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Wie verletzlich Europas Industrie wirklich ist


Das Jahr 2025 war geprägt von Krisen und Disruptionen in den internationalen Lieferketten. Aber es gab auch positives zu berichten.

Die Krise um den Chiphersteller Nexperia war 2025 nur eine von vielen in der Mobilitätsbranche
Getty Images / VCG

Das Jahr 2025 war für die Mobilitätsbranche nicht leicht. Startups suchen Geld, große Unternehmen mussten feststellen, dass die Skalierung neuer Technologien doch nicht so schnell vorangeht, wie man das erhofft hat. Gleichzeitig rutschte die Autoindustrie weiter in eine Krise, auch weil die Abhängigkeit vom Markt in China und den seltenen Erden aufzeigte, wie fragil die Erfolge der Industrie sind. Mobilität war selten so präsent – und selten so orientierungslos.

Skalierung als Rettung

Startups gelten weiter als Heilsbringer. Vor allem in Europa sind sie agiler, digitaler, mutiger als die alte Industrie. Das zeigte sich auch in diesem Jahr, doch gleichzeitig wurde der Druck größer. Kapital ist teuer geworden, Investoren wägen internationale Risiken ab und Geduld ist vor allem in Deutschland weiterhin ein rares Gut.

Viele Geschäftsmodelle, die auf Wachstum statt Wirtschaftlichkeit gebaut waren, wurden aussortiert. Übrig bleiben weniger Visionen, mehr Betriebswirtschaft. Das ist kein Drama, sondern Normalisierung. Mobilität ist kein App-Problem mehr, sondern wieder das, was sie immer war: Infrastruktur, Prozesse, lange Zyklen. Das ist unsexy, aber auf lange Sicht erfolgreich.

Die Autoindustrie hingegen steckt in einer merkwürdigen Zwischenphase. Sie weiß, dass der Verbrenner keine Zukunft hat – und sucht trotzdem nach jeder Möglichkeit, ihn noch ein wenig zu verlängern. Plug-in-Hybride werden zur politischen Lebensversicherung, Technologieoffenheit zum rhetorischen Schutzschild.

Gleichzeitig verspricht man softwaredefinierte Fahrzeuge und neue digitale Geschäftsmodelle, liefert aber oft nur inkrementelle Updates. Das eigentliche Problem ist nicht mangelnde Innovationsfähigkeit, sondern fehlende Geschwindigkeit. Und genau dort wird China gefährlich. Nicht weil die Autos günstiger wären, sondern weil das Tempo und die Konzentration auf die sich schnell verändernden Kundenwünsche höher sind.

China dominiert die Gespräche

Gleichzeitig musste man feststellen, dass die Industrie in Europa schneller abgewürgt werden kann, als man “Lieferkette” sagt. Im Oktober beschloss die chinesische Regierung, die Ausfuhr seltener Erden stärker zu regulieren. Als nächster Schock folgte die Krise beim Chiphersteller Nexperia. Die Chip-Knappheit drohte, die gesamte Branche lahmzulegen. Es zeigte sich, dass die Industrie Lieferketten zu einseitig aufgestellt hatte und man alle Risiken, die daraus resultieren, über Jahre verdrängt hatte. Immerhin versucht die EU nun, die Abhängigkeit von China zu reduzieren, indem man eigene Raffineriekapazitäten aufbaut.

Aber auch die Politik wirkte in diesem Jahr weniger gestaltend als verwaltend. Klimaziele, Industrieinteressen und Wählerrealität stehen in permanentem Konflikt. Das große ungelöste Thema bleibt die Infrastruktur: Ladenetze und vor allem ein einheitliches Preissystem sind weiter große Baustellen. Ohne verlässlichen Rahmen investieren weder Unternehmen noch Verbraucher mit Überzeugung.

Lobbyismus hilft nicht

In diesem Umfeld feiert auch der Lobbyismus ein bemerkenswertes Comeback. Je größer der Transformationsdruck, desto lauter die bekannten Reflexe. Es geht angeblich um Arbeitsplätze, oft aber um bestehende Geschäftsmodelle. Narrative wie „Verbrennerverbot abschaffen“ oder „E-Fuels retten alles“ sind politisch bequem, technisch jedoch bestenfalls Teilaspekte. Lobbyismus an sich ist nicht das Problem – fehlende Ehrlichkeit schon. Physik lässt sich nicht verhandeln, auch nicht in Berlin oder Brüssel.

Technologisch war das Jahr unspektakulär – und gerade deshalb interessant. Batterien wurden besser, aber nicht revolutionär. Das kommt dann vermutlich im nächsten Jahr, wenn Natrium-Batterien in die Großserie gehen. Beim autonomen Fahren tat sich nach außen hin wenig, aber die Weichen für die nächsten Jahre wurden gestellt. Mit Cruise verschwand aber schon mal ein Anbieter, was zeigt, wie schwierig die Skalierung ist.

Das Jahr zeigte, dass viele Dinge auf eine Frage hinauslaufen, die erstaunlich selten offen gestellt wird: Vertrauen. Vertrauen der Kunden, dass sich der Umstieg lohnt. Vertrauen der Industrie, dass politische Rahmenbedingungen Bestand haben. Vertrauen der Politik, dass man den Menschen unbequeme Wahrheiten zumuten kann. Nicht Technologie entscheidet über die Zukunft der Mobilität, sondern die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen – und ihre Konsequenzen auszuhalten.



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