familie braucht eine starke Mutter« heißt es von Hochburg Design und deswegen haben die Stuttgarter Kreativen jetzt die Energie Calw GmbH (ENCW), die diese Marken unter ihrem Schirm versammelt, mit einem genauso mitreißenden und klugen Redesign versehen.
Und mit einer Folgekampagne, die noch mal einen Schritt weiter geht …
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»Orchestrierung ist keine Software-, sondern eine Macht-Frage« › PAGE online
Mario Wimmer, General Manager bei Plan.Net, über den Kontrollverlust der Marke im MarTech-Dschungel und warum die Antwort keine externe Plattform sein kann.
Mario Wimmer, General Manager bei Plan.Net Bild: Plan.Net
Viele Marken haben in den letzten Jahren massiv in Technologie investiert: in CMS, DXP, Headless- und Microservice-Architekturen, KI-Tools. Das Ergebnis ist paradox. Mehr Kanäle, weniger Konsistenz. Für Mario Wimmer, General Manager bei Plan.Net, steht dabei die Frage im Vordergrund, welche Probleme Marken auf kreativer, organisatorischer und technischer Ebene eigentlich lösen müssen. Ein Gespräch über Plattformabhängigkeit, Markenidentität und die Renaissance der eigenen Website.
PAGE: Viele Marken haben ihren digitalen Stack in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Trotzdem klagen sie über inkonsistente Markenerlebnisse. Wie passt das zusammen?
Mario Wimmer: Das ist kein Zufall. Das ist strukturell. Die Marken folgen mit dem Aufbau neuer Teams und Tools einer Explosion in der Anzahl und Form von Kanälen. Das ist richtig, aber schafft neue Probleme: Koordination und Konsistenz über Kanäle, die sich mit jedem neuen Kanal immer weiter zuspitzen. Der ebenso richtige Push für datengetriebene Arbeit und Effizienz tut hier sein Übriges. Der Markenkern, das große Ganze, End-2-End, gerät aus dem Fokus. Ein hochoptimierter und -performanter Stack pusht brüchige und inkonsistente Markenerlebnisse. Das Rauschen wird verstärkt, die Experience verschwimmt.
»Noch nie war es so einfach eine Marke zu pushen oder durch Mangel an Kuration, Koordination und Konsistenz zu zerstören.«
Hinzu kommt, dass Marken zunehmend auf fremden Plattformen, Markplätzen und sozialen Netzwerken agieren. Diese erschweren durch Formatvorgaben, Reichweiteschranken und Auswertungsmonopole das Ringen der Teams um Koordination und Konsistenz. Der sichere Hafen für Marken und Leuchtturm für Nutzer:innen in dieser stürmischen See: Die eigene Plattform, App und Webseite.Der einzige digitale Raum, den eine Marke vollständig kontrolliert. Wenn dort keine klare Markenführung stattfindet, wird die Konsistenz auf allen anderen Kanälen nahezu unmöglich.
Jetzt kommt KI dazu. Macht das das Problem größer?
Exponentiell. AI kann heute in Sekunden tausende Content-Varianten erzeugen. Das ist produktionstechnisch beeindruckend. Aber wie in vorangehenden Content-Explosionen geht es verstärkt nicht mehr um Produktion, sondern Kuration, Moderation und Orchestrierung. Wird das übersehen, verliert die Marke ihre Stimme. Alles sieht gleich aus und klingt gleich.
Der kreative Differenzierungsraum schrumpft, gerade weil die Produktionskapazität explodiert. Wer nicht aufpasst, geht unter im generativen Rauschen des über AI anschwellenden Mainstreams. AI ist Katalysator und Multiplikator. Noch nie war es so einfach eine Marke zu pushen oder durch Mangel an Kuration, Koordination und Konsistenz zu zerstören.
Gleichzeitig verändert AI die Logik digitaler Sichtbarkeit. Früher mussten Marken vor allem von Menschen gefunden werden. Heute müssen auch KI-Systeme Inhalte verstehen, einordnen und weiterempfehlen können. Auch hier braucht es kuratierte, koordinierte, konsistente eigene Quellen.
Die Antwort der Technologieanbieter lautet meist: »Kauf unsere Plattform, dann hast du Kontrolle.« Was ist daran falsch?
Die drei K – Kuration, Koordination, Konsistenz – sind kein rein technisches Problem. Es ist genauso und zuerst ein organisatorisches. Ein weiteres Tool zu kaufen oder Team zu gründen, löst das Problem nicht, es fügt dem Stack stattdessen ein neues Element hinzu. Was Marken brauchen, ist die Fähigkeit, über alle Systeme und Abteilungen hinweg zu orchestrieren.
Bild: Plan.Net
Wer hier auf alles auf die KI-Blackbox setzt, macht sich nicht nur abhängig, sondern entmachtet sich. KI ist Werkzeug einer durchdachten Marken- und (!) Organisationsarchitektur, nicht ihr Ersatz. Generische AI als Heilsbringer verwäscht die Marke zum Datenbrei und erstickt die Organisation im Rauschen. Es gilt stattdessen Grundsätzliches zu klären: Was ist der Markenkern? Was sind die Erlebnisse? Was sind die Leitplanken? Und wie werden diese über Governance, Organisation und Plattformen zur Basis für Kommunikation für AI und darüber hinaus?
Die eigene Plattform, App und Webseite sind die perfekte Basis für Marken, sich wieder zu erfinden. Nicht immer Greenfield, nicht immer Hype, aber 100 % unter der Kontrolle der Unternehmen. Sie und nur sie entscheiden hier über Inhalte, Daten, Experience und Geschäftsmodelle. Das gibt ihnen den Freiraum, genau hier die notwendige Integrationsleistung für Teams und Tools zu vollbringen, um ihre Marke auch in einem größeren Kontext neuer KI-Plattformen klar und relevant zu kommunizieren.
»Eine starke Website schafft einen verbindlichen Markenkern, von dem aus sich alle anderen Erlebnisse ableiten lassen.«
Für Kreative und Designer klingt das nach Überforderung – sie sollen neben Technik auch noch Organisations-Design beherrschen? Wo bleibt da der Raum für das Kreative?
Eigentlich ist es sogar eine Befreiung. Digitalisierung, Automatisierung und KI sind Multiplikatoren kreativer Arbeit. Der kreative Kernanspruch – Marken, Botschaften und Erlebnisse zu gestalten – wird immer wichtiger. Die Relevanz technischer Nebenschauplätze dagegen sinkt, wenn organisatorische und technische Hausaufgaben gemacht werden. Dann produzieren Systeme aus einer kreativen Source of Truth dank Automatisierung und AI konsistente und koordinierte Erlebnisse. Und Kreative kuratieren das Besondere.
Eine starke Website schafft einen verbindlichen Markenkern, von dem aus sich alle anderen Erlebnisse ableiten lassen – egal ob App, Social Media, Commerce-Plattform oder KI-Agent. Eine Marke, die weiß, wer sie ist und deren Systeme das konsequent abbilden, gibt dem Kreativ-Team den Spielraum zurück. Brand Sovereignty ist am Ende eine Voraussetzung für gutes Design. Kein IT-Thema, sondern eine Führungsfrage. Und die eigene Website ist ihr wichtigstes digitales Fundament.
Über Marco Wimmer: Mario Wimmer ist General Manager Delivery & Consulting bei Plan.Net. In seiner Arbeit bewegt er sich an der Schnittstelle von Strategie, Technologie und Organisation und begleitet Unternehmen dabei, komplexe digitale Herausforderungen erfolgreich zu meistern.